Wenig von Goethe, nicht alles von Gounod

Reinmar Wagner, Südostschweiz (28.10.2019)

Faust (Margarethe), 26.10.2019, St. Gallen

Der französische Komponist Charles Gounod machte aus Goethes Tragödie «Faust» eine der erfolgreichsten französischen Opern aller Zeiten. Am Samstag war Premiere am Theater St. Gallen.

Gounods «Faust» bietet alles, was eine Oper für Regisseure, Dirigenten, Sänger und Publikum attraktiv macht: Zuerst gibt es jede Menge opulente Musik, aber auch Zauberspuk, Massenszenen und eine intensive Liebesgeschichte mit grossen Gefühlen. Die Premiere am Samstag in St. Gallen fokussierte vor allem auf die romantische Schauergeschichte – und verwirrte mit eigenwilligen Erzähl-Varianten. «Gerichtet» triumphiert Mephisto am Ende – «Gerettet» singt der himmlische Chor schon bei Goethe wie auch in der Oper von Gounod, dessen Librettisten das deutsche Nationaldrama ansonsten eher als Steinbruch benutzten. Eigentlich geht es um Gretchen in dieser Szene, die in Fausts Armen tot zusammengebrochen ist. In der Inszenierung von Ben Baur aber ist Faust selber der Tote, der soeben von Siebel erschossen worden ist. Nun ja, der Rivale um Gretchens Liebesgunst hat tatsächlich Rache geschworen am Verführer der Geliebten. Aber das himmlische Urteil macht nun eigentlich keinen Sinn mehr.

Macht es eine Geschichte besser, wenn man sie ganz anders erzählt? Gretchen zum Beispiel schleppt den ganzen vierten Akt hindurch ihren Baby-Bauch durch die Szene und bringt ihr Kind erst an seinem Ende – auf offener Bühne – zur Welt, nachdem sie von Valentin, ihrem Bruder, ein Messer in den Bauch gerammt bekam. Mit vereinten Kräften gelingt die Geburt eines offensichtlich noch lebenden Kindes, das sie anschliessend – auf offener Bühne – erschlägt.

Wahnsinns-Szenen mit Mephisto

Blutige Szenen auf der Opernbühne sind wir ja unterdessen gewöhnt, und es ist ja nicht so, dass sie immer unpassend wären. Aber Gretchens Wahnsinns-Szenen mit Mephisto als höllischem Oberpriester machen eigentlich erst Sinn, wenn sie die Schuld des Kindermords bereits auf sich geladen hätte. Ben Baur versucht seine Version zu erklären mit einer rigiden, moralisch strengen Gesellschaft, die das schwangere Mädchen derart ausgrenzt, dass es sich in den Wahnsinn flüchtet. Könnte man tatsächlich so erzählen, aber dafür müssten die Figuren deutlich feiner und individueller gezeichnet sein als in den eher plakativ arrangierten Tableaus in nebligen romantischen Gemäuern, die Ben Baur mit Vorliebe auf die Bühne bringt.

Weitere Eingriffe in Gounods Plot gefällig? Die Walpurgisnacht wurde gestrichen, Valentin ist geblendet aus dem Krieg zurückgekehrt, da braucht es Mephistos Zauberkräfte gar nicht, damit Faust ihn im Kampf besiegen kann. Oder die Ballade Gretchens vom König von Thule ist bei Ben Baur kein einsames Herzklopfen eines zum ersten Mal verliebten Mädchens, sondern die Gutenachtgeschichte für die Nachbarskinder.

Viel Herzblut und Können

Insgesamt deutlich schlüssiger präsentierte sich die musikalische Seite der Produktion. Michael Balke, Ständiger Gastdirigent in St. Gallen, zeigte mit viel Herzblut und Können, dass er auch die Klangfarben des französischen Fachs virtuos aus dem Orchester zaubern kann. Eher rasch in den Tempi, aber nie verhetzt, oft delikat zart im Streicher-Sound klang sein Gounod, gleichzeitig formte er die Dramatik der Partitur mitreissend aus, ohne zu laut aus dem Graben zu klingen. Ein paar Details in der Präzision und Intonation werden sich noch einpendeln – auch beim Chor. Und für das auf allen Positionen ordentlich besetzte Ensemble war diese gleichermassen sichere wie dramatische Basis ein breit ausgerollter Roter Teppich für sängerische Höhenflüge.

Der philippinische Tenor Arthur Espiritu in der Titelrolle suchte und fand die Zwischentöne, die ihm Gounod und die französische Sprache anbieten, klang aber bei den heldischeren Passagen schnell schmal und eng, der litauische Bass Tadas Girinkas als Mephisto sang mit Kern und profunder Tiefe, aber manchmal ein bisschen gar hemdsärmlig. Am elegantesten schritt die deutsche Sopranistin Sophia Brommer über diesen Roten Teppich, vielseitig im Repertoire ihrer Ausdrucksnuancen, souverän in allen Lagen, nur bisweilen etwas gar zu rasch in den metallenen Registern ihrer intakten Stimme. Ein Ausrufezeichen setzte Shea Owens als Valentin.