Il Trionfo del Tempo e del Disinganno

Il Trionfo del Tempo e del Disinganno

Oratorium in zwei Teilen

Libretto

Benedetto Pamphilj

Uraufführung

Mai 1707, Rom (Collegio Clementino)

Besetzung

BELLEZZA / SCHÖNHEIT (Sopran))
PIACERE / VERGNÜGEN (Sopran)
DISINGANNO / ENTTÄUSCHUNG (Alt)
TEMPO / ZEIT (Tenor)

Ort

Zeit

Haendel, Georg Friedrich

Händel [Handel, Hendel], Georg Friedrich [George Frideric]
23.2.1685 Halle - 14.4.1759 London


Bühnenwerke
mit Datum/Ort der Uraufführung:

Der in Krohnen erlangte Glücks-Wechsel oder Almira, Königin von Castilien (8.1.1705 Hamburg)
Die durch Blut und Mord erlangete Liebe [Nero] (25.2.1705 Hamburg)
Vincer se stesso è la maggior vittoria [Rodrigo] (1707? Firenze)
Der beglückte Florindo; Die verwandelte Daphne (1.1708 Hamburg)
Agrippina (26.12.1709 Venezia)
Rinaldo (24.2.1711 London)
Il pastor fido (22.11.1712 London)
Teseo (10.1.1713 Londo)
Lucio Cornelio Silla (2.6.1713 London)
Amadigi di Gaula (25.5.1715 London)
Radamisto (27.4.1720 London)
Muzio Scevola (15.4.1721 London) [+ Amadei, Bononcini]
Floridante (9.12.1721 London)
Ottone, Rè di Germania (12.1.1723 London)
Flavio, Rè di Longobardi (14.5.1723 London)
Giulio Cesare in Egitto (20.2.1724 London)
Tamerlano (31.10.1724 London)
Rodelinda, Regina de' Longobardi (13.2.1725 London)
Publio Cornelio Scipione (12.3.1726 London)
Alessandro [Rossane] (5.5.1726 London)
Admeto, Rè di Tessaglia (31.1.1727 London)
Riccardo Primo, Rè d'Inghilterra (11.11.1727 London)
Siroe, Rè di Persia (17.2.1728 London)
Tolomeo, Rè di Egitto (30.4.1728 London)
Lotario (2.12.1729 London)
Partenope (24.2.1730 London)
Poro, Rè dell'Indie (2.2.1731 London)
Ezio (15.1.1732 London)
Sosarme, Rè di Media (15.2.1732 London)
Orlando (27.1.1733 London)
Arianna in Creta (26.1.1734 London)
Il pastor fido [rev] (18.5.1734 London)
Ariodante (8.1.1735 London)
Alcina (16.4.1735 London)
Atalanta (12.5.1736 London)
Arminio (12.1.1737 London)
Giustino (16.2.1737 London)
Berenice (18.5.1737 London)
Faramondo (3.1.1738 London)
Serse (15.4.1738 London)
Imeneo (22.11.1740 London)
Deidamia (10.1.1741 London)
rev = Bearbeitung

ERSTER TEIL
Die allegorische Figur Bellezza (Schönheit) betrachtet sich in einem Spiegel, voller Zweifel, wie lange sie sich ihrer Reize wohl noch erfreuen könne. Die Einflüsterungen von Piacere (Vergnügen) zerstreuen zunächst ihre Sorgen, doch Tempo (Zeit) und Disinganno (Ernüchterung / Klarheit) treten zum Wettstreit an, um die Schönheit dem «wahren Vergnügen» eines enthaltsamen Lebens zuzuführen.
In rascher Folge wechseln die Argumente: Piacere preist die Sorglosigkeit der Jugend, Tempo malt die grauenvollen Folgen der Vergänglichkeit aus, während Disinganno den Pfad der Tugend weist. Die zentrale Szene des ersten Teils ist dem Reich des Vergnügens gewidmet. Bellezza wird verunsichert, da - trotz aller Versprechungen Piaceres - Tempo und Disinganno es immer wieder schaffen, sie mit ihren Argumenten nachdenklich zu stimmen.

ZWEITER TEIL
Tempo offenbart Bellezza das Reich der Wahrheit. Zunächst verschliesst Bellezza ihre Augen davor, doch mehr und mehr in die Enge gedrängt, stellt sie sich schliesslich dem Gedanken an ihre Vergänglichkeit. Sie entsagt allem Schmuck, zerstört den trügerischen Spiegel, der ihr ewige Schönheit vorgaukelt und verwünscht den Umstand, das Vergnügen jemals kennengelernt zu haben. Als Nonne will sie einsam in einem abgelegenen Kloster ihr Leben beenden. In ihrer Schlussarie bittet sie den auserwählten Botschafter des Himmels um Beistand.




