Libretto: Il Tabarro

from Giacomo Puccini


Der Mantel


Personen:
MARCEL, Besitzer eines Schleppkahns (Bariton)
GEORGETTE, seine Frau (Sopran)
HENRI, ein Löscher (Tenor)
DER "MAULWURF", ein Löscher (Bass)
DAS "FRETTCHEN", seine Frau, (Mezzosopran)
DER "STOCKFISCH", ein Löscher (Tenor)
EIN LIEDERVERKÄUFER (Tenor)
EIN LIEBESPÄRCHEN (Sopran, Tenor)

Löscher, Midinetten, Spaziergänger

EINZIGER AKT
Im Vordergrunde liegt Marcels Schleppkahn vor Anker. Er ist mit dem Quai durch einen Landungssteg verbunden. Im Hintergrund hebt sich das Profil der Pariser AItstadt und besonders die Notre?Dame?Kirche vom roten Abendhimmel ab. Löscher steigen mit schweren Säcken auf den Schultern aus dem Schiffsraum und bringen sie zum Karren

GEORGETTE
Marcel? Marcel?
Hat der Sonnenuntergang dein Auge
noch nicht geblendet?
Du bist wohl ganz begeistert?

MARCEL
Das bin ich!

GEORGETTE
Ich merk'es wohl.
Du hast sogar die Pfeife darüber ausgehen lassen!

MARCEL
auf die Löscher deutend
Sind die fertig da unten?

GEORGETTE
Soll ich hinabgehen?

MARCEL
Nein! Bleibe, ich gehe selber.

GEORGETTE
Sie taten ganze Arbeit!
Und der Kahn wird leer sein, wie sie es dir versprachen;
Schon morgen früh können wir wieder laden.
Man sollte sie nun auch
belohnen für ihre ihre Mühe:
Ein guter Trunk.

LÖSCHER
Ho! Hiss auf! Ho!
Noch einen Gang!

MARCEL
Gewiss,
du gute Seele denkst an alles!
Bring ihnen zu trinken.

LÖSCHER
Wenn wir nicht emsig uns plagen
Kehren wir nimmer nach Haus, und Margot
Sucht andere sich.

GEORGETTE
Sie sind bald fertig;
das wird sie stärken.

MARCEL
Mein Weinchen, das Iöscht den Durst
und erquickt sie.

LÖSCHER
Ho! Hiss auf! Ho!
Noch einen Gang!
Schiffer, du musst nicht verzagen,
später magst rasten du und ruh'n,
und Margot wird schön bei dir tun!

MARCEL
Und mein gedenkst du gar nicht?

GEORGETTE
Wieso? Was meinst du?

MARCEL
einen Arm um sie schlingend
Dem Wein hab' ich entsagt;
doch wenn auch erlosch die Pfeife,
meine Glut erlosch nicht.
Einen Kuss, meine Liebste.

LÖSCHER
Ho! Hiss auf! Ho!
Noch einen Gang!
Schiffer, nun lass dir’s behagen.
Leer ist der Kahn bis zum Grund,
und Margot küsst bald dir den Mund!

HENRI
Wir verschmachten, Meist’rin!

GEORGETTE
Ja, das dacht' ich.
Ich weiss schon, was not tut,
und mein Wein soll euch munden!

STOCKFISCH
Verdammte Säcke! Euch hot der Henker!
Maulwurf, beeile dich, 's ist Zeit zum Essen!

MAULWURF
Nur nicht drängen, lass mich in Ruhe!
Ha, dieser Sack zerbricht mir den Buckel!
Gott, die Hitze!
Siehst du, Henri, noch immer eine Runde!

HENRI
Ja, noch 'ne Rund' Weines!
Wohlauf denn, getrunken!
Hier alle zusammen, eilt euch!
Vorwärts!
Der Wein verleih’ Energie uns aufs neu!

GEORGETTE
Wie gewählt er sich ausdrückt!
Gewiss doch, Wein gibt es für alle!
Hier, Maulwurf und Stockfisch,
für euch ein Gläschen!

MAULWURF
So lasset uns denn trinken auf eure Gesundheit!
Euch dieses Glas! Prosit! Prosit!
Euch wünsch 'ich so viel Freud’,
wie der Wein sie uns beut'.

