Mit dem Junkie hört der Spass auf

Urs Mattenberger, Zentralschweiz am Sonntag (26.04.2009)

La Bohème, 24.04.2009, Luzern

Das Luzerner Theater holt eine unbekannte «Bohème» aus dem Schatten Puccinis. Und landet einen Sensationserfolg.

Nach den ersten zwei Akten hatte man noch gut lachen. Da jagt auf der Bühne des Luzerner Theaters eine Studentenparty die andere. Es ist eine Spassgesellschaft wie von heute: Junge Lebenskünstler, mittellos, aber mit Hoffnung auf Karrieren, ergattern sich im Stammlokal mit einem Billardduell einen Weihnachtsschmaus. Später, wenn ein Mitglied vom Vermieter auf die Strasse gestellt wird, wird im Hof unter freiem Himmel getanzt und gefeiert. Und die spiessigen Nachbarn, die hier wie eine Horde von surrealen Nachtgespenstern intervenieren, geben nur Anlass für noch mehr Klamauk. «Viel Action!», freut und wundert sich ein Premierenbesucher in der Pause.

Eine Liebe fürs Leben?

Zu Recht. Denn die Geschichte aus der Pariser «Bohème» kennt man von Puccinis populärer Oper her vor allem als tragische Liebesgeschichte zwischen dem Poeten Rodolfo und der schwindsüchtigen Mimi. Leoncavallos zeitgleich entstandene Version setzt die Akzente ganz anders. Und dass dieses unbekannte Werk in Luzern gespielt wird, ist an sich schon eine Sensation, wie der Andrang an der Premiere zeigte.

Tatsächlich wartet das Werk mit einigen Überraschungen auf. Nach der Pause brechen Anklänge an Wagners «Tristan» radikal mit der Parodie. Jetzt bietet Leoncavallo musikalisch alles auf für grosses Gefühlskino, verengt kühn und originell den Fokus von der ganzen Gruppe auf einzelne Menschen. Denn die wirtschaftliche Misere höhlt die Liebesbeziehungen aus: Mimi, im ersten Akt hier eine lebenslustige Bohémienne, hat sich eine vermeintlich gute Partie geangelt. Ins Zentrum rückt damit das bei Puccini marginale Paar Marcello und Musette. In ihren Auseinandersetzungen stösst die Oper zu existenziellen Fragen vor. Kann, soll man eine Liebe leben, wenn sie keine Perspektive auf ein zukünftiges Leben bietet?

Die Inszenierung der jungen, aufstrebenden Regisseurin Nelly Danker macht deutlich, wie zeitlos aktuell der Stoff damit ist. Beim minimalistischen Bühnenbild von Werner Hutterli oder bei den trendig gemischten Kostümen von Janina Janke denkt man nie ans 19. Jahrhundert. Endgültig in der Gegenwart kommt das zeitlose Spiel im vierten Akt an, wenn die todkranke Mimi als drogengeschädigter Junkie zurückkehrt, dass es einem in die Knochen fährt. Madelaine Wibom, die in den Höhenflügen der ersten Akte noch forciert, findet hier zu einer unglaublich ergreifenden Darstellung jenseits aller Klischees.

Das ist eine weitere Überraschung: Selten bietet ein Werk für derart viele Ensemblemitglieder quasi massgeschneiderte Rollen ­ mit Tanja Ariane Baumgartner als dunkel schillernder Musette und Jason Kim als leidenschaftlichem Marcello an der Spitze. Aber auch kleine Rollen bieten attraktives Sängertheater ­ bis hin zu Martin Nyvals überdrehtem Wirt, Caroline Vitales schrillem Bohème-Girl oder Howard Quilla Crofts Schaunard, in dessen Manieren sich schon die Verbürgerlichung der Lebenskünstler ankündigt.

Messerscharf

Zugespitzt wird diese «Bohème» auch vom Luzerner Sinfonieorchester unter der Leitung von Mark Foster. Es unterstützt die grossen Gesangslinien nicht nur mit sinfonischem Klang, sondern akzentuiert, passend zum Konversationston des Werks, Leoncavallos messerscharfe und halluzinierende Instrumentationseffekte. Zum Schluss war einem das Lachen zwar längst im Hals stecken geblieben. Aber umso begeisterter war der lang anhaltende Applaus. Eine Sensation? Werk und Produktion bestätigten es an diesem Abend doppelt.