Personen:
BELLEZZA / SCHÖNHEIT (Sopran))
PIACERE / VERGNÜGEN (Sopran)
DISINGANNO / ENTTÄUSCHUNG (Alt)
TEMPO / ZEIT (Tenor)



ERSTER TEIL

Sonate
Allegro - Adagio - Allegro

Nr. 1 - Arie

SCHÖNHEIT
Getreuer Spiegel, in dir sehe ich
die Pracht meiner Jahre,
doch eines Tages werde ich mich verändern.

Du wirst immer bleiben, wie du bist,
ich aber, so wie ich mich in dir sehe,
so schön werde ich nicht immer sein.

Getreuer Spiegel, in dir sehe ich ...

Nr. 1 a - Rezitativ

VERGNÜGEN
Ich, die ich das Vergnügen bin, schwöre dir,
dass du immer schön sein wirst.

SCHÖNHEIT
Und ich, die ich die Schönheit bin, schwöre,
dich nicht zu verlassen.
Und wenn ich es an Treue mangeln lasse,
soll schlimmer Schmerz mein Los sein.

Nr. 2 - Arie

VERGNÜGEN
Düsterer Sinn und schwarzer Schmerz
kommen niemals, um allein zu sein,
denn aus einem entstehen tausend andere.

Wer ihre Herrschaft
über die Gedanken nicht bannt,
wird keinen glücklichen Tag erleben.

Düsterer Sinn und schwarzer Schmerz...

Nr. 2 a - Rezitativ

ZEIT
Und ich, der ich die Zeit bin ...

ENTTÄUSCHUNG
... vereint mit der Enttäuschung ...

ZEIT
... werde aufdecken,
dass Schönheit eine Blume ist,

ENTTÄUSCHUNG
...die nur einen einzigen Tag anmutig und schön ist,
und dann stirbt.

Nr. 3 - Arie

ENTTÄUSCHUNG
Wenn die Schönheit
ihre Anmut verliert,
wenn sie hinfällig wird oder stirbt,
kehrt sie niemehr wieder.

Nur für einen Moment
lächelt zufrieden
die anmutige Blüte
der Jugend.

Wenn die Schönheit...

Nr. 3 a - Rezitativ

VERGNÜGEN
Wohl an, greift zu den Waffen …
und wir werden sehen, wer der Stärkste ist:
das Vergnügen …

SCHÖNHEIT
… die Schönheit, …

ZEIT
… die Zeit,

ENTTÄUSCHUNG
… die Enttäuschung.

Nr. 4 Arie

SCHÖNHEIT
Eine Heerschar von Vergnügungen
stellte ich als Wache vor meine Gedanken,
eine andere wird an meiner Seite kämpfen.

Wir werden sehen,
ob der Zeit hochmütiger Zahn
mich meiner Schönheit berauben kann.

Eine Heerschar von Vergnügungen ...

Nr. 4 a - Rezitativ

ZEIT
Die Mächte der Sonne sinken durch mich auf die Erde,
und eine armselige Schönheit will gegen mich kämpfen?

Nr. 5 - Arie

ZEIT
Ihr Gräber, die ihr bergt
soviele Schönheiten,
öffnet euch,
zeigt mir,
ob von jenen
irgendein Licht in euch erhalten blieb.

Doch nein, schliesst euch wieder,
es sind Masken des Schmerzes,
Skelette des Schreckens,
die mein Zahn zurückliess.

Ihr Gräber...

Nr. 5 a - Rezitativ

VERGNÜGEN
Zu grausam sind deine Ratschläge,
einzig Vergnügungen sind Kinder der Jugend.

Nr. 6 - Duett

SCHÖNHEIT, VERGNÜGEN
In der Blüte der Jahre
die Zeit mit Sorgen verstreichen zu lassen,
ist eitel.

Die Gedanken,
die ernster sind,
gehören dem Winter des Lebens.

In der Blüte der Jahre...

Nr. 6 a - Rezitativ

ENTTÄUSCHUNG
Die Grenze des sterblichen Lebens zu überschauen,
genügt ein flüchtiger Blick.
Aber von der Zeit überschaut ihr so flüchtig
nur die Morgenröte, nicht aber das Ende.

