Manuel Brug, Die Welt (08.07.2004)
Ein wunderbar entfetteter "Rosenkavalier" in Zürich hängt die Latte für Salzburg ziemlich hoch
Manchmal gibt es seltsame Kopf-an-Kopf-Rennen in der Opernwelt. Zehn Tage nach dem irgendwie wohl stattfindenden Schlingensief-"Parsifal" in Bayreuth kontert Baden-Baden mit einer extrem kulinarisch besetzten Wagner-Variante. Und nur ein paar Wochen vor dem neuen Salzburger "Rosenkavalier" schultert Zürich die nicht gerade leichte Strauss-Sacharinbombe als Saison-Rausschmeißer.
Von wegen schwer: Selten gelang diese "Komödie für Musik" so kammermusikalisch konversationshaft, so wortverständlich. So fein aufgefächert in filigranem Weiß, ohne Spuren von Rosarot. Das Zürcher Opernorchester brillierte unter seinem alten Chef, dem eher walzersezierenden statt -seligen Franz Welser-Möst. Der doch ausgerechnet in Salzburg jenen als - zudem österreichischer - Ruzicka-Nachfolger gilt, die selige Karajan-Zeiten wiederhaben wollen. Welser-Mösts modern unsentimentaler, geschwinder, dabei durchaus weichzeichnender Richard-Strauss-Zugriff macht deutlich, dass er nicht nur in dieser Hinsicht andere Dirigenten-Wege geht. Zudem ist er als Orchesterchef in Cleveland und mit Wiener Verpflichtungen bis 2012 ziemlich verplant. Aber vielleicht langt es wenigstens endlich zu einem Dreivierteltakt-delikaten Neujahrskonzert...
Milchschaum statt Schlagobers auch auf der Bühne, wo Sven-Eric Bechtolf einmal mehr seine Regiebefähigung für die sensualistisch-sexualpathologische Oper des frühen 20. Jahrhunderts unter Beweis stellte. Wobei er bei dem so schwer an seiner perückenpuderigen Rezeptionsgeschichte tragenden Stück, das seit einigen Jahren auch in Regietheater-Hände geraten ist, einen Mittelweg findet: er lässt der "wienerischen Maskerad"" Geschmack und Wehmut, überdreht aber die gefälscht theresianischen Walzer und Hofmannsthals weltweise, sentimental-brutale Kunstsprache; legt dezent auf die freudianische Couch, was laut Librettist sowieso "ein halb imaginäres, halb reales Ganzes" ist.
Die domestizierte Natur-Anschauung des Rokoko spiegelt sich in den Porzellanpapageien im Marschallinnen-Schlafzimmer wieder. Draußen, vor Rolf Glittenbergs Halbrund in Taubengraugrün, herrscht Winter; auch drinnen stehen kahle Bäume. Tote Vögel, diesmal Fasane, hängen in der Souterrain-Küche des mit Armeelieferungen reich gewordenen, jetzt seine Tochter an den klammen, aber reputierlichen Ochs von Lerchenau verschachernden Herrn von Faninal (Rolf Haunstein), wo eine Köcheschar stets denselben blauen Strudelteig durch den Wolf dreht. Hier ereignet sich die Rosenüberreichung Octavians als mindestens ebenso unpassendes Ritual, vor dem sich die naseweise, aber nicht naive Sophie der silberzarten Malin Hartelius im Schrank versteckt. Wie vorher der italienische Sänger (laut: Boiko Zwetanov) einen Auftritt als Schachautomat hatte, so deliriert sich jetzt ein lemurenhafter Greis in den Walzerexitus.
Verkleidung als Memento Mori. Marianne Glittenberg gleitet dabei virtuos durch die Jahrhunderte. Bei der Marschallin frönt man der Exotismus-Mode, der dritte Beisl-Akt, wo der Ochs dem als falsche Zofe Mariandl verkleideten Octavian nachstellt, spielt konsequenterweise wieder im mit einem Zelt verfremdeten Werdenbergschen Boudoir. Skelette laden zum Totentanz, der gleichzeitig ein Sommernachtstraum mit allegorischem Getier ist. Um schließlich zur intimen Marivaudage zu werden, wo für das Protagonistenquartett die Maske fällt: alle sind sie Betrogene, besonders die Marschallin.
Ein Besetzungsglücksfall hilft Bechtolf bei diesem so melancholietrüb eindeutigen Befund: dank ihrer vokal dramatischeren Vergangenheit laden Nina Stemme und die als Octavian debütierende Vesselina Kasarova schon den ersten Akt mit ungekanntem Verlust und Abschied auf, der im dritten ein endgültiger wird. Die Kasarova ist schmerzlich und komödiantisch mit einem Hauch Bitterschokolade im samtigen Mezzo, nur ihr Deutsch klingt noch ein wenig zu sehr nach Bukovina statt nach der Hofburg.
Die Stemme steigert sich unaufdringlich zur Tragödin des leuchtenden Entsagungstons, bis sie ihren Liebhaber der jüngeren Sophie übereignet. Am Schluss bleibt ihr nur der Mohrenknabe, so wie dem diszipliniert komödiantischen Ochs des klug artikulierenden Alfred Muff sein Leiblakai Leopold. Aufgepasst, Salzburg: damit hängt die "Rosenkavalier"-Latte augenblicklich ziemlich weit oben.