GEORGETTE
Wenn ihr noch ein Gläschen wollt.

MAULWURF
Das schlägt man niemals ab!

GEORGETTE
Nur her mit euren Gläsern!

HENRI
Seht den Mann mit der Orgel!
Ei, der kommt wie gerufen!

STOCKFISCH
In diesem Wein
ersäuf’ ich die schwarzen Gedanken.
Meisterin, zum Wohl! Prosit!
Danke vielmals!
Tief liegt auf Kelchesgrund,
was mich hält gesund!

HENRI
zum Orgelmann
Wohlan, Herr Professor! Komm her!
Ein begnadeter Künstler!

GEORGETTE
Ich versteh' eine einzige Musik nur:
Wonach man tanzen kann.

STOCKFISCH
Ei natürlich! Wollt ihr tanzen,
so steh' ich euch zu Diensten!

GEORGETTE
Gut, ich nehm' dich beim Worte.

STOCKFISCH
Ich tanze mit der Meist'rin!

Sie tanzen miteinander

HENRI
Der Tanz hier passt gut zu der Musik.
Tanzest du, oder scheuerst du den Boden?

GEORGETTE
Au! Du hast mich getreten!

HENRI
Geh! Lass doch! Nun komm ich!

MAULWURF
Hört auf, da ist der Meister!

GEORGETTE
Nun sage mir, was meinst du?
Werden wir nächste Woche fahren?

MARCEL
Will sehen.

GEORGETTE
Der Maulwurf und der Stockfisch, bleiben die?

MARCEL
Ich behalte auch den Henri.

GEORGETTE
Gestern dachtest du nicht so.

MARCEL
Und heute denk' ich so.

GEORGETTE
Weshalb?

LIEDERVERKÄUFER
Wer will kaufen das neueste Liedchen?

MARCEL
Weil ich nicht möchte,
dass er mir noch verhungert.

GEORGETTE
Der bringt sich immer durch.

MARCEL
Ich weiss, er bringt sich durch.

LIEDERVERKÄUFER
Wer will kaufen?

MARCEL
Und eben deshalb wird nie er’s zu was bringen.

GEORGETTE
Bei dir, da weiss man nie,
wer dir's recht macht, wer nicht!

LIEDERVERKÄUFER
Wer will kaufen?

MARCEL
Wer fest schafft, den behält man.

GEORGETTE
Nun ist schon wieder Abend.
O die rote September?Abenddämmerung!
O kühle Herbstesschauer!
Sie gleicht einer grossen Orange, die Sonne,
die in den Fluss versinket!
Sieh, da ist auch das Frettchen!

LIEDERVERKÄUFER
Nun, wer kauft es
mit Text und mit Noten?

GEORGETTE
Du siehst sie?
Immer auf der Jagd
nach ihrem Manne!

MARCEL
Natürlich! Weil er trinkt!

GEORGETTE
Sie tut es aus Eifersucht!
Lieber Mann, du bist heute schlechter Laune.
Was ist? Was schaust du?
Und warum schweigst du?

LIEDERVERKÄUFER
Wer möchte kaufen das neueste Liedchen!

MIDINETTEN
Er will singen! Ach, ja!

MARCEL
Hab'ich dich je geschlagen?

GEORGETTE
Nun, ich weiss, du schlägst mich auch nicht!

LIEDERVERKÄUFER
Lieber Lenz, hör' auf zu spähen
dort irn Schatten nach den beiden
die sich nimmer konnten meiden.

MARCEL
Wie? Soll ich's tun?

GEORGETTE
Deinem Stillschweigen, manchmal,
würd’ ich gerne vorzieh’n ein paar feste Schellen!

LIEDERVERKÄUFER
Lieber Lenz, hör’ auf zu spähen!
Wer nur lebet für die Liebe,
stirbt an ihr und weiss nicht wie!
So erging es der Mimi!

GEORGETTE
Sag mir nur, was du hast!

MARCEL
Nichts! Nichts!

LIEDERVERKÄUFER
Wem das lange Warten Tod bringt,
der zählt seiner Leiden Tage
nach des eig'nen Herzens Schlage,
zählt nach Stunden seine Tage.

