Elektra darf nicht sterben

Heinz W. Koch, Badische Zeitung (15.12.2003)

Elektra, 13.12.2003, Zürich

Ovationen: Richard Strauss‘ Oper in Zürich - inszeniert von Martin Kusej

Akkorde wie Monolithe. Ehern gemeißelt, bohren sich im Zürcher Opernhaus die d-Moll-Zacken des Agamemnon-Motivs ins Ohr. Unüberhörbar ist bei dem Dirigenten Christoph von Dohnanyi: Die Rache für Elektras im Bade abgeschlachteten Vater treibt auch in dieser Deutung die Titelheldin ausschließlich um. Gewiss, auch in der dritten Zürcher Richard-Strauss-Interpretation des berühmten Gastes tobt, rast und zuckt diese extreme Nervenmusik - wie auch nicht, wo es doch um eine entsetzliche Mischung aus Mord, psychischer Deformation, brütender Verzweiflung und Hass und nochmals Hass geht? Aber in Zürich schwitzt der Dirigent und nicht die Musik. Es ist, als bleibe wie oft bei Dohnanyi eine Spur von Distanz zwischen ihm und dem Werk statt dem Versinken in der Klangflut.

Als werfe eine Mooroberfläche Bläschen: Es blubbert, brodelt und rumort darunter. All die kleinen Arabesken sind zu hören - man nehme nur die unablässig quirlenden Holzbläserkommentare. Ein glasklares Orchesterspiel - und das, nachdem vor gerade mal zweieinhalb Wochen der "Meistersinger"-Koloss zu bewältigen war. Und wie selten sonst: Ein leichtes, ja duftiges Spiel, das immer wieder deutlich macht, dass 1908 die Walzersphäre des "Rosenkavalier" schon in der Luft liegt, und ein Spiel, das auch im beseligenden Instrumentalgesang beim Wiedererkennen Elektras und des als Vaterrächer heimgekehrten Bruders Orest nicht trieft.

Der Elektra-Sopran der am Premierentag als Einspringerin für eine Einspringerin herbeigeholten Janice Baird passt genau zu solchem Spiel ohne Fettzusatz: eine eher kühle Stimme wie aus Stahl und alle Höhenzumutungen bravourös meisternd, dem schönen, dem verhaltenen Ton zugetan und allem Keifen abgeneigt. Melanie Dieners Chrysothemis in Brautweiß ist der Schwester ein kristallen leuchtendes, lyrischeres Pendant. Mutter Klytämnestra ist die seit langem weltweit darin erfahrene Marjana Lipovsek: eine grausträhnige Frauenruine, die bei aller Deklamationspräzision die Relikte der Schönheit aufsucht - zerrütteter Belcanto, auch im Mezzosopran die Reste des einst Begehrenswerten. Jukka Rasilainens baritonmächtiger Orest, wie ein verkleidetes Phantom mit Lilienstrauß nach dem Mord an der Mutter und ihrem Liebhaber Aegisth desorientiert und bereits wie von den Erynnien geschlagen, und Rudolf Schaschings grotesk-tenoraler Aegisth, ein feister Kettenträger mit Sonnenbrille: Das vokale Umfeld ist wohl bestellt.

Gewellter Boden, auf dem die Gestalten schwanken

Janice Baird ist äußerlich ein Elektra-Ideal: ein Mädchen noch, eine Audrey-Hepburn-Gestalt in heutigen Alltagsklamotten und häufig ein amüsiertes, auch ironisch-böses Lächeln auf den Zügen - eine, die die Boshaftigkeit beinahe erzwingen muss und in der Verelendung noch hübscher, als Hugo von Hofmannsthals Dichtung es eigentlich erlaubt. Wieweit diese überlegene Haltung ihre ureigene ist, wieweit sie mit Martin Kusejs Regiekonzept übereinstimmt -es muss offen bleiben. Kusejs, des künftigen Salzburger Schauspieldirektors, Inszenierung ist dicht und kommt weitgehend ohne Aufgesetztheiten aus.

Sie begibt sich in eine Art Korridor, der sich in der Bühnentiefe verjüngt (Rolf Glittenberg). Türen und Oberlichter gestatten ab und an den Blick ins kalkweiße Innere des "Palasts": Hotel, Krankenhaus, Gruft, Heilanstalt, Grau in Grau - von allem etwas. Gewellter Boden, auf dem die Gestalten schwanken - Gestalten, die auch zwischen Endspielhorror und verschütteter und doch ersehnter Zärtlichkeit schwanken - Elektra gegenüber der Schwester, dem Bruder und beinahe auch der Mutter, die vom ermordeten Mann ja auch schofel behandelt worden war.

Eine hermetische Welt, deren Gesellschaft (alle haben ein Beil) von Gewalt - und (alle werden immer "nackter") Sexbereitschaft bestimmt ist, was zumindest bei letzterem Tatbestand ganz unerotisch lächerlich wirken kann. Die nervzerrende Musik vor Kllytämnestras Auftritt nutzt Kusej zu einem Bacchanal. Elektras finaler Triumphtanz bleibt indes ein erschöpftes Stolpern. Tod und Erlösung sind ihr verwehrt. Sie verharrt wie angewurzelt, und ein paar Schlusstakte lang schält sich ein reich gefiederter Revuetrupp tanzend aus dem Bühnennebel. Das bizarre Ende einer überaus spannenden Werkbefragung. Ovationen noch und noch.