Sieg nach Punkten für die Grossherzogin

Bruno Rauch, Die Südostschweiz (23.02.2004)

La Grande-Duchesse de Gérolstein, 21.02.2004, Zürich

Als Koproduktion mit der Styriarte 2003 in Graz hatte Jacques Offenbachs «Grande-Duchesse de Gérolstein» am Samstag viel bejubelte Premiere im Opernhaus Zürich.

Ein vom Zaun gerissener Krieg rechtfertigt einerseits die Existenz des Général Boum und seiner Spielzeugarmee von Gérolstein und erlöst andererseits die Grossherzogin von ihrer Langeweile. Obwohl bereits dem Prinzen Paul versprochen, vergafft sie sich sofort in den flotten Füsilier Fritz, den sie kurzerhand zum General macht. Der Kampf wird mittels Alkoholisierung des Gegners zügig und ohne Blutvergiessen beendet. Und ebenso zügig wird Fritz wieder degradiert, als Madame La Duchesse inne wird, dass er nur Wanda liebt. Die Paare kriegen sich - Tusch.

Musik und klamaukige Satire

Als Schauplatz hat Bühnenbildnerin Annette Murschetz eine Art Möbellager eingerichtet, wo allerhand herumsteht, das schon besserer Zeiten gesehen hat - Sofas, Schränke, Klappbetten. Im Vordergrund führt ein Laufsteg rund um den erhöhten Orchestergraben. Zu Beginn tragen die Bühnenarbeiter das Personal herbei, das sich erst allmählich zu regen beginnt. Um dann, nach drei Stunden, in einer Bauschuttmulde entsorgt zu werden.

Dazwischen sorgen das Orchester der Zürcher Oper unter Nikolaus Harnoncourt, alle als schmucke Militärs im blauen Wams mit roten Aufschlägen, sowie das in fantasievolle, schrille Kostüme von Birgit Hutter gehüllte Ensemble für musikalische Delikatessen und theatralischen Klamauk. Mit präziser, sensibler Akzentuierung rückt der Dirigent dem Schmalz und dem Staub zu Leibe. Mit zarten Piani und zündenden Klangpetarden, mit vibrierendem Drive und moussierendem Esprit lässt er das Orchester sprechen, singen, karikieren, derilieren und schmettern, dass es eine Lust ist.

Regisseur Jürgen Flimm spult diese Geschichte mit Witz und Tempo ab, seine Ideen jagen sich förmlich, sodass sich neben köstlichen Einfällen auch ein paar schwächere finden, die das Stück, vorab in der zweiten Hälfte, bisweilen etwas lang geraten lassen. Eindrücklich und makaber aber ist etwa das Bild der Soldaten, die das Kanonenfutter markieren.

Herrlich sexistisch die Weiber, die sich zuhause für die Rückkehr ihrer Kriegshelden aufdonnern. Amüsant die Vielsprachigkeit, mit der auf der Bühne parliert wird, was die Geschichte nirgendwo ansiedelt und somit überall meint. Witzig sodann die laufende Leuchtschrift zur Übersetzung - mal liefert sie bissige Kommentare zum Geschehen, mal verdeutlicht sie ironisierend das gesungene «Piff, Paff, Puff» oder «Lalalala». Und zwischendurch fordert sie, im Stil der grassierenden Publikumsbefragung, die Zuschauer dazu auf, per Handy ihre Meinung zur Geschichte kundzutun - Music Star lässt grüssen!

Schmucker Fritz

Willig und mit rücksichtlosem Körpereinsatz folgen der motivierte Chor und die exzellenten Protagonisten der rasanten Dynamik. Carlos Chausson als Général Boum bemüht sich eigens auf die Rollschuhe und meistert jeden Schlenker mit seinem bewährten komödiantischem Talent und stimmlicher Souveränität.

Den schmucken Fritz gibt Christoph Strehl. Sein heller, geschmeidiger Tenor entspricht dem französischen leichten Tonfall. Darüber hinaus macht er in Schottenrock wie in Lederhose glänzende Figur. Verständlich also, dass die hübsche Wanda - Martina Jankovà mit Liebreiz und höhensicherem, klarem Sopran - stolz auf ihr von ihm geschwängertes Bäuchlein ist und den Geliebten nicht kampflos hergibt. Da mag die Grossherzogin als mannstolles Rasseweib in üppiger Corsage und knallrotem Reiterkostüm noch so sehr ihre Reize zeigen.

Bauchfrei im Tutu

Die temperamentvolle Marie-Ange Todorovitch macht das hinreissend. Sie versteht es, ihrem satten Mezzosopran gleichermassen erotische Untertöne beizumischen wie leicht hysterische Spitzennoten, und bewahrt bei aller vokaler und weiblicher Fülle Agilität und Grazie. Deon van der Walt zeichnet die Figur des prinzlichen Verlobten mit Witz und etwas brüchigem Charme.

Neben den kleineren Rollen, alle adäquat besetzt, gibt es die zusätzliche Figur der Rita of Broadway, verkörpert von Megan Laehn als Muse/Spielleiterin/Drahtzieherin, bauchfrei, in Tutu und Livree. Sie schleppt die Requisiten herbei - etwa den gigantischen «sabre de papa» -, fungiert als Cheerleader, telefoniert mit Mr. Bush, und schafft so - den für die Offenbachiade erforderlichen Link zur Aktualität.