GEORGETTE
Wenn wir hier in Paris sind,
fühl’ 'ich mich froh und glücklich!

MARCEL
Kein Wunder.

GEORGETTE
Warum?

LIEDERVERKÄUFER
Doch der Liebste kam nicht mehr,
und das Herz schlug nicht mehr.
So erging es der Mimi!

MIDINEITEN
Zählt nach Stunden seine Tage etc.

FRETTCHEN
ist auf dem Quai sichtbar geworden, überschreitet den Steg und kommt auf den Kahn
Dem stets verliebten Pärchen guten Abend!

GEORGETTE
Ei, guten Abend, Frettchen!

FRETTCHEN
Ist mein Ehegespons mit seiner Arbeit zu Ende?
Heute morgen konnt’ er kaum mehr steh’n vor Rückenweh.
Er tat mir wirklich leid.
Doch ich hab' ihn kuriert,
hab’ ihn fest eingerieben,
meinen Rum hat sein Rücken mir getrunken!
Ah, Georgette, sieh
nur den nagelneuen Kamm hier!
Wenn du willst, soll er dein sein.
Er ist wohl das beste,
was ich heut' ergattert.

GEORGETTE
Recht haben alle, die dich Frettchen nennen,
jeden Winkel durchstöberst du
und füllest stets den Sack dir.

FRETTCHEN
Oh, wenn du wüsstest, was in dem Sack hier
an seltenen Sachen alles enthalten ist!
Sieh nur, sieh nur!
Dieser Federbüschel solldein sein.
Spitzen und Sammet, Läppchen und Töpfelein.
Allerhand Sachen sind hier beisammen.
Seltsame Andenken an unzählige Liebeleien:
Freuden und Leiden, ohne Erbarmen,
kein Unterscheiden
von Reichen und Armen!

GEORGETT
Und in der Tüte?

FRETTCHEN
Das ist ein Kalbsherz für Korporal
für meinen Kater,
den gelben Kater mit grünen Augen, wie sonst kein and’rer!

GEORGETTE
Nun, der ist sehr verwöhnt, dein gelber Kater!

FRETTCHEN
Verdient es auch, das glaub' mir!
Schön ist der Kater,
viel schöner als Romane.
Ist Maulwurf bei der Arbeit,
leistet er mir Gesellschaft;
und dann spinnen wir zu zweien unsrer Liebe zartee Fäden,
ganz ohne Zank und Eifersüchteleien.
Weisst du, wie seine Lebensweisheit lautet?
Rong, rong, rong;
lieber mein eigener Herr in einer Hütte,
als Diener in einem Schloss.
Rong, rong, rong!
Lieber zwei Stücklein von einem Kalbsherz verspeisen,
als unser eigenes verzehren im Liebesschmerz!

MAULWURF
wird vom Schffraum her sichtbar, hinter ihm Henri
Ei, sieh doch, meine Alte!
Was erzählst du da?

FRETTCHEN
Ich sprach hier mit Georgette von unserm Kater.

MARCEL
aus der Kabine tretend, zu Henri
Höre, Henri, morgen laden wir Eisen.
Willst du uns dabei helfen?

HENRI
Ich komme, Meister.

STOCKFISCH
Gute Nacht zusammen!

MAULWURF
Hast du's so eilig?

FRETTCHEN
Gehst du dich betrinken?
O, wenn ich deine Frau wär!

STOCKFISCH
Nun, was tätet ihr?

FRETTCHEN
Auf dir herumhauen, bis du es liessest,
die Nacht im Wirtshaus zu verbringen.
Schämst du dich gar nicht?

STOCKFISCH
Nein, nein, nein! Der Wein ist Balsam!
In ihm ersäuf’ ich quälende Gedanken
an mein Sklavendasein; denk' an gar nichts und lache!
Ha, ha, ha, ha, ha, ha, ha!

