Sibylle Ehrismann, Zürcher Oberländer (15.12.2003)
Für die Premiere der Oper «Elektra» im Zürcher Opernhaus musste ein Ersatz für die Hauptrolle gesucht werden
Die Premiere der Richard-Strauss-Oper «Elektra» im Opernhaus Zürich musste nach der Generalprobe mit einer Ersatzhauptdarstellerin durchgeführt werden. Die eingesprungene Janice Baird als Elektra sang, als ginge es um ihr Leben. Das Publikum war begeistert.
Der Schock im Zürcher Opernhaus war gross: nach der Generalprobe zur «Elektra» von Richard Strauss musste die schwedische Sängerin Eva Johansson wegen plötzlicher schwerer Erkältung die Hauptrolle absagen. Alexander Pereira war nicht zu beneiden. Er musste über Nacht einen Ersatz suchen und fand ihn in der jungen aufstrebenden Amerikanerin Janice Baird, die gerade an einer deutschen Bühne war. Sie sagte mutig zu, reiste am Morgen des Premierentages an und sang diese Zürcher Elektra, als ginge es um ihr Leben. Das Publikum geriet ob dieser grandiosen Leistung ausser Rand und Band.
Dramatische «Elektra»-Partien
Die «Elektra», das ist Familienschuld, Generationenkonflikt und Geschlechterkampf. Und das alles wird mit Morden erledigt, mit Blutrache der lebendig begrabenen Kinder. Für diesen grausig monströsen Stoff, der bereits in der «Salome» zum Ausdruck kam, fand der 45-jährige Richard Strauss zu seiner modernsten Tonsprache überhaupt. Das Libretto von Hugo von Hofmannsthal ist sprachlich brutal direkt und so knapp und präzise im Ausdruck, dass darin die gewaltige Musik ungehindert regieren kann. Das riesige Orchester von zirka 120 Musikern wird in Zürich von Christoph von Dohnányi zugleich gebändigt und zelebriert.
Die Frauenpartien in der «Elektra» gehören allesamt zu den grossen Partien des dramatischen Fachs. Neben der Elektra ist da noch die jüngere Schwester, Chrysothemis, ebenfalls Sopran, und natürlich die Mutter Klytämnestra, die ihren Mann, König Agamemnon, gemeinsam mit ihrem Geliebten Aegisth ermordet hat. Klytämnestra träumt schlecht, ist getrieben von den bösen Geistern. sie holt sich ausgerechnet bei der störrischen, aber klugen Tochter Elektra Rat, die den Mord am Vater rächen will. Marjana Lipovsek singt diese Matriarchin mit grosser und nuancenreicher Stimme, mit Intensität und gebrochener Macht.
Regisseur Martin Kusej zeichnet sie zwar als sehr alte, grauhaarige Dame, der man das geteilte Bett mit Aegisth nicht mehr abnimmt. Aber Lipovsek hat die dunkle Erotik in der Stimme, ihre Bühnenpräsenz ist umwerfend, der Ausdruck ihrer Verzweiflung erdrückend. Kusej hat bereits die letzte Zürcher «Salome» raffiniert in die Moderne übertragen. Nun schafft er auch mit der «Elektra» die heikle Gratwanderung zwischen moderner Zeiterscheinung und archaischem Gehalt. Das Bühnenbild von Rolf Glittenberg zeigt eine Art dunklen Kerker mit unebenem Boden, der sich nach hinten verengt. Dieser Zwischenraum, der sich gleichzeitig vor und im Palast befindet, wird mit Fensterluken über den insgesamt neun Türen zuweilen neongrell erhellt oder finster verdunkelt. Dieser gewellte Boden macht jeden Gang zum unsicheren Tritt; er lässt die Protagonisten straucheln und fallen.
Eine natürliche Rotznase
Man traute am Premierenabend seinen Augen nicht, als Elektra unter dem keifenden Dienstpersonal auftauchte: in modernen schwarzen Schlapphosen mit groben Taschenaufnähern, dazu ein rotes, weit ausgeschnittenes Top und ein gelbes Jäckchen. Sie ist, was die Kleider betrifft, ein halber Punk. Hass hat sie auf dieses Haus, Rache ist ihr einziger Gedanke, das Warten auf den Bruder Orest, der die Tat endlich vollbringen soll, zermürbt sie. Dieses ewige Warten wird in diesem kerkerhaften Haus und in dieser harmonisch stark erweiterten Musik unerträglich. Janice Baird spielte diese Rotznase mit ganz natürlicher Gestik. Und sie sang sie mit voller Hingabe und verinnerlichtem Ausdruck. Das Leiden, der Hass, die sie erschütternde Begegnung mit dem tot geglaubten Bruder. Und dann der Triumph über die ermordete Mutter, unter dem sie schliesslich zusammenbricht - Janice Baird verkörpert diese zerstörerischen Extreme mit jugendlicher Kraft und hinreissendem dramatischem Stimmpotenzial.
Blecherne Klangwucht aus dem Orchestergraben
Chrysothemis, Elektras jüngere Schwester, die endlich das Haus verlassen und einen Mann heiraten möchte, sie ist in jungfräuliches und sehr traditionelles Weiss gekleidet. Melanie Diener verlieh dieser stereotyp «fraulichen» Figur eine weich timbrierte und doch üppige Stimme, die ihre Ohnmacht und ihre Sehnsucht glaubhaft und bewegend mitzuteilen vermochte. Ein grandioses Rollendebüt, das auch von der differenzierten Schauspielregie Kusejs getragen wurde. Die Musik, die aus dem Orchestergraben kam, forderte zwar das Stimmvolumen aller, achtete aber die Grenzen des Möglichen ganz genau. Christoph von Dohnányi beherrschte den riesigen Apparat mit unerhörter Vielschichtigkeit, die der blechernen Klangwucht ebenso zu ihrem Recht verhalf wie der kammermusikalischen Intimität. Das in den tiefsten Blasinstrumenten dräuende Dunkel war von erschütternder Macht.
Alle Sängerinnen und Sänger konnten sich auf diesen wuchtigen, aber doch transparenten Orchesterklang verlassen und wirkten wie eingebettet in ihn, ohne darin unter zu gehen. Auch der eindrückliche Bewegungschor, den Kusej zur Veranschaulichung des Triebhaften gezielt, aber nie zu aufdringlich einsetzte, wirkte ganz aus der Musik heraus geführt. So kamen auch die beiden Männerpartien gut zur Geltung. Rudolf Schasching überzeugte mit seiner Körperfülle und dem heldisch strahlenden Tenor in der Rolle des Aegisth. Dies vor allem in der brillant differenzierten Begegnung mit der scheinheiligen Elektra kurz vor seiner Ermordung. Daneben gestaltete der junge Finne Jukka Rasilainen das unverhoffte Wiedersehen mit Elektra mit rührender Intimität und grosser Stimme. Die Suggestivkraft dieser Aufführung entlud sich nach knapp zwei Stunden ohne Pause in einen grossen Bravo-Sturm, aus dem sich einzig für die Regie ein paar wenige Buhs heraushören liessen.