Die doppelten Böden knarren bedenklich

Thomas Meyer, Tages-Anzeiger (23.02.2004)

La Grande-Duchesse de Gérolstein, 21.02.2004, Zürich

« La Grande- Duchesse de Gérolstein » am Opernhaus ist ein Operettenspass, aber kaum eine wahre Offenbachiade.

Ein Spielzeughase hüpft auf dem Laufsteg, der das Orchester umfasst. Witzig das Tierchen, denkt man beim Eintreten. Es passt vielleicht zu einer ironischen, satirischen Offenbachiade. Mit der Zeit merkt man aber, dass das nervige Kuschelding einen unablässigen, fast technomässigen Lärm produziert. Erstaunlich, dass die Musiker dabei ihre Instrumente stimmen können. Erst mit dem Auftritt von Nikolaus Harnoncourt wird dem Getier der Garaus gemacht. Jetzt wäre Ruhe für die Musik, aber das Spielzeug hat längst den Ton angegeben für diesen Abend. Nicht nur, weil ( Strukturalisten aufgepasst!) weitere Tiere auf dem Laufsteg folgen, auch später wird es bei dieser « Grande- Duchesse de Gérolstein » optisch und akustisch oft ziemlich laut zu und her gehen. Diese Inszenierung bellt, aber beisst sie auch? Die Opéra- bouffe von Jacques Offenbach spielt in dem winzigen Operettenstaat Gérolstein, den die Librettisten Henri Meilhac und Ludovic Halvy dem Roman « Mystères de Paris » von Eugène Sue entlehnt haben. Man durfte den Monarchen, die 1867 die Weltausstellung in Paris besuchten, doch nicht zu nahe treten. Es geht dabei um etwas Liebe und vor allem um Lüsternheit, um Kriege und militärische Ränge, um Spionagekleinkram und diplomatische Intrige.

Das Orchester als Militärkapelle

Eigentlich ist eh alles ein Theater, und die Zürcher Aufführung nutzt dies auf abwechslungsreiche Weise. Dieses Theater auf dem Theater hat mit Tanz und Gag zuweilen etwas von einer Revue. Eine Rita of Broadway ( Megan Laehn) fungiert, von Regisseur Jürgen Flimm eingeführt, als meist stumme Spielleiterin. Der Bühnenraum von Annette Murschetz zeigt keinen herzoglichen Hof, sondern eher das alte Kleider- und Requisitenlager eines Theaters. Bunt die Kostüme von Birgit Hutter, querbeet durch die Historie bis hin zu GIUniformen. Das Orchester mitsamt Kapellmeister ist als Militärkapelle gekleidet.

Ein paar hübsche musikalische Spässe sind eingeflochten. Gesungen wird französisch, gesprochen in einem von Flimm arrangierten Sprachenmischmasch, das bis ins Dialektale reicht. Und selbst die Übertitelung, die schräg durchs Bühnenbild verläuft, wird auf überzeugend spassige Weise einbezogen. Viele Lacher quittieren die rein visuellen Witze. So lebendig und temporeich das alles wirkt: Es ist schlicht zu laut. Die « doppelten und mehrfachen Böden » , die Nikolaus Harnoncourt laut « Opernhaus- Magazin » in dieser « Grande- Duchesse » entdeckt, hallen wider und knarren manchmal bedenklich. Ausgerechnet die Musik wird dadurch oft übertönt. So geniesst man die Momente, wenn Nikolaus Harnoncourt und das Orchester der Oper endlich einmal Gelegenheit finden, die Finessen der offenbachschen Partitur, die kleinen Fanfaren und Melodiechen, in ihrer schlichten Ironie zu intonieren und wunderschön vorzutragen. Durch das Theater darf man sich auch nicht von den sängerischen Glanzlichtern ablenken lassen. Jürgen Flimm macht zwar radikal Schluss mit jedem Sängergehabe. Die Sängerinnen und Sänger agieren witzig, allerdings so sehr, dass der Gesang manchmal zum Beiwerk gerät. Dabei verfügt das Ensemble gerade mit der französischen Mezzosopranistin Marie- Ange Todorovitch über eine Grossherzogin von vokalem und schauspielerischem Format.

Ein weiteres Glanzlichtchen setzt Martina Janková als Wanda; der Fritz von Christoph Strehl wirkt burschikos, wie es die Rolle dieses einfachen Soldaten erfordert, aber er hat etwas wenig Ausstrahlung. Die « Grande- Duchesse » , so Harnoncourt, bleibe « in ihrer Schärfe aktuell » . Man merke sofort, wer da gemeint sei, zu jeder Zeit. Wie schon gelegentlich bei Jürgen Flimm nutzen sich jedoch die Aktualitätsbezüge ab. Alles ist eine Spur zu schlampig, zu wenig präzis umgesetzt, um jene Schärfe hervorzubringen. Ein Messer wird nur scharf, wenn man es lange genug wetzt, nicht wenn man damit Quark breitschlägt. Die von Harnoncourt versprochene Entlarvung etwa der aufgeblasenen Militärs funktioniert kaum. Das beste Beispiel dafür ist die Figur des Generals Bumm: Aufgebläht sieht er tatsächlich aus mit seinem umgehängten Bauch, aber Carlos Chausson ist von Beginn weg viel zu sympathisch für einen blutgeilen General; dass er sich zudem recht gekonnt auf Rollschuhen bewegt, bringt ihm bloss weitere Sympathiepunkte, hat aber nichts von einer Satire.

Müde Lustigkeit

Nein, um den Geist einer wahren Offenbachiade heraufzubeschwören, ist Jürgen Flimms Theater zu müde in seiner Lustigkeit. Dieses Theater glaubt nicht mehr an seinen Desillusionierungseffekt. Es nimmt nicht einmal seine Witze richtig ernst. Sie sind zu wohlfeil. George W. muss herhalten und das bisschen Armee. Ist es nicht bezeichnend, dass einige der besten Gags des Abends nicht die Figuren demaskieren, sondern eher den doch bewusst banal gehaltenen Text? Auch Nikolaus Harnoncourt macht gutmütig mit, wenn man ihn in die Revue einbezieht. Treffend sind allenfalls die Anspielungen auf jenes Telefonvoting, das gleichzeitig mit der Premiere an allen Schweizer Bildschirmen die neue Carmen erkoren hat. « Bitte schtelled Si Ires Händi nüd ab. ( Si wärdeds no bruuche . . .) » , heisst es da vor Beginn, und irgendwann wird man dann dazu aufgefordert, seine Meinung zu diesem oder jenem Punkt telefonisch kundzutun.

Nicht dass man das Gefühl hätte, sich unter dem Niveau unterhalten zu müssen. Immerhin hält das Ganze wach. Langweilig wird es erst nach etwa zwei der drei Stunden, wenn Flimm allmählich die Puste ausgeht. Dann bleibt ausser der Musik nichts, was weitertragen würde, denn die Figuren haben nicht einmal einen mangelhaften Charakter. Diese « Grande- Duchesse de Gérolstein » ist lustig, aber harmlos. Man kann sie goutieren, wird aber nicht erfahren, was daran 1867 und zu jeder Zeit so brisant gewesen sein soll. Jacques Offenbach hätte an dieser Aufführung noch mal gefeilt und gestrählt, aber Flimm ist schon weiter. Zum Zeitpunkt der Premiere weilte er bereits jenseits des Atlantiks.