HENRI
Ja, du hast recht, man soll nicht daran denken,
den Nacken beugen und das Haupt senken.
Welchen Wert hat denn für unsereins das Leben
wo jede Lust in Leiden sich verkehret?
Den Sack aufs Genick
und runter mit dem Kopfe!
Und blickst du empor, so achte auf die Knute.
Dein Brot isst du im Schweisse deines Angesichts,
die Stunde deiner Liebe musst du stehlen!
Rauben musst du sie dir in tausend Nöten,
die dir den hehrsten Liebesrausch ertöten.
Alles bestritten, alles uns genommen!
Unser Tag ist schon dunkel, wenn er anhebt
Du sprachst die Wahrheit: Lieber nicht dran denken,
Beugen das Haupt und den Nacken senken!

STOCKFISCH
Folg' meinem Beispiel: Trinke!

GEORGETTE
Schweiget!

STOCKFISCH
Ich sag'nichts mehr!
Kameraden, gehabt euch wohl bis morgen.

MAULWURF
zum Frettchen
Geh'n wir auch bald heim?
Ich bin todmüde!

FRETTCHEN
Ach, könnten wir doch einmal
uns kaufen ein Hüttlein!
Da würden wir uns ausruh'n.

GEORGETTE
Deine fixe Idee, so 'n kleines Landhaus!

FRETTCHEN
Ja, ich wünsche mir ein Häuslein
und dabei ein hübsches Gärtlein.
Nichts ais zwei vertraute Räumlein,
vor der Haustür ein paar Bäumlein.
Maulwurf streckt sich in der Sonne,
Korporal vor meinen Füssen:
Ach, das wär' mir eine Wonne,
dort mein Leben zu beschliessen!

GEORGETTE
Wie ganz anders ist mein Traum!
Ich bin ein Kind der Vorstadt,
nur in Paris gedeih' ich,
in ihr nur kann ich leben!
Oh, wenn Marcel doch eines schönen Tages
von dem unsteten Leben wollte lassen!
Welch ein Dasein, da drin
zwischen dem Bett und dem Herde!
Hättest du gesehen, wie ich früher wohnte!

HENRI
Und wo war das!

GEORGETTE
Weisst du nicht?

HENRI
Belleville!

GEORGETTE
Der Henri kennt es gut!

HENRI
Auch ich bin da geboren!

GEORGETTE
Wie ich selbst. Und wir haben 's im Blute!

HENRI
Nie Iöst man solche Bande!

GEORGETTE
Das fühlt nur, wer da lebte!
Belleville ist unsere Heimat,
unsere Welt!
Hier auf dem Wasser können wir nicht leben.
Wir müssen auf Strassen auf? und abgehen!
Da ist ein Haus, da sieht man seine Freunde,
da gibt es Abwechslung und Gesellschaft.

HENRI
Da kennen sie sich alle,
als wär’s eine Familie!

GEORGETTE
In der Frühe erwartet uns die Arbeit.
Und des Abends kehrt man heim zusammen.
Viel Dutzend Läden glänzen dann
und zeigen feine Sachen
und Wagen rennen hin und her.
Am schönsten ist der Sonntag:
Da wandert man zu zweien
ins Boulogner Wäldchen!
Tanzet im Freien, plaudert an lausch’gen Plätzchen:
Was es eigentlich sei, kann man nicht sagen,
doch kann man oft die Sehnsucht kaum ertragen.

GEORGETTE und HENRI
Wer die Vorstadt verlassen,
kehrt zu ihr wieder,
bleibet ein Lebtag dort and verlässt sie nimmer wieder.
Unten dehnt sich Paris
und ruft mit tausend, ah!
Viel tausend Stimmen hinauf seinen Zaubersang!

Bleiben wie in Verzückung stehen

FRETTCHEN
Nun kann ich dich verstehen:
Hier ist's anders, das Leben.

MAULWURF
Gehn wir nun bald essen?
zu Henri
Sag, was meinst du?

HENRI
Ich bleibe,
hab’ was zu reden mit dem Meister.

MAULWURF
Wenn es so ist, lebe wohl.

FRETTCHEN
Gute Nacht, meine alten Freunde!

GEORGETTE
Henri, gib acht!
Jeden Augenblick kann er kommen!
Bleib' nur, doch komm nicht näher!

HENRI
Willst du so meine Qualen noch vermehren?
Rufst du mich so vergebens?

GEORGETTE
Bebend denk' ich noch an gestern abend,
an die Glut deiner Küsse!

HENRI
Weisst du auch, was die Küsse dir sagten?

