Premiere von Händels «Alcina» in St. Gallen

Maya Künzler, Tages-Anzeiger (29.03.2011)

Alcina, 26.03.2011, St. Gallen

Georg Friedrich Händel schrieb drei Ballettopern, darunter «Alcina» nach Motiven aus dem Ritterepos «Orlando furioso» von Ariost. Für die Uraufführung am Covent Garden 1735 hatte er die berühmte Tänzerin Marie Sallé mit ihrer Truppe engagiert. Doch nach einem Jahr strich Händel aus unbekannten Gründen sämtliche Balletteinlagen. Jetzt hat sich Marco Santi, Ballettchef am Theater St. Gallen, darangemacht, das Werk mit seiner 14-köpfigen Kompanie, sechs Gesangssolisten und dem Sinfonieorchester St. Gallen unter Robert Howarth neu zu lesen. Die mehr als dreieinhalbstündige Oper wurde gekürzt, eine kleine Solistenrolle weggelassen, statt des Chors singen die Tänzer.

So weit, so gut. Doch wer sich eine neue Sichtweise auf «Alcina» versprach, wurde enttäuscht. Die Möglichkeiten, die sich aus der Kombination von Tänzern und Sängern ergeben könnten, hat Santi seltsamerweise nicht genutzt. Schon das Bühnenbild (Katrin Hieronimus) macht klar: Hier hat der Tanz kaum Platz. Ein grosses Brettergerüst, eine Art zweistöckiges Haus oder improvisierte Bühne, nimmt fast den ganzen Raum ein. Darauf verlustieren sich in Alcinas falscher Märchenwelt ihre Hofschranzen, käufliches Schauspielergesindel, lustlos in unzweideutigen Kopulierposen.

Das Gespinst von Liebe, Schmerz, Intrigen und Heuchelei spult sich nach dem bekannten Handlungsfaden durch die drei Akte ab; die Sängerinnen und Sänger singen stimmkräftig und modulierfähig meist frontal ins Publikum (dabei klappte an der Premiere die Koordination zwischen Dirigentenpult und Bühne noch nicht richtig). Während sich Alcina (Netta Or) und Ruggiero (Antigone Papoulkas) in den Armen liegen oder vor Eifersucht brennen, dupliziert sich das innere Geschehen tänzerisch – mit den Ausdrucksmitteln des Tanztheaters. Das Auge weiss nicht wohin. Agiert wird auf verschiedensten Schauplätzen gleichzeitig, und auf die Rückwand werden auch noch Bilder und Sätze projiziert. Der Tanz verkommt zum attraktiven Dekor, wie es in Barockopern gang und gäbe war.

Herz und Puls der Aufführung ist die Musik, die für Alcina unvergleichliche Arien bereithält. Doch gerade an ihr offenbarte sich die Schwäche des Abends: zu viele Regieeinfälle, zu wenig Fokussierung. Wenn das zauberische Blendwerk am Ende zu Staub zerfällt, hat uns Santi keine Antwort geliefert auf die Frage, ob Alcina nun eine kalt berechnende Femme fatale oder eher eine alternde verlassene Frau ist, die am Schmerz zerbricht.