SCHÖNHEIT
Die Zeit sieht man nicht,
sie wurde einzig zum Vergnügen
eines verrückten Bogenschützen geboren
und ist nur grausam zu denen, die an sie glauben.

Nr. 7 - Arie

SCHÖNHEIT
Ein dem Frieden feindlicher Gedanke
machte die Zeit unbeständig zehrend
und gab ihr mit den Flügeln die Sense.

Geboren wurde ein anderer leichter Gedanke,
um diese strenge Macht zu verneinen,
wodurch die Zeit keine Zeit mehr ist.

Ein dem Frieden feindlicher Gedanke...

Nr. 7 a - Rezitativ

SCHÖNHEIT
Verrückte, du verleugnest die Zeit,
und dabei zerstört sie auch in diesem Moment
einen Teil deiner Schönheit.

Sag mir, was ist heute noch von deinen Ahnen geblieben?
Geblieben sind kalte Gebeine,
die eine kleine Urne birgt, ein kaltes Grabmal.
Von den Jahren, die du schon verschwendet hast,
sag mir, was bleibt dir von ihnen?
O törichte Täuschungen!
Die Schönheit kehrt nicht zurück,
wohl aber die Jahre.

VERGNÜGEN
Die Zeit ist für den Menschen stets
ein undankbares Thema.

SCHÖNHEIT
Mit einem schlauen Betrug,
indem man nicht an sie denkt, kann man sich erfreuen.

Nr. 8 - Arie

ZEIT
Geboren wird der Mensch, jedoch als Kind.
Geboren wird das Jahr, jedoch als Greis.

Der eine kommt dem Ende immer näher,
das andere entsteht aus verflossener Zeit.

Geboren wird der Mensch ...

Nr. 9 - Arie

ENTTÄUSCHUNG
Der Mensch zerstört sich immer selbst,
das Jahr erneuert sich immer selbst.

Das eine, ist es vergangen, kehrt wieder,
der andere aber findet sich nicht wieder.

Der Mensch zerstört sich immer selbst...

Nr. 9 a - Rezitativ

VERGNÜGEN
Dies ist mein Reich.
Sieh mich in verschiedenen Erscheinungen:
Mit Rosen bekränzt
sieh hier, in weissen Marmor gehauen,
eine fröhliche Schar wandernder junger Leute.
Schau den, der schläft;
Mohn verschlungen mit Efeu bildet seine Krone.
Sein üppiges Haar ist lose und wird sich
nicht verändern oder weiss werden vor Sorge.
Dann hier links sieh den Schmerz
aus schwarzem Stein geformt.
Mit einem Lächeln auf den Lippen
tötet ihn ein schöner Jüngling.
Der andere, der ihm am nächsten steht
und mit stolzer Haltung
die Schwellen des Reiches bewacht, sagt:
«Geht hin, bleiche Sorgen, geht in die Verbannung.»

Nr. 10 - Sonate

Nr. 10 a - Rezitativ

SCHÖNHEIT
Still:
Welchen Klang höre ich?

Nr. 11 - Arie

VERGNÜGEN
Ein anmutiger Jüngling
erweckt grosses Vergnügen
durch diesen verführerischen Klang.

Und mit einer neuen Einladung will er zeigen,
dass auch das Gehör
sein Vergnügen haben kann.

Ein anmutiger Jüngling ...

Nr. 11 a - Rezitativ

SCHÖNHEIT
Er hat Flügel an den Händen,
auch erschafft er mit seiner Hand
mehr als sterbliche Werke.

Nr. 12 - Arie

SCHÖNHEIT
Nun möge die Zeit kommen
und mit ihren düsteren Flügeln
diese süsse Freude
an so sanften Ufern rauben.

Sie schläft, oder hat sie keine Krallen mehr;
Nein, nichts nützen noch soviele Ratschläge,
wenn man, um zu leben, niemals lebt.

Nun möge die Zeit kommen...

Nr. 13 - Arie

ENTTÄUSCHUNG
Der Mensch glaubt, dass die Zeit schläft,
während sie ihre versteckten Flügel ausstreckt.

Doch wenn ihre Anschläge auch heimlich sind,
sind die Folgen nur um so deutlicher.

Der Mensch glaubt, dass die Zeit schläft...

Nr. 13 a - Rezitativ

ZEIT
Du meinst, sie sei weit weg,
doch die Zeit ist immer bei dir.

