Laufsteg der Jecken

Bettina Kugler, St. Galler Tagblatt (24.02.2004)

La Grande-Duchesse de Gérolstein, 21.02.2004, Zürich

Kölle, alaaf: Jacques Offenbachs «La Grande-Duchesse de Gérolstein» am Opernhaus Zürich

Ein Nikolaus Harnoncourt am Pult verspricht mehr als seichte Operettenseligkeit; Harnoncourt in Uniform mit Federbusch garantiert eine karnevaleske Prunksitzung. Jürgen Flimm steuert dazu die Pointen und Scherzartikel bei.

Jetzt fahren sie wieder mit viel Trara durch die Strassen von Köln, von Düsseldorf und Mainz am Rhein: die bunten Wagen mit den Politikervisagen aus Pappmaché, geleitet von unermüdlich beinschwingenden «Marieche», von Trommlern und dem Dreigestirn von Bauer, Prinz und Jungfrau. Ein echter kölscher Jeck war auch der in Paris erfolgreiche Jacques Offenbach; also veranstaltet der operettenerfahrene Jürgen Flimm (dessen Wiege ebenfalls in der Domstadt stand) «La Grande-Duchesse de Gérolstein», die letzte so genannte Offenbachiade, als eine Art Karnevalsumzug rund um den Orchestergraben. Darin hat General Nikolaus Harnoncourt den Oberbefehl, was nicht nur bedeutet, dass er und das Orchester der Oper Zürich in Galauniform aufmarschieren und der Maestro hin und wieder vorbeidefilierenden Aufzieh-Hasen, -Schweinchen oder -Krokodilen den Garaus macht.

Kriegs-Kasperltheater

Nein, Harnoncourt ist in der Koproduktion mit der Styriarte Graz stiller Hauptakteur und musikalischer Strippenzieher des komödiantischen Puppenspiels. Dessen Figuren werden während der Ouvertüre von Bühnenarbeitern hereingewuchtet und in ausrangierte Polstermöbel platziert, im Finale dann schliesslich wieder starr und unbeweglich fortgeschafft. Fini la comédie, fertig lustig. Für den restlichen Plunder auf der Einheitsbühne von Annette Murschetz steht die Entsorgungsmulde schon bereit. Oben auf dem Laufsteg hat die Grande-Duchesse, eine lüsterne Kleinstaat-Potentatin in herzförmig ausgestellten Kavaliershosen, das Sagen. Die Französin Marie-Ange Todorovitch lässt sich die Lust an der Willkürherrschaft wahrlich nicht nehmen: das durchschlagende, farbig timbrierte Organ hat sie dafür ebenso wie die geradezu einschüchternde Bühnenpräsenz.

Sie braucht, Schurkenstaaten hin oder her, den Krieg vor allem als erotische Beförderungsmaschine - so wird aus dem braven, hasenfüssigen Soldaten Fritz im Handumdrehn ein General, der die feindlichen Armeen mit Champagner matt setzt. Da hängen sie dann, wie Schinken am Fleischerhaken, in ihren GI-Kampfanzügen an der multifunktionalen Transportschiene, auf deren Laufband auch die deutsche Übersetzung, ironische Nebenbemerkungen und die unvermeidlichen Aufrufe zum Handy-Voting (sonst im Opernhaus verpönt) übermittelt werden. Das soll das lautvergnügte Publikum daran erinnern, dass Offenbachs Stück eine scharfe Antikriegssatire war und also immer aktuell ist. Ach, wäre doch nur jedes Scharmützel ein Gerolstein’scher Operettenkrieg.

Gag-Kanonade

Musikalisch ist er ein Ereignis: frech und dabei delikat, federnd und beschwingt, wenns sein muss auch mit militärischem Getöse. Offenbachs Partitur nimmt umso mehr für sich ein, als man sie auch am Mienenspiel des Kapellmeisters ablesen kann. Zumal der Graben kaum versenkt ist und die Mätzchen auf dem Laufsteg und dem Textband irgendwann gehörig auf die Nerven gehen, besonders, wenn sie sich wiederholen. Tusch!

Natürlich ist das Stück nicht unschuldig an Flimms Gag-Kanonade: Dass es seinerzeit ein Renner wurde, lag vor allem am tagesaktuellen Biss. Für die Sänger gibt die Produktion immerhin einiges her, auch darstellerisch: Carlos Chausson glänzt als Rollschuh fahrender General Boum, Martina Jankova als lyrisch-bezaubernde Wanda. Tenor Christoph Strehl beweist erneut seine stimmliche Vielseitigkeit und spielt so linkisch, wie der Name Fritz und ein Schottenrock es nötig machen. Ein Kostümfest ist das, sicher. Von der subversiven Kraft des Karnevals aber ist nichts zu spüren.