Manuel Brug, Die Welt (15.12.2003)
Jenseits aller Opernklischees: "Elektra" von Kusej/von Dohnányi in Zürich
Kein Blut, nirgends. Weder Gekröse, noch Schlamm oder Mist. Nur ein hügeliger Boden aus Automatten, neun von außen gepolsterte Türen in ein nebeliges Nichts, zeitweise Neonleuchten als Oberlichter. Rolf Glittenbergs aseptisches Bühnenbild zeigt keinen altgriechischen Palasthinterhof, eher eine zeitgenössische Ausnüchterungskammer, Gummizelle, Abstellraum. Ein Ort der unangenehmen Erinnerung, der sehr bösen Träume. Die allerdings wogen und krachen, schneiden scharf durch die Atmosphäre. Christoph von Dohnányi dirigiert das bestens aufgelegte Zürcher Opernorchester mit gleißender Wucht in einer Elfenmusik mit der Kettensäge. Das kracht und bolzt, das glänzt und glimmert. Die überfordernde Strauss-Partitur wird aufgefräst wie die geschmeidig biegsame Titanaußenschale einer Frank-O.-Gehry-Architekturlandschaft.
Und Martin Kusej inszeniert - neuerlich nach Mozarts eigentlich traditionell, aber monumental ausziseliertem "Titus" in Salzburg - vivisektiv analysierend bis in die Nervenenden eines Psychoschockers hinein. Diesmal - der kleinen Zürcher Oper geschuldet - intimer, auf den Punkt konzentriert. Die Stunde der Atridentochter Elektra, die auf die Ankunft des Bruders Orest wartet und auf Rache an ihrer, den Vater Agamemnon gemordet habenden Mutter Klytämnestra sinnt - das wurde die triumphale Stunde von Janice Baird, die als zweiter Ersatz für die erkrankte Eva Johansson mit einer einzigen Probe todesmutig in die Premiere sprang - und gewann, den Albtraum in einen Sopranistinnensieg verwandelte.
Eine Elektra, jenseits aller Opernklischees. Keine füllig-vollbusig Hochdramatische im Zottellook, die megärenhaft ihrem finalen Tanz entgegenstampft. Sondern Lara Croft in Arbeiterhose und Kapuzenshirt, eine royale Rächerin aus dem emanzipierten Bilderstrip, die die Stellung hält, die Mutter ins Verderben treibt. Und schließlich mit dem Revolver statt dem Hackebeil den prolligen Onkel Aegisth in die tödliche Umarmung des Orest treibt. Auch stimmlich eine Elektra jenseits der Konvention. Schlank, sehnig mit glühenden Vokalisen, aber wenig satter Mittellage.
Ein atemloser Thriller, ganz im Sinne ihrer Erfinder Euripides, Hofmannsthal und Strauss. Wieder einmal schafft Kusej eine sinister-kalte Atmosphäre aus Sex und Erniedrigung. Die Mägde sind hier Liebesgehilfinnen in Straps, Lack und Dienstmädchenschürze. In diesem Schlachthaus der abgetöteten Emotionen, wo nur die nach ihrem "Weiberschicksal" greinende Schwester Chrysothemis (Melanie Diener) noch nach Zukunft sich sehnt, erscheinen alle in Nachthemd, Unterhose oder Pyjama: bettfertig für die leer laufende Dauerorgie, in welcher der Bewegungschor zuckt und - folgerichtig - federnbestückt im Finale anstelle der starr harrenden Elektra in einer letzten Todessamba powackelt. Da sind sie dann beide schon von Orest abgestochen worden: Marjana Lipovseks grandios dumpf tönende Klytämnestra als Rabenmutter-Wrack und Rudolf Schaschnigs grell gellender Aegisth; ein Psychopath der vorher schon, nur zum Plaisir, einfach ein Mädchen abgeknallt hat.
Die übrig gebliebenen Geschwister haben nicht viel von ihrer Rache. Schon als sich der schlankstimmige Orest von Jukka Rasilainen und Elektra endlich erkennen, glotzen sie aneinander vorbei. Ist das Blutbad vollendet, zittern sie isoliert, ausgebrannt und erledigt in den Ecken. Die wahre Kusej-Tragödie, sie findet im Kopf statt.