Tobias Gerosa, St. Galler Tagblatt (27.11.2003)
Sechs zwiespältige Stunden: Richard Wagners «Meistersinger» am Opernhaus Zürich
Musikalisch sind sie meisterlich, die «Meistersinger von Nürnberg» am Opernhaus Zürich unter Franz Welser-Möst. Der szenische Versuch von Nikolaus Lehnhoff hingegen scheitert.
Um Hans Sachs’ Schlussmonolog führt kein (Regie-)Weg herum. Wenn die Hauptperson der Oper «welschen Dunst und welschen Tand» verdammt und die «heil’ge deutsche Kunst» der «deutschen Meister» dagegensetzt, verlangt das nach einer dezidierten Bühnenlösung. Doch dies bleiben Regisseur Nikolaus Lehnhoff und Bühnenbildner Roland Aeschlimann schuldig, auch wenn sie keineswegs gedankenlos an die Sache herangehen.
Retro-Ästhetik
Angefangen beim antiken Theater, endet ihr Gang durch die Geschichte über Renaissance und 19. Jahrhundert