Synopsis: Lunea

from Heinz Holliger


23 LEBENSBLÄTTER

Erstes Blatt
In Lenaus Kopf. Die Stunde Null in dumpfem Glockenklang. Mitten im Leben beginnt der Boden unter seinen Füssen wegzubrechen. Im Selbstgespräch wendet sich Lenau an seine Schwester Therese. Die Sätze und Worte zersplittern und zerfallen. Vom «süssen Kuss» ist die Rede. Ist es der Tod als letzter Kuss? Oder ein Lebenskuss? Ein Kuss der Geliebten Sophie von Löwenthal?

Zweites Blatt
In Stuttgart. Lenaus Freunde singen ihm ein Lied. Jäh erleidet er einen Gehirnschlag. Mit dem «Riss», einem Schlaganfall, beginnt sein Niedergang.

Drittes Blatt
Lenau im Dialog mit sich selbst. Voller Sehnsucht nach einem Du - aber auch einverstanden mit der Nacht, die ihn umgibt, die seine Einsamkeit nährt.

Viertes Blatt
Lenau erhält Besuch von seinen Liebsten. Sophie sorgt sich sehr. Wesentlich für die Beziehung zwischen Lenau und Sophie war - sie festigend, sich auch selbstvergewissernd - ein steter Briefwechsel, das «Du im Brief». Darum kommt diesem «Du» eine besondere Bedeutung zu. Auch «das süsse Wort» romantischer Liebesbeschwörung wird zum Thema.

Fünftes Blatt
Sophie alleine mit Lenau. Sie redet ihm gut zu, er solle sich in sein Schicksal fügen. Sie hat ihm eine Kappe mitgebracht. Lenau reagiert erbost auf ihre Beschwichtigungen.

Sechstes Blatt
Lenau spricht Sophie als seine Mutter an, die früh verstarb und zu der er eine sehr innige Beziehung hatte. Sie verwöhnte ihn grenzenlos, ihr Tod setzte ihm arg zu. Sophie tut ihm den Gefallen und antwortet als Mutter. Der Dialog zitiert einen Briefwechsel: Lenau erklärt seiner Mutter, falls sie stürbe, würde er sich eine Kugel durch den Schädel jagen, um mit ihr vereint zu sein.

Siebtes Blatt
Lenaus Freund Justinus Kerner, Dichter und Arzt, hat Faltblätter mit gepressten Tintenflecken angefertigt, sogenannte Klecksografien. Lenau selbst wird in seiner Einbildung zu einer solchen Klecksografie - gefaltet, entfaltet, verdoppelt, gespiegelt. Auch die Sprache wird gespiegelt. Lenau visioniert eine Fata Morgana.

Achtes Blatt
In Bad Ischl, wo Sophie wiederholt zur Sommerfrische war. Lenau ist auch dort, um Marie Behrends wiederzusehen. Er will die Juristentochter aus Frankfurt, die er noch gar nicht lange kennt, heiraten - und gleichzeitig Sophie nicht verlieren. Es kommt in Lenaus Kopf zu einer Begegnung der drei in Form von Briefen, die Lenau mit beiden Frauen wechselte. Die Heirat mit Marie Behrends kam nicht zustande.

Neuntes Blatt
Lenau in Erinnerungen. Er kannte Sophie schon in ihrer Kindheit und sah sie zum ersten Mal, als sie zehn Jahre alt war. Er hatte damals Sophies Bruder besucht. Durch den Hausgang laufend, hatte er im Vorübergehen einen Blick auf ihren Rücken geworfen. Sie sass abgewandt.

Zehntes Blatt
Seine allererste Liebesbeziehung war Lenau mit Bertha Hauer eingegangen, einer jungen Frau von zweifelhaftem Ruf. Sie hatten sich verliebt, als Lenau 23 Jahre alt war, und zogen in die Wohnung von Berthas Mutter. Drei Jahre später brachte Bertha eine Tochter zur Welt. Adelheid. Lenau hatte starke Zweifel an seiner Vaterschaft. Jahre später, nachdem die Beziehung endgültig zerbrochen war, begegnete er Bertha und dem Kind zufällig wieder im Wiener Krapfenwaldl. Er gab sich aber nicht zu erkennen.