GEORGETTE
Ja, ich weiss es, Geliebter, doch schweige!

HENRI
Welche närrische Furcht ergreift dich?

GEORGETTE
Wir sind tot, wenn er uns entdeckt!

HENRI
Lieber sterben, als dich in den Ketten
fürder schmachten zu sehen!

GEORGETTE
Könnten wir doch allein sein und ferne ...

HENRI
Und stets beisammen!

GEORGEITE
Und immer so verliebt!
Sag mir, wirst du mich verlassen?

HENRI
Nie!

GEORGETTE
Gib acht!

MARCEL
Wie? Du bist noch hier?

HENRI
Ich habe auf euch gewartet, Meister,
um noch ein Paar Worte mit euch zu reden:
Zunächst wollt’ ich euch danken,
dass ihr mich behieltet.
Und dann wollt' ich euch bitten,
wenn ihr's einrichten könntet:
Fahret mich nach Rouen
und lasst mich dort an Land gehen.

MARCEL
Nach Rouen? Bist du närrisch?
Da gibt’s nichts als Elend;
da ging's dir noch schlechter

HENRI
Wenn’s so ist, dann will ich bleiben.

GEORGETTE
Wo gehst du hin?

MARCEL
Die Lichter besorgen.

HENRI
Meister, gute Nacht.

MARCEL
Gute Nacht!

GEORGETTE
Sag' mir: warum verlangst du
zu landen in Rouen?

HENRI
Weil ich dich Iänger nicht teilen kann mit ihm!

GEORGETTE
Du hast recht; ich kann auch diese Qual
nicht ertragen, ich leide noch schwerer
als du selbst an dem Zwange
dieser Kette!
Du hast recht, dieses Leben
ist voller Torturen.
doch jeder Kuss von dir,
der wiegt sie mir wieder tausendfach auf!

HENRI
Deucht es mich doch,
als ob wir dem Leben etwas raubten!

GEORGETTE
Drum ist die Lust um so grösser!

HENRI
O das Glück, das man uns raubet inmitten dieser Ängste.

GEORGETTE
O Lust der bebenden Umarmung.

HENRI
Der halberstickten Schreie,
der Küsse ohne Ende.

GEORGETTE
Der hingehauchten Worte.

HENRI
Der Küsse ohne Ende!

GEORGETTE
Und der Liebesschwüre.

HENRI
Ganz allein, wir beide

GEORGETTE
Allein und fern, ja ferne von hier!

HENRI
Fern aller Welt und auf ewig vereint!
Er kommt?

GEORGETTE
Nein, noch nicht;
Sag', dass später du wieder kommst.

HENRI
In einer Stunde.

GEORGETTE
Nun höre,
so wie gestern lass ich den Landungssteg liegen.
Denn ich zieh' aufs Boot ihn sonst.
Hast du hänfere Schuhe?

HENRI
Ja … ist dein Zeichen dasselbe?

GEORGETTE
Ja! … Ein brennendes Zündholz!
O wie zittert' an meinem ausgestreckten Arm
das kleine Flämmchen!
Ich vermeinte ein Sternlein anzuzünden,
unserer Liebe Stern,
doch der soll niemals erbleichen!

HENRI
O gib mir deine Lippen, ich sehne mich nach Küssen!

GEORGETTE
Du fühlst also auch dieses glühende Verlangen!

HENRI
Eifersucht verzehrt mich!
Umfangen möchte’ ich dich,
als wärst du ganz mein eigen!
Wie kann ich nur noch dulden,
dass ein anderer Mann dich je berühre?
Dein süsser Götterleib
soll niemand sonst gehören!
Um diesen Preis könnt’
das Messer ich ziehen,
Und er könnt’ mich verleiten,
dir aus tropfendem Blute
einen Schmuck zu bereiten!

GEORGETTE
Ach, dass Glücklichsein gar so schwer ist!

MARCEL
Warum gehst du nicht schlafen?

GEORGETTE
Und du?

MARCEL
Nein, erst später.

GEORGETTE
Gut hast du daran getan, ihn zu behalten.

MARCEL
Ja, wen?

GEORGETTE
Den Henri.