SCHÖNHEIT
Vergnügen, ich versteh dich nicht,
du bist immer bei mir mit gemischten Gefühlen,
und bei mir ist stets auch die Zeit
und die Enttäuschung.

ZEIT
Soweit die Erde reicht, regiere ich.
Wenn du mich nicht sehen willst
überlege dir, im Himmel der Seele
einen Sitz zu errichten,
im Himmel, wohin ich nicht komme,
und wo die schöne Ewigkeit residiert.
Mach besseren Gebrauch von mir,
denn wenn das Vergnügen dich betrügt,
wirst du mich mit später Reue rufen
und ich werde sagen: «Ich höre dich nicht.»

Nr. 14 - Arie

ZEIT
Verrückte, du allein also glaubst,
dass für dich die Zeit nicht mehr fliegt?

Ich fliege über Meere, Berge, über Flüsse,
enge Felswände und Schrecken des Krieges,
über frohe Herbergen von rauhen Hirten.
Nur ich wage es, meinen Fuss dorthin zu setzen.

Verrückte, du allein also glaubst...

Nr. 14 a - Rezitativ

ENTTÄUSCHUNG
Das Reich des Vergnügens hast du gesehen,
nun komm.

ZEIT
Du fragst nach dem wahren Vergnügen,
so komm in das Reich, wo die Wahrheit residiert.

Nr. 15 - Quartett

SCHÖNHEIT
Wenn du nicht mehr Botschafter der Leiden bist,
werde ich, um das wahre Vergnügen zu sehen,
deiner treuen Führung folgen.

VERGNÜGEN
Verlasse die blumengesäumte Strasse nicht,
du weisst nicht, welcher Weg dich erwartet.

ENTTÄUSCHUNG, ZEIT
Wenn du das wahre Vergnügen preist,
warum fliehst du vor dem Spiegel der Wahrheit?

VERGNÜGEN
Ich bereite Freude für das Heute
und biete nicht nur eine Vorstellung von Glück,
die man für Helden als Idee erfunden hat.

ZWEITER TEIL

Nr. 15 a - Rezitativ

ZEIT
Nachdem du vom falschen Vergnügen
nun die fabelhafte Bühne gesehen hast,
werde ich dir jetzt den Vorhang des Theaters
der Wahrheit öffnen. Schau und bestaune das,
was sich Wahrheit nennt.
Du wirst sehen, dass sie sich nicht schmückt
und trotzdem immer schön ist.
In Weiss gekleidet,
schau, wie sie sich der ewigen Sonne zuwendet
und betrachte diesen Spiegel,
der dem schwachen Blick
und dem menschlichen Denken
das Falsche als falsch,
das Wahre als wahr wiedergibt.

Nr. 16 - Arie

VERGNÜGEN
Schliesse die schönen Augen,
wende deine Gedanken weit ab.

Oder für immer wirst du, Unglückliche,
deine Lebensfreude verlieren.

Schliesse die schönen Augen…

Nr. 16 a - Rezitativ

ZEIT
In drei Teile geteilt, miss die Stunden deines
Lebens und sieh:
Sieh die abgelaufene Zeit,
sieh, Undankbare, die Ablehnung durch das
ewige Licht, und sieh den eigenen Fehler.
Sieh die Gegenwart, die, kaum geboren, stirbt.
Sieh dort, jenseits des dichten Schleiers
verborgen, die Zukunft.
Wenn es dein Blick auch nicht entdeckt:
Der Weg ist offen zu Hoffnung, zu Taten.

Nr. 17 - Arie

SCHÖNHEIT
Ich hoffte, in der Wahrheit Vergnügen
zu finden, aber noch erkenne ich es nicht.

Vielmehr bekümmert mich mein düsteres Los,
wenn ich es betrachte,
und es verliert sich oder verblasst.

Ich hoffte, in der Wahrheit…

Nr. 17 a - Rezitativ

VERGNÜGEN
Du lebst umsonst bekümmert,
wenn du mich suchst und rufst, bin ich da.

Nr. 18 - Arie

VERGNÜGEN
Du hast geschworen, mich nie zu verlassen,
oder der Schmerz soll dein Los sein,

Wenn du dich entscheidest,
mich nicht mehr zu lieben,
kennst du die Strafe für Meineidige.