Elftes Blatt
Lenau geht eine Liebesbeziehung mit einer weiteren Frau ein - mit der berühmten Sängerin Karoline Unger, einer gossen Gesangskünstlerin ihrer Zeit. Diese Liebe wird von Sophie vereitelt: Sie schlägt dem zwischen beiden Frauen aufgeriebenen Lenau vor, Karoline brieflich zum Abschied von der Oper zu nötigen und von einer Verbindung abzusehen, solange seine Vermögensverhältnisse nicht solide seien. Wie ferngesteuert bringt Lenau diese Liebesgeschichte zu Ende. Auch die Mutter stellt sich ihr wie in einem Zeitensturz zur Seite, berichtet dem Studenten Niki vom ersten Liebesglück seiner beiden Schwestern - und wieder stehen auch Bertha und Adelheid vorwurfsvoll im Raum. Er erlebt in der Gegenwart der Erinnerung eine virtuose Arie Karolines.

Zwölftes Blatt
Auf dem Friedhof mit der Schwester Therese. Lenau erblickt ihr künftiges gemeinsames Grab. Die Gräber als stille Schar. Dieses Lebensblatt geht in Flammen auf: Lenau visioniert FEUER. Im Verbrennen - es ist die Mittelachse des gesamten Stücks - ereignet sich das Vorige rückwärts: REUE(F).

Dreizehntes Blatt
Dieses Blatt kommt aus Amerika, wohin Lenau vorübergehend auswan- derte. Er wollte dort ein neues Leben beginnen. Er sah die Niagarafälle, die ihn sehr beeindruckten. Auf der Überfahrt wurde er Augenzeuge einer Katastrophe: Ein Seemann stürzte vom Mast ins Meer. Ein anderer Seemann erstach den Hai, der seinen Freund gefressen hatte. Die Amerikareise war eine grosse Enttäuschung. Das Land stiess ihn ab - habgierige Menschen, Krämerseelen, ein Land ohne Nachtigall. Krank nach einem harten Winter kehrt er schliesslich zurück.

Vierzehntes Blatt
Bei der befreundeten Familie Reinbeck in Stuttgart. Lenau wird von einem Wahnsinnsanfall erfasst. Er wähnt sich als Ungar im Krieg. Um sich zu beruhigen, nimmt er seine Guarneri-Geige, spielt einen wilden steirischen Tanz - und hält sich für geheilt. Todesdunkle Stimmen spuken erneut durch seinen Kopf: «Drei Reiter nach verlorener Schlacht, wie reiten sie so sacht, so sacht...»

Fünfzehntes Blatt
Lenau gedenkt seines Freundes und Gönners Graf Alexander von Württemberg. Der an Syphilis erkrankte Offizier und Dichter war 1844 an einem Gehirnschlag gestorben. Alexander gehörte wie Lenau, Ludwig Uhland, Gustav Schwab, Justinus Kerner und andere zum Seracher Dichterkreis. Regelmässig trafen sich die Dichter auf Schloss Serach bei Esslingen, dem Sommersitz der Grafen. Lenau nennt Alexander jetzt Sandor. Er fühlt sich schuldig oder: gidlusch.

Sechzehntes Blatt
Im Irresein. Mit sich allein. Und den Stimmen im Kopf.

Siebzehntes Blatt
Intensive Begegnung mit der gewesenen Welt. Lenau wie aus dem Jenseits herüberschauend.

Achtzehntes Blatt
Lenau im Selbstgespräch. Er hört Stimmen. Es ist ein Duett zwischen ihm, Lenau, und Marie.

Neunzehntes Blatt
Im Erkennen ein Tränenrausch.

Zwanzigstes Blatt
Die Erschöpfung nimmt still und stiller ihren Lauf. Die Freunde scheinen auf.

Einundzwanzigstes Blatt
Sie halten an ihm fest. Und er muss doch gehen. Für sich.

Zweiundzwanzigstes Blatt
Die Zeit steht still.

Dreiundzwanzigstes Blatt
Fast unhörbar zwitschern die Vögel.