Kopf- und Herztheater

Jürg Huber, Neue Zürcher Zeitung (27.06.2011)

I Lombardi alla prima crociata, 24.06.2011, St. Gallen

Giuseppe Verdis «I Lombardi» in einer Freilichtaufführung an den St. Galler Festspielen

Der Stoff ist brisant. «I Lombardi alla prima crociata», wie Giuseppe Verdis 1843 in Mailand uraufgeführte Oper im vollen Wortlaut heisst, führt mitten in den Kampf der Kulturen und Religionen. Mag Verdis Publikum ein Jahr nach «Nabucco» die lombardische Beteiligung am Kreuzzug als Allegorie auf den eigenen Befreiungskampf gegen die Habsburger-Herrschaft empfunden haben, so rückt heute die eigentliche Thematik der Oper unweigerlich in den Vordergrund. Gerade vor der imposanten Kulisse der St. Galler Kathedrale gewinnt der Konflikt zwischen christlichem Abendland und islamischem Orient anschauliche Konturen.

Konfrontation der Symbole

Denn Guy Montavons Inszenierung weicht ihm nicht aus. Als gebürtiger Genfer ist der Regisseur und Intendant des Theaters Erfurt, wo die Produktion im kommenden Jahr an den Domstufen-Festspielen gezeigt wird, mit der politischen Diskussion in der Schweiz vertraut und scheut sich nicht, Symbole der beiden Religionen miteinander zu konfrontieren. Dabei geht es ihm keineswegs um Skandalisierung, erzählt er die sprunghafte Geschichte doch in einer schlüssigen Weise, die Festspieltauglichkeit mit differenzierter Aussage verbindet. Das gelingt ihm, indem er neben Ohr und Auge bewusst auch den Intellekt anspricht und mit grossformatigen beweglichen Lettern Schlagworte wie «Hass», «Mord» und «Frieden» formuliert.

Mag dies zuweilen didaktisch wirken, zumal wenn es sich um blosse Verdoppelungen des Bühnengeschehens handelt, erlaubt ihm diese Reflexionsebene jedoch, klar verständliche Bilder zu finden, ohne je in kruden Naturalismus zu verfallen. Schnörkellos parallelisiert er in den ersten beiden Akten den Fanatismus und die Schandtaten beider Seiten. Nach der Pause illustriert er opulenter. Da gelingen ihm poetische Szenen, die ins Utopische ausgreifen, doch manchmal gar sehr auf schöne Wirkung bedacht scheinen.

Sinnlich-ästhetischer Genuss

So ist die Produktion neben aller Gedankenschwere ein sinnlich-ästhetischer Genuss. Die pittoreske Abendstimmung trägt an der Premiere das Ihre dazu bei, trotz der in der Ostschweiz noch nicht ausgestandenen Schafskälte die Herzen zu wärmen. Hank Irwin Kittels stilisierte Sanddüne gibt ein in seiner Schlichtheit überzeugendes Bühnenbild ab, auf der Guido Petzolds Lichtregie nach dem Eindunkeln ihren ganzen Zauber entfaltet. Statisterie und Chöre, die in den «Lombardi» eine prominente Rolle einnehmen, formieren sich in den geschmackvollen Kostümen von Uta Meenen zu prächtigen Tableaus.

Neben den Solisten sind es die seit Jahren bewährten Kräfte, die zum musikalischen Gelingen beitragen: die Theaterchöre von St. Gallen und Winterthur, der Prager Philharmonische Chor und das in der Bühnenkonstruktion versteckte Sinfonieorchester St. Gallen unter der Leitung von Antonino Fogliani. Bereits in den vergangenen Jahren hat sich der aus Messina stammende Dirigent an den St. Galler Festspielen jeweils als Spezialist für das italienische Repertoire der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hervorgetan. Auch bei der gegenwärtigen Produktion erweist er sich als umsichtiger Leiter, der nach anfänglichen Abstimmungsproblemen dank videotechnischer Unterstützung das Geschehen auf der sehr breiten Bühne bald im Griff hat.

Ist Versöhnung möglich?

Dort steht Giselda als Mittlerin zwischen den beiden Welten, die sich auch optisch mit ihrem hellen türkis Kleid von den übrigen Protagonisten abhebt, im Zentrum von Montavons Erzählung, eine Rolle, die Katia Pellegrino mit ihren reichen stimmlichen Mitteln souverän ausfüllt. Maxim Aksenov gibt ihren Verlobten Oronte mit biegsamem Tenor. Tigran Martirossians trotz seiner Schwärze rundem Bass nimmt man den ruchlosen Vatermörder zwar nicht ganz ab; umso glaubhafter wirkt er als Eremit, während Derek Taylor seinem Bruder Arvino männliche Prägnanz verleiht.

Ob eine Versöhnung unter Brüdern, unter Bruderreligionen möglich ist? Zwei riesige Marionetten deuten es an, wenn sie am Schluss zögerlich aufeinander zugehen, während vor den Kirchtürmen das Wort «Minarett» aufscheint; den letzten, entscheidenden Handschlag indes verfehlen sie.