Würgen in der Wolfsschlucht

Daniel Allenbach, Der Bund (22.10.2013)

Der Freischütz, 20.10.2013, Bern

Carl Maria von Webers «Der Freyschütz», die erste Opernpremiere der Saison von Konzert Theater Bern, weckte im Vorfeld viele Erwartungen - und erfüllt sie nun zumindest zur Hälfte.

Zwei wahrlich intensive Wochenenden liegen hinter der Crew von Konzert Theater Bern. Nach Musical, Schauspiel und Ballett folgte am Sonntagabend mit Carl Maria von Webers romantischer Oper «Der Freyschütz» auch noch die vierte und letzte Premiere dieses herbstlichen Saisoneröffnungs-Marathons. Das angesichts der üblichen Schreibweise irritierende «y» im Titel steht dabei für die besondere Fassung, die das Team um Mario Venzago ausgegraben und eigenhändig für Bern eingerichtet hat.

In Webers erfolgreichster Oper sind die einzelnen Gesangsnummern eigentlich durch gesprochene Dialoge verbunden. Da Sprechtexte im Pariser Opernhaus allerdings tabu waren, komponierte kein Geringerer als Hector Berlioz für die Pariser Aufführung eigens orchesterbegleitete Rezitative, um den ungeschriebenen Gesetzen des französischen Opernbetriebs zu genügen. Diese die Handlung tragenden Zwischenmusiken wurden nun wiederum ins Deutsche rückübersetzt und neu gefasst. Venzago bietet also eine Art Uraufführung - und eine, die dank der rücksichtsvoll vorgenommenen Bearbeitung trefflich funktioniert. Trotz der «fremden» und ungewohnten Verbindungsmusik ergibt sich ein Werk aus einem Guss, das durch das Berner Symphonieorchester mit sattem, die Mittelstimmen betonendem Klang und viel Sensibilität in den Solopassagen ausmusiziert wird.

Den Handlungsbogen stören einzig die beiden zwar original von Weber, jedoch nicht für den «Freischütz» komponierten Passagen: Sowohl der zwischen Ouvertüre und Eingangschor geschobene Prolog des Eremiten, den Weber wohl zu Recht weggelassen hatte, als auch die von Berlioz nach einem Klavierstück Webers geschaffene, für die Pariser Opéra ebenfalls unentbehrliche Ballettmusik wirken als Fremdkörper.

Entbehrliche Inszenierung

Besonders bei letzterem Einschub, der sogenannten «Aufforderung zum Tanz», liegt das allerdings weniger an der Musik als vielmehr an der Inszenierung von Michael Simon. So will er während dieser schwungvollen Tanzmusik in einer abstrakten Pantomime die ängstliche Vorahnung Agathes (gesanglich berührend: Bettina Jensen), die den Probeschuss ihres Verlobten fürchtet, darstellen. Es ist natürlich legitim, der Musik kontrastierende Bilder gegenüberzusetzen, doch Simons Ansätze werden kaum je schlüssig und verpuffen weitgehend im ebenfalls von ihm selbst verantworteten, plakativen Bühnenbild mit seiner vorwiegend in schreienden Violett- und Rottönen gehaltenen Farbigkeit.

Auch während des restlichen Abends bleibt die Inszenierung über weite Strecken entbehrlich. Interessanterweise sind es dabei gerade jene Szenen, in denen sich die Augen etwas ausruhen können und die Farben schweigen, die durch das Spiel der Akteure am stärksten wirken. Etwa die beklemmende Szene des mit dem Teufel im Bunde stehenden und von diesem gepeinigten Jägers Kaspar, den Pavel Shmulevich grandios mit mächtigem Bass und eindrücklichem Spiel verkörpert. Oder die Vorgänge in der Wolfsschlucht, in der Kaspar für den gutgläubigen Max (Tomasz Zagorski mit viel tenoralem Schmelz) in einem undurchsichtigen Prozedere die Freikugeln aus sich hervor würgt, die dem zweiflerischen Jägerburschen traumwandlerische Treffsicherheit versprechen.

Ansonsten wird die Geschichte dieses jungen Mannes, dessen berufliches und persönliches Glück als Nachfolger und Schwiegersohn des Oberförsters von einer einzigen Kugel abhängt, zwar wuchernd bebildert, bleibt trotz expressionistischer Farbgebung aber wenig aussagekräftig. Das beginnt bei Details, etwa weshalb Kilian (Andries Cloete) überraschend sterben muss, und geht bis hin zur seltsam unmotiviert behandelten Doppelrolle des teuflischen Samiel mit dem Eremiten (Dietmar Renner). Auch das Finale, bei dem sich die grell gewandeten Sängerinnen und Sänger ihrer überdimensionierten Perücken und der Kostüme (Žana Bošnjak) entledigen und mit dem Abschminken beginnen, vermag das Rätsel der Stossrichtung dieser Inszenierung nicht zu lüften.

Hits wie im Wunschkonzert

Nun, vielleicht muss man die Augen schliessen und sich stärker auf die geglückte musikalische Seite dieses Abends konzentrieren. Vom inspiriert aufspielenden Orchester war bereits die Rede und auch der von Zsolt Czetner einstudierte Chor, der mit dem Jägerchor und dem Chor der Brautjungfern zwei aus den Wunschkonzerten dieser Welt nicht mehr wegzudenkende Hits zum Besten geben darf, überzeugt grösstenteils mit ausgewogenem Klang.

Der Anblick der Damen und Herren in den an Golfbälle und Wikingertrachten erinnernden Kostümen sei angesichts der zuvor geschlossenen Augen gleich wieder ausgeblendet.

Eine Glanzleistung liefert neben Pavel Shmulevich aber vor allem Yun-Jeong Lee in der Rolle des Ännchens, die ihren leichten Sopran sicher und mit enormem Ausdruck einzusetzen vermag. Doch auch die übrigen Sänger, darunter mit Kai Wegner und Wolfgang Resch zwei neue Ensemblemitglieder, tragen ihren Teil zum musikalisch geglückten Opernabend bei.

Das Berner Publikum ist im Hinblick auf die Musik denn auch zu Recht begeistert - und angesichts der lautstarken Pfiffe und Buhs scheint es auch in Bezug auf die Regie ziemlich einig.