Libretto: La fanciulla del West

from Giacomo Puccini


Das Mädchen aus dem goldenen Westen
Oper in drei Akten


Personen:
MINNIE (Sopran)
JACK RANCE, Sheriff (Bariton)
DICK JOHNSON, "Ramerrez" (Tenor)
NICK, Kellner der Bar "Zur Polka" (Tenor)
ASHBY, Agent von Wells Fargo (Bass)
SONORA } (Bariton)
TRIN } (Tenor)
SID } (Bariton)
BELLO } Goldgräber (Bariton)
HARRY } (Tenor)
JOE } (Tenor)
HAPPY } (Bariton)
LARKENS } (Bass)
BILLY JACKRABBIT, Rothaut (Bass)
WOWKLE, Billy's Squaw (Mezzosopran)
JAKE WALLACE, Bänkelsänger (Bariton)
JOSE CASTRO, aus Ramerrez' Räuberbande (Bass)
Ein POSTILLION (Tenor)

Männer aus dem Lager

Ort: ein Goldgräberlager am Fusse der Cloudy Mountains in Kalifornien.
Zeit: In der Zeit des Goldfiebers 1849-1850

ERSTER AKT
Das Innere der "Polka"

Ein grosser Raum, roh von Holz gezimmert, rechteckig, dessen beide kürzeren Wände die Seiten der Bühne bilden. Im Hintergrund eine grosse, zweiflügelige Tür, die von innen verrammelt wird. Auf einem der Türflügel ist ein plumper Briefkasten festgenagelt.
An der rechten Seitenwand ein Treppchen, das zu einem Zwischenstock führt, der die Form einer ins Zimmer hineinragenden Galerie hat: von dieser hängen Hirschfelle und grellfarbene Tücher herab.
Unter der Galerie führt ein kurzer Durchgang in ein anderes Zimmer der "Polka". In der linken Wand, vorn, führt eine breite Tür, über der ein Bärenfell hängt, in den Tanzsaal. Nahe dieser Tür steht ein ausgestopfter, grosser schwarzer Bär, der in einer Klaue ein Plakat hält, auf dem "To the Dance Hall" zu lesen steht.
In der gleichen linken Wand, etwas vorragend, ein Kamin. Neben der Tür im Hintergrund steht der Schenktisch, mit Gläsern, Flaschen u. a. m. Hinter dem Schenktisch, auf einer Seite, ein offenes Tellerspind, und auf der anderen Seite ein kleines Fass, in dem die Goldgräber ihren Goldstaub verwahren.
Hinter dem Schenktisch, in der Mitte, ein rechtwinkliges Fenster mit kleinen, viereckigen Scheiben; oben über dem Fenster steht in grosser Schrift: "A real home for the boys". Auf derselben Wand ist ein Steckbrief angeheftet, mit Angabe einer Belohnung von 5000 Dollar; die Ziffern, der Name "Ramerrez" und die Unterschrift "Wells Fargo" sind deutlich zu lesen. An der Decke hängen verschiedene charakteristische Mundvorräte. Nach der Rampe zu, links, steht der Pharaotisch mit Zubehör zum Spiel - ein anderer Tisch nach rechts zu - noch mehr rechts wieder ein anderer, nahe der Galerie - auf dieser selbst ebenfalls ein kleiner Tisch.
Die grosse Tür im Hintergrund ist verrammelt; durch die Fenster sieht man das Tal mit seiner wilden Vegetation niedriger Nadelbäume, lebhaft beleuchtet vom Flammenschein der untergehenden Sonne. In der Ferne Schneeberge, die in goldenen und veilchenfarbenen Tönen verschwimmen. Durch die draussen herrschende grelle Beleuchtung, die dann rasch abnimmt, erscheint das Innere der "Polka" nur um so dunkler. Man kann in der Finsternis kaum die Umrisse der Dinge erkennen. Links, fast an der Rampe, beim Kamin, sieht man die Zigarre Jack Rances glühen. Bei der Treppe rechts sitzt auf einem Stuhl Larkens, den Kopf in die Hände gestützt. Plötzlich steht er auf, zieht einen Brief aus der Tasche, wirft einen betrübten Blick auf ihn, geht zum Schenktisch, nimmt eine Freimarke, klebt sie auf, steckt den Brief in den Kasten und setzt sich dann wieder hin. Draussen, in der Ferne, hört man Rufe und klagenden Gesang.


FERNE STIMME
In die "Polka!"
In die "Palmen!"
Hallo! - Hallo!
sehr ferner Gesang
"Fern im schönen Heimatland -
Wohnt mein Mütterlein …"

Nick kommt unter der Stiege hervor mit einer brennenden Kerze. Er steckt die ringsumherste- henden Kerzen an, steigt auf einen Schemel und zündet die Lampe in der Mitte an; steckt die Lichter im Tanzsaal an, geht hinauf und steckt die Lichter im Oberzimmer an. So erhellt sich allmählich die "Polka". Nachdem Nick die Lampen angezündet hat, öffnet er die Tür im Hintergrund, geht zum Schenktisch und macht sich daran, die Gläser zu spülen und abzutrocknen. - Joe, Harry und Bello kommen lustig herein, in Gesellschaft einiger (drei oder vier) anderer Goldgräber.

JOE und BELLO
Hallo, Nick!

HARRY
Hallo!

DIE ANDEREN
eintretend
Hallo! - Hallo! - Hallo!

NICK
vom Schenktisch aus
Guten Abend, Gesellen!

HAPPY und SID
Hallo!

BILLY und NICK
Hallo!

JOE und BELLO
tanzen singend über die Bühne
"Dooda, dooda, day
Dooda, dooda, day...“

HARRY
sich an den Pharaotisch setzend
Zigarren, Nick!

JOE
mit der Hand auf den Tisch schlagend
Und Whisky!

NICK
Sofort, sofort!

BELLO
Minnie?....

NICK
Ist wohl!

SID
der sich an den Pharaotisch gesetzt hat, zu den anderen, die dabei stehen
Kameraden, ein kleines Pharao?
Wer tut mit?

HARRY
Ich tu mit.

HAPPY
Ich ebenfalls.

JOE
Ich auch.

BELLO
"All right!" - Und nun -
Wer soll die Bank denn halten?

HAPPY
auf Sid zeigend
Sid.

BELLO
Faule Sache.

SID
geringschätzig die Karten auf den Tisch werfend
Wer mischen will, der mische.

JOE
mit der offenen Hand auf Sids Schulter schlagend
Holla!

Sonora und Trin kommen herein. Ihnen folgen acht bis zehn Goldgräber, Männer aus dem Lager, mit Hacken und Spaten, die sie geräuschvoll auf den Boden werfen; dann gehen einige zu den Oberzimmern hinauf, andere in den Tanzsaal, andere stellen sich um den Spieltisch

SONORA, TRIN und EINIGE GOLDGRÄBER
Hallo! Hallo!

SONORA
Abendbrot, Nick! Was gibt's denn?

NICK
Recht wenig. - Austern in Essig.

SONORA
Larkens auf die Schulter klopfend
Hallo, Larkens!

LARKENS
trübselig, ohne den in die Hände gestützten Kopf emporzuheben
Hallo!

HARRY, JOE, BELLO, HAPPY und ANDERE GOLDGRÄBER
sich zum Spiel bereitmachend
Vorwärts! Vorwärts!

SID
Spielt los!

Nick geht geschäftig mit Flaschen und Gläsern zwischen dem Oberzimmer und dem Tanzsaal hin und her. Auch deckt er den Tisch in der Mitte, für Sonora und Trin.

JOE
setzend
Auf den "Garten"!

HARRY
setzend
Auf die "Kleinen"!

BELLO
setzend
Auf die "Grossen"!

GOLDGRÄBER
von der Galerie aus
Nick. Whisky!

NICK
Komm schon, komm schon...

SONORA
während er sich an den gedeckten Tisch setzt,
zu Trin

Soll ich warten?

TRIN
von der Spielergruppe aus, zu Sonora
Ich komme gleich.

HAPPY
Spielmarken her!

SID
König ... und As.

BELLO
wütend
Pfui Teufel!

RANCE
zu dem an ihm vorbeigehenden Nick auf Larkens weisend, der den Kopf auf die Arme stützt
Ist Larkens denn krank? - Was fehlt ihm?

NICK
Seine alte Krankheit. Das Heimweh.
Ein schleichendes Übel!
Er denkt ans ferne Cornwall, seine Heimat,
Denkt an seine Mutter, die dort auf ihn wartet
Denkt an seine Mutter die dort auf ihn wartet...

RANCE
seine Zigarre wieder anzündend
Ein ganz verfluchter Boden,
Dieser goldene Westen!

NICK
rauh
Hier ist die rote Malaria.
Das Gold vergiftet das Blut
Dem, der es anschaut.
geht in den Tanzsaal

RANCE
sieht auf seine Taschenuhr
Wie lang die Minnie ausbleibt!
ab durch die Tür im Hintergrund

SID
zu Happy, auf den Einsatz zeigend
Wieviel Dollar?

HAPPY
Zehn.

SID
ihm den Restbetrag gebend
Und neunzig machen hundert.
Bube... Dame...

JOE
Holla! - Das freut mich.

HAPPY
ärgerlich
- Hol's der Geier!

TRIN
So'n verfluchter Australier!

JOE
Drei gewinnt ja nie.

TRIN
Alles auf drei!

Die Spieler setzen mit immer grösserem Eifer, man hört unterdrückte Flüche und Geldgeklimper.

SID
Drei … Sieben …

TRIN
Alles futsch! - "Good bye!"

Trin steht vom Spieltisch auf und setzt sich an den Tisch, wo Sonora speist. Am Spieltisch wächst die Erregung. Erörterungen und Einwände werden immer heftiger. Einige Goldgräber steigen zum oberen Stockwerk hinauf, andere kommen von dort herunter; einige gehen an den Schenktisch, andere bleiben am Spieltisch stehen und schauen mit Interesse zu.
Unterdessen kommen auch wieder neue Goldgräber herein. Am wolkigen Himmel sieht man grosse, sternglänzende Lücken. Die Szene ist stets bewegt


NICK
aus dein Tanzsaal kommend, laut zu allen
Kommt hier in den Saal,
Es wird getanzt!
einige Männer treten frohgemut in den Tanzsaal

SONORA
zu Trin
Diese Narren gehn tanzen!
Unter Männern zu tanzen finde ich albern.

TRIN
Das ist es auch.

SONORA
steht auf und nähert sich Nick, der mit der Zigarrenkiste vom Schenktisch kommt; dann leise zu Nick
Hat sich nun Minnie entschlossen für mich?

NICK
schlau, auf Sonoras heimlichen Wunsch eingehend
Ihr scheint ihr von allen
Am besten zu gefallen!

SONORA
freudestrahlend, zu den Kameraden
'ne Runde Zigarren!

ALLE
ausser Nick, Trin, Sonora
Hurra! Hurra!

TRIN
Nick beiseite nehmend
Nick, was sagte Minnie?

NICK
verschmitzt, auch zu ihm
Ja, Ihr scheint ihr von allen
Am besten zu gefallen!

TRIN
freudestrahlend
'ne Runde Whisky!

ALLE
alle ausser Nick und Trin
Hurra! Hurra!

Nick trägt Flaschen und Gläser herum

JAKE WALLACE
draussen noch fern
"Was mein trautes Elternpaar
Jetzt wohl tuen mag,
Dort im fernen Heimatlande?
Es wird flehn zum lieben Gott,
Dass ich wiederkehr'
Möcht' im Alter nicht verlassen sein."

NICK
geht hinaus, um eine beim Eingang der "Polka" an einem Pfahl befestigte Laterne anzuzünden. Von der Eingangstüre aus:
Kameraden, hier ist Jake Wallace,
Der Minstrel des Lagers!

Das Heimwehlied beginnt bereits alle diese gierigen, rauhen Seelen weich zu stimmen. Man hebt die Köpfe und hört aufmerksam zu. Das Interesse am Spiel schwindet. Die im oberen Stock Weilenden kommen vor, um zu sehen. Inmitten des allgemeinen Schweigens hört man das Geklimper der Spielmarken, das allmählich erlischt. Jake Wallace, der Bänkelsänger, kommt an der Tür zum Vorschein. Er begleitet sich auf dem Banjo.

JAKE WALLACE
hereintretend
"Meine Mutter....
er hält inne, betroffen von dem Stillschweigen, das er vorfindet; alle Goldgräber haben die Augen auf ihn gerichtet und fordern ihn durch Handbewegung zum Weitersingen auf
....die wird gar
Bittre Tränen um mich weinen!
Armes Mütterlein!"

GOLDGRÄBER
wiederholen, leise singend
"Armes Mütterlein!"

einige Goldgräber, von den Klängen des Heimwehliedes angezogen, hören von der Tür des Tanzsaales aus zu; dann singen sie selbst mit

GOLDGRÄBER
am Spieltisch
Emsig weben wird sie wohl
Gram und Linnen
Zum Tuch, das sie bedecken soll.
von der Galerie aus
Ob mein alter, treuer Hund
Nach so langer Zeit
Mich noch wiedererkennt?

Bei dieser Strophe schlagen die an den Tischen sitzenden Goldgräber dumpf mit der Faust auf den Tisch.

HARRY und dann ALLE ANDEREN
verzweifelt, wie in eine schluchzende Klage ausbrechend, singt weiter, die anderen fallen alsbald mit ein.
"Vaterhaus am stillen Bache
Dort in weiter, weiter Ferne,
Werde ich dich wohl jemals wiedersehn?"

ALLE
"O mein Heimatland, du teures,
Warum bist du, ach, so fern!"

Der Gesang verklingt in Wehmut. Stillschweigen. Larkens, den die Klänge des Heimwehliedes aus seinem trübseligen Halbschlummer emporgerüttelt haben, ist aufgestanden. Bei den letzten Worten des Chors bricht er in lautes Weinen aus. Jake Wallace ist in die Stube hereingekommen, lässt sich am Schenktisch von Nick etwas zu trinken geben und geht dann durch die Tür im Hintergrund ab.

DIE GOLDGRÄBER
zu Larkens
Jim, warum weinst du?
Jim, was ist? Jim! Jim!

LARKENS
mit Tränen in den Augen, verzweifelt flehend
Ich halt's nicht aus,
Ich halt's nicht aus, Kameraden!
Ach, schickt mich doch heim!
Ich bin krank und weiss nicht wovon...
So schickt mich nur fort!
Ich kann hier nicht bleiben.
Hier geh' ich zu Grunde!
Ich kann keinen Hammer,
Kein Goldgestein mehr sehen!
Lasst mich zurück, zurück zum Pflug,
Zurück zu meiner Mutter!
alle sind um ihn herum und trösten ihn gerührt

SONORA
hält seinen Hut hin und fordert alle auf, Geld für Larkens zu geben
Um ihn heimzuschicken...

EINIGE GOLDGRÄBER
Hier, nimm...

ANDERE
Fünf Dollar.

ANDERE
Noch fünf

BELLO
Nimm...

ANDERE
Das ist dein...

HAPPY
Das ist dein...

TRIN, HARRY, JOE
Auch das hier...

ANDERE
Nimm...

SONORA
Nur Mut!
schüttet das im Hut gesammelte Geld Larkens in die Hände

LARKENS
ist gerührt, wendet sich nach allen Seiten um
Danke, danke, liebe Freunde!
geht grüssend hinaus, während alle mit der Hand wiedergrüssend ihm zuwinken und einige den Schluss des Liedes nochmals vor sich hinsummen.
Dann nehmen die Goldgräber wieder ihre Plätze an den Tischen ein.


SID
Gilt alles?

DIE SPIELER
Auf vier... - Auf zwei...
Ich verdopple... - Zwei.

SID
Spielt los!

SONORA
Ein As

HAPPY
Ein König.

HARRY
Verdopple...

ANDERE
Auf die "Kleinen"...
Auf die "Grossen!"...

TRIN
Bube... Dame..

ANDERE
As! … - König! ...

SID
Das Spiel ist fertig...

SONORA
Ich verdopple

Sid nickt zustimmend

SID
Jetzt gilt nichts mehr! Zwei! ... Drei!...

BELLO
der Sid beim Falschspielen ertappt hat, schlägt mit der Faust auf den Tisch und schmeisst Sid die Karten ins Gesicht
So ein Halunke!

SONORA
zieht seinen Revolver hervor und bedroht Sid
Hände hoch, Gauner!

Alle stehen erregt auf. Joe packt Sid, der aufgestanden ist, bei den Schultern und hält dessen Arme hoch. Trin nimmt ihm den Revolver ab und gibt ihn Nick, der beim Ausbruch des Getümmels hinzugetreten ist. Nick legt den Revolver Sids in ein Schubfach des Schenktisches.