MARCEL
's war vieleicht ein Fehler.
Zwei Leute tun es auch:
Denn es gibt nicht viel Arbeit.

GEORGETTE
Dem Stockfisch, dem könntest du ja künd’gen,
diesem Trinker!

MARCEL
Er betrinkt sich, um sein Leid zu vergessen.
Seine Fau ist eine Metze!
Er trinkt, um sie nicht zu töten.
Was hast du?

GEORGETTE
Das alles sind Geschichten,
die mich ja gar nichts angehen,

MARCEL
Georgette, o sag: Warum liebst du mich nicht mehr?

GEORGETTE
Du irrst; ich lieb' dich.
Du bist gut und ehrlich.
Und jetzt gehen wir schlafen.

MARCEL
O du schläfst nicht!

GEORGETTE
Du weisst, warum ich nicht schlafe.
Und dann, da drin ersticke ich.
Ich kann nicht! Ich kann nicht!

MARCEL
Jetzt sind die Nächte doch so kühl.
Und letztes Jahr noch war
in dem Käfig sogar Raum für drei:
Auch für das Bettlein unseres Kindes.

GEORGETTE
Ach, unser Kind! O schweige, schweige!

MARCEL
Du strecktest die Hand aus,
um es in Schlummer einzuwiegen,
langsam, langsam, sanft,
und schliefst dann selber ein auf meinem Arme.

GEORGETTE
Marcel, ich fleh' dich an,
o sage nichts mehr.

MARCEL
Waren's doch Abende wie dieser.
Wenn die Brise kühl war,
dann hüllt' ich beide euch in meinen Mantel,
um euch zärtlich zu schützen,
fühlte auf meinen Schultern
eure blonden Häupter,
fühlte eure Münder
so nah dem eigenen Munde.
Und dann war ich so glücklich,
ah, so masslos glücklich!
Nun ist es nicht mehr da,
und meine grauen Haare,
sie scheinen mir ein Hohn auf deine Jugend!

GEORGETTE
Ah, ich fleh' dich an, Marcel,
sage nichts, ah, nein!

MARCEL
Sie scheinen mir ein Hohn auf deine Jugend!

GEORGETTE
Nein, beruh’ge dich, Marcel.
Ich bin müde, todmüde... komm!

MARCEL
Doch du kannst nicht schlafen!
Du weisst, dass du nicht einschlafen darfst!

GEORGETTE
Was willst du damit sagen?

MARCEL
Weiss es selbst kaum.
Doch weiss ich, dass du schon lange nicht mehr schläfst!
Bleibe doch hier bei mir!
So denkst du nie mehr an and're Nächte,
andere Himmel, and’re Monde?
Du verschliessest dein Herz mir!
Denkest nie an die Stunden,
Die auf dem Kahn im Nu verflossen,
wie da unten die Wellen?

GEORGETTE
Lass die Erinn'rung ...
Das stimmt uns heut’ nur traurig ...

MARCEL
Ah, sei wieder, sei wieder so wie damals,
Sei wieder ganz die meine! Als du mich noch liebtest
und mich so recht nach Herzenslust umfingst und küsstest!
Als du mich noch liebtest!
Bleib doch hier bei mir!
Die Nacht ist herrlich!

GEORGETTE
Was willst du, man altert!
Ich bin nicht mehr die gleiche.
Auch du hast dich verändert.
Du traust mir nicht!
Doch was glaubst du?

MARCEL
Ach, ich weiss es ja selbst nicht!

GEORGETTE
Gute Nacht denn, Marcel.
Ich falle vor Schlaf.

MARCEL
Wenn's so ist, dann geh nur schon voraus…
Du Dirne!

ZWEI LIEBENDE
Frisches Rosenmündlein.
Und süsser Tau von Küssen.
Duft der zarten Lippen.
O Duft der kühlen Nächte.
Siehst den Mond du?
Der Mond will nach uns spähen.
Lebewohl denn bis morgen.
Mein Lieb muss von mir gehen!

