Kein Trost für Jenufa

Susanne Kübler, Tages-Anzeiger (25.09.2012)

Jenufa, 23.09.2012, Zürich

Gross war die Erwartung vor dieser Premiere, gross war der Applaus danach: Mit Leos Janaceks «Jenufa» ist das Zürcher Opernhaus gut in die neue Ära gestartet.

Vergebung? Nein, die lässt sich diese Jenufa nicht vorschreiben, nicht von der Gesellschaft und auch nicht vom Libretto. Laca hat ihre Wange zerschnitten, damit ihr Liebster sie verlässt, und will sie dann gnädig übernehmen, aber nur ohne Kind. Die Küsterin, ihre Stiefmutter, hat deshalb dafür gesorgt, dass dieses Kind nicht mehr stört. Das kann kein Mensch verzeihen, findet der russische Regisseur Dmitri Tcherniakov, der erstmals in Zürich inszeniert. So singt Jenufa zwar partiturgetreu von Liebe und Trost, aber es klingt nur noch höhnisch. Sie stellt Laca vor die Tür dabei, sie krallt sich ins Gesicht der Küsterin und steht dann da: allein, erdrückt von einer Last, die sie nie mehr loswerden wird.

Den ganzen Abend lang hat man auf diesen Moment gewartet und gehofft. Mitgefangen in diesem schicken Dreistockhaus mit den lindgrünen Wänden, in denen Tcherniakov das Drama ansiedelt. Mitgefangen in einer Gesellschaft, in der eine junge Frau mit einem unehelichen Kind alles verliert - die Ehre, die Zukunft, hier auch das Kind - und ein junger Mann einfach die nächste nehmen kann. Bei Tcherniakov hüpft dieser junge Mann, dieser Steva, in knallgelben Turnschuhen auf dem Sofa und um all die schönen Mädchen herum, und es ist das einzige Mal, dass die Inszenierung in den Klamauk zu kippen droht. Aber sie kippt nicht, bleibt stilvoll, stilsicher, präzis und packend bis zuletzt.

Das Kalkül des Intendanten

Dass dieser Abend packt, ist umso bemerkenswerter, als der neue Zürcher Opernintendant Andreas Homoki ihn sehr bewusst kalkuliert hat. Seine erste Premiere sollte klare Signale aussenden: in Sachen Erneuerung und Bewahrung, in der Art der theatralischen Arbeit und im Anspruch an die Sänger. Ein grosser Titel sollte es sein, aber aus dem 20. Jahrhundert (das klappt grad knapp, die Uraufführung der «Jenufa» war 1904). Man lud einen Regisseur ein, der mit seinen 42 Jahren jünger ist als die meisten bisherigen, der Geschichten erzählen und aktualisieren kann, ohne jemanden zu erschrecken. Und dazu stellte man ein Vokalteam zusammen, das prototypisch steht für das, was künftig zu erwarten ist: Für die Hauptrollen kommen renommierte Gastsänger, die kleineren Partien werden gleichmässig verteilt unter neuen und alten Ensemblemitgliedern (von den alten fällt Irène Friedli als zickige Richtersgattin auf, die Neuen singen gut und spielen beherzt: Pavol Breslik als verwöhnter Steva und Ivana Rusko als seine etwas gar überdrehte Braut Karolka).

Emotional gleich laut

Vor allem aber bot diese erste Premiere dem neuen Generalmusikdirektor Fabio Luisi die Gelegenheit zu zeigen, was er kann und will. Das Orchester, das nun Philharmonia Zürich heisst, spielte vif und farbig, es fand einen eigenen, stimmigen Ton für Janaceks sprachnahen Stil - mehr kann man nicht verlangen bei einer ersten Zusammenarbeit (und dass die grösste Unschärfe zwischen Graben und Bühne ausgerechnet da passierte, wo die Jungen sich sowieso an nichts halten, nicht an die Regeln des Anstands und halt auch nicht an das vom Dirigenten vorgegebene Tempo: Das darf man als verdienten Glücksfall abbuchen).

Luisi fand den Sog in dieser erst seit 1981 wieder im Original zugänglichen Partitur, ohne ihre Extreme abzumildern. Wie überraschend Janacek die Instrumente zu kombinieren wusste, wie gross er den Bogen spannte vom elegischen Solo über den zeichenhaften Einsatz des Xylofons bis zum grossorchestralen Ausbruch: Das wurde hier genau, aber in keinem Takt kalt nachgezeichnet. Dass Luisi sich dabei gern an die Regel «emotional gleich laut» hielt, ist in diesem Werk sicher nicht falsch - machte den Sängerinnen und Sängern allerdings gelegentlich zu schaffen.

Vor allem Kristine Opolais bei ihrem Rollendebüt als Jenufa brauchte eine Weile, bis sie sich freigesungen hatte. Ihre Stimme wirkte zunächst monochromer als ihr Spiel, das vom ersten Moment an berührte. Wie sie versucht, beim frivolen Treiben Stevas mitzuhalten, aber in Gedanken längst anderswo ist; wie sie zunehmend verzweifelt und nun auch stimmlich zunehmend intensiv vom Heiraten spricht, während sich Steva den Hut ins Gesicht zieht; wie sie das Kind anschaut und wie sie durchdreht, als es nicht mehr da ist: Das wirkt nie abgebrüht, nie überzeichnet. Sondern so wahr, wie es nur sein kann.

Auch die anderen Figuren werden lebendig in dieser nicht revolutionären, aber bis ins letzte Detail sorgfältigen Inszenierung. Tcherniakov hat sie alle ernst genommen, selbst die Grossmutter (Hanna Schwarz), die einer Karikatur am nächsten kommt mit ihrem von Elena Zaytseva entworfenen Leoparden-Morgenmantel, mit ihren Cremchen und Sälbchen und der alles überdröhnenden Stimme: Wenn sie sich Gurkenscheibchen auf die Augen legt, dann geht es nicht nur um die Konservierung ihrer Rest-Schönheit, sondern auch um jenes verhängnisvolle Nicht-sehen-Wollen, das in diesem mährischen oder zürcherischen Dorf so verbreitet ist.

Auch Laca (Christopher Ventris) sieht in seiner brutalen Rechtschaffenheit nur, was er sehen will. Bis zuletzt glaubt er daran, Jenufa für sich gewinnen zu können. Mit lyrischem Tenor besingt er, was da kommen soll, und man kann sich sein verblüfftes Gesicht vorstellen, wenn sie ihm die Tür vor der Nase zuschiebt.

Scham und Wahnsinn

Die stärkste Figur ist aber die Küsterin. Tcherniakov zeigt sie nicht als Monster, sondern als zerrissene Frau, die spielt mit dem Baby, bevor sie es tötet; die Jenufa bearbeitet, bis selbst sie einen Moment lang glaubt, dass der Tod des Kindes das Beste wäre. Michaela Martens zeigt die Scham, die Grausamkeit, den Wahnsinn dieser Küsterin, ihre Stimme flackert und droht, ihre Haltung ist auf höchst explosive Weise geduckt. Man versteht, dass sich Steva vor ihr fürchtet - und erst recht, dass Martens ziemlich mitgenommen wirkt, wenn sie am Schluss den Applaus entgegennimmt.