MEHRERE GOLDGRÄBER
Gauner! Gauner!

BELLO
zu Sid
Hoch die Pratzen!
nimmt die Karten, die Sid in einer Innentasche seiner Joppe versteckt hielt, und schmeisst sie auf den Tisch
Da, schaut her!

HARRY
Bindet ihn!

SONORA
Du wirst gelyncht!

STIMMEN
- Du wirst gelyncht, Halunke!
- Du sollst baumeln, Räuber!
- Spitzbub! Elender Gauner!

Sid wird ergriffen und in die Mitte der Bühne geschleppt. Alle machen sich über ihn her. Jack Rance, der hinausgegangen war, erscheint in der Tür des Tanzsaales und beobachtet den Auftritt mit gleichgültiger Kälte.

SID
flehentlich
Gott steh' mir bei!

RANCE
näherkommend, kalt
Was gibt's denn?

BELLO
Er hat gemogelt!
erregt
Und jetzt wird er gelyncht!

VIELE STIMMEN
An den Strang mit ihm! Er sterbe!

Alle umschliessen wieder drohend den zitternden Sid.

RANCE
tritt noch näher, schiebt sie mit ausgestrecktem Arm beiseite und stellt sich vor Sid
Nur ruhig, Burschen,
Nicht gleich so hitzig! Hört doch mal!

VIELE STIMMEN
Er wird gelyncht! - Er sterbe!

RANCE
sie zurückhaltend
Ach geht! Was heisst denn sterben?
Was ist der Tod?
Ein Fehltritt in die Finsternis -
Und gute Nacht!
Ich weiss 'ne bessere Strafe.
Gebt mir seine Karte...
sie geben Rance die Pik zwei; er heftet sie mit einer Nadel an Sid's Brust, auf die Stelle des Herzens
Ans Herz, als obs eine Blume wär'...
Nie darf er mehr spielen.
Das ist das Zeichen. Wenn er wagt,
es abzunehmen, hängt ihr ihn!
packt Sid brutal beim Kragen, zerrt ihn mit einer kreisenden Bewegung vor sich hin und wirft ihn dann in derMitte der Bühne zu Boden.
Zu Bello, gebieterisch

Du tust es allen kund,
Morgen, im Lager.
gibt Sid einen Fusstritt
Geh!

SID
fleht winselnd um Nachsicht
Kameraden, lasst es gut sein!...

STIMMEN
stossen ihn höhnend hinaus
Gauner! - Pack dich! - Fort, hinaus! -
Hu! Hu! Hu! Hu!

treiben ihn mit Fusstritten hinaus; Rance setzt sich an den Spieltisch und fordert Sonora, Trin und andere zum Mitspielen auf

RANCE
mit den Händen auf den Tisch schlagend
Ein Poker!
zu Nick
Spielmarken, Nick!

Während sie sich zum Spiel niedersetzen, kommt Ashby herein.

ASHBY
tritt an Rances Tisch
Sheriff, hallo!

RANCE
zu den Goldgräbern
Gesellen, macht Platz!
Ich stell' euch Mister Ashby vor,
Von der Agentur Well's Fargo.

ASHBY
drückt Rance, Sonora, Trin und anderen Zunächststehenden die Hand; den Fernerstehenden winkt er mit der Hand zu, welchen Gruss jene in gleicher Weise erwidern
Nick, bring mir was zu trinken.
sich an die Nächsten wendend, während er sich zu Rance an den Tisch setzt
Wie geht's dem Fräulein?

ALLE
artig
Danke, gut.

Nick bringt Ashby zu trinken.

RANCE
Nichts Neues vom Banditen?

ASHBY
Seit drei Monaten pass' ich auf ihn:
Er ist nicht fern.

Alle bezeugen grosses Interesse und drängen sich um Ashby, teils sitzend, teils stehend. - Nick ab

RANCE
Er soll ja stehlen, wie'n vornehmer Herr!
Ist er ein Spanier?

ASHBY
Die Räuberbande, die er führt,
Besteht aus Mexikanern:
Ein derbes, gewandtes, listiges Gesindel.
Seht euch vor! Ich leg mich nieder.
Bin müde an allen Gliedern.
steht auf und geht nach dem Raum unter der Treppe zu
Wünsch' gute Nacht euch allen!
ab, ins Zimmer rechts.

Nick hat sich in die Mitte der Bühne gestellt mit einem Tablett, auf dem eine grosse Karaffe mit Gläsern steht.


TRIN
zu Nick
Was ist das?

NICK
Das spendet Minnie!

Stellt das Tablett auf den Pharaotisch; die Goldgräber folgen ihm und schenken sich ein.

ALLE
Minnie soll leben! - Hoch unsre Minnie!
trinken

RANCE
vom Tische rechts aus, an dem er sitzt
Mistress Rance, in kurzem.

SONORA
sitzt am Pharaotisch; die anderen trinken, wobei sie ihm den Rücken zudrehen
Nein, du alter Spielratz! Minnie!
Die hält dich ja zum Narren.

RANCE
steht auf, blass vor Zorn, ohne jedoch vorzugehn; er setzt sich auf den Rand des Tisches, Sonora gegenüber
Bursche, der viele Whisky wirkt schon.
Wie du mich dauerst! -
Jack Rance ward von keinem,
Von keinem - verstehst du wohl -
Zum Narren je gehalten.
aufstehend und auf Sonora zugehend
Und sei nur froh, dass ich Schmähungen
Trunkener nicht achte.

SONORA
schlägt mit der Faust auf den Tisch; die andern drehen sich nach ihm um und suchen ihn zu beruhigen, aber Sonora macht sich los, steht auf und bedroht Rance
Schäm dich, alter Spielratz!
Minnie verhöhnt dich.

RANCE
Beweis es'!

Nunmehr nehmen alle lebhaften Anteil an dem Streit; einige schreien Nein, andere Halt, noch andere stossen kurze, heftige Zurufe aus.

SONORA
Sie hält dich ja zum Narren.

RANCE
immer näher an Sonora herantretend, aber ruhig bleibend
Beweis' es!

SONORA
Schäm dich, alter Spielratz!

RANCE
Saufbold!

Aus dem Tanzsaal kommen einige Goldgräber durch den Lärm des Zwistes herbeigelockt.

SONORA
Gelbe Kulifratze!

RANCE
Saufbold!

SONORA
Minnie macht sich lustig!

RANCE
Ha, Kanaille du!

Sonora zieht sofort den Revolver hervor und will schiessen. Trin packt ihn am rechten Arm und bewirkt, dass der Schuss in die Luft geht. Nick, beim Schenktisch, bückt sich schnell nieder. Andere bergen sich hinter dem Kamin, hinter Stühlen, unter dem Tisch. Einige drängen sich hinter Sonora und Trin zusammen. Rance greift nach dem eigenen Revolver und stürzt sich auf Sonora; als er aber sieht, dass dieser ihm nichts anhaben kann, stellt er sich ihm gegenüber und verhöhnt ihn.
Da wird Minnie in der Tür im Hintergrunde sichtbar, kommt mit einem Sprung herein, trennt die beiden gewaltsam und reisst Sonora die Pistole aus der Hand. Die Erbitterung lässt sofot nach, alle schwenken die Hüte und rufen begeistert.


ALLE
Hallo, Minnie! Hallo, Minnie!

Minnie gibt Sonora den Revolver zurück; dann schiebt sie Sonora Rancen zu und zwingt ihn, ihm die Hand zu geben. Rance schlägt mit kalter Gleichgültigkeit ein, geht dann abseits nach rechts, setzt sich an den Tisch und beginnt allein Karten zu spielen.

MINNIE
zu Sonora
Was gab es denn?
Natürlich wieder du?!

TRIN
O lass nur, Minnie,
Es war nichts ... Man scherzte …

MINNIE
zornig
Wegen euch geht alles noch
Auseinander! Schämt euch!
jedes Wort betonend
Ich halte keine Schule mehr.
geht zum Schenktisch, die Goldgräber folgen ihr

ALLE
Nein, Minnie!

SONORA
verlegen
Sieh, wenn du so spät kommst,
Wird uns die Zeit lang...
Und dann... weisst du...

MINNIE
schüttelt den Kopf und lächelt; vom Schenktisch aus sieht sie Bello in Betrachtung versunken
Bello, was ist? Was schaust du?

BELLO
zuckt zusammen und lächelt verlegen
Nichts…

EINIGE
Er sah dich an!

JOE
ihr ein Sträusschen Feldblumen überreichend
Minnie, die pflückte ich längs dem
"Schwarzen Bache".
In meiner Heimat gibt es ihrer viele.

MINNIE
herzlich
O danke, Joe!

einige Goldgräber ab durch die Tür im Hintergrunde, andere gehen wieder in den Tanzsaal

SONORA
zieht ein zusammengefaltetes Band aus der Tasche
Heute war bei uns im Lager
Ein Hausierer aus San Franzisko.
artig
Der hatte hübsche Bänder.
das Band auseinanderhaltend
Das hier ist für Euch.
Seht nur, es ist purpurrot
Ganz so wie Eure Lippen.

HARRY
ein seidenes Tüchlein ausbreitend
Und dieses hat die Farbe
Eurer blauen Augen!

MINNIE
Danke, danke!

ASHBY
der wieder hereingekommen ist und sich was zu trinken eingeschenkt hat, erhebt sein Glas und reicht es Minnie
Ein Gruss von Wells Fargo!

MINNIE
trinkt und gibt dann Ashby das Glas zurück, der es in einem Zuge leert
Hip! Hip!
dann bietet sie Ashby Zigarren an
Regalias? Auroras? Heurekas?

ASHBY
galant
Wenn Ihr sie selber aussucht,
Frag' ich nicht nach Qualität;
Denn jede behält für mich den Duft
Der Hand, die sie mir bietet.

NICK
leise zu Minnie
Ach bitte, geht bei allen herum,
Denn jedes Lächeln von Euch
Bringt mir 'ne Bestellung ein.

MINNIE
ihm auf die Schulter klopfend
Böse Zunge!
Rance abseits erblickend
Wünsch' Euch guten Abend, Sheriff!

RANCE
Guten Abend, Minnie!

SONORA
zu Minnie, indem er ihr ein Säckchen Gold übergibt
Lösche meine Schulden aus, Minnie!
Minnie zieht einen Strich durch Sonoras Rechnung, wiegt das Gold, zeichnet es und legt es ins Fass

ASHBY
zu Rance
Mit den Räuberbanden ringsumher
Ist es ein Wahnsinn,
Das Gold hier zu lassen.
In der Agentur wär' es viel sichrer.

Rance und Ashby fahren fort, sich abseits zu unterhalten. Minnie hat aus der Schublade des Schenktisches ein Buch genommen, die Bibel, tritt in die Mitte der Szene und setzt sich, um den Unterricht zu beginnen; die Goldgräber stellen den rechts stehenden Tisch beiseite, bringen eine Bank, stellen zwei Reihen Stühle hinter sie und setzen sich, lärmend und unaufmerksam, Minnie gegenüber. Sonora ist zum Schenktisch gegangen, um Schiefertafeln zu holen, die er an die Goldgräber verteilt.

MINNIE
Wo waren wir? Ruth ... Hesekiel ... Nein
Esther?… Nein ... Hier ist das Zeichen.
"Einundfünfzigster Psalm Davids"
klatscht in die Hände, um die Aufmerksamkeit der Goldgräber wachzurufen, worauf diese sofort still sind
Harry, weisst du noch, wer David war?

HARRY
steht auf und antwortet in grotesker Weise, wie ein Schuljunge, der seine Aufgabe herplappert
Der war ein König
In alter Zeit,
Ein echter Helde,
Und als er noch klein war,
Bewaffnet er sich
Mit einem Eselskinnbacken,
Trin deutet in zurückhaltender Weise das i-a-en des Esels an; Harry ist ärgerlich über Trin
Damit schlug er 'nen grossen Riesen tot
Joe springt vom Sitz auf, klappt geräuschvoll eine Navaja auf und... spitzt dann gemütlich einen Bleistift.

MINNIE
bricht in Gelächter aus, dann zu Harry
Alles verwechselt! - Setz dich!
Joe, setz dich auch!
Nun lasst uns lesen. Neunter Vers:
"Bespreng mich mit Ysop, damit ich rein bin."

TRIN
naiv
Was ist Ysop, Minnie?

MINNIE
Ein Kraut, das im Orient wächst.

JOE
zart
Und hier bei uns wächst es nicht?

MINNIE
Ja, Joe, ein jeder hegt davon
Im Herzen ein kleines Pflänzchen

JOE
lachend
Im Herzen?

MINNIE
ernsthaft
Im Herzen.
liest weiter
"Wasche mich, so dass ich werde weiss wie Schnee.
Einen neuen, gewissen Geist verleihe mir
Und schaff' in mir, o Gott, ein reines Herze."
schliesst die Bibel und erklärt
Das bedeutet, ihr Freunde: In der Welt
Gibt es wohl keinen Sünder,
Dem ein Weg zum Heile sich nicht böte.
Mag ein jeder von euch in seinem Herzen
Der höchsten Liebe Schluss getreu bewahren.

Alle verharren regungslos und sind ergriffen von Minnies Worten; diese steht auf, geht zu Trin und fragt ihn: Trin bleibt stumm. Darauf geht sie zu Sonora und klopft ihm mit dem Finger auf die Stirn, um ihm das Gesagte noch besonders einzuschärfen. - Billy kommt in seiner schleichenden, verstohlenen Weise herein, tritt an den Schenktisch, stiehlt zwei Zigarren und trinkt schnell zwei bis drei Gläserreste aus, wobei er auch noch die Ränder ableckt.

TRIN
lachend
Sieh doch, Minnie!

MINNIE
Was ist?

JOE
Billy spült unsere Gläser.

BILLY
verschmitzt lachend und grinsend und mit der Hand auf die Brust klopfend
Gut...

MINNIE
gebieterisch
Billy!

NICK
ihm einen Fusstritt versetzend
Scher' dich hinaus, du Lümmel!

BILLY
nähert sich Minnie mit heuchlerischer Unterwürfigkeit
Lieb Fräulein...

MINNIE
Was willst du hier? Sag deine Aufgabe!

BILLY
Aufgabe Billy...
idiotenhaft lachend
He ...he.,.

MINNIE
Nun vorwärts: zähl mal bis zehn.

BILLY
zählt zuerst an seinen Fingern
Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben...
Bube, Dame, König.

Allgemeines Gelächter

MINNIE
Welch blöder Taugenichts!
Hast Wowkle nun geheiratet?

BILLY
verschmitzt
Ist zum Heiraten spät.
Wir haben Kind...

Auf diesen "Witz" erschallt wiederum Gelächter; Minnie ruft Billy, er nähert sich ihr widerwillig, sie nimmt ihm die gestohlenen Zigarren aus der Tasche.

MINNIE
Dieser Bettelbub hat sie verführt...
Du Schlingel!
Nun haben sie 'n Kind von sechs Monaten!
Pass mal auf, was dir blüht,
Machst du sie nicht zur Gattin!
Und nun - hinaus!

Packt ihn beim Ohr und setzt ihn unter allgemeinem Gelächter an die Luft; dann kehrt sie zurück und bedeutet den Goldgräbern, dass die Schule für heute zu Ende ist. Die Goldgräber stellen Bank und Stühle wieder an ihre früheren Plätze zurück. Plötzlich hört man den Galopp eines Pferdes.

NICK
zur Tür eilend
Die Post ist da!

Der Postillion wird in der Tür sichtbar.

POSTILLION
grüssend
Hallo, Gesellen!
gibt Nick Briefe, die dieser hereinbringt
Seht euch vor!
Man hat auf unserm Pfade
Einen Mestizen gesehen.

Nick verteilt: eine Depesche an Ashby, Briefe an Happy, Bello Joe, an Harry eine Zeitung. Ashby öffnet die Depesche und liest mit starker Verwunderung.

ASHBY
an den Postillion herantretend
Postillion, kennst du 'ne gewisse
Nina Micheltorena?

MINNIE
hinzutretend, mit dem Gebaren einer wohlunterrichteten Person
Ja, die ist aus Cachuca,
Und möcht' als Spanierin gelten;
Eine Sirene, die ihre Augen mit Russ bemalt,
Damit sie recht schmachtend sind.
Fragt nur hier die Gesellen!

Trin und Sonora, die verlegen in der Nähe stehen, machen verneinende Bewegungen. Der Postillion geht mit Nick hinaus. Minnie kehrt an den Schenktisch zurück. Happy, Bello, Joe und andere lesen, in verschiedenen Stellungen, teils mehr vorn, teils hinten stehend, ihre Briefe durch, Harry liest seine Zeitung. Ashby und Rance treten vor, nach der Rampe zu.

