Ein Strauss für Ästheten und Feingeister

Benjamin Herzog, Mittelland-Zeitung (15.12.2009)

Die Frau ohne Schatten, 13.12.2009, Zürich

Richard Strauss’ und Hugo von Hofmannsthals Oper «Die Frau ohne Schatten» gilt als Schmerzenskind ihrer Autoren. David Pountney und Franz Welser-Möst gehen sie in Zürich nüchtern und veredelnd an.

Nicht «Elektra» und nicht «Der Rosenkavalier» haben den Status dieser lange herangereiften Oper. Von 1910 bis 1918 arbeiteten Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal an «Die Frau ohne Schatten». Aufgeführt wird die mit Märchenexotik gefüllte, so psychologisch scharfe wie christlich-humanistisch milde Oper selten. Sie ist rund vier Stunden lang auch musikalisch ausuferndster Strauss. Für Fans ein Muss.

Eine Klappe tut sich im Boden einer gutbürgerlichen Wohnung auf. Begleitet von ihrer Amme steigt eine elegante Frau durch die daraus hervorquellenden Dämpfe hinab. An Wagners «Nibelheim» erinnert der Keller. Auch bei David Pountney ist diese Arbeitsstätte und Wohnung eines Färbers das Fundament des Reichtums: eine schmutzig lieblose Unterwelt. Oliver Twist könnte hier hausen (Ausstattung: Robert Israel, Marie-Jeanne Lecca). Gekommen ist die Frau und Kaiserin, um sich bei der wehrlosen Arbeiterin zu bedienen: Ihren Schatten braucht sie, Symbol des Menschseins.

Mit diesem Regieansatz gibt Pountney der verwirrenden Vieldeutbarkeit dieser Oper ein sozialkritisches Rückgrat. Die Handlung wird stringent, Personen und Motive bieten Psychologenfutter. Die Amme (dunkel ohne Schärfe: Birgit Remmert) spiegelt der Färbersfrau (einfarbig laut: Janice Baird) ihre Wünsche vor: Essen, Liebhaber, ein Variété. Zeit zum Alb-Träumen dagegen hat die Kaiserin (überragend: Emily Magee): Raben tragen ihren versteinernden Ehemann im Sarg, bleiche Babys in Mönchskutten appellieren an das christliche Gebot zur Vermehrung.

Auf ein Minimum ist im dritten Akt die Zauberei geschrumpft. Dabei wird die schattenlose Kaiserin hier zum Menschen, ihr Gatte (gesund strahlend: Roberto Saccà) entsteinert und Färbersfrau und Mann (volltönend, eine berührende Verkörperung: Michael Volle) entdecken die Liebe. Doch die kubistische Drehbühne will von dem in der Musik durchaus angelegten Verwandlungsspektakel wenig wissen. Pountney glaubt nicht an Zauberei. Das zeigt sein überraschend desillusionierender, hemdsärmliger Schluss.

Es dirigierte der Ex-Zürcher und künftige Wiener Generalmusikdirektor Franz Welser-Möst. Die gegensätzlichen Kräfte der Partitur traten wohlgesetzt in den Aktschlüssen zutage. Da vernahm man raumfüllende, aber nicht -sprengende Kühnheiten, veredelte Brutalität in Blech und Schlagzeug. Die antagonistisch dagegen anstrahlende Wärme der Streicher, ihre Lebenszugewandtheit, war gespielt mit wienerischer Melancholie. Textverständlich alles. Aber kein Überwältigungszauber auch hier. Ein Strauss für Ästheten und Feingeister. Überzeugend – bei aller fehlenden Übereinstimmung – wie Pountneys Konzept.