Auf silbernen Rosen gebraten

Christian Berzins, Aargauer Zeitung (06.07.2004)

Der Rosenkavalier, 04.07.2004, Zürich

Zürcher Festspiele Richard Strauss´ «Rosenkavalier» am Opernhaus Zürich

Eine gute Besetzung, ein Dirigent, der die feinen Fäden betont, eine Regie, die deutet und der Musik folgt - und mit einem genialen Detail aufwartet.

Wie wenig es manchmal doch braucht, um eine festgefahrene Aufführungspraxis aufzusprengen! Von Regisseur Sven-Eric Bechtolf, der in Zürich «Carmen» auf der Müllhalde und «Otello» im Raumschiff spielen liess, durfte ein Neuansatz von Richard Strauss´ «Rosenkavalier» erwartet werden. Er belässt nun aber fast alles so, wies im Buch von Textdichter Hugo von Hofmannsthal steht, und schafft doch eigenständige Bilder und Charaktere. Bechtolf zeigt, welche Abgründe sich in dieser Komödie auftun und wie nah ein auswegloses Ende ist: Die Feldmarschallin und ihr junger Liebhaber Octavian leiden enorm unter ihrer Trennung; der Baron Ochs kann nicht glauben, dass seine Hochzeit mit der reichen Sophie von ebendiesem Octavian vereitelt wurde.

Ein Häuflein Elend

Im letzten Bild scheinen die vier Protagonisten am lustigen Spiel zerbrochen zu sein: Die Feldmarschallin stürzt sich auf den vermeintlich Schuldigen, den Baron Ochs. Der oft so tölpelhafte, ist als eleganter Baron gezeichnet, der geradezu cool sein kann. Vom 17-jährigen Octavian wurde er dennoch an der Nase rumgeführt. Dar-an freuen kann sich der schnöselhafte Rosenkavalier nicht. Die Präsenz der Feldmarschallin lässt ihn Sophie wieder vergessen - einem Häuflein Elend ist er gleich. Kein Wunder, steht Sophie plötzlich ganz nah beim ihrem verschmähten Bräutigam, dem Baron Ochs, bis sie Octavian doch noch resolut an der Hand ins neue Leben zieht. Stark ist diese Sophie gezeichnet: Im 2. Aufzug, kurz vor der Rosenübergabe, hat sie noch tüchtig in der Küche mitgeholfen: Zum Duft der Silbernen Rose gesellt sich der Duft von Bratensauce. Warum eine Küche anstelle eines «normalen» Entrees gebaut wurde, bleibt offen (Bühne Rolf Glittenberg).

Im 1. Aufzug sind wir in einem schnörkellosen, eisigen Zimmer. Eine Matratze liegt auf dem Boden, anstelle eleganter Säulen stehen knorrige Bäume. Aber bald sehen wir wie eh und je die Feldmarschallin im Nachthemd und Octavian in langen Unterhosen beim Morgenkuscheln. Im 3. Aufzug kehrt man zurück in diesen Raum. Rasch ist ein Zelt, ein Chambre Separée, aufgebaut. Skelette werden Baron Ochs erschrecken: Nahe kommt hier das Geschehen ans letzte Nachtessen Don Giovannis oder Hofmannsthals «Jedermann». Der Tod lauert nicht nur hier. Auch die Feldmarschallin schaut am Leben hinab, wird dreimal am Boden liegen, der Friseur macht aus ihr für einmal tatsächlich ein altes Weib. Ochs wird nach seine Verletzung von Faninal wie ein Toter aufgebahrt: Schwarzer Humor und der rote Faden werden eins.

Olympio - der Musikautomat

Wenn alle Details dieser Inszenierung vergessen sind, wird man sich einer Szene erinnern: Aus dem immer etwas dämlich wirkenden Tenor im 2. Aufzug macht Bechtolf einen Musikautomaten, einen Olympio - das ist unheimlich raffiniert.
Genauso gespannt wie auf die Inszenierung war man auf die musikalische Umsetzung, debütierte doch Vesselina Kasarova als Octavian - Höhepunkt im Werdegang einer Mezzosopranistin. Ihre stimmlichen Gestaltungs- und Ausdrucksmittel sind unbegrenzt, kein Detail ist zu schwierig. Nur halten die Gesangslinien nicht, die Phrasen sind zerrissen: kaum ein Wort ist verständlich. Kasarovas Noblesse kann eben auch eine Grenze sein. Bei Nina Stemme (Feldmarschallin) sitzt jeder Ton, und jede Geste, die Reserven scheinen unendlich. Malin Hartelius Sopran ist glockenhell - perfekt für die Sophie, die «pudeljunge Jungfer». Alfred Muff (Baron Ochs) spielt nicht den Polterbass, sondern vielmehr einen Galan: Helligkeit und Beweglichkeit der Stimme passen perfekt dazu.

Dirigent Franz Welser-Möst führt mit dem Opernhausorchesters den vom Regisseur gezeigten Abgesang weiter: Er zeichnet phasenweise so fein, so melancholisch, voller seelischem Ausdruck, dass man sehr genau hinhören muss. Er lässt nie poltern, dafür öfters mal genüsslich fett die Klänge tropfen: So entsteht in Faninals Küche ein Braten, der nach Rosen riecht.