Hier führt das Bühnenbild Regie

Sigfried Schibli, Basler Zeitung (21.12.2015)

Die Zauberflöte, 19.12.2015, Basel

Baukunst statt geistige Bewältigung: Mozarts «Zauberflöte» auf der Grossen Bühne des Theaters Basel

Sind wir da überhaupt im richtigen Film? Keine Schlange und keine Vogelfedern, keine Flöte und kein Glockenspiel, dafür zwei klingende Neonleuchtkörper, die vom Schnürboden herunterschweben. Papageno, das schlichte Gemüt auf Brautschau, trägt einen bunten Jupe und Hosenträger zum nacktem Oberkörper. Prinz Tamino wird nicht von einem Ungeheuer bedroht, sondern von einem banalen Seil. Er trägt eine militärische Uniform (Kostüme: Susanne Scheerer) und seine Pamina blaue Haare wie die Kunststudentin Emma im französischen Spielfilm über eine Liebe zwischen zwei jungen Frauen, «La vie d’Adèle» aus dem Jahr 2013.

Sarastro gebietet als Herr über eine Schar Nonnen mit spanischen Halskrausen, vielleicht, wer weiss, eine Andeutung in Richtung spanische Inquisition, mit welcher Mozarts «Zauberflöte» herzlich wenig zu tun hat. Diese Klageweiber, dargestellt von Männern aus dem Opernchor, wirken wie einem ­Monty-Python-Film entlehnt und schunkeln zu Sarastros Arie «O Isis und Osiris» wie bekifft. Offenbar hat der süssliche Marihuanaduft, der sich während der Premiere am Samstag im Saal ausbreitete, seine Wirkung getan.

Die drei Knaben, die erst Pamina und dann den Vogelfänger Papageno vor dem Selbstmord bewahren, tragen Bein- und Armschienen wie Kriegsversehrte und Lampen wie Höhlenforscher, man wird daraus nicht schlau, während Mono­statos kein Mohr ist wie im Original (das wäre ja politisch inkorrekt), sondern ein Toten­skelett mit irrem, schwarzem Blick.

Dass Monostatos und seine Männer durch das Flötenspiel besänftigt werden sollen, ist hier nicht recht nachvollziehbar, weil zumindest die Sklaven von vornherein sanft wie Lämmer wirken. Gestrichen sind viele Passagen in den gesprochenen Dialogen, vor allem die ärgsten frauenfeindlichen Textpassagen, die man heute nur noch als Ausdruck eines schon damals überholten Zeitgeistes hinnehmen kann. Die Königin der Nacht ist als Silbermähne im Hosenanzug gezeichnet und wirkt nur gerade durch ihre Stimme königlich.

Schreiner und Spengler

Auf solche teils hübschen, teils abstrusen, meist angestrengt originellen Ideen ist am Theater Basel die junge Regisseurin Julia Hölscher gekommen, die sich so weit der Bühnenbildnerin Mirella Weingarten ausgeliefert hat, dass man sagen muss: Prägender als die Regie ist hier das Bühnenbild. Gesungen wird ärgerlich häufig direkt an der Rampe mit Blick auf den Dirigenten. Während die Personenführung bescheiden bleibt (Ausnahme: die drei erotisch aktiven und überhaupt sehr bewegungs­freudigen Damen), treibt das Bühnenbild absonderlich fantastische Blüten. Die Werkstätten des Theaters Basel haben ganze Arbeit geleistet und die offenkundigen Schwächen der Regisseurin, die nicht wirklich mit dem grossen Bühnenraum zurechtkommt, einigermassen kaschiert.

Man wähnt sich ein bisschen bei der Diplomausstellung einer Ausbildungsstätte für Schreiner und Spengler. Die Handwerker haben mehrere hölzerne Türme gebaut, die über eine raffinierte Hydraulik verfügen und sich miteinander verbinden lassen. Die Feuer- und Wasserprobe im zweiten Akt – natürlich ohne Feuer und ohne Wasser – besteht dann darin, dass die Prüflinge Pamina und Tamino vom einen Ende dieses hölzernen Konstrukts zum anderen Ende gelangen müssen, was nicht wirklich gefährlich aussieht.

Rein handwerklich sind diese Türme sehr gekonnt. Mal wird da eine massive Treppe ausgeklappt wie bei einer mittelalterlichen Burg, dann wieder gibt es ein Drehkarussell wie auf dem Kinderspielplatz. Die Türme lassen sich beklettern und verschieben, da sie auf Rädern stehen. Da gibt es immer etwas zu sehen, auch wenn das oft keinen rechten Sinn ergibt.

Kinder werden diese Inszenierung nicht verstehen, weil die bekannten Handlungselemente und Zeichen darin nicht vorkommen, und als Erwachsener fragt man sich, wo das Mysterium dieser beliebtesten aller Opern geblieben ist. Weder die ägyptischen Motive noch die Freimaurerei werden in irgendeiner Form thematisiert. Von den klugen psychoanalytischen Thesen im Programmheft ist auf der Bühne nur so viel zu erkennen, dass die männlichen Figuren oft auch eine weibliche Seite haben und umgekehrt. Dafür hätte man nicht einmal C. G. Jung bemühen müssen.

Prägnante Rhythmen

Bleibt die Musik, die bekanntlich einiges an Albernheiten der Regie aushält. Unter dem deutschen Dirigenten Christoph Altstaedt spielt das Sinfonieorchester Basel schlank und rhythmisch prägnant, abgesehen von wenigen etwas wackligen Holzbläserstellen in der Premiere auch gut koordiniert. Der Chor, wie immer einstudiert von Henryk Polus, hat trotz der grotesken Maskerade musikalisch grossartige Momente, profitiert allerdings auch davon, dass er oft an der Rampe singen darf und szenisch nicht allzu stark gefordert wird.

Als Tamino betritt zuerst Sebastian Kohlhepp die Bühne: ein sauber geführter Tenor mit wenig Schmelz, aber viel kerniger Substanz und guter Diktion. Sonderapplaus für seine Bildnis-Arie in der Premiere. Papageno wird lustvoll und mit einer Prise Dialektfärbung vom Österreicher Thomas Tatzl verkörpert, dessen Bassbariton vollkommen ausgeglichen klingt. Die Sopranistin Anna Gillingham erwischt als Pamina einen etwas schwierigen Start und wirkt bis zuletzt stimmlich nicht ganz frei.

Imponierend ist Callum Thorpe als stimmgewaltiger, aber nie brüllender, ungewohnt junger Sarastro. Die japanische Sopranistin Mari Moriya singt mit lockerer Kehle und treffsicheren Spitzentönen die Königin der Nacht, bleibt aber textlich weitgehend unverständlich. Bei ihrer Rache-Arie im zweiten Akt ist es im Zuschauerraum so still, dass man die berühmte Stecknadel fallen hören könnte.

Kleinere Partien werden aus dem Basler Ensemble besetzt, herausragend vor allem Karl-Heinz Brandt als agiler Fiesling Monostatos mit äusserst deutlicher Diktion und Andrew Murphy als sonorer Sprecher und erster Priester. Die drei Knaben von der Knabenkantorei Basel machen ihre Sache tadellos.

Nach der mit Pause fast dreistündigen Aufführung gibt es sehr freundlichen, aber durchaus nicht frenetischen Premierenapplaus.