Herbert Büttiker, Der Landbote (06.07.2004)
Am Ende ist manch Irritierendes im neuen «Rosenkavalier» vergessen. Die Premiere mündet in den Festspieljubel, den das glänzende Ensemble des Opernhauses mit seinen Spitzenlichtern ausgelöst hat.
Warum Octavians Degen im Schlafzimmer der Feldmarschallin ein Feuerhaken sein muss, ist auch im Rückblick auf den viereinhalbstündigen Abend nicht zu beantworten. Aber dieser und einige andere Widerhaken der Inszenierung verstellen den Blick nicht auf die grossartige Leistung des Opernhauses am Ende der langen Saison. Die «Rosenkavalier»- Musik lebt ja nicht nur von den lyrischen Zaubermomenten, die gleichsam aus sich selber leuchten, sondern auch von einem wuchernden Musikbetrieb, der nur dank Grosseinsatz und geschliffener Arbeit zu funkeln beginnt. Orchester und Sänger sind gefordert mit dem dramatischen Gepolter des zweiten und dritten Aktes, mit seinen rhythmischen Überraschungen, mit seiner aufgeregten Konversation. Franz Welser-Möst ist dabei genau so souverän präsent, wie er selbstverständlich zum duftig-leichten Walzerton zurückfindet, und das Orchester geht im leicht zur Hand, bleibt durchsichtig für dekoratives Nebenbei und lässt sich kompakt zu auffahrendem Schwung animieren. Die Tempi sind zügig und straff im Ganzen, um so auffälliger macht sich Dreivierteltakt-Gemütlichkeit Platz und wölben sich die kleinen und grossen lyrischen Fermaten der Komödien-Partitur – Rosenüberreichung im zweiten Akt, das Schlussterzett: Magie des Taktstocks, aber auch der klangschön verschmelzenden Frauenstimmen.
Vielschichtige Frauenfiguren
Drei ganz unterschiedliche Figuren verschlingen sich am Ende und feiern das Laben im Abschied und in der Hoffnung, nachdem der einzige, der es in der deftig-platten Gegenwart verkörpert, der Ochs von Lerchenau, aus dem Spiel ausgeschieden ist. In der einzigen Hauptpartie in der Bastion der Männerstimmen beherrscht Alfred Muff in dieser Rolle die Szene über weite Strecken, in der Eloquenz und stimmlichen Penetranz imponierend. Aber in ihrer vielschichtigeren seelischen und musikalischen Anlage behaupten sich zuletzt die Frauenstimmen: der Mezzosopran, flankiert von zwei Sopranstimmen von unterschiedlichem Gewicht. Malin Hartelius macht mit ihrem schlanken und biegsamen Sopran Sophie zur mädchenhaft strahlenden Figur, lässt im dritten Akt aber auch die wachsende Eigenständigkeit ahnen, zu der sie im Widerstand gegen die väterlichen Pläne reift. Vesselina Kasarova bringt wohldosiert die dunklen Facetten ihres Mezzosoprans ins Spiel und gibt so ihrem Octavian die männlichen Züge. Für die Mariandel- Maskerade übertreibt sie mit komödiantischem Schalk ihre femininen Register, und für das Aufflammen und Aufbrausen des schnell gekränkten jungen Liebhabers trumpft sie mit ihrer expansiven Stimme auf, verschwenderisch, zum Nachteil für Phrasierung und Verständlichkeit wohl auch etwas einseitig auf die hohen und langen Töne fixiert.
Differenzierte Schattierung der Deklamation, Klangfülle und Klangfarben: Die ganze Souveränität sängerischer Gestaltung ist bei Nina Stemmes Marschallin versammelt – und nie in den Vordergrund gespielt, sondern zur Charakterisierung einer Frau eingesetzt, deren Souveränität eben gerade gefährdet ist. Sie spielt diese Marschallin ohne theatralische Vorgabe mit einer Grandezza, die nicht gespielt wirkt und sich auch in der offenbaren Verzweiflung nicht verliert. Und diese ist in ihrer Darstellung allgegenwärtig, nicht nur im berühmten Monolog, in dem sie melancholisch über die Zeit räsoniert. Immer ist unterschwellig da, was plötzlich «spektakulär» hervortritt in Entgleisungen und Zusammenbrüchen: wenn sie die Schokolade, die sie Octavian einschenkt, wie absichtlich auf den Tisch schüttet oder wenn sie vor dem Automaten, als der hier der Sänger (Boiko Zvetanov) vorgeführt wird, ohnmächtig wird. Da ist auch die Handschrift des Regisseurs zu spüren. Sven-Eric Bechtolfs Inszenierung geht sparsam um mit solchen Zeichen, und manchmal sind sie doch zu viel. Ein suggestives Bild prägt er auch für den Ochs von Lerchenau. Mariandel und die Marschallin auf seinen Knien und bekränzt, kann er sich für einen Augenblick wirklich «wie Jupiter selig in tausend Gestalten» wähnen, wobei die beiden, die mit ihren Händen hinter seinem Rücken turteln, eben auch deutlich machen, wie viel Selbsttäuschung bei ihm mit im Spiel ist. Aber für einen Augenblick wird er zur mythischen Figur. Der dritte Akt knüpft hier an. Aber so seltsam sich sonst die realistisch inszenierte Klamaukszene ausnimmt, so ganz überzeugt auch die poetische Umsetzung mit Skelett- und Totenkopf-Choreografie nicht. Und wenn die Kellner als Käfer (grasgrün Volker Vogels Wirt) kostümiert sind, geht die Extravaganz der Szenerie schon sehr weit.
Die Zeremonie in der Küche
Überhaupt. So nah sich die ausnehmend schönen Kostüme der Protagonisten (Marianne Glittenberg) an der Aufführungstradition des «Rosenkavaliers» orientieren, so weit entfernt sich davon das Raumkonzept. Stimmungsdicht und in Widersprüche zum Text noch nicht allzu sehr verstrickt, mag der Wintergarten als Schlafzimmer der Feldmarschallin im ersten Akt hingehen. Aber wenn Octavian das Beisel für das ochsische Tête-à-tête im dritten Akt an diesem Ort karnevalesk inszenieren lässt, sind Auftritte und Abgänge nur noch schwer plausibel zu machen.
Am meisten zugemutet wird dem Werk aber mit dem Mittelakt, der in die Grossküche des Faninalschen Palais verlegt ist. Rolf Glitterberg hat auch dieses Bild optisch bestechend gebaut, aber wozu? Faninal (Rolf Haunstein) erscheint hier wenig plausibel als Küchenchef von kleinbürgerlich-familiärem Zuschnitt, der die Tochter des Hauses in Erwartung des hochadeligen Bräutigams Wiener Schnitzel panieren lässt. Aber die silberne Rose könnte auch zwischen dem Konservenbüchsen abfüllenden Personal ihr Wunder vollbringen – die Musik lässt hier jeden Ort vergessen. Nur wenn sich Sophie vor dem ankommenden Rosenkavalier versteckt, fehlt seinem Auftritt natürlich das Entscheidende: das Gegenüber.
Da läuft die Musik ins Leere. An vielem, was oben erwähnt worden ist und was noch zu erwähnen wäre, kann sie sich aber auch entschieden festmachen. Chor, Statisterie und vor allem zahlreiches Nebenpersonal dienen mit gezieltem und gekonntem Einsatz dieser «Komödie für Musik». Bei aller Extravaganz liest sie sich insgesamt auch nicht neu. Nur kennen wir jetzt auch den scheppernden Ton, den die silberne Rose erzeugt, wenn sie zu Boden fällt.