ASHBY
Sheriff, heute abend fällt
Ramerrez in meine Schlinge.

RANCE
Wieso das?

ASHBY
ihm die zusammengefaltete Depesche zeigend
Jenes Weib teilt mir mit,
Dass sie das Versteck des Banditen kennt,
Und ich soll gegen Mitternacht
In den "Palmen" sein.

RANCE
misstrauisch
Diese Micheltorena ist eine Kanaille.
Ich würde ihr nicht trauen.

ASHBY
mit dem Auge zwinkernd
Hm! Rachsucht verliebter Weiber!
Auf alle Fälle will ich mal hingehen.
geht durch die Tür im Hintergrund ab. Rance begleitet ihn.

Die Goldgräber, ringsum verstreut, fahren fort, in ihren Briefen zu lesen. Der eine zerreisst seinen Brief ärgerlich nachdem er ihn gelesen, und ruft aus "Verflucht", ein anderer küsst seinen Brief und steckt ihn behutsam in die Brieftasche. Wieder andere lesen und verwahren dann ihre Briefe, indem sie sagen "gut".


BELLO
einen Brief lesend
Ketty heiratet?
Wer bekommt denn meine Ketty? -
Möglich! Ihr Nachbar, der Uhrmacher...
Der taube Alte! Ach!
seufzt wie jemand, der an viele Dinge zurückdenkt
Arme Ketty!

HAPPY
leise einen Brief lesend
Sogar der Papagei ist traurig,
Ruft "Happy" - und sagt dann "Verreist"!

HARRY
leise die Zeitung lesend
Lauter Brände,
Krieg, Überschwemmungen,
Erdbeben gar!
Was passiert nicht alles!
Was sie wohl tun mögen bei mir zu Haus?
Ob's ihnen wohl geht?

JOE
während er liest, zu sich selbst, jede Silbe betonend
Siehst du, mein Joe,
Was Neues gibt es schon,
Doch ist es traurig

ALLE
ihn umringend
Joe, was ist denn?
Schlimme Botschaft? - Nur Mut!

Nick ist hinausgegangen.

JOE
in schmerzvollem Unwillen seine Mütze auf die Erde werfend
Grossmutter ist nun auch hinüber!
will noch etwas anderes sagen, hält aber inne, beisst sich in den Finger, wischt sich die Augen mit der Rückseite der Hand, und bestellt in schroffem Ton:
Whisky!
geht zum Schenktisch, wo Minnie ist, trinkt, geht in den Tanzsaal, wohin andere ihm folgen. Rance, der zurück gekommen ist, lässt sich gleichfalls zu trinken geben.

NICK
durch die Tür im Hintergrund wieder hereinkommend
Draussen ist ein Fremder...

MINNIE
Wer mag es sein?

NICK
Ich hab' ihn nie gesehn.
Er ist wohl aus San Francisco.
Er verlangt Whisky mit Wasser.

MINNIE
Whisky mit Wasser?
Was ist das denn für Zeug?

NICK
Das hab' ich ihm auch gesagt:
In der "Polka" -
Da trinkt man Whisky pur.

MINNIE
Soll nur kommen,
Wir wollen's ihn schon lehren.

Nick geht hinter die Treppe ab. Rance bezahlt mit einem grossen Geldstück; Minnie gibt ihm den Rest heraus; Rance stösst mehrere Geldstücke Minnie zu, die ihn entrüstet anblickt und sie ihm mit der offenen Hand wieder zuschiebt; da lässt Rance die Geldstücke in den Aschenbecher fallen, der vor dem Schenktisch steht.

RANCE
Erhör' mich endlich, Minnie!

MINNIE
gleichgültig lächelnd
Lasst es gut sein

RANCE
Tausend Dollar, sofort,
Wenn du mich küssest!

MINNIE
gereizt lachend
Rance, das ist belustigend.
Hör auf! - Genug davon!

RANCE
immer näher auf sie eindringend
Du kannst nicht hier allein sein!
Nimm mich zum Manne...

MINNIE
ihm ausweichend, höhnisch
Und Eure Gattin? Was sagt die dazu?

RANCE
Wenn du es wünschest,
Sieht sie mich nie mehr wieder.

MINNIE
mit Selbstgefühl und Energie
Rance, schweiget!
Lasst das! - Ihr kränkt mich!
Ja, ich leb' hier allein,
Weil's mir gerad' so behagt -
steckt die Hand in den Busen und zieht eine Pistole hervor die sie Rance vors Gesicht hält
Allein mit dieser wohlvertrauten Freundin,
Die mich niemals im Stich lässt...
entschieden
Rance, lasst mich in Frieden.
steckt die Pistole wieder in ihren Busen; Rance geht stillschweigend vom Schenktisch weg, setzt sich an den Pharaotisch und mischt nervös die Karten.

MINNIE
sieht ihn von der Seite an, tritt dann zu ihm
Seid Ihr bös' auf mich, Rance?
Weshalb? Ich sagte Euch offen,
Was ich denke.

RANCE
schmeisst die Karten heftig auf den Tisch und beginnt dann mit rauher, scharfer Stimme
Minnie, mein Haus hab ich verlassen,
Das, jenseits der Berge,
An einem anderen Meer liegt:
Nicht eine Träne weinte man mir dort nach.
Wer sollte mir auch eine Träne nachweinen!
Es liebte niemand mich,
Und niemand liebt' ich selbst.
Nichts auf der Welt konnte je mich freuen;
Oft muss ich mich vor mir selber scheuen:
Mein Herz ist das eines Spielers,
Dem alles Edle ein Hohn ist!
Und so bin ich gewandert,
Allein vom Glanz des Goldes angezogen
Das lieb' ich, denn es hat mich nie betrogen.
Einzig ein Kuss von dir wiegt auch das Gold auf!

MINNIE
täumerisch
Liebe ist etwas andres…

RANCE
spöttisch
Poesie!

MINNIE
Daheim, in Soledad,
Als ich noch klein war,
Bewohnt' ich ein rauchiges Stübchen
In der Schenke, über der Küche,
Zusammen mit Vater und Mutter.
Ach, ich weiss noch alles!
Abends sah ich viele Leute
Aus- und eingehn.
Mutter besorgte die Küch' und den Keller,
Vater gab Spielkarten zum "Pharao".
Mutter - die war schön!
Ihr Füsschen war so zierlich!
Manchmal spielte sie auch mit:
Ich hockt' unterm Tisch und wartete
Auf Geld, das oft im Eifer
Des Spiels zu mir herabfiel -
Und dann sah ich sie füsseln insgeheim
Mit meinem Vater … Wie die sich liebten!
So recht von Herzen!
Wenn ich doch auch nur
Solch einen Mann fänd'!
Dem schenkt' ich meine Liebe.

RANCE
verletzt, mit einer heftigen, aber sogleich unterdrückten Bewegung an Minnie herantretend
Am End ist der Prachtkerl
Gar schon gefunden?

Minnie will gerade antworten, als Nick hereinkommt.
Mit ihm tritt auch Richard Johnson herein, der den Sattel eines Pferdes und seine lederne Joppe über der linken Schulter trägt.


JOHNSON
legt den Sattel auf den Tisch rechts, die Joppe über einen Stuhl und ruft trotzig
Wer will mich hier was lehren?

MINNIE
macht eine plötzliche Bewegung der Überraschung, wie jemand, der einen anderen wiedererkennt; aber sie beherrscht sich sofort und geht zum Schenktisch
Gott grüss Euch, fremder Herr!

JOHNSON
hat auch eine Bewegung des Staunens gemacht und sagt nun in sanfterem Ton
Ich bin der, der den Whisky
Mit Wasser trinkt.

MINNIE
höflich und zuvorkommend
Wahrhaftig? - Nick, dem Herrn
bring den Whisky so, wie er's wünscht.

Grosse Verwunderung Nicks und Rances. Nick sucht unter dem Schenktisch die Whiskyflasche, stellt sie nebst einer Flasche Wasser auf den Schenktisch und geht dann hinter die Treppe ab. Rance beobachtet mit zusammengezogenen Brauen.

MINNIE
etwas verlegen zu Johnson, auf einen Stuhl weisend
So setzt Euch... Seid wohl recht müde...

JOHNSON
ebenso verlegen sie anschauend, zum Schenktisch gehend
Ihr seid die Wirtin des Lagers?

MINNIE
errötend
Ja.

RANCE
herausfordernd und spöttisch, indem er an Johnson herantritt
Kein Fremder darf ins Lager herein!
Ihr seid sicher fehlgegangen...
höhnisch
Ihr wolltet wahrscheinlich
Zur schönen Nina Micheltorena…

MINNIE
zu Rance, in scheltendem Ton
Rance!

JOHNSON
gleichgültig
Auf einen Augenblick nur
Bin ich vom Pferd gestiegen, um zu rasten,
Oder auch zu 'nem kleinen Baccarat.

RANCE
schroff
Zum Spielen?
Wie ist Eu'r Name?

MINNIE
lachend
Ei, ei!
Wer kümmert sich denn hier
Um der Leute Namen?!

JOHNSON
Rance fest ansehend
Johnson.

RANCE
feindselig
Johnson ... Und weiter?

JOHNSON
Ich komm' aus Sacramento.

MINNIE
sehr artig
Willkommen bei uns,
Johnson aus Sacramento!

JOHNSON
Danke!
Rance geht wütend beiseite. Minnie und Johnson reden miteinander, an den Tisch rechts gelehnt.
Erinnert Ihr Euch meiner?

MINNIE
lächelnd
Ja, wenn auch Ihr Euch erinnert.

JOHNSON
Wie sollt' ich denn nicht?
Es war auf dem Pfade nach Monterey.

MINNIE
Es war auf dem Rückweg...
Ihr gabt mir einen Jasminenzweig.

JOHNSON
Dann sagt ich zu Euch:
Nun wollen wir Brombeeren suchen.

MINNIE
Das wollt' ich nicht...

JOHNSON
So war's...

MINNIE
Ihr erinnert noch alles?

JOHNSON
Als ob es heute wär'...

MINNIE
Und so ging ich denn weiter...
Da sagtet Ihr -
die Augen niederschlagend
Ach, das weiss ich nicht mehr...

JOHNSON
näher an sie tretend
Ja, Ihr wisst es wohl noch;
in zärtlichem Ton
Ich sagte, dass seit der Stunde...

MINNIE
ihm das Wort aus dem Mund nehmend
… Ihr mich nie mehr vergässet.

JOHNSON
Und ich vergass Euch nie!

MINNIE
Hab' so lange gehofft,
Euch wiederzusehn,
Doch sah ich Euch nicht mehr!...

Sie sehen einander in die Augen.

RANCE
der an den Schenktisch getreten ist, wirft mit einem Stoss Johnsons Glas um
Mister Johnson, Ihr werdet mir lästig.
Ich bin Rance, der Sheriff.
Ich lass mich nicht narren.
Was wollt Ihr bei uns?

Johnson tritt einen Schritt zurück und sieht ihn verächtlich und unwillig an, während er die Hand an den Revolver legt. Minnie hält ihn durch eine Geste zurück. Johnson lächelt, zuckt mit den Achseln und lehnt sich wieder an den Schenktisch, ohne Rance zu beachten.

RANCE
geht an die Tür des Tanzsaales und ruft
Gesellen, ein fremder Mensch
Verweigert zu erklären,
Warum er hier im Lager ist.

Einige Goldgräber kommen aus dem Tanzsaal.

GOLDGRÄBER
auf Johnson zugehend
Wer ist's? Man lös' ihm die Zunge!

MINNIE
sie mit gebieterischer Geste zurückhaltend
Ich kenne ihn, und vor dem ganzen Lager
Stehe für Johnson ich ein.

Die Vermittlung Minnies beruhigt die Goldgräber, die sich nunmehr mit freundlichem Gruss Johnson nähern.

SONORA
Guten Abend, Mister Johnson!

JOHNSON
drückt die Hände, die sich ihm entgegenstrecken, und erwidert in herzlichem Ton
Guten Abend, Guten Abend!

TRIN
auf Rance weisend, der, bleicher als gewöhnlich sich nach hinten zurückgezogen hat
Ei, das freut mich für den!
Der macht schon lang sich allzu breit;
Das nimmt nun wohl ein Ende.

HARRY
zu Johnson, nach dem Tanzsaal hinzeigend
Mister Johnson, 'nen Walzer?

JOHNSON
Recht gerne.

MINNIE
seinen Arm anbietend
Ihr erlaubt doch?

Alle schauen, von Erstaunen und Freude ergriffen, auf Minnie und lächeln ihr zu, wie um ihr Lust zum Tanze zu machen. Nur Rance blickt finster drein.

MINNIE
verwirrt, lachend
Ich? - Verzeiht mir:
Ihr werdet's vielleicht nicht glauben,
Aber ich hab' nie im Leben getanzt...

JOHNSON
lachend
Was tut das?

GOLDGRÄBER
Wohlauf, Minnie!

MINNIE
sich entschliessend und graziös Johnsons Arm annehmend
Nun meinethalben!

ALLE
Musik! Hip! Hurrah!

Alle trällern ein Walzermotiv und begleiten es, indem sie immer beim ersten Viertel leicht mit dem Fuss auf den Boden klopfen, bei den anderen beiden Vierteln leis in die Hände klatschen und so den beiden Tanzenden folgen: ein Goldgräber hebt das über der Tür des Tanzsaales festgenagelte Bärenfell auf. Minnie und Johnson tanzen allmählich, sich immer gegenseitig umfasst haltend, in den Saal hinein, die anderen folgen. Sonora und Trin haben sich gegenseitig Rance gezeigt, der mürrisch am Tische rechts sitzt, und verlassen nun ebenfalls, in etwas grotesker Weise tanzend, die Bühne. Der Goldgräber, der das Bärenfell hochhielt, geht auch in den Tanzsaal.

NICK
kommt aus dem Raum unter der Treppe mit einer brennenden Laterne, stellt sie auf den Boden, dreht sich um, sieht Rance und sagt zu ihm
Wo ist Minnie?

RANCE
knirschend
Die tanzt da drin
Mit dem Wundertier aus Sacramento.

Nick zuckt die Achseln. Rance packt Johnsons Sattel und schmeisst ihn zornig mitten auf die Bühne, nahe beim Pharaotisch. Nick geht auf die Galerie, löscht die Lampe auf dem Tisch aus und kommt dann wieder herunter.

STIMMEN
von draussen, näher kommend
Hängt ihn! Hängt ihn!
Er wird gelyncht!

Rance und Nick gehen zur Tür im Hintergrund. Bald darauf dringt eine Schar Männer mit Ashby wild schreiend herein, treibt den Räuber Castro gewaltsam vor sich her und wirft ihn dann zu Boden.

ASHBY
Nun vorwärts! Bindet ihn!

CASTRO
für sich, wie er Johnsons Sattel am Boden sieht
Der Sattel meines Hauptmanns!
Er ist gefangen!

ASHBY
erschöpft, zu Nick
Gib mir schnell was zu trinken.

RANCE
Castro bei den Haaren packend und ihm den Kopf nach hinten ziehend
Elender Hundsfott, zeig uns mal deine
Schmierige Fratze! Du bist bei Ramerrez!
setzt sich rittlings auf einen Stuhl, neben Castro.

Sonora kommt aus dem Tanzsaal und tritt zu Castro. Trin und Joe folgen ihm, bleiben aber an der Tür stehen.


CASTRO
verängstigt
Ich entfloh, denn ich hass' ihn.
Wenn ihr wollt, führ' ich gern euch
Auf seine Spur.

SONORA
Dieser dreckige Gauner belügt uns!

CASTRO
Nein, ich belüg' euch nicht.

RANCE
Kennst du sein Versteck?

CASTRO
verängstigt, mit matter Stimme
'ne starke Meile weit ist's,
Bei der Madrona Canyada.
alle ausser Rance treten hinzu und beugen sich zu Castro hinunter, dessen Worte sie begierig vernehmen
Ich zeige euch den Weg hin.
Im Namen meiner Mutter, Maria Saltaja,
Schwor ich, dass ich nicht lüge.
Wenn ihr wollt, führ' ich gern euch.
Meine Navaja stech' ich ihm in den Rücken.

RANCE
fragend um sich blickend, aufstehend
Sollen wir gehen?

ASHBY
hinausblickend, um die Witterungsverhältnisse zu prüfen
Der Himmel bewölkt sich
Wir kriegen 'nen Schneesturm.

RANCE
Bindet ihn!