Du hast geschworen …

Nr. 18 a - Rezitativ

ZEIT
Der Blick, der schwach sich
den Strahlen der Sonne zuwendet,
erträgt nicht ihr starkes Licht.
Er beschuldigt die Sonne,
aber es ist der Fehler der Sinne.
Wie entscheidest du dich? Was denkst du?

Nr. 19 - Arioso

SCHÖNHEIT
Ich möchte zwei Herzen in meiner Brust:
Eines gäbe ich der Reue,
das andere dem Vergnügen.

ENTTÄUSCHUNG
Aber sag mir, welchem Vergnügen?

SCHÖNHEIT
Jenem Vergnügen, welches mir das Glück
am klarsten vor Augen führte,
und welches ich später bereuen werde,

Ich möchte zwei Herzen in meiner Brust…

Nr. 19 a - Rezitativ

ENTTÄUSCHUNG
Ich könnte schwören, dass du die Augen
vor dem Spiegel der Wahrheit geschlossen liessest.

SCHÖNHEIT
Ich hielt die Augen geschlossen,
weil mich Angst packte,
die Schönheit zu verlieren und mein Vergnügen.

ENTTÄUSCHUNG
Um so viel schöner die Seele
als die sterbliche Hülle ist,
um so viel überwiegt
das wahre Vergnügen das irdische.

Nr. 20 - Arie

ENTTÄUSCHUNG
Nicht länger kümmert
das dunkle Tal den,
der vom Berge weise sieht,
dass es tief unten im Grauen liegt.

Darüber, dass er es einmal geliebt hat
ist seine Seele so erzürnt,
dass sie den eigenen Irrtum hasst.

Nicht länger kümmert …

Nr. 20 a - Rezitativ

ZEIT
Es ist ein fataler Irrtum,
den sicheren Führer zu verlassen,
der den unsicheren Fuss
auf den rechten Weg geleitet hat.
Die Zeit ist bei dir und damit guter Rat,
und der Hafen ist nah.

Nr. 21 - Arie

ZEIT
Der Steuermann ist doch sehr dumm,
der den Kurs nicht ändern will,
obwohl er den verräterischen Wind kennt.

Schifflein, wie gut du auch ausgerüstet bist,
kehre zurück
solange du Zeit hast, kehre ans Ufer zurück.

Der Steuermann ist doch sehr dumm …

Nr. 21a - Rezitativ

SCHÖNHEIT
Du sprichst die Wahrheit, auch wenn ich sie
spät verstanden habe. Doch in meinem Gram,
voll schmerzlicher Gedanken,
will ich und will ich doch nicht.

Nr. 22 - Quartett

SCHÖNHEIT
Ich will Zeit haben, um mich zu entscheiden ...

ZEIT
Die Zeit ist bei dir…

ENTTÄUSCHUNG
… und auch Rat…

VERGNÜGEN
… aber der Rat ist genau dein Schmerz.

ZEIT
Bevor ich dich in Staub verwandle,
folge dem Guten …

ENTTÄUSCHUNG
… fliehe die Gefahr!

VERGNÜGEN
Sie wird Zeit haben, ihren Sinn zu ändern.

SCHÖNHEIT
Ich will Zeit haben, um mich zu entscheiden …

Nr. 22 a - Rezitativ

SCHÖNHEIT
Nahe dem Reich, wo das Vergnügen wohnt,
liegt ein lieblicher Garten.
Dort fliesst ein trüber Bach langsam durch die
dichte und schwere Luft.
Sag mir, wo entspringt dieser Bach?

ENTTÄUSCHUNG
Höre, er entspringt jenen Tränen,
die die kranke Welt vergiesst,
und die Luft formen schwere und dichte Seufzer
von törichten Liebenden.

SCHÖNHEIT
Fliesst dieser Bach ins Meer?

ENTTÄUSCHUNG
Er geht unterwegs verloren,
weil er sein Ziel und den rechten Weg vergass.

SCHÖNHEIT
Und die Tränen der Gerechten?

ENTTÄUSCHUNG
Sie sind Tropfen, die, wenn man sie sieht,
billig scheinen, im Himmel aber sind sie Perlen.

Nr. 23 - Arie

VERGNÜGEN
Lass die Dornen,
pflücke die Rose,
du suchst nur
deinen Schmerz.

Der weisshaarige Reif
von heimlicher Hand
holt dich ein, wenn es
das Herz nicht erwartet.

Lass die Dornen …

Nr. 23 a - Rezitativ

SCHÖNHEIT
Mit sehr deutlichen Tönen
ruft mich die Wahrheit,
liebenswürdige «Enttäuschung»
im Spiegel der Wahrheit,
ach, lass mich noch einmal das Licht sehen.

