Marianne Zelger-Vogt, Neue Zürcher Zeitung (25.05.2004)
Giuseppe Verdis «Vespri Siciliani» im Opernhaus Zürich
Es hätte noch schlimmer kommen können: Ein Land unter der Herrschaft fremder Eroberer, Besatzer, die die Bevölkerung demütigen und Bräute rauben, ein fanatischer Rebellenführer, der zum Widerstand aufruft - eine Aktualisierung von Giuseppe Verdis «Vespri Siciliani» unter aktuellen politischen Vorzeichen wäre leicht möglich gewesen. Der Regisseur Cesare Lievi und sein Ausstatter Maurizio Balò haben sie uns glücklicherweise erspart. Doch was sie stattdessen bieten - ein gefälliges Bildarrangement zwischen monumentalen Ruinen mit sizilianischen Einsprengseln in Gestalt von Puppenfiguren -, geht ebenso an dem Werk vorbei.
Wenn der politische Hintergrund der Handlung, die französische Belagerung Siziliens und das Massaker von 1282, derart neutralisiert wird, dass von Zwang, Gewalt und Auflehnung gar nichts mehr zu spüren ist, stehen auch die Figuren im Leeren. Denn die Liebesgeschichte zwischen der Herzogin Elena, die Rache für ihren von den Franzosen ermordeten Bruder geschworen hat, und dem Sizilianer Arrigo, der mit Entsetzen erkennt, dass er der illegitime Sohn des verhassten französischen Gouverneurs Monforte ist, erhält ihr dramatisches Potenzial einzig aus dem politischen Kontext, in dem sie steht. Dass dieser allerdings mehr schematischer als konkret historischer Art ist, belegt der Werdegang der von Verdi als Grand Opéra für Paris komponierten «Vêpres Siciliennes». Eugène Scribe hatte das Libretto ursprünglich unter dem Titel «Le Duc d'Albe» für Donizetti geschrieben, für Verdi wurde die Handlung aus den Niederlanden nach Sizilien verlegt, die spätere italienische Fassung erlebte weitere Orts- und Titeländerungen, bevor sie nach Aufhebung der Zensur im Original gespielt werden konnte.
Trotz ihrem melodischen Reichtum und ihrer ausgeprägten musikalischen Stimmungshaftigkeit sind die «Vespri Siciliani» ein Aussenseiter im Verdi-Repertoire geblieben, auch in Zürich, wo sie zuletzt 1971/72 auf dem Spielplan standen. Das hat zum einen wohl dramaturgische Gründe: Dem Werk fehlt der grosse Atem anderer Verdi- Opern, es wirkt uneinheitlich, inkonsistent. Zum andern stellt es extreme sängerische Ansprüche an die Interpreten der Hauptpartien. Dabei sind diese nicht einmal dankbar. Ihre innere Zerrissenheit, ihr Schwanken zwischen Liebe, Ehre und Pflicht machen es schwierig, mit den Figuren zu fühlen. Und der in seine Heimat zurückkehrende Rebellenführer Procida, der zu Beginn mit edlem Wohlklang sein Palermo besingt, entpuppt sich nur allzu bald als finsterer Fanatiker.
Auch in der Personenführung erweist sich Lievis Regie als weitgehend inexistent. Bei der Besetzung der drei männlichen Hauptrollen dagegen hatte Intendant Alexander Pereira eine ausgesprochen glückliche Hand. Leo Nucci präsentiert sich als Monforte in Bestform, sein Bariton «sitzt» in allen Lagen perfekt, der Ton entfaltet sich voll und rund, mit vielfältigen Schattierungen zwischen väterlicher Milde und Herrscherallüre. Marcello Giordani bewältigt die Partie des Arrigo - mit kleinen Abstrichen im zweiten Teil - souverän und verleiht seinem Tenor gerade so viel Druck, dass er Spannung gewinnt, ohne die Eleganz der Linienführung einzubüssen. Ruggero Raimondi zeichnet den Patrioten Procida mit dunklem Bass in all seiner Unbeugsamkeit und Härte. Paoletta Marrocu als Elena ist in diesem Männerkreis zwar die ambitionierteste Darstellerin, doch fehlt ihrem Sopran jene Stabilität, die die Stimmen ihrer Partner kennzeichnet. Deshalb empfindet man den Wechsel von hohen und tiefen, scharfen und dunklen, dünnen und durchdringenden Tönen weniger als Ausdrucksvielfalt denn als ein Nebeneinander unterschiedlicher Stimmen.
Der Dirigent Carlo Rizzi hält das grosse Ensemble mit festem Griff zusammen, dosiert den Klang differenziert, entwickelt Spannung nicht durch Lautstärke, sondern durch straffe Tempi und erhält vom Orchester - mit etwas dünn besetzten Streichern - guten Sukkurs. Die Chöre (Leitung: Ernst Raffelsberger) sind nicht nur einheitlich kostümiert - zartes Blau für die Franzosen, tristes Schwarz für die Sizilianer -, sie singen auch homogen. Als konzertante Aufführung könnte diese Neueinstudierung in Ehren bestehen.