Einige Goldgräber binden Castro und setzen ihn auf den Stuhl, auf dem Rance gesessen hat.

SONORA
Wenn's gelänge!

TRIN
Wir versuchens'!

BEIDE
in den Tanzsaal rufend
Auf, zu Pferd!

CASTRO
bemerkt Johnson im Tanzsaal; für sich, froh
Er ist frei! Ist dort beim Tanz!

GOLDGRÄBER
aus dem Tanzsaal kommend
Wo soll's denn hin?

RANCE
energisch
Zur Jagd auf Ramerrez!

NICK
der beim Goldfass ist und es nun flach der Mitte der Bühne zuschiebt, zu Sonora
Und das Gold?

SONORA
Minnies Augen genügen,
Um den Schatz zu bewahren.

Alle Goldgräber und Männer des Lagers ab, einschliesslich Rance.

CASTRO
zu Nick
Aguardiente!

Nick geht hinter den Schenktisch, um den Branntwein zu holen. Johnson kommt aus dem Tanzsaal. Als er Castro sieht, lässt er sich nichts anmerken, hebt den Sattel vom Boden auf, legt ihn auf den Pharaotisch und tut so, als ob er den Bügel kürzen wollte, wobei er Castro den Rücken dreht, hört aber indessen aufmerksam zu.

CASTRO
leise
Um sie fehlzuleiten,
Liess ich mich fangen.
Die unsern folgen mir im Walde.
Bald hört Ihr 'nen Pfiff -
Wenn was zu machen ist,
Pfeift Ihr uns wieder.

NICK
bringt Castro den Branntwein; zu Johnson
Der kennt das Versteck des Ramerrez.

draussen sieht man Männer, Pferde, Lichter; Stimmengewirr dringt herein

RANCE
mit einigen Männern herein kommend und auf Castro zeigend
Nun vorwärts!

Die Männer schleppen Castro mit sich fort. Rance folgt ihnen, nachdem er noch einen wütenden Blick auf Johnson geworfen hat.

NICK
in der Tür stehend
Viel Glück!

Nick schickt sich an, die "Polka" zu schliessen: er löscht das Licht auf dem Pharaotisch aus, geht in den Tanzsaal, um dort auszulöschen, kommt wieder heraus, blickt Johnson misstrauisch an, geht durch die Tür im Hintergrund ab und schliesst sie. Johnson geht ans Fenster, blickt hinaus, dreht sich um, sieht das Goldfass, macht eine geringschätzige Bewegung und geht dann an den Pharaotisch, um seinen Sattel zu holen. Minnie wird in der Tür vom Tanzsaal sichtbar.

MINNIE
zu Johnson
Mister Johnson, bleibt Ihr zurück,
Um mir Gesellschaft zu leisten
Beim Bewachen des Hauses?

JOHNSON
ein klein wenig verwirrt
Wenn Ihr's wünschet
Johnson ist beim Spieltisch. Minnie bleibt, an den Tisch gelehnt, vor ihm stehen
Ach, wie seltsam!
Euch gerad' hier zu finden,
Wo jeder herein kann - zum Trinken,
Oder auch zum Stehlen...

MINNIE
Ich wüsst hier jedermann standzuhalten:
Darauf könnt Ihr Euch verlassen...

JOHNSON
indem er sie lächelnd beobachtet
Wohl auch dem, der nichts anderes
Stehlen möcht' als ein Küsschen?

MINNIE
lachend
Auch das kam schon vor, mehr als einmal -
Doch mein erster Kuss
Bleibt noch bis heut zu vergeben...
die Augen niederschlagend

JOHNSON
sie mit wachsendem Interesse betrachtend
Wahrhaftig? -
Und Ihr wohnt hier in der "Polka"?

MINNIE
geht zum Schenktisch und beginnt das am Abend eingenommene Geld zu zählen
Nein, in 'ner Hütte auf halber Bergeshöh'.

JOHNSON
folgt Minnie nach dem Schenktisch zu
Ihr verdient es schon besser.

MINNIE
Sie genügt mir.
Ich bin zufrieden - glaubt nur.
Ich lebe ganz allein dort,
ohne mich zu fürchten.
legt das Geld in eine leere Zigarrenkiste und nähert sich dem Goldfass
Ich fühle, dass ich Euch
Auch trauen würde -
Weiss ich auch nicht, wer Ihr seid.
stellt das Kistchen ins Fass, nachdem sie den Deckel aufgehoben; dann geht sie etwas nach rechts

JOHNSON
Ich weiss selber nicht recht,
Wer ich bin. - Das Leben
Liebte ich und lieb' es,
Denn es ist ja noch schön!
Sicher liebt Ihr es auch,
Doch habt Ihr nicht lang genug
Gelebt, um bis auf den Grund
Der Dinge zu schauen

MINNIE
verwirrt
Mag sein
sie setzt sich an den Tisch rechts, Johnson folgt ihr und hört gerührt Minnies Worte an
Ich bin bloss ein einfältig Mägdlein,
Ein armes, dummes Ding nur -
Und was Ihr mir da sagt, finde ich herrlich,
Doch kann ich's kaum begreifen!
Wie das nur sein mag! Ich fühle,
Ich bin mit mir nicht zufrieden,
Weil ich doch gar zu klein bin!
Ach, ich möchte wachsen,
Möchte mich hoch erheben,
Hoch, bis an die Sterne,
Dann wäre ich Euch näher
Und könnte mit Euch reden!

JOHNSON
Was Ihr mir verschweiget,
Sagte mir schon mein Herz
Vorhin, als ich den Arm
Euch zum Tanze gereicht.
Wie Ihr dann erbebtet an meiner Brust,
Empfand ich ein Glück der Seele,
Wie niemals ich's schöner empfunden hab'!

MINNIE
Mir im Herzen lesen,
Wie Ihr, kann ich nicht -
Doch ist mein Gemüt so ganz
Voller Jubel und doch auch so ängstlich.
unterbricht sich beim Anblick Nicks, der mit angstvoller Miene durch die Tür im Hintergrund eingetreten ist

MINNIE
etwas unwillig
Was ist?

NICK
angstvoll
Seht Euch vor
bückt sich hinter dem Schenktisch und holt einen Revolver hervor
Es streicht schon wieder so'n Mexikaner
Hier herum...
ab durch die Tür im Hintergrund, die er hinter sich schliesst

MINNIE
auf Nick zugehend, während dieser abgeht
Wo denn, Nick?

JOHNSON
versucht Minnie zurückzuhalten
Bleibt hier!
man hört einen schrillen Pfiff durch die Nacht

JOHNSON
für sich
Das Zeichen!

MINNIE
plötzlich zaghaft geworden und sich gleichsam an Johnsons Seite flüchtend
Hört doch! Was wohl der Pfiff bedeutet?
In diesem Fasse, Johnson, liegt ein Schatz -
auf das Fass zeigend
Da verwahren die Burschen ihr Gold.

JOHNSON
Und man lässt Euch allein?

MINNIE
Jede Nacht bleibt abwechselnd einer hier,
Ums zu bewachen.
Diese Nacht sind alle fort,
Auf der Spur jenes Verfluchten.
erregt
Oh, wenn jemand dieses Gold will,
Muss er mich töten, bevor er's berührt!
Armes Volk! Ihrer viele sind's,
Die in ferner Heimat Familie haben,
'ne Gattin und Kinder...
Nun sind sie hier und leben wie Hunde
In schlammigen, feuchten Gräben,
Um etwas Gold zu schicken nur
Den fernen Eltern, der Frau
Und den Kindern.
entschlossen
Darum, Johnson,
Geht der Weg zu diesem Golde
Nur über meinen Leichnam.

Minnie geht hinter den Schenktisch, holt dort zwei Revolver und legt sie auf das Goldfass. Johnson reicht ihr die Hand, in die sie einschlägt.

JOHNSON
Seid unbesorgt - Niemand wagt es!
mit einer leidenschaftlichen Bewegung
Wenn Ihr so redet,
Dann lausch' ich Euch gar zu gern!
Doch nun muss ich weiter. Ich hätt' Euch
Gerne noch begleitet bis hinauf in Eure Hütte
Und Euch dort Lebewohl gesagt...
geht zu einem Stuhl rechts und holt seine darauf liegende Jacke und Hut

MINNIE
trübselig
So müsst Ihr wirklich gehen?
Ach, wie schade! -
Johnson geht zum Pharaotisch, um den Sattel zu holen. Minnie nimmt die von Nick zurückgelassene brennende Laterne und tritt zu Johnson
Die Goldgräber werden bald zurück sein.
Sobald sie hier sind, geh' ich
Nach Hause... Wenn Ihr wollt,
Könnt Ihr mich dort besuchen,
Dann setzen wir uns ans Feuer
Und führen das Gespräch fort.

JOHNSON
Danke, Minnie.
zögernd, dann sich entschliessend
Ich komme.
nimmt Laterne, Jacke, Sattel, Hut und geht langsam dem Ausgang zu

MINNIE
scherzend, und zugleich traurig
Ihr müsst nicht viel erwarten.
anmutig
Ich habe nur für dreissig Dollar Bildung -
Hätt' ich mehr gelernt, was könnt' ich
Dann wohl sein? Was glaubt Ihr?
sie zwingt sich zu lachen, aber ihre Augen schwellen von Tränen an

JOHNSON
bewegt und gleich als phantasierte er, während er Laterne, Sattel, Jacke, Hut wieder auf den Pharaotisch legt
Was wir beide jetzt wohl sein könnten!
Ja, das versteh' ich, nun ich Euch betrachte,
Minnie!

MINNIE
sich eine Träne abwischend
Wahrhaftig? - Doch was hilft's?
geht wieder zurück, stützt die Arme auf den Schenktisch, verbirgt das Gesicht und schluchzt
Ein armes, dummes Ding nur!

JOHNSON
nähert sich ihr, sagt mit zärtlichem Ausdruck
Nein, Minnie, nur nicht weinen!...
Ihr kennt Euch selbst nicht. Ihr habt
Bei einem edlen, guten und reinen Herzen
Ein engelschönes Angesicht!

Nimmt seinen Sattel, geht mit einer heftigen Bewegung zur Tür, verharrt einen Augenblick horchend, öffnet und eilt hinaus. Nick kommt wieder herein, löscht die Lampe auf dem Schenktisch aus, sieht Minnie an und geht hinter der Treppe ab.

MINNIE
bleibt wie entrückt in der Mitte des dunklen Zimmers stehen. Plötzlich flüstert sie leise, wie im Banne einer berauschenden Erinnerung
Er sagte
kommt nach vorn und bleibt unter der einzigen noch brennenden Lampe stehen, welche ihr von oben grell aufs Gesicht scheint
Wie meint' er doch?...
Ein Engelsangesicht!

Bedeckt ihr Gesicht mit den Händen, und ein langer, klagender Seufzer durchschauert ihren Leib.

ZWEITER AKT
Minnies Wohnung

Sie besteht aus einem einzigen Zimmer und einem darüber befindlichen Söller, auf welchem Koffer, leere Kisten und andere Gegenstände in einer gewissen Ordnung aufgehäuft stehen. Das Zimmer ist im Geschmack der Zeit tapeziert. Hinten in der Mitte eine Tür, die auf einen kleinen Vorraum geht. Rechts und links von der Tür zwei Fenster mit Vorhängen. Auf den Söller gelangt man mittels einer Leiter, die an einem Balken der Decke festgehakt ist.
An der linken Wand ein Bett, dessen Kopfende unter dem durch den Söller gebildeten Innendach steht; es ist bis zur Hälfte bedeckt durch einen geblümten Kattunbaldachin. Zu Füssen des Bettes ein kleiner Tisch, mit Waschbecken und Wasserkrug sowie eine Kommode mit Toilettengegenständen darauf. An einem Seil hängen weisse Strümpfe.
Auf einer Seite, hinten, ein Schrank von Fichtenholz, an dessen Tür ein Knopfholz, mit einem Morgenkleid und einem Schal, befestigt ist. Neben dem Schrank ein niedriger Herd, auf dessen Rauchfang eine alte Pendeluhr, eine Petroleumlampe ohne Glocke, eine Flasche Whisky und ein Glas stehen. Neben dem Herd ein Ständer mit drei Fächern, auf dem Teller, Töpfe, Küchengeräte, Creme, Kuchen und ein Zuckerbehälter stehen. Vor dem Herd ein Bärenfeil. Beinahe vor der Tür, etwas mehr zum Herd hin ein Tisch mit drei Stühlen. Über dem Tisch eine Hängelampe. Zwischen Tisch und Herd ein Schaukelstuhl, der aus einem halbierten alten Fass über zwei halbmondförmigen Brettern gefertigt ist. Hier und da stehen Lederstühle. An den Wänden hängen alte Öldrucke und viele seltsame Gegenstände.

Nur eine Stunde ist seit dem ersten Akt vergangen.
Wowkle hockt am Boden, beim Feuer. In der tragbaren Wiege auf ihrem Rücken liegt ihr Kind. Mit weichlicher, eintöniger Stimme singt sie ihrem Kinde ein Schlaflied, indem sie es auf dem Rücken hin- und herwiegt.


WOWKLE
Kindchen mein ist gross und klein.
Kindchen klein liegt in der Wiege -
Kindchen gross rührt mit dem Finger
Bis an den Mond und braucht keine Stiege.
Hao wari!

Billy klopft an die Tür und tritt ein. Während ihres Zusammenseins bringen die beiden Indianer häufig einen dumpfen, halb nasalen, halb gutturalen Laut hervor, der dem Grunzen ähnelt: "Ugh".

BILLY
eintretend, als Gruss besagten Laut hervorbringend
Ugh!

WOWKLE
Ugh!

Billy sieht die Gläser auf dem Tisch und schickt sich an, zu probieren.

WOWKLE
auf den Tisch weisend
Creme und Kuchen für Fräulein.
Nicht berühren!

Billy sieht das Cremepapier am Boden liegen und hebt es auf.

BILLY
sich mit gleichgültiger Miene neben Wowkle setzend
Dein Fräulein geschickt. Gesagt:
Heiraten Billy...

WOWKLE
teilnahmslos
Wowkle gar nichts wissen...

beide schweigen

BILLY
Was geben wir deinem Vater zur Hochzeit?

WOWKLE
Ich nicht wissen.

BILLY
Billy geben sieben Dollar
Deinem Vater und 'ne Decke...
leckt sich die Finger

WOWKLE
Wowkle sagen: Decke behalten
Für unsern kleinen Buben...

BILLY
sich brüstend
Unser Bube!
gibt Wowkle ein Stückchen Papier mit Creme, das sie gierig ableckt. Dann zündet er sich die Pfeife an und reicht sie Wowkle, die einen Zug tut und sie dann wiedergibt
Kirche morgen singen:
"Gleich einem Halm ist das Dasein,

Wowkle erkennt die Melodie und schmiegt sich mit einem Grunzen der Genugtuung an Billy, Schulter an Schulter. Dann singt auch sie, mit etwas nasaler Stimme und sich mit ihm zusammen hin- und herwiegend.

BEIDE
Das uns der Herr verliehn;
Wenn erst der Winter gekommen,
Wird uns das Leben fliehn!"
Nach der Trauung viel Perlen und Whisky.
Billy zieht ein Taschentuch aus der Tasche, faltet es, zeigt es Wowkle und legt es in die Wiege.
Ugh!

Minnie erscheint in der Tür; während sie über die Schwelle tritt, hält sie eine Laterne hoch, die dem Indianerpaar grell ins Gesicht scheint. Sie hat einen roten Mantel an.

WOWLKE
steht auf
Das ist Fräulein!
die beiden Indianer treten verlegen zur Seite

MINNIE
tritt vollends ein und kann einer gewissen inneren Erregung kaum Meister werden. Sie lässt ihre Blicke ringsumher schweifen, wie um zu sehen, welchen Eindruck ihre Wohnung auf Johnson machen wird. Dann sagt sie hastig, nachdem sie die Laterne auf den Tisch gestellt hat
Billy, wann ist die Trauung?

BILLY
Morgen...

MINNIE
Gut... Nun geh' nur!

Billy ab. Wowkle hat die Flamme der Tischlampe hochgedreht

MINNIE
zu Wowkle
Heute abend, Wowkle, Essen für zwei.

WOWKLE
Noch jemand kommen?
Ugh! Das war noch nie...

MINNIE
hängt ihren Mantel am Kleiderrechen auf
Schweig'. . . und mach' Ordnung.

Wowkle nimmt die Laterne vom Tisch und hängt sie im Vorraum, zwischen den zwei Türen im Hintergrund, auf.