MARCEL
nähert sich vorsichtig der Kabine und horcht angestrengt
Nichts! Stille!
schleicht an der Wand entlang and wagt einen Blick ins Innere
Da ist sie!
Weder entkleidet noch schlafend!
Sie wartet. Auf wen? Auf was wartet sie?
Auf wen? Auf was? Vielleicht darauf, dass ich schlafe.
Wer hat sie so verändert?
Welch unseliger Schatten hat sich zwischen uns geworfen?
Wer hat sie so ablehnend gemacht?
Maulwurf? Zu alt.
Vielleicht Stockfisch?
Nein, ich glaube nicht ? der trinkt.
Wer dann? Henri?
Nein, eben heute abend
wollte er mich allein lassen
und hat Erlaubnis ersucht,
in Rouen an Land zu gehen!
Aber wer dann? Wer dann? Wer könnte es sein?
Die Dunkelheit durchbrechen!
Und sehen! Ihn ergreifen
mit meinen beiden Händen!
Und ihn anschreien, so Du bist es also!
Du böses Gesicht,
das über meinen Schmerz lächelte!
Du bist es! Komm hervor!
Teile diese Kette mit mir!
Mein Schicksal ist das deine,
hinunter gemeinsam in das tiefste Loch!
Teille diese Kette mit mir!
Mein Schicksal ist das deine!
Friede finden wir nur im Tod.

Er zieht seine Pfeife hervor und zündet sie an. Innerhalb von ein paar Augenblicken springt Henri, der an Land auf das Zeichen gewartet hatte, auf den Kahn. Marcel sieht den Schatten, rennt ihm nach und packt Henri beim Hals

MARCEL
Ich hab' dich!

HENRI
Heiliger Gott! Gefangen!

MARCEL
Nur nicht schreien!
Sag, was du hier noch suchtest?
Du wolltest deine Geliebte?

HENRI
Ist nicht wahr!

MARCEL
Du lügst! Gesteh’ nur, gestehe!

HENRI
Es ist nicht wahr!

MARCEL
Du wolltest deine Geliebte?

HENRI
Ha! Bei Gott!

MARCEL
Weg mit dern Messer!
Du entwischest mir nicht, Schurke!
Feige Zuchthäuslerseele! Wurm du!
Du wolltest ja hinunter nach Rouen, nicht wahr?
Tot sollst du hin, im Strome!

HENRI
O du Mörder! Du Mörder!

MARCEL
Gesteh', dass du sie liebst!
Gestehe! Gestehe!

HENRI
Lasse mich!

MARCEL
Nein! Verruchtes Gesindel!
Wenn du gestehst, lass' ich dich!

HENRI
Ja. ..

MARCEL
Noch einmal! Noch einmal!

HENRI
Ja, ich lieb’ sie!

MARCEL
Noch einmal! Noch einmal!

HENRI
Lieb' sie!

MARCEL
Noch einmal!

HENRI
Lieb' sie!

MARCEL
Sag's noch mal!

HENRI
röchelnd
Ich lieb’ sie, ah!

GEORGETTE
Marcel! Marcel!
Ich hab' Angst, Marcel.

MARCEL
wie er Georgettes Stimme vernimmt, verhüllt er den an ihn angeklammerten Leichnam Henris rasch mit seinem Mantel und setzt sich nieder ? Georgette nähert sich ihm langsam, ängstlich um sich blickend
Ich hatte doch wohl recht.
Du durftest nicht schlafen.

GEORGETTE
Mich quält der Gedanke,
dir weh getan zu haben.

MARCEL
War so schlimm nicht ... Deine Nerven ...

GEORGETTE
Ja, das war's auch, du hast recht.
Sag', dass du mir vergibst.
Magst du jetzt mich bei dir?

MARCEL
Wo? Unter meinem Mantel?

GEORGETTE
Ja, so nahe als möglich.
Ja, weiss ich doch, dass einst du zu mir sagtest:
“Wir tragen wohl alle 'nen Mantel,
der verhüllt manchmal Freuden,
aber manchmal auch Leiden.”

MARCEL
Und manchmal ein Verbrechen!
Komm unter meinen Mantel!
Komm, ja komm!

GEORGETTE
öffnet die Falten des Mantels ? Henris Leichnam rollt vor ihre Füsse
Ah!
verzweifelt aufschreiend und vor Schrecken zurückweichend. Marcel packt sie, schleift sie herbei und biegt sie auf das Antlitz des toten Buhlen nieder