Der Spassvogel bleibt sich treu

Sigfried Schibli, Basler Zeitung (10.11.2012)

Lo Speziale, 08.11.2012, Basel

Joseph Haydns «Apotheker» als Regiedebüt des Komikers Massimo Rocchi

In der komischen Oper zwischen Haydn und Donizetti gibt es zwei Berufsgruppen, die meist als geldgierige Schlitzohren gezeichnet werden: die Vertreter des Gesundheitswesens und die Anwälte. Darüber, inwiefern diese Zuordnung heute noch stimmt, ist an dieser Stelle nicht zu urteilen. In Joseph Haydns Dramma giocoso «Lo Speziale» ist es die Titelfigur des reichen Apothekers Sempronio, der uns als unentwegt Zeitung lesender Faulpelz vorgeführt wird, bis man ihn als Freier der jungen Grilletta kennenlernt. Da auch der ­Apothekengehilfe Mengone und der ­geckenhafte Stammkunde Volpino ein Auge auf das hübsche Ding geworfen haben, ist der Konflikt programmiert.

Haydns Öperchen von 1768 ist im dritten Akt unvollständig überliefert, was Aufführungen des Werks nicht verhindert und überdies dem Regisseur Massimo Rocchi Anlass für einen lustigen Übertitel liefert: Die gerade erklingende Musik, heisst es da, sei gar nicht von Haydn, sondern vom Herausgeber Harold C. Robbins Landon. Rocchi hat die im Musiktheater mittlerweile fast schon obligatorischen Übertitel als ­vierte Ebene neben der Handlung, der Musik und dem Theaterspiel entdeckt.

Licht im Medien-Dunkel

In seiner Aufführung wird der gesungene Text nicht übersetzt, sondern ironisch kommentiert. So heisst es zu Volpinos Presto-Arie in g-Moll im ersten Akt: «Eine typische Rachearie, die Haydn oft an dieser Stelle einsetzt.» Anderswo werden die Personen knapp charakterisiert, manchmal flimmert reiner Nonsens über die Bildleiste.

Lustig, wie Oper sich da über Oper amüsiert, frei und komisch erfunden wie die ganze Inszenierung von Massimo Rocchi, der diese frühe Buffa-Oper auch für Aktualisierungen nutzt. Der «News-Junkie» (Übertitel) Semprione liest hier nicht Zeitung, sondern hält einen Tablet-Computer in der Hand. Und wenn Mengone und Volpino im zweiten Akt als verkleidete Anwälte das Glück auf ihre Seite zu bringen versuchen, tun sie das in den Masken von Markus Somm und Roger Köppel, während Semprione eine ­Christoph-Blocher- Maske trägt. Womit der politische Spassvogel Rocchi ein neues Licht auf die Basler Medienszene wirft: Sind die drei populären Polit-Akteure am Ende nicht Verbündete, sondern Rivalen wie im Stück von Haydn nach Goldoni?

Jugend auf der Bühne

Ein zwölfköpfiges Instrumental­­­en­semble unter Leitung von David Cowan sorgt auf der Kleinen Bühne des Theaters Basel für die Plattform, auf der sich die Sängerleistungen entfalten können. Die junge Andrea Suter spielt und singt Grilletta, das Objekt der allgemeinen Begierde, mit klangvollem, koloraturensicherem Sopran und hohem Körpereinsatz. Ebenfalls noch Mitglied von OperAvenir ist Markus Nykänen, der seinen substanzreichen Tenor zunehmend gewinnbringend in den Dienst der Darstellung des Mengone stellt.

Anne-May Krüger in der Hosenrolle des Volpino ist von höchster Beweglichkeit bis in die Zungenspitze und gewinnt den Verzierungen Haydns einige Eleganz ab, während Andrew Murphy in der Titelpartie mit seinem kernigen Bass ein angemessen komischer, tänzelnder Alter ist, der auch vor sportlichen Einlagen nicht zurückschreckt.

Grosser Premierenjubel nach der nur rund 80-minütigen Aufführung und ein Kaugummi kauender Regisseur, der mit diesem gelungenen Wurf möglicherweise sein zweites Leben als Theaterregisseur begonnen hat.