MINNIE
Wie spät ist es? - Er wird bald hier sein!
zieht sich die Stiefel aus und wirft sie Wowkle zu, welche sie aufhebt und in den Schrank stellt
Weg damit!
Sag, wo sind denn meine roten Rosen?

WOWKLE
auf die Kommode weisend und den gewohnten Grunzlaut hervorbringend
Ugh!...
nimmt die Wiege mit dem Kind vom Rücken, stellt sie neben das Feuer und beginnt den Tisch zu decken

MINNIE
Dem Kinde geht es gut? -
Hat Billy dir wirklich gesagt?

WOWKLE
Wollen heiraten.

MINNIE
Wowkle ein Band zuwerfend
Da, fürs Kind!

WOWKLE
legt das Band beiseite und fährt fort, Ordnung zu machen
Ugh! Ugh!

MINNIE
hat ein Paar weisse Schuhe aus der Kommode genommen
Ich möchte diese hier anziehn,
Die Schuhe von Monterey.
setzt sich auf die Erde und beginnt, einen der weissen Schuhe anzuziehen
Doch sie anzukriegen
Ist gar nicht so einfach...
alsbald hat sie einen Schuh mit Mühe angezogen
Au! - Wie eng sie sind! Viel zu enge!
nun hat sie sich auch den anderen Schuh angezogen, steht auf und geht etwas hinkend herum
Sieh doch mal, sieh doch
geht zur Kommode, mit fröhlicher Miene
All meine besten Sachen
Sollen mich heute schmücken,
Ganz so, als wär's ein Sonntag.
wirft sich den Schal über die Schulter und besieht sich im Spiegel
Bin doch gar nicht so hässlich
tut Kölnisch Wasser ins Taschentuch
Auch Parfum: siehst du?
zieht Handschuhe an
Und Handschuh' . . Seit einem Jahr
Zog ich sie nicht mehr an!
sich nochmals verlegen, aber zufrieden betrachtend und sich an Wowkle wendend
Bin ich auch nicht zu elegant?
draussen wird angeklopft

JOHNSON
draussen
Hallo!
Minnie zuckt zusammen
Hallo! Hallo!

MINNIE
Wowkle, er ist schon da!
Sie sieht die am Seil hängenden Strümpfe und zeigt sie Wowkle mit zorniger Geste. Wowkle reisst sie herunter und steckt sie schleunig in den Schrank rechts. Minnie läuft zur Kommode, besieht sich im Spiegel und ordnet mit fiebernder Hast die Rosen; dann verharrt sie in verlegener Stellung beim Bett.

JOHNSON
erscheint auf der Schwelle mit einer Laterne in der Hand
Hallo!

MINNIE
verschämt
Guten Abend!

JOHNSON
sie beobachtend
Wollt Ihr ausgehn?

MINNIE
ganz und gar verwirrt
Ja … - Nein
Ich weiss es nicht ... Tretet ein ...

JOHNSON
stellt die Laterne auf den Tisch bei der Tür
Wie reizend Ihr ausseht!
schickt sich an, Minnie zu umarmen; dreht sieh um und sieht Wowkle

MINNIE
tritt zurück, zieht die Augenbrauen zusammen

WOWKLE
schliesst die Tür
Ugh!

JOHNSON
zu Minnie
Verzeiht mir...
Ich hatte sie nicht bemerkt...

MINNIE
mit beleidigter Miene
Keine Entschuld'gung, mein Herr!
Spart nur Eure Worte.

JOHNSON
Ihr seid mit gar so hold erschienen...

MINNIE
noch etwas unmutig, sich an die dem Herd zugewandte Seite des Tisches setzend
Das nenn' ich doch allzu hastig vorgehn.

JOHNSON
sich ihr nähernd
Ich bitte um Vergebung

MINNIE
ernst
Fühlt Ihr auch Reue?

JOHNSON
neckisch
Nein!

MINNIE
sitzt gesenkten Hauptes da und sieht ihn nun von unten herauf an; wie sie seinem Blick begegnet, errötet sie. Wowkle löscht Johnsons Laterne aus und stellt sie auf die Erde; dann hockt sie sich vor den Herd.

JOHNSON
Soll ich bleiben?
Minnie winkt bejahend
Danke!
legt den Hut auf den Stuhl bei der Tür, tritt zu Minnie und streckt ihr die Hand entgegen
Lasst es gut sein.
Minnie, nunmehr begütigt, lächelt und reicht ihm die Hand; dann verharrt sie in nachdenklicher Stellung; Johnson setzt sich an den Tisch
Woran denkt Ihr?

MINNIE
Ich will's Euch sagen...
Ihr kamt ja heute abend
Nicht zur "Polka" für mich...
Was konnt' Euch also dorthin führen?
Sollt' es wahr sein,
Dass Ihr den Weg verfehltet...
Den Weg zur Micheltorena?...
Johnson versucht, über den Tisch hinüber ihre Hände zu ergreifen, wie um das Gespräch abzulenken; Minnie Steht auf und geht zur Seite
Wowkle, den Kaffee!

JOHNSON
sich im Zimmer umschauend
Welch ein niedliches Zimmer!

MINNIE
Gefällt's Euch?

JOHNSON
Hier redet alles von Euch nur.
Wie seltsam dieses Leben
Hier auf dem Berge, so ganz
Von der Welt abgeschlossen!

Wowkle hat den Kaffee zubereitet und stellt ihn auf den Tisch.

MINNIE
fröhlich
Oh, wenn Ihr wüsstet,
Wie das Leben hier schön ist!
Ich hab' hier ein kleines Pony,
Das mich im Galopp umherträgt
Dort unten in den Feldern,
Durch Wiesen und durch Auen
Voll Blumen aller Arten,
Über Gräben, über Bäche,
Deren Ränder hold
Duften von Jasminen und Vanillen!
Dann kehr ich wieder hierher zurück
Zu meinen Bergen,
Die dem Himmel so nah sind.
Dass Gottes Hand
Sich scheinbar über Euch breitet -
So hoch und so fern von der Erde
Dass man klopfen möchte
An die Pforte des Himmels
Und der irdischen Dinge nicht gedenk,
In den Himmel möcht hinein!

JOHNSON
aufmerksam, verwundert, gefesselt
Wenn aber Schneestürme wüten?

MINNIE
Oh, dann bin ich beschäftigt.
Dann ist die Akademie auf...

JOHNSON
Die Akademie?

MINNIE
lachend
Das heisst
Die Schule unserer Goldgräber.

JOHNSON
Und wer unterrichtet?

MINNIE
sich wieder hinsetzend
Ich selbst.
Johnson sieht sie bewundernd an. Minnie bietet die süsse Speise an
Etwas Kuchen mit Creme?

JOHNSON
sich bedienend
Danke... Lest Ihr gern Bücher?

MINNIE
Oh, ja!

JOHNSON
Ich will Euch welche senden.

Wowkle hängt sich die tragbare Wiege mit dem Kind wieder auf den Rücken.

MINNIE
Ach, danke … danke!
Vielleicht Liebesgeschichten?

JOHNSON
Wenn Ihr wünscht.
Die gefall'n Euch wohl?

MINNIE
Ja! - Sehr sogar!
leidenschaftlich
Für mich ist Liebe etwas ganz Unendliches!
Nie werd' ich fassen können,
Wie's nur sein mag, dass jemand
Ein geliebtes Wesen begehren kann
Für 'ne einzige Stunde...

JOHNSON
Ich glaube, da habt Ihr Unrecht.
Denn es gibt Frauen in unserem Leben,
Die möchte man nur für 'ne Stunde
Besitzen und dann sterben!

MINNIE
neckisch, sich über ihn beugend
Wahrhaftig? - Nun, wie oft
Seid Ihr gestorben?
ihm eine Zigarre anbietend
Eine von unsern Havannas?
zu Wowkle
Die Kerze!
Wowkle bringt eine Kerze für Johnson, der seine Zigarre daran anzündet; dann geht Johnson zu Minnie und versucht, sie zu umarmen. Minnie entschlüpft ihm
Geht, Ihr zerdrückt mir meine Rosen.

JOHNSON
Warum nehmt Ihr sie nicht ab?
versucht Minnie zu umfangen
Ein Kuss nur, ein einz'ger, sei mir gewährt!

MINNIE
sich mit sanfter Gewalt losmachend
Wenn man manch einem nur 'nen Finger
Gibt, so nimmt er gleich die Hand!

JOHNSON
Der Mund verweigert,
Was das Herz gewährt.

MINNIE
allmählich seinem Banne verfallend, nimmt sich die Rosen ab und legt sie nebst den Handschuhen in die Kommode
Wowkle, geh heim!
liebenswürdig, zu Johnson
Ihr bleibt nur hier, 'ne Stunde ... zwei...
Noch mehr...

Johnson stösst einen kleinen Freudenschrei aus. Wowkle wickelt sich brummend in die Decke ein und geht zur Tür.

WOWKLE
die Tür öffnend
Ugh ... Schnee...

MINNIE
erregt
Geh! Und leg dich ins Heu!

WOWKLE
Ugh! Ugh! Schnee!
geht und schliesst die Tür hinter sich

JOHNSON
mit offenen Armen zu Minnie
Ich flehe um einen Kuss!

MINNIE
Sei's denn! Für dich!
wirft sich an seine Brust

Die Tür geht auf und schlägt mehrmals heftig. Alles bewegt sieh unter dem ungestümen Hereinwehen des Windes. Schneeflocken dringen ins Zimmer. Minnie und Johnson halten sich umarmt und küssen sich leidenschaftlich, alles um sich her vergessend. Die Tür schliesst sich von selbst wieder. Alles wird ruhig. Von draussen her hört man noch einige Windstösse

JOHNSON
bewegt
Minnie! Welch holder Name!

MINNIE
Er gefällt dir?

JOHNSON
Sehr! Ich liebe dich,
Seit ich dich kenne...
fühlt sich plötzlich wie von einem Schauer überlaufen und tritt etwas weg von Minnie; dann sagt er, sich gleichsam bemeisternd
Ach nein, sieh mich nicht an,
Hör mich nicht an!
Minnie, es ist ein Traum nur.

MINNIE
ohne ihn zu verstehen, demütig
Weshalb redest du so?
Ich bin ein einfältig Mädchen -
Das weiss ich. Doch als ich dir
Begegnete, sagte ich mir:
Der ist vollkommen, der kann mich lehren,
Und will er mich, so werde ich sein.

JOHNSON
mit plötzlichem Entschluss
Oh, du sei gesegnet! Leb wohl!
küsst Minnie, eilt zur Tür und öffnet
Es schneit!
ein Windstoss dringt ins Zimmer. Johnson schliesst die Tür. Die Ruhe kehrt wieder. Minnie eilt ans Fenster, zieht Johnson mit sich und lüftet die Vorhänge.

MINNIE
Sieh nur! Der ganze Berg
Ist weiss, der Saumpfad verschneit -
Du kannst nicht gehn!

JOHNSON
sehr erregt
Ich muss!

MINNIE
Weshalb? Morgen macht man
Den Weg dir frei - das ist Schicksal!
Bleib hier!
draussen fallen kurz hintereinander drei Schüsse

JOHNSON
Horch!

MINNIE
Horch! Vielleicht ein Bandit! Vielleicht
Ramerrez! Was geht das uns an?

JOHNSON
erschauernd, düster
Was das uns angeht?
stürzt nochmals zum Ausgang

MINNIE
aufgeregt
Bleibe! Es ist dein Schicksal.

JOHNSON
Ja denn! Aber ich schwör' dir,
Ich lasse dich nimmermehr,
Ich klamm're mich an dich an,
Herz auf Herz, fest an dich!

JOHNSON und MINNIE
Holdes Leben! Holder Tod!
Wir sind auf ewig eins!

JOHNSON
Küsse die Lippen mir rein
Mit deinem Kusse!

MINNIE
Mache mich deiner würdig, mein Lieb!

JOHNSON
liebeglühend, drängend
Dies brennende Sehnen - was mag es sein?
Mir schwindelt, Lieb.. . Gehöre mir an!

JOHNSON und MINNIE
Fürs ganze Leben!
in schmachtender Begierde lechzt er nach ihr und zieht sie zu sich heran

JOHNSON
Minnie! Minnie!

MINNIE
sich ohne Widerstreben losmachend
Ich träumte - und plauderte gerne
Weiter! Doch ich meine,
Wir wünschen uns gute Nacht...
Johnson schüttelt traurig den Kopf, beherrscht sich. Minnie weist ihm das Bett
Dort ist dein Bette...
Ich lege mich an den Herd.

JOHNSON
sich widersetzend
Das wär' schön!

MINNIE
sofort entgegnend
Ich bin daran gewöhnt.
Gar manche Nacht schon,
Bei allzu strenger Kälte,
Legt' ich mich nieder
Auf jenes warme Bärenfell
Und schlief dort ein.

Minnie holt aus dem Schrank eine Decke und ein Kissen, legt sie auf das Bärenfell am Herd, dreht die über dem Tisch hängende Lampe klein, wobei sie auf einen Stuhl steigt, um daran reichen zu können. Sie geht hinter den Kleiderschrank, zieht sich aus bis aufs lange weisse Hemd und bedeckt dieses dann mit einem weiten, bunten Schlafmantel.
Johnson hat Mantel und Hut aufs Bett geworfen, zieht den Revolver aus dem Futteral, lädt ihn und legt ihn auf das Kissen, geht zum Fenster. Er zieht die Vorhänge zu und will sich aufs Bett werfen, als Minnie wieder sichtbar wird.


MINNIE
Nun kannst du mit mir plaudern...
Drüben von deinem Bett aus.

JOHNSON
wirft ihr mit der Hand einen Kuss zu
Sei gesegnet!

Johnson schickt sich an, sich aufs Bett zu werfen, doch dann nähert er sich horchend dem Ausgang. Minnie, nachdem sie dir Kissen zurechtgelegt und die Indianerpantoffeln angezogen, kniet nieder und betet. Draussen Wind und ferne, heulend klingende Rufe. Minnie wickelt sich in die Decke und legt sich nieder. Draussen wieder heulende Rufe und Wind.

JOHNSON
leise
Was mag das sein?

MINNIE
leise
Das ist Schneegestöber...

JOHBSON
leise
's ist, als ob jemand riefe...

MINNIE
leise
's ist der Wind,
Der durch die Zweige pfeift

JOHNSON
kehrt zum Bett zurück und wirft sich darauf

MINNIE
sich ein wenig erhebend
Sage mir deinen Namen.

JOHNSON
Richard.

MINNIE
Für immer Richard!

JOHNSON
Für immer!

MINNIE
Warst du niemals bekannt
Mit Nina Micheltorena?

JOHNSON
Niemals!

MINNIE
Gute Nacht!

JOHNSON
Gute Nacht!

NICK
von draussen
Hallo!

JOHNSON
leise
Da ruft jemand...

Während der ganzen Szene wird der Wind bald stossweise stärker, bald wieder schwächer. Minnie steht auf, wirft die Kissen in den Schrank und nähert sich dem Ausgang.

NICK
an die Tür klopfend
Hallo!

MINNIE
Wer mag's sein?

JOHNSON
steht auf, öffnet die Bettvorhänge und ergreift den Revolver
Nicht antworten!
geht, den Revolver gefasst haltend, vor
Schweig!

MINNIE
leise
Dass dich niemand hört!
Jack Rance ist eifersüchtig.

SONORA
von draussen
Hallo!

NICK
von draussen
Hallo! - Minnie,
Man hat Ramerrez auf dem Pfade gesehn!

MINNIE
Kommt man mir zu Hilfe?

Sie drängt Johnson wider seinen Willen hinter die Bettvorhänge, um ihn zu verstecken, dann macht sie die Tür auf. Rance, Nick, Ashby, Sonora treten ein. Rance hat hohe Stiefel an und trägt einen eleganten Überzieher. Sonora hat einen zottigen Büffelmantel an. Ashby trägt einen Überzieher über dem Anzug, den er vorher anhatte. Nick hat die Beine mit wollenen Lappen umwickelt, die einer alten Decke entnommen sind. Nick und Ashby tragen Laternen. Sie sind mit Schnee bedeckt. Rance geht dem Tische zu, Nick und Ashby folgen ihm, Sonora steht beim Herd.

SONORA
Du bist gerettet!
Ich zitt're an allen Gliedern.

NICK
'ne schöne Angst
Haben wir da ausgestanden!

MINNIE
neugierig
Wieso? Wieso?

ASHBY
Man fürchtete für dich...

MINNIE
neugierig
Für mich?

ASHBY
Euer Mister Johnson

NICK
Der Fremde...

RANCE
mit giftiger Schadenfreude
Dein Tänzer war kein anderer als Ramerrez!
dreht die Hängelampe über dem Tisch höher

MINNIE
furchtbar betroffen
Was sagt ihr?
Was sagt ihr?