ENTTÄUSCHUNG
Hier ist er, er ist bereit.

SCHÖNHEIT
Leb wohl, Vergnügen, leb wohl.

Nr. 24 - Arie

SCHÖNHEIT
Ich will meinen Weg ändern
und ich will sagen, «ich bereue»,
nicht «ich werde bereuen».

Wenn es ans Sterben geht,
will ich Gott nicht geben,
was ich schon nicht mehr habe.

Ich will meinen Weg ändern …

Nr. 24 a - Rezitativ

SCHÖNHEIT
Jetzt, da die Rechte den wahren,
unsterblichen Spiegel hält,
sollst du fallen, zerbrechliches Glas,
hier werfe ich dich, untreuer Spiegel, zu Boden.

VERGNÜGEN
Halt ein.

ENTTÄUSCHUNG
Was wagst du, Verwegene?

Nr. 25 - Arie

ENTTÄUSCHUNG
Wer der Ratgeber der blonden Schönheit war,
soll zu Boden stürzen.

Soll er nur seinen Ruin erdulden,
nachdem er so oft
mit Lilien und Rosen
der Schönheit Lügen vorgegaukelt hat.

Wer der Ratgeber der blonden Schönheit war…

Nr. 25 a - Rezitativ

SCHÖNHEIT
Doch was schaue ich, was sehe ich?
Ich glaubte mich schön, dabei bin ich hässlich.
In meinen blonden Locken
zerfressen mit Ketten von wilden Schlangen
Scham und Schmerz meine eitlen Gedanken.
Ja, falle zu Boden,
prunkvolle Pracht meiner Locken!
Dieser Tag soll das Ende meines Wahnes sein.

Nr. 26 - Arie

SCHÖNHEIT
Das reich beladene Schiff
wirft unterwegs auch
Juwelen und Gold
ins Meer,
wenn sie seine Fahrt behindern.

Die versenkten Schätze
findet es wieder,
denn für ein Schiff, das verloren schien,
ist es der grösste Schatz, den Hafen zu finden.

Das reich beladenen Schiff…

Nr. 27 - Accompagnato

SCHÖNHEIT
Ja, schöne Busse,
während ich bereuend bittere Tränen vergiesse,
gib mir ein Büssergewand,
und während ich die Blumen von mir werfe,
gib mir Dornen.
In einer Einsiedelei
werde ich leben, aber immer alleine.
Denn ein eitles Ungeheuer
muss allein in abgelegenen Klöstern leben,
muss leben unter Ungeheuern.

Nr. 28 - Duett

ENTTÄUSCHUNG, ZEIT
Die schöne Träne der Morgenröte,
die glitzert, ist eine Perle auf jeder Blume.

Doch weniger lieblich ist der Charakter
jener Träne, die in einem Herzen,
das schon bereut hat, den Schmerz hervorruft.

Die schöne Träne der Morgenröte...

Nr. 28 a - Ritornell

SCHÖNHEIT
Vergnügen, welches du mit mir schon lebtest,
erkenne auch du die Wahrheit
in diesem Spiegel, oder entferne dich so weit,
dass ich mich deiner gemeinen Herkunft,
wann und wie sie war,
nie mehr erinnere,
und dass ich dich und deinen Namen vergesse.

Nr. 29 - Arie

VERGNÜGEN
Wie eine Wolke, die mit dem Wind entflieht,
fliehe ich zornig und wütend von dir.

Wenn Täuschung meine einzige Nahrung ist,
wie kann ich dann in der Wahrheit leben?

Wie eine Wolke...

Nr. 30 - Accompagnato

SCHÖNHEIT
Ewige Weisheit des Himmels,
die du die wahre Schule der Liebe offenbarst,
hört, Engel, hört mein Weinen,
und wenn die Wahrheit der ewigen Sonne
unsterbliches Licht trägt und es mir eröffnet,
tragt Sorge dafür, dass der grossen Sehnsucht
die Taten entsprechen.

Nr. 31 - Arie

SCHÖNHEIT
Du, auserwählter Botschafter des Himmels,
wirst in meinem Herzen nie mehr untreuen
Wunsch oder sinnloses Begehren sehen.

Und wenn ich gegenüber Gott undankbar lebte,
sollst du, Wächter meines Herzens,
ihm das neue Herz zutragen.

Du, auserwählter Botschafter des Himmels…