Spätfaschistische «Gioconda» mit szenischen Brüchen

Reinmar Wagner, Die Südostschweiz (04.02.2014)

La Gioconda, 01.02.2014, St. Gallen

Amilcare Ponchiellis Verismo-Vorläufer «La Gioconda» ist selten zu Gast auf unseren Opernbühnen. Das Theater St. Gallen stellt die dramatischen Qualitäten dieses Operndramas zwischen Meyerbeer, Verdi und Puccini unter Beweis.

Schauplatz ist Venedig. Zeitlich sind wir vorerst in heutigen Tagen: Wahlplakate für den Popolo, ein Geschäftsmann mit Handy, die Gioconda als alte Frau, die Trödelkram an Touristen verhökert. Als sich eine Touristin für einen alten Mantel interessiert, beginnt sie ihre Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, die Amilcare Ponchielli und sein Librettist – kein Geringerer als ein sehr motivierter und ambitionierter Arrigo Boito – im 17. Jahrhundert ansiedelten, die von Regisseurin Rosetta Cucchi in St. Gallen aber in die Tage des Zweiten Weltkriegs verlegt wird, als die Faschisten die Macht in den Händen halten, aber die Partisanen Hoffnung auf den Sieg schöpfen. Die Gioconda, eine Strassensängerin, und Enzo stehen auf der Seite der Partisanen. Aber Enzo hat sich in Laura, die Frau des Stadtkommandanten verliebt. Barnaba, ein fieser Spitzel, stellt Gioconda nach, die sich auch noch um ihre blinde Mutter kümmern muss.

Buh-Gewitter für Nacktauftritt

Das sind die Ingredienzen eines intrigenreichen Blut- und Gift-Dramas voller emotionaler Wechselbäder. Dramaturgisch geht zwar einiges nicht auf, aber das hat uns in der Oper noch nie gestört. Allerdings hat sich Rosetta Cucchi ein wenig davon anstecken lassen und erzählt die Geschichte unkonzentriert, bisweilen ungeschickt und mit szenischen Brüchen. Die Grundidee, das Drama in die Agonie des Faschismus zu versetzen, würde sicher funktionieren. Aber wenn man sich dem Regietheater und einem solchen Realismus verschreibt, muss man ihn durchhalten. Da dürfen die Protagonisten nicht in symbolhaften Posen erstarren, da kann man Chöre und Statisten eben nicht als stereotype Tableaus behandeln, da darf man den «Tanz der Stunden» zwar à la Pasolinis «Salò» als Foltervergnügen der Schwarzhemden, quasi als «Tanz der letzten Stunde», inszenieren, aber dann darf das Opfer keine Ballett-Pirouetten vollführen. Diese Szene sorgte bei der Premiere am Samstag für ein kurzes Buh-Gewitter, allerdings wohl vor allem wegen der Nacktheit der Tänzerin zum hübschen Flötengeklingel des Wunschkonzert-Hits.

Dramatisch bis kraftmeierisch

Auch musikalisch spielt die Aufführung ganz eindeutig in Italien: Jeder Ansatz zu Dramatik wird mit grosser Geste ausgekostet, jeder Höhepunkt mit Portamenti angesteuert und im Fortissimo abgeschlossen. Das ist in dieser Oper zu vertreten, wenn es auch bisweilen manieriert wirkte oder kraftmeierisch wie bei Tenor Stefano La Colla als Enzo. Im Gegensatz zu den beiden weiblichen Hauptrollen hat er aber die strahlkräftige Stimme und das runde warme Timbre für vokale Imponiergesten. Bei Nora Sourouzian als Laura fehlte beides bisweilen, und bei Katrin Adel in der Titelrolle offenbarte die Höhe, ob laut oder leise angesteuert, wenig ansprechende Farben. Dafür gestaltete sie ihre grosse Abschiedsszene mit leisen, innigen und klangfarblich differenzierten Tönen sehr ansprechend. Am meisten sängerische Noblesse legte Paolo Gavanelli in der Rolle des fiesen Barnaba aufs Parkett am wenigsten der Bass Ernesto Morillo.

Auch Dirigent Pietro Rizzo ist Italiener und hatte somit keine Veranlassung, Gegensteuer zu den mächtigen Gesangsaufschwüngen und klanglich nicht gerade delikaten Chormassierungen zu geben.

Bei Premiere sass noch nicht alles

Rizzo zeigte ein stilsicheres Gespür für Tempi und Rubati.Doch trotz klaren Schlages war die rhythmische Präzision generell nicht sehr hoch und der Gesamtklang oft pauschal. Quer durch die Register des Orchesters sass die Partitur an der Premiere noch nicht solid. Und oft haperte es an der Koordination zwischen Bühne und Graben – die Gesangslinien werden, wie man das später von Puccini kennt, oft instrumental unterlegt. Auch sonst ist Puccini hin und wieder vorauszuspüren in Ponchiellis ambitionierter Partitur, wenn auch das Vorbild Verdi meist klar den Ton angibt und Massenszenen und Ballett von der französischen Grande Opéra inspiriert sind.