RANCE
jedes Wort betonend
Wir haben gesagt,
Dass dein trefflicher Herr Johnson
Aus Sacramento
Ein gemeiner Strassenräuber ist.

MINNIE
mit wachsendem Schrecken, sich empörend
Ha! Das ist nicht wahr!
Das kann ja nicht sein!

RANCE
Merk dir's,. . . dass du nicht jedem
Trauest ein ander Mal!

MINNIE
ausbrechend
Es ist nicht möglich!
Ihr belügt mich!

ASHBY
In die "Polka", heute abend,
Kam er nur, um zu stehlen,

MINNIE
Doch stahl er nichts!

SONORA
nachdenkend
Er hat nicht gestohlen,
Das ist wahr, … doch er hätt' es gekonnt!

RANCE
Nick hat gesagt, dass Sid ihn gesehn hat,
Hier den Saumpfad entlanggehn.
in gebieterischem Ton
Stimmt das, Nick?

NICK
Minnie sieht ihn fest an. Nick wird verlegen
Jawohl...

RANCE
Hier ist die Spur zu Ende.
Du sahst ihn nicht.,.
Minnie fest anschauend
Wo kann er nur hin sein?

NICK
den Rest einer Zigarre am Boden liegen sehend, für sich
Eine von unsern Havannas! Er ist hier!
Minnie blickt ihn fest an

NICK
laut, mit Nachdruck
Es war wohl ein Irrtum.
Der Sid ist ja ein Schwindler!

MINNIE
hochmütig
Doch wer hat euch gesagt,
Der Bandit sei Johnson?!

RANCE
sie anblickend
Sein Mädchen!

MINNIE
hastig einfallend
Sein Mädchen? Wer?

RANCE
hämisch lächelnd
Nina.

MINNIE
schnell
Nina Michelorena? Die kennt ihn?

RANCE
höhnisch
Ist ja sein Mädel!
Als wir merkten, dass man uns beschwindelte,
Machten wir Castro zum Gefangenen,
Um dann den Weg nach den "Palmen"
Einzuschlagen. Dort erwartete man uns schon,
Nina war da und gab uns
Ein Bild von deinem Johnson. Schau her!
zeigt Minnie das Bild

MINNIE
laut auflachend
Ha! Ha! Ha!

RANCE
Worüber lachst du?

MINNIE
das Bild zurückgebend
Oh, über nichts, über nichts.
mit bitterem Hohn
'ne feine Gesellschaft
Hat er sich da ausgesucht. - Nina.

RANCE
Nun merke dir's!

MINNIE
Es ist spät, Gesellen ... Gute Nacht!

SONORA
sanft
Wir lassen Euch schlafen.

MINNIE
Danke. Jetzt bin ich ruhig.

ASHBY
So gehn wir.
alle gehen

NICK
zu Minnie
Wenn Ihr wollt, bleib' ich hier.

MINNIE
Nein. Gute Nacht!

ASHBY
im Hinausgehen
Gute Nacht!
alle ab

MINNIE
mit tiefer Verachtung, Johnson zugewandt
Komm heraus, komm heraus!

Johnson wird zwischen den Vorhängen sichtbar; er ist ganz niedergebrochen.

MINNIE
Du kamst, um zu stehlen!

JOHNSON
Nein!

MINNIE
Du lügst!

JOHNSON
Nein!

MINNIE
Ja!

JOHNSON
Alles ist gegen mich, dennoch...

MINNIE
Genug! Wozu kamst du,
Wenn nicht um zu stehlen?

JOHNSON
entschlossen, an Minnie herantretend
Doch als ich Euch gesehen.

MINNIE
ihn mit schroffer Geste zurückhaltend
Zurück! Komm mir nicht zu nahe,
Sonst ruf ich um Hilfe.
Ein Bandit! Ein Bandit!
höhnisch
Ha, ha! Das traf ich herrlich. Ein Bandit!
entrüstet, heftig
Mach dich fort! Hinaus! Geh doch! Geh!
geht zur Tür, um sie zu öffnen, aber Johnson hält sie durch eine Geste zurück

JOHNSON
Gestattet mir ein Wort nur!
Nicht zur Verteidigung! Nein!
Dass ich verdammt bin, weiss ich selbst.
Minnie geht langsam zum Tisch, lässt sich wie gebrochen auf einen Stuhl fallen und verbirgt ihr Antlitz in den Armen, die sie auf den Tisch stützt
Doch hätt' ich Euch nie bestohlen!
Ich bin Ramerrez, bin als Strolch geboren.
Mein Name war der eines Diebs,
Seitdem ich auf der Welt bin.
Doch bis mein Vater starb,
Wusste ich von nichts.
Nun sind es sechs Monate,
Dass mein Vater tot ist.
So erfuhr ich alles!
Unsrer Familie blieb
Als einzige Habe, am Tag
Nach dem Tode, das Erbe des Vaters:
Eine Bande von Strassenräubern!
traurig
Ich ward ihr Führer. Das war ja
Doch einmal mein Schicksal!
Dann aber lernt ich Euch kennen
Und seitdem sann ich drauf,
Mit Euch zu fliehen weit in die Ferne;
Ein anderer zu werden in einem Leben
Voller Arbeit und Liebe.
Und täglich seufzten meine Lippen
Ein glühend Gebet: O Gott, gib,
Dass sie niemals erfahre meine Schmach!
Weh mir, weh!
Mein Seufzen war vergebens.
Nichts mehr hab' ich zu sagen.

MINNIE
bewegt, ohne Härte
Dass ein Räuber Ihr wurdet,
Das möge Euch Gott verzeihn.
mit grosser Bitterkeit
Doch Ihr nahmt Euch meinen Kuss,
Meinen ersten Kuss -
Und ich glaubte, Ihr wärt mein,
Ganz allein nur mein.
Nun geht doch, geht! Man wird Euch
Töten. Mir soll's gleich sein.
sie sagt diese Worte mechanisch, während sie verstört aufsteht und sich zu bemeistern versucht

JOHNSON
verzweifelt, fest entschlossen, waffenlos, öffnet die Tür, bereit zum Opfer wie zu einem Selbstmord
Lebt wohl!

MINNIE
trocknet sich die Tränen
Es ist zu Ende!
draussen fällt ein Revolverschuss

MINNIE
horchend
Er ist getroffen.
mit äusserster Gewalt ihrer selbst Herr bleibend
Was kümmert's mich?

Sie geht zur Tür und wieder zurück, ruhelos, geht zur Kommode, bricht in Tränen aus, den Kopf auf die Arme zurücklehnend.
Man hört Johnson an der Tür hinfallen, die durch den Fall erschüttert wird. Minnie geht eilig öffnen


JOHNSON
mit erstickter Stimme
Macht die Türe nicht zu
Minnie zieht ihn zu sich heran und hilft ihm, herein zukommen
Ich muss fort.
widerstrebend
Nein!

MINNIE
Komm doch!

JOHNSON
widerstrebend
Nein!

MINNIE
Komm herein!

JOHNSON
Macht die Türe nicht zu..
Ich will hinaus!

MINNIE
Komm doch!

JOHNSON
Nein!

MINNIE
Komm!

JOHNSON
Nein!

MINNIE
ihn verzweifelt hereinschleppend
Bleib hier! Du blutest. Versteck dich hier!
schliesst die Tür

JOHNSON
Nein!

MINNIE
mit Schrecken
Du bist verwundet!
Verstecke dich! Versteck dich doch!

JOHNSON
Macht die Türe auf!
Ich will, ich will hinaus.

MINNIE
angstvoll erregt:
Ich liebe dich, ach bleibe!
Du bist der erste Mann,
Den ich geküsst hab'.
Du . . darfst nicht sterben.
steigt auf einen Stuhl, löst die Leiter vom Haken und lässt sie zu Boden fallen
Da, schnell,
hilft ihm hinaufklettern
Hurtig!

JOHNSON
widerstrebend
Nein!

MINNIE
Auf, rette dich

JOHNSON
beinahe ohnmächtig
Ich kann ja nicht.

MINNIE
Nur die paar Stufen noch!
Später flieh' ich dann mit dir!

JOHNSON
Ich kann nicht mehr...

MINNIE
hilft ihm immer wieder
Es geht...
Du kannst... Du musst's.. . Nur Mut!
Auf, mein Lieb, mein alles! So!

Johnson, auf dem Söller angelangt, lässt sich gebrochen niederfallen. Da wird draussen heftig angeklopft. Minnie steigt herunter, hakt hastig die Leiter hoch und geht öffnen. Rance kommt vorsichtig herein und spürt mit vorgehaltener Pistole in allen Ecken herum.

MINNIE
Was gibt es Neues, Jack?

RANCE
sich zu ihr wendend, streng und gebieterisch
Ich bin kein Jack.
Ich bin der Sheriff
Und such deinen Teufel von Johnson.
Ich verfolgte die Spur:
Der Kerl steckt hier bei dir!

MINNIE
schroff
Ah! Ihr werdet mir langweilig,
Mensch, mit Eurem Ramerrez!

Rance geht mit vorgehaltener Pistole zum Bett.

RANCE
Da ist er! - Nein!
ungeduldig werdend
Ihn traf meine Kugel,
Des bin ich sicher!
Er konnte nicht fliehen,
Kann nirgends als hier sein.

MINNIE
immer schroffer
Nun, Ihr könnt ihn ja suchen.
Durchstöbert nur alle Winkel,
Und wenn Ihr fertig seid,
Dann schert Euch ein für allemal hinaus!

RANCE
plötzlich zusammenzuckend, senkt die Pistole
Schwörst du mir, dass er nicht hier ist?

MINNIE
höhnisch, aufreizend
Weshalb wollt Ihr denn nicht weitersuchen?

RANCE
sieht sich um, sieht Minnie an, steckt die Pistole in die Tasche, nimmt Mantel und Mütze ab und legt sie auf einen Stuhl beim Tisch
Möglich ist es, dass ich ihn fehlte
sich plötzlich mit Ungestüm an Minnie wendend
Doch sag mir nur das eine:
Dass du den Kerl nicht liebst.

MINNIE
verächtlich
Seid Ihr von Sinnen?

RANCE
an sie herantretend, bleich, bebend
Von Sinnen bin ich vor Begierde!
umfasst sie mit Gewalt, versucht sie zu küssen
Ich muss dich haben!

MINNIE
sich losmachend
Halunke!

RANCE
sie verfolgend
Dich küssen!

MINNIE
Halunke! Geh!
ergreift eine Flasche und schwingt sie ihm drohend über dem Kopf
Scher dich hinaus, Canaille!

RANCE
weicht zurück, Minnie drängt ihn dem Ausgang zu. Rance in drohender Haltung sich unter den Söller stellend
Du liebst ihn und willst dich ihm bewahren.
Ich gehe - doch er soll dich nicht haben:
Das schwör' ich dir!
streckt die Hand drohend gegen Minnie aus. Da fällt ein Blutstropfen vom Söller herab auf seine Hand. Er hält betroffen inne.
Ei, was ist das?
Ein Blutstropfen auf meiner Hand...

MINNIE
mit bebender Stimme
Vielleicht hab' ich Euch gekratzt...

RANCE
Nein! Kein Kratz ist zu sehn...
wischt sich die Hand mit demTaschentuch ab, auf das nun noch mehr Blutstropfen vom Söller herabfallen
Sieh doch! Schon wieder Blut!
nach dem Söller hinaufblickend, und dann mit einem Schrei der Freude und des Hasses sich gleichsam hinaufstürzend
Da steckt er! Da!

MINNIE
Nein, nein!
sich Rance mit aller Kraft widersetzend
Nein, ich will nicht!

RANCE
versucht sich von Minnies Griff loszumachen
Lass mich!

MINNIE
Beim Himmel, nein! Ich will nicht!

Minnie klammert sich gewaltsam an Rance; dieser macht sich roh von Minnies Umklammerung frei und wirft sie zu Boden. Johnson, auf dem Söller, schleppt sich bis zur Falltür und verfolgt mit schreckensbleichem Antlitz den Auftritt zwischen Minnie und Rance.

RANCE
gebieterisch, zum Söller gewandt
Kommt herunter, Herr Johnson!

MINNIE
verzweifelt, flehentlich
Halter ein! Er kann nicht....
Ihr seht's, er kann nicht stehen!

Rance steigt auf einen Stuhl, zieht die Leiter vom Söller herunter und stellt sich, die Pistole vorhaltend, mit der Front gegen die Sölleröffnung hin.
Johnson beginnt mit äusserster Anstrengung herunterzusteigen. Er ist bleich und leidet sehr, aber sein Antlitz ist trotzig.


RANCE
ungeduldig
Bei Gott, komm herunter...

MINNIE
ganz verwirrt, flehentlich
Geduld, Rance, eine einz'ge Minute!

RANCE
Geduld? Und warum?
laut lachend
Ha, ha, welch eine Wandlung!

Johnson ist mit Hilfe Minnies die letzten Stufen herabgestiegen und schleppt sich zum Tisch.

RANCE
Wollt Ihr jetzt noch Eure Partie
Karten spielen mit mir,
mein Herr von Sacramento?
Ihr dürft entscheiden auf Strang oder Pistole...

Johnson lässt sich schwer auf den Stuhl niederfallen, stützt die Ellbogen auf den Tisch und lässt den Kopf darauf sinken; er ist ohnmächtig.

MINNIE
heftig, ausser sich
Teufelsmensch, seht Ihr denn nicht,
dass er schon in Ohnmacht liegt?
Er hört nicht mehr, was Ihr plappert.
drückt verzweifelt die Hände gegen die Schläfen wie um eine Eingebung zu suchen; dann tritt sie zu Rance und sieht ihm fest in die Augen, während sie mit trockener und erregter Stimme sagt
Wir wollen uns verständigen,
Ein für allemal! Wer seid Ihr, Jack Rance?
Ein Spieler seid Ihr. - Und Johnson?
Ein Bandit. - Ich?
Ich führ 'ne Schenk und 'ne Spielhöll,
lebe vom Gold und vom Whisky.
Keiner ist besser. Alles Banditen und Spieler!
Ihr wünschet heute Abend
Eine Antwort auf Euer Begehren...
Hört denn meinen Vorschlag!

RANCE
Nun, lass hören!

MINNIE
keuchend
Ich biet Euch
Den Mann dort und mich selber!
Wir spielen Poker! Wenn Ihr gewinnt,
Nehmt Ihr Euch den wunden
Mann da und mich … Gewinn aber ich -
Darauf will ich Euer Wort -
Dann ist der Mann da mein für immer!

RANCE
Wie du ihn liebst! Wohlan denn,
Ich spiel mit dir!

MINNIE
Euer Ehrenwort?

RANCE
Im Spiel bin stets ich ein Gentleman.
Doch, bei Gott, ich glühe
Und brenne vor lauter Begierde nach dir!
Wenn ich gewinne, wirst du mein.
setzt sich an den Tisch, wirft das Tischtuch auf den Boden, zieht ein Kartenspiel aus der Rocktasche und beginnt zu mischen

MINNIE
tritt mit dem Gefühl des Widerwillens zurück, geht zum Schrank, macht sich dort zu schaffen
Einen Augenblick noch!

RANCE
ungeduldig
Worauf wartest du?

MINNIE
Ich such' ein neues Kartenspiel.

Man sieht, wie sie heimlich etwas in ihren Strumpf steckt. Sie kommt vor, geht zum Tisch und legt ihr Kartenspiel darauf. Rance legt seine Karten beiseite, nimmt die Karten Minnies, mischt sie, hebt eine ab und gibt Minnie ein Zeichen, das gleiche zu tun, um zu sehen, wer zuerst geben soll. Das Schicksal begünstigt Rance.

MINNIE
Ich bin so aufgeregt!
Entschuldigt mich! Es ist furchtbar,
Zu denken, dass von der Partie
Poker ein Menschenleben abhängt.
setzt sich Rance gegenüber an den Tisch
Seid Ihr bereit?

RANCE
Ei, freilich bin ich's. Heb ab.

Sie spielen.

MINNIE
Zwei Runden auf drei.

RANCE
gibt die Karten aus
Wieviel?

MINNIE
Zwei.

RANCE
Was hat er an sich,
Dass du ihn so liebst?

MINNIE
Was findet Ihr an mir?
die beiden sehen mit Spannung ihre Karten an
Was habt Ihr?

RANCE
Ich König.

MINNIE
Ich König.

RANCE
Bube.

MINNIE
Dame.

RANCE
Du hast gewonnen.
Nun die zweite Runde!

Minnie nimmt die Karten, mischt sie, lässt Rance abheben und gibt dann.

