Urs Mattenberger, Zentralschweiz am Sonntag (21.04.2013)
Die Regie lebt auf im Schwank, Emotionen steuern Sänger bei: Monteverdis Odysseus-Oper lebt am Luzerner Theater ganz von der Musik.
Mit vier Produktionen zum Stoff der Odyssee bietet das Luzerner Theater einen spannenden Schwerpunkt zur Projektreihe «Sagenhaft» der Albert-Koe-chlin-Stiftung. Und mit den «Ansichten einer Reise» war diese «Odyssee Innerschweiz» am Donnerstag viel versprechend zu neuen Ufern aufgebrochen – mit zum Teil bemerkenswerten Ur- aufführungen junger Kompositionsstudenten der Musikhochschule Luzern (Ausgabe von gestern). Jetzt aber, in der zweiten Produktion, ist diese Odyssee bereits wieder gestrandet.
Mief gegen Fun
Das gilt für Dominique Menthas Inszenierung von Claudio Monteverdis frühbarocker Oper «Il ritorno d’Ulisse in patria», die am Freitag im Luzerner Theater Premiere hatte, wörtlich. Bühnenbildner Werner Hutterli hat die Bühne unter Sand gesetzt und damit eine suggestive Szenerie geschaffen, die je nach Lichteinfall an einen Partystrand oder eine unwirtliche Mondlandschaft erinnert. Das ist ein stimmungsvoller, passender Rahmen für die Geschichte: Da nämlich landet Odysseus nach langer Irrfahrt am Strand seiner Heimat Ithaka, in der die wartende Gattin Penelope vom leichtsinnigen Treiben des Gesindes und den frechen Avancen ungebetener Freier bedrängt wird.
Verloren wie Strandgut wirkt aber das Geschehen auf dieser Bühne. Das beginnt bei den Kostümen, die Fünfzigerjahre-Mief mit Fantasy-Fun (für die Götter) vermischen. Odysseus wird als Greis verkleidet wie im Landtheater und später als eine Art Fremdenlegionär uniformiert, ohne dass darin ein – ironischer? – Sinn erkennbar würde.
Statik, Video und Schwank
Hinzu kommt, dass die Figurenregie weitgehend so statisch wirkt wie das Betonsofa als zentrales Requisit. Bewegung bringen erst magische Videoprojektionen ein und die zum Schwank überdrehten komödiantischen Szenen. In ihnen – etwa im Spiel mit unzähligen Schuhschachteln als Freiergeschenke – überrascht Mentha mit ironischen Regieeinfällen, die das gut gelaunte Premierenpublikum zum Lachen brachten.
Aber erst am Schluss, im ungläubigen Wiedererkennen zwischen Odysseus und Penelope, ahnt man, welche Art von Konzept im emotionalen Minimalismus über weite Strecken liegen könnte: Das «A und O» des Stücks, sagt Mentha im Programmheft, sei «das Warten, das Eintreffen des Erwarteten und die Differenz zwischen Erwartetem und der Erfüllung».
Starke Ensembleleistungen
Eine durch Enttäuschung und unerfüllte Sehnsucht versteinerte Seele, die schliesslich weich wird wie Sand? Musikalisch freilich geschieht das an diesem Abend von Anfang an – dank einer Reihe vorzüglicher Leistungen des zwölfköpfigen Sängerensembles bis in kleine Nebenrollen hinein.
Die expressive Stimme von Carolyn Dobbins Penelope verrät von Beginn an, dass im Chanel-Korsett eine berührungs- und liebeshungrige Seele steckt, der der reserviert wirkende Odysseus (Utu Kuzuluk) kaum Erfüllung bringen wird. Todd Boyce als burschenhafter Hirte und Annina Haug als lebenslustige Dienerin bringen mit leichten Stimmen vitalen Schwung in den trostlosen Sand. Die Freierparodien heben Szymon Chojnacki und Carlo Jung-Haeyk Cho auch vokal über harmloses Schwankgetändel hinaus. Und in den Szenen der Götter, die auf der Bühne und im Publikum auf Leiterpodesten thronen, findet szenische und vokale Komik passend zusammen, mit Neptun (mit wendig strömendem Bass: Patrick Zielke) und Odysseus’ Schutzgöttin Minerva (mit verführerisch zwitschernden Koloraturen: Simone Stock) als starken Kontrahenten.
Aufbrausende Cembali
Einen besonderen Akzent setzt die instrumentale Umsetzung der Partitur unter Howard Armand am Cembalo. Er verzichtet darauf, das Stimmenmaterial mit Bläsern anzureichern, und charakterisiert die Figuren und Szenen ganz mit der farbig besetzten und eingesetzten Continuo-Gruppe. Das funktioniert – ergänzt mit dem Schmelz und Glanz der nicht immer intonationsreinen Streicher – vorzüglich. Wenn die Cembali klirrend aufbrausen und der Klang von Gitarren träumerisch aufgehellt oder von Lauten magisch abgedunkelt wird, ereignet sich in der Musik das emotionale Drama, das man auf der Bühne über weite Strecken vermisst.