MINNIE
Wie viele?

RANCE
Eine!

Minnie gibt Rance eine Karte, sieht sich die eigenen an und nimmt fünf Karten.

MINNIE
indem sie Rance Karten gibt
Zwei

RANCE
seine Karten aufdeckend
Zwei As und ein Paar!

MINNIE
zeigt ihre Karten und sagt mit erlöschender Stimme
Nichts!

RANCE
mit Freude
Gleich! Beide gleich! Hurra!

MINNIE
Nun wird sich's entscheiden…

RANCE
Ja.
mischt die Karten und lässt dann Minnie abheben
Heb' ab!

MINNIE
versucht ihn zu begütigen, während sie abhebt
Rance, ich bedaure die heftigen Worte.

RANCE
erregt
Mustere!

Minnie scheidet zwei Karten aus, Rance gibt ihr zwei neue und nimmt drei für sich.

MINNIE
Ich hab' stets gut von Euch gedacht,
Jack Rance, und werd's immer tun.

RANCE
siegesgewiss
Ich denke nur das eine:
Bald liegst du in meinen Armen!
die beiden sehen ihre Karten an, Rance jubelt
Drei Könige! Siehst du: ich gewinne!

MINNIE
tut so, als ob sie einer Ohnmacht nahe wäre
Schnell, Jack, mir ist nicht wohl!
Gebt mir schnell was zu trinken!

RANCE
in zuvorkommender Weise aufstehend
Was soll ich Euch geben?

MINNIE
auf den Speiseschrank zeigend
Da!

RANCE
Ja so! Die Flasche ... Weiss schon.
zum Speiseschrank gehend
Aber wo ist das Glas?

MINNIE
Schnell, Jack, um alles in der Welt!

Sie benutzt den Augenblick, um die Karten umzutauschen, sie steckt die richtigen in ihr Mieder und holt die anderen aus ihrem Strumpf hervor.

RANCE
giesst Wasser ins Glas und nähert sich Minnie:
Ich weiss, warum dir schlecht wird:
Du hast verloren!

MINNIE
steht triumphierend auf
Ihr irrt Euch.
Es war die Freude -
Ich hab' gewonnen: ein Paar und drei Asse!

RANCE
sieht Minnies Karten an und sagt dann kalt
Gute Nacht!

Rance nimmt Mantel und Hut und geht schnell hinaus.
Kaum ist Rance draussen, wirft Minnie das Kartenspiel in die Luft und lacht krampfhaft auf.


MINNIE
Er ist mein!

Bricht in angstschweres Weinen aus und umarmt Johnsons Haupt.

DRITTER AKT
Im Kalifornischen Urwald

Ein Ausläufer des Urwaldes auf der sanften Neige eines Vorberges der Sierra. Eine freie Stelle inmitten der mächtigen, kerzengeraden Stämme uralter Nadelbäume, die ringsum eine Art riesigen Säulenganges bilden. Im Hintergrund, wo der Wald immer dichter wird, ein Pfad, der sich durch die Stämme schlängelt; hie und da kommen weisse Spitzen hoher Schneeberge zum Vorschein. Auf der Lichtung, die eine Art Biwakplatz der Goldgräber bildet, liegen grosse, umgehauene Stamme umher, die als Bänke dienen; neben einem dieser Stämme brennt ein durch dicke Zweige genährtes Feuer. Die gewaltige Reihe der rotbraunen Stämme verschwimmt bei dem glanzlosen Lichtschimmer des ersten Morgengrauens in einem dichten Nebelschleier. Auf einer Seite ist in den massigen Stamm einer Riesenföhre ein Schrein für Goldgräbergerate gehauen; auf einer anderen Seite steht zwischen Farrenkräutern und niederem Buschwerk, an einem Baumast festgebunden, ein gesatteltes Pferd. Bei ihm liegt Ashby im Schlafe. Zwei andere Pferde, mehr nach hinten, stehen neben zwei schlafenden Männern. Vorne, nahe bei Ashby, schlafen, am Boden liegend, drei andere Männer. Auf der rechten Seite schläft Billy, den Kopf auf einen Baumstamm gestützt. Neben ihm befindet sich ein für die Schlinge zum Lynchen schon herbeigeschaffter Strick.
Rance sitzt links neben dem Feuer, die Kleider in Unordnung, das Antlitz müde und verzerrt, die Haare struppig. Nick sitzt nachdenklich Rance gegenüber. Kein Laut unterbricht die Stille des winterlichen Morgens.


NICK
das Feuer mit der Stiefelspitze anstossend, wie um es zu schüren; leise dumpf
Ich versichre Euch, Sheriff: wie gern
Gäb' ich das Trinkgeld von sieben
Langen Wochen her, wenn ich für eine einz'ge
Zurück könnt'; ich meine,
Als dieser Unheilstifter von einem Johnson
Uns noch mit seiner Gegenwart verschonte!

RANCE
wutknirschend, dumpf
Der verdammte Schurke!
Er schien zu Tode getroffen...
Wenn man denkt, dass er damals,
Als wir draussen in Schnee und Eise froren,
Bei unsrer Minnie war, von ihrem Atem
Erwärmt, von ihr gehätschelt, geküsst...

NICK
tut durch eine Bewegung kund, wie sehr sich sein Gefühl dagegen auflehnt
Oh, Rance!

RANCE
Ein Gauner seiner Art! - Ich hätte
In alle Winde schreien mögen,
Was ich wusste...

NICK
mit höhnischer Zustimmung, aber ruhig
Doch tatet Ihr's nicht.
Da habt Ihr wirklich als Kavalier gehandelt.

RANCE
bitter lächelnd, für sich
Ja, ja!
zu Nick, mit verhaltenem Unwillen
Kannst du mir sagen,
Nick, was unsre Minnie
An diesem Hampelmann findet?

NICK
lächelnd, vorsichtig
Sie muss wohl was dran finden!
mit einem komischen Anflug von Philosophie
Lieb' ist Liebe! Mag sie Hölle sein
Oder Paradies: alles auf dieser Welt
Muss sich verlieben. Nun hat die Stunde
Auch für Minnie geschlagen.

Das Tageslicht erhellt allmählich den Wald. Plötzlich hört man, vom Berg her, fernen, verworrenen Lärm. Ashby erwacht, springt auf und geht nach dem Hintergrunde zu. Auch Rance und Nick stehen auf und gehen nach der Mitte der Lichtung.

FERNE RUFE
Holla! - Holla! - Holla!

ASHBY
nach der Mitte der Lichtung herabsteigend
Hurra, Gesellen, Hurra!
zu Rance
Sheriff, habt Ihr gehört?
Ich wusst' es! Der Bandit ist gefunden!
Für Wells Fargo ist das ein guter Tag!

Die am Boden liegenden Männer erwachen und gehen den Wald hinauf, nach dem Hintergrund und nach den Seiten. Die beiden Reiter erwachen ebenfalls und machen sich zum Aufsitzen bereit. Billy wacht auf, zieht, ohne den anderen die mindeste Beachtung zu schenken, ein Kartenspiel aus der Tasche und beginnt mit Gemütsruhe für sich allein zu spielen, wobei er seine Pfeife raucht.

RUFE
bereits näher
Holla! - Holla! - Holla!

ASHBY
zu Rance
Hört Ihr? - Diesmal sollst du
Mir nicht entwischen, du Räuber!

RANCE
bitter
Ihr habt mehr Glück als ich!

ASHBY
ihn beobachtend und die Augen zu forschendem Blick zusammenkneifend
Seit jener Nacht in der "Polka"
Seid, Sheriff, ihr mir ein Rätsel!

Rance zuckt die Achseln, ohne zu antworten.

RUFE
ganz nahe
Holla! - Holla! - Holla!

Eine Gruppe Männer, der zwei Reiter folgen, kommt im Laufschritt von hinten rechts heran und rennt in umzingelnder Bewegung über die Lichtung. Einige halten grosse Messer und Pistolen in der Faust, andere schwingen Spaten und Stöcke. Sie lärmen alle durcheinander, wie Hunde die ein Wild verfolgen.

ASHBY
ihnen entgegenstürzend
Holla! - Alle Halt!
Potz Kreuz! Die Waffen nieder!

Die Menge der Verfolger bleibt einen Augenblick stehen und dreht sich um bei dem Rufen.

ASHBY
Man fange ihn lebendig!
zu einer anderen Gruppe, die von links kommt
Wo ist er?

DIE VERFOLGER (Goldgräber)
Wir verfolgen ihn.
die Richtung zeigend
Hier entlang! Hier!

ASHBY
Wo denn

DIE VERFOLGER
Hinter dem Berg!
Den Wald hinunter ist schon alles alarmiert!
Bald sind wir zurück! Lebt wohl!

ASHBY
sich aufs Pferd schwingend
Ich komme mit.

DIE VERFOLGER
Hurra! Hurra!

Ashby grüsst Rance und Nick mit der Hand und reitet im Trab hinter den Goldgräbern fort; vier Reiter folgen ihm.

DIE VERFOLGER
Hier lang!

Die Richtung zeigend; sie verschwinden zwischen den Bäumen: Nick und Rance bleiben allein.

RANCE
die Arme in der Richtung nach Minnies Haus erhebend, in ausbrechender Schadenfreude
Nun, Minnie, weine du! Um deinetwillen
Verbracht' ich Unsel'ger die Nächte in Tränen,
Und du verlachtest mich in meinem Elend!
Nun weine du, und ich will deiner spotten.
Der Strang ist fertig, mit dem man ihn lyncht!

Wirft sich rittlings auf den umgehauenen Stamm; sein Gesicht bleibt in hässlichem Lachen verzerrt; einige Goldgräber kommen von rechts gelaufen.

NICK
fragt die, die ihm zunächst sind
Nun? Sagt doch?

EINIGE GOLDGRÄBER
Er ist umzingelt!

ANDERE
Nur vorwärts, vorwärts!

ANDERE
Wir fangen ihn!

Die wütende Menge hat sich entfernt; Nick geht wieder nachdenklich umher und bleibt dann bei dem verschlossen finster sitzenden Rance stehen.

NICK
Nun, Sheriff, hört Ihr die Rufe?

RANCE
ohne ihm zu antworten, in dumpfer Erbitterung zu Boden blickend
Johnson von Sacramento,
Dir ist Satan verbündet!
Wenn sie dich aber dennoch
Fangen und ich nachher
Mein Mütchen nicht an dir kühle,
Darfst du mir ins Gesicht spein,

Von links tritt eine neue lärmende Horde von Männern zu Fuss und zu Pferde auf. Wie sie Rance und Nick erblicken, bleiben sie stehen. Harry und Bello sind vorn.

GOLDGRÄBER
Er entwischt!

RANCE
aufspringend und auf Harry zustürzend
Tod und Teufel!

HARRY
Er ist zu Pferde gestiegen.

RANCE
mitten in die lärmende Schar tretend, schreiend
Wie? Was?

BELLO
keuchend
Bei der Bota
War einer ihm schon nahe...

HARRY
Fast war's um ihn geschehn!

GOLDGRÄBER
Es blieb für ihn kein Ausweg.

ANDERE
Schon hatt' er ihn beim Kragen gepackt...

ANDERE
Da plötzlich,..

RANCE
zu Bello
Erzähl 'doch!

BELLO
Da plötzlich schmeisst der Verfluchte
Mit einem Stoss ihn vom Sattel,
Schwingt sich selbst auf das Pferd,
Gibt ihm die Sporen und saust von dannen!

GOLDGRÄBER
Wells Fargo's Männer
Verfolgen ihn zu Pferde.

ANDERE
Ashby und seine Leute
Sind ihm schon auf den Fersen!

Inzwischen sind noch drei andere Gruppen von links laufend herbeigekommen. Alle beteiligen sich durch Worte oder Gesten an der Erzählung des Zwischenfalls.

ANDERE
Sind schon über den Giessbach!

RUFE
langgezogen, fern
Hurra! - Hurra! - Hurra!

im Hintergrund galoppieren vier Reiter vorüber und verschwinden nach rechts.

GOLDGRÄBER
Welch fürchterliche Hetzjagd!
die Hüte nach den Reitern zu schwenkend
Da seht nur!

RUFE
wie vorher
Hurra! Hurra!

Die vier Reiter galoppieren im Hintergrund wieder vorbei und verschwinden nach links.

GOLDGRÄBER
Vorwärts, Burschen, zur Treibjagd
Alle hinunter ins Tal!

Wollen aufs neue davonjagen, da sehen sie einen herangaloppierenden Reiter und warten auf ihn.

JOE
durch die Bäume zeigend, nach links
Da ist Sonora, seht nur!

SONORA
von ferne
Holla! Holla!

GOLDGRÄBER
Holla! Holla!

Sonora galoppiert heran; Rance greift das Pferd beim Zügel und hält es an; Sonora sitzt ab.

RANCE
Sonora beim Arm fassend
Erzähle!

GOLDGRÄBER
Erzähle!

SONORA
mit ersticktem Schrei
Gefangen!

ALLE
Hurra! Hurra!
alle drängen sich um Sonora, um was zu hören

STIMMEN
Nun, wie war's? - Wo ist's gewesen?
- Hast ihn gesehen? - Sag doch schnell!

RANCE
Berichte!

SONORA
gibt durch ein Zeichen zu erkennen, dass er noch ganz ausser Atem ist
Nun ... ich sah ihn! Bei Gott, er schien
Ein von Hunden gehetzter Wolf.
In kurzem wird er hier sein!

GOLDGRÄBER
Verfluchter Spanier!

RANCE
Minnie, Minnie, es ist aus!

GOLDGRÄBER
Was soll'n wir mit ihm machen?
Der Kerl soll hängen, baumeln!
Soll baumeln hin und her!
die Pistolen hervorziehend und so tuend, als ob sie losschiessen wollten
Und baumelt er dann erst - Puff! Paff! Puff!
Schiessen wir nach der Scheibe!

Springen und tanzen wild umher und singen dabei das Lied:"Dooda, dooda day!"; dann gehen sie nach dem Hintergrunde links zu.

RANCE
Ich bin's nicht gewesen,
Blieb treulich verschwiegen!
All deine Liebe, Minnie,
All deine Pflege umsonst!
Dein holder Schatz wird baumeln,
Baumeln hin und her,
Von Winden angebissen!
setzt sich, gebrochen vor Aufregung, nieder

NICK
tritt an den vorn sitzenden Billy heran und gibt ihm eine Handvoll Gold, hastig
Nimm dieses Gold! Und mach
Den Strang mir nicht gleich fertig!
Hast mich verstanden?
ihm die Pistolenmündung vors Gesicht haltend
Wenn du Nick verrätst,
Schiesst er dich nieder!

Nick verschwindet schnell nach rechts. Hinten links kommt Ashby auf seinem Pferde zum Vorschein; ihm folgt ein Reiter, der dicht vor sich auf dem Sattel Johnson hält. Johnsons Antlitz ist verzerrt und voller Kratzer, sein Hemd auf einer Schulter zerrissen, die Hände hinter dem Rücken zusammengebunden. Drei andere Reiter, die Pistolen in der Faust haltend, folgen zusammen mit einigen Goldgräbern.

ALLE
Er sterbe! - Hängt ihn! - Lynchen
Wollen wir den Spanier.

ASHBY
von der Mitte aus
Sheriff Rance!
Ich händige Euch den Mann aus:
Er sei der Gemeinschaft übergeben.
Die soll ihn nun richten.

ALLE
Wird sie tun!

ASHBY
zu Johnson, während er wegreitet
Wünsch' Euch viel Glück,
Mein trefflicher Herr!

Rance, der sich eine Zigarre angezündet hat, nähert sich dem in der Mitte der Bühne allein stehenden Johnson und bläst ihm eine dicke Rauchwolke ins Gesicht.

RANCE
höhnisch
So, so, Mister Johnson - nun, wie geht's?
Ich hoff', Ihr entschuldigt diese Störung...

JOHNSON
verächtlich, Rance fest anblickend
Verliert nur keine Zeit!

RANCE
O, was das betrifft, so brauchen wir
Nicht mehr als ein'ge Minuten...

JOHNSON
gleichzeitig
Das ist das, was ich wünsche

Die Schar der Goldgräber dringt sich um die beiden mit unwiliigem, ungeduldigem Gemurre.

RANCE
Dasselbe wünschen wir alle, nicht wahr?

Das dumpfe Gemurmel der Goldgräber wächst plötzlich zu wütendem, heftigem Lärm. Alle sind um Johnson herum, der hoch aufgerichtet, Trotz und Verachtung in den Mienen, dasteht und sich nicht einschüchtern lässt. Sie drohen ihm mit Gesten und Worten.

VERSCHIEDENE STIMMEN
heftig
So hängt ihn!
Er sterbe! - Elender Gauner!
Lümmel - Räuber!

HARRY
erbittert, gegeu Johnson vorgehend
Du hast die ganze Gegend geplündert!

BELLO
ebenso
Deine Diebesbande hat auch noch gemordet!

JOHNSON
heftig ausbrechend
Nein!

TRIN
erbittert gegen Johnson vorgehend
Das Geschwader von Monterey,
Du Lump, ward niedergemetzelt von euch
sein Gesicht Johnson nähernd
Gelben Fratzen,
Von deinen mexikanischen Halunken!

HAPPY
Hast den Tommy von hinten niedergestochen!

JOHNSON
blass vor Erregung
Nein! Ist nicht wahr!

HAPPY und ANDERE
Ja!

HARRY
gibt Johnson einen Faustschlag ins Gesicht
Vor kaum einem Monat wurde
Ein Postillion ermordet.

BELLO
Du bist ein Mörder!

JOHNSON
Nein!

STIMMEN
Er sterbe -- Du bist der Mörder!

JOHNSON
trotzig den Kopf emporwerfend; die Augen unter den zusammengezogenen Brauen funkeln
Ein Fluch komm' über mich: wohl stahl ich,
Doch hab' ich nie gemordet!

JOE und ANDERE
Das ist nicht wahr!

HARRY
Und wenn auch,
War es der Zufall, der dir half.

TRIN
In die "Polka" kamst du
Jene Nacht, um zu stehlen

SONORA
Minnies Blick und ihr Lächeln,
Die haben dich entwaffnet!

BELLO
Und die stahlst du uns auch noch!

HARRY
Räuber!

BELLO
Bist ein Gold- und Mädchenräuber!

STIMMEN
- Auf!
- Auf! An den Strang mit dem Spanier!
- Er sterbe! - Er sterbe!
- Billy versteht seine Sache! - Er sterbe!
höhnisch
Wir wollen dich
Zum Waldbeherrscher machen. - Er sterbe!

TRIN, HARRY, JOE
Deinen letzten Tanz
Tanzt du nach unsre Pfeife!

SONORA, BELLO, HAPPY
Sollst sie uns entgelten,
Die Liebkosungen Minnies!

Alle drängen sich dicht um Johnson, so dass dieser in der tobenden Menge gleichsam untersinkt.

MEHRERE
Wallace soll ein Liedchen für dich singen,
Just das Lied von "schönen Mädchen"!

RANCE
tritt, die Hitzigsten zur Seite drängend, an Johnson heran und klopft ihm höhnisch mit der Hand auf die Schulter
Macht Euch keine Sorgen, Caballero!
Es ist 'ne Kleinigkeit.

Die Menge zieht sich etwas zurück, so dass Johnson wieder allein in der Mitte steht.

JOHNSON
kalt, dann leidenschaftlich
Eure Hohnreden sparet!
Vor dem Tode hab' ich nie mich gefürchtet,
Und das wisst ihr wohl alle!
mit trotziger Geringschätzung
Pistol' oder Strang: was tut mir's!
Wenn ihr mir einen Arm löst,
Durchschneid' ich mir die Gurgel.
Lasst von andrem mich reden,
mit tiefer Empfindung
Von dem Weib, das ich liebe.

Ein Gemurmel der Überraschung geht durch die Menge der Goldgräber.

STIMMEN
leise murrend
- Das fehlte noch! - Genug!

RANCE
heftig, auf die Uhr sehend
Nur zwei Minuten kannst du sie noch lieben.

STIMMEN
mit unterdrückter Wut
- Genug! - An den Ast mit ihm!
- Bringt ihn zum Schweigen!
- Genug! - Wenn er hängt, kann er reden!

SONORA
gebieterisch, den Lärm meisternd
So lasst ihn doch reden!
Sein gutes Recht ist's.
tritt neben Johnson und sieht ihn fest an, während sein Gemüt gleichzeitig von Hass, Eifersucht und Bewunderung erfüllt ist; alle schweigen

JOHNSON
erstaunt
Ich dank' dir, Sonora!
sich an alle wendend
Für sie, für sie allein, die ihr alle liebet,
Bitt' ich um eine Gnade und ein Gelöbnis:
Nie werd' es ihr kund, wie ich gestorben!
leises Gemurmel in verschiedenem Sinne

RANCE
erregt, auf die Uhr blickend
Eine Minute! Sei kurz!

JOHNSON
mit grossem Ausdruck und wachsender Begeisterung, fast lächelnden Antlitzes
Lasset sie glauben,
Dass ich in die Welt zog,
Frei und auf neuem Wege,
Dem Weg des Heiles.
Dann wird sie meiner harren.
Doch werden viele Monde
Und viele Jahr' ins Land ziehn
Und ich kehr' nimmermehr zurück...
Minnie, du warst meines Lebens
Herrlichste Blüte,
entrüstetes Murren der Menge
Minnie, die du mich so von Herzen liebtest,
Du warst meines Lebens einziges Gut!

RANCE
springt auf Johnson zu und schlägt ihm mit der Faust ins Gesicht
Ha! Du Frechling!

DIE GOLDGRÄBER
Rance missbilligend:
Uh! … Uh! … Uh! …

RANCE
zu Johnson
Hast du noch was zu sagen?

JOHNSON
geringschätzig
Nein! Vorwärts!

Rance geht nach hinten, um den Baum, zu suchen, an dem Johnson gehenkt werden soll. Einige Goldgräber folgen ihm. Rance zeigt mit der Hand auf den ausersehenen Baum. Die Menge wogt auf die Stelle zu. Sonora rollt einen Stein bis an den Fuss des Baumes, trittt dann zu Johnson und fasst ihn bei der Schulter. Johnson geht festen Schrittes zum Baum, stellt sich auf den Stein und harrt in stoischer Ruhe seines Schicksals.
Rance sieht Billy auf der Erde sitzen, nähert sich ihm und veranlasst ihn durch einen Fusstritt zum Aufstehen. Billy steht auf, hält die Schlinge in der Hand und geht zum Baum. Sonora reisst ihm die Schlinge aus der Hand und wirft sie einem Goldgräber zu, der auf einen Baum gestiegen ist und sich rittlings auf einen Ast gesetzt hat. Der Goldgräber lässt die Schlinge herab und diese wird Johnson um den Hals gelegt. Das andere Ende des Strickes wirft er auf die Erde, wo es von drei Goldgräbern gefasst wird, die sich dann anschicken, Johnson zu henken. Die anderen stellen sich um ihn herum. Einige richten ihre Pistolen auf Johnson. Billy setzt sich wieder hin und spielt weiter, während er seine Pfeife raucht.
Plötzlich hört man einen schrillen, gellenden Schrei von rechts und den dumpfen Hufschlag eines galoppierenden Pferdes. Alles hält inne und wendet sich um. Die drei Goldgräber lassen den Strick los und laufen nach hinten rechts. Andere Goldgräber folgen ihnen erstaunt. Der Goldgräber, der auf dem Ast sass, steigt herunter.


VERSCHIEDENE STIMMEN
- Minnie! - Minnie!

Verwirrung. Alle blicken nach hinten, wo Minnie alsbald zu Pferde erscheinen wird.

RANCE
auf Johnson zuspringend und, ganz ausser sich, brüllend
Hängt ihn auf!

Niemand hört auf Rance. Alle blicken nach dem Hintergrund,voller Erregung über Minnies Ankunft. Minnie kommt zu Pferde heran, das Gewand lose und in Unordnung, mit flatternden Haaren. Sie sitzt ab, eilt auf die Gruppe los, die Johnson zunächst steht, ergreift den Strick, den die Goldgräber fallen gelassen hatten, und stellt sich vor Johnson, um ihn mit ihrem eigenen Körper zu verteidigen. Die Menge der Goldgräber zieht sich etwas zurück. Johnson verharrt unbeweglich mit der Schlinge am Hals.

MINNIE
Nein! - Nein! - Wer wird es wagen?

RANCE
vortretend
Gerechtigkeit will's!

MINNIE
ihm trotzend
Von was für Gerechtigkeit
Faselst du Gauner?

RANCE
tritt drohend an Minnie heran
Halte, Weib, deine Zung' im Zaume!

MINNIE
ihm in die Augen sehend
Was denn weiter?
Dich fürcht' ich nimmer!

RANCE
auf die Goldgräber gebieterisch einsprechend
Wird's bald? Hängt ihr
Den Mann endlich auf?

Einer der Goldgräber tritt entschlossen auf Johnson zu; Minnie tritt vor Johnson und droht mit der Pistole; die Goldgräber weichen zurück.

MINNIE
Will doch sehn, wer das zu tun wagt...

Eine andere Gruppe Goldgräber tritt drohend vor, weicht aber vor Minnies schussbereit gehaltener Pistole zurück.

RANCE
wütend auf die Menge einsprechend
Reisst sie von ihm weg!
Seid ihr denn alle so traurige Laffen?

Die Schar der Goldgräber, durch Minnies Blick in Bann gehalten, rührt sich nicht.

RANCE
Eine Schürze treibt euch
Das Blut aus den Wangen?
versucht einige gegen Minnie zu treiben
Reisst sie von ihm weg! Nur Mut! Nur Mut!

MINNIE
schmiegt sich enger an Johnson, lehnt ihr Gesicht an seine Schulter, während sie fortfährt, die Menge mit trotzigem Blick fest anzusehen und ihr die schussbereite Pistole entgegenzuhalten
Wohlan denn, wohlan! So wagt es doch!

RANCE
wie toll vor Wut
Genug damit! Die Strafe
Sei nun endlich vollzogen! Hängt ihn!

VERSCHIEDENE STIMMEN
- Er sterbe! - Genug!

Die Menge drängt sich in wachsender Erregung um Minnie und Johnson. Zwei der bewaffneten Männer, die zu Seiten des Baumes stehen, fassen Minnie bei der Schulter. Sie reisst sich los und klammert sich wieder an Johnson an, während sie geschwind die Pistole erhebt. Wütend vor Hass und Eifersucht geht die Menge immer drohender vor.

MINNIE
Lasst mich, oder ich töte
Ihn und mich selber!

SONORA
stürzt sich mit einem Schrei zwischen Minnie und die Menge
Lasst sie! - Lasst sie!

Alle weichen zurück. Rance geht bleich und finster beiseite und setzt sich auf den Baumstamm beim Feuer. Sonora bleibt drohend bei Minnie und Johnson stehen.

MINNIE
leichenblass, vor Entrüstung zitternd, mit zischender Stimme
Sagte einer jemals zu mir: "Genug",
Als ich für euch die Jahre
Meiner Jugend hingab? -
mit Bitterkeit und Unwillen
Als ich zwischen Rauferei'n und Flüchen
Lebend, all euer Elend,
Alle Mühn mit euch teilte?
Nicht einer sagte mir da: "Genug!"
die Menge schweigt, viele senken ihr Haupt
Nun ist dieser Mann mir zu eigen,
Mir, wie dem Herrgott!
Gott im Himmel hatte ihn gesegnet!
Und er wollte hinausziehen in die läuternde Ferne!
Der Bandit, der er war,
Starb dort oben bei mir,
In meiner Hütte! Ihr
Könnt ihn nicht töten! Nein!

Alle die rauhen Gemüter beginnen nun Rührung zu empfinden; niemand erhebt mehr Einspruch.

SONORA
mit seufzerartigem Ausruf
Ah, Minnie, er stahl uns
Mehr als Gold: er stahl uns dein Herz!

MINNIE
sanft und liebevoll
Mein guter Sonora
Wird als erster verzeihen...

SONORA
schlägt überwältigt die Augen nieder

MINNIE
Du wirst verzeihen,
Und ihr andern werdet es auch tun...

DIE GOLDGRÄBER
betroffen und gesenkten Hauptes
Nein! Das ist unmöglich!

MINNIE
Ihr braucht es nur zu wollen.
geht auf Joe zu
Und du, mein Joe, ja du willst es auch...
O wie oft botest du mir Blumen,
Die dich erinnerten an deine Heide!
wendet sich an Harry, streichelt ihm die Hand
Harry, du lagst im Sterben,
Und als ich deiner pflegte,
Glaubtest im Fieberwahn
Du zu sehn deine herzige Maud,
Harry hält eine Hand vors Gesicht und weint
Deine Schwester, die weither
Bis an dein Bett gekommen war.
zu Trin, in sanftem Ton
Weisst du noch, Trin,
Wie die Hand ich dir führte damals,
Als du deine zagen, ersten Briefe schriebst,
Die du schicktest von hier
Nach San Domingo?
wendet sich an Happy, dann an Bello, dessen Wange sie streichelt
Du, guter Happy, du mein Bello
Mit deinen milden blauen Augen,
wendet sich an alle
Und ihr alle, Brüder meines Herzens,
Kernige, treue Seelen:
die Pistole wegwerfend
Von mir werf' ich die Waffe, bin wieder,
Was ich von je gewesen, bin eure Freundin
Und Schwester, die einst euch gelehrt der
Menschenliebe allerhöchsten Wahrspruch:
O Brüder, auf der Erd' ist kein Sünder,
Dem ein Weg sich nicht böte zu seinem Heil!

Johnson fällt gerührt auf die Knie, während sie ihre Hand wie segnend auf sein Haupt legt.

SONORA
zu einer Gruppe Goldgräber
Wir müssen's tun, wir danken ihr zu viel!
zu einem anderen
Entschliess du dich auch!

HAPPY
Kann nicht sein.

SONORA
zu Happy
O sei still du!
Sie hat ein Recht drauf.
Wir müssen folgen...

EINIGE GOLDGRÄBER
Was Ashby wohl dazu sagt?

SONORA
Der sage, was ihm beliebt!
Denn die Herren sind wir!
einen anfassend
Wohlan denn! Stimm du doch bei!
zu anderen Goldgräbern
Wohlan denn, Gesellen!
zu einer anderen Gruppe
Wir müssen folgen!
zu einem anderen
Entschliess du dich auch!

DIE GOLDGRÄBER
die Achseln zuckend
Du magst es schon...

SONORA
zu einem
Gib auch du ihr nach!

HAPPY
zu demselben
Gib ihr nach!

TRIN
Sie rührt zu Tränen mich!

SONORA
zu einer Gruppe
O seht, wie sie ihn liebt!

JOE
Und wie schön sie ist!

DIE GOLDGRÄBER
Es wäre feig!
Wir ernten ja nur Spott!

JOE, HARRY. SONORA, BELLO
zu einer Gruppe von Goldgräbern
Minnie hat es verdient!

ALLE
mit ausdrucksvollen Bewegungen beistimmend
Man kann nicht widerstehn!

Sonora geht zum Baum und befreit Johnson von der Schlinge und dem Strick, mit dem seine Arme zusammengebunden waren.

SONORA
geht auf Minnie zu und sagt zu ihr
Die Stimme Gottes redet aus dir.
Du liebst ihn wie niemand sonst auf Erden!
Und im Namen aller schenk' ich ihn dir.

JOHNSON
steht wieder auf und drückt Sonora beide Hände, bewegt
Dank' euch, ihr Brüder!

SONORA
mit Tränen in den Augen
Geh, Minnie, leb wohl!

Minnie umarmt Sonora, drückt einigen Goldgräbern die Hand, sieht Nick, der seit einiger Zeit wieder da ist und gerührt den Vorgang verfolgt hat, möchte ihm Lebewohl sagen, aber Nick fällt schluchzend vor ihr auf den Boden; da beugt sie sich über ihn und streichelt ihm den Kopf; dann tritt sie zu Johnson und umschlingt ihn mit den Armen.

JOHNSON und MINNIE
sich umschlungen haltend und sich langsam entfernend
Leb wohl, du schöne Heimat!
Ade, mein Kalifornien!
Ihr schneebedeckten Berge,
Sierra, lebe wohl!

DIE MENGE
leise, mit tiefer Betrübnis
Du kehrst nimmermehr zurück!
Nie im Leben sehn wir dich wieder!
Lebe wohl!

JOHNSON und MINNIE
sich immer weiter entfernend
Ade, mein Kalifornien, ade, ade!

DIE MENGE
wie oben
Nie mehr! Nie mehr!

Die Menge ist niedergebrochen. Einige kauern am Boden und schluchzen, andere stützen sich auf ihre Pferde, wieder andere lehnen sich an die Bäume an und geben sich ihrem Schmerze hin, noch andere winken der sich entfernenden Minnie traurig Lebewohl nach. Sonora lässt sich auf einen Baumstamm niederfallen und bricht in lautes Schluchzen aus. Billy verharrt gleichgültig bei dieser Szene der Rührung und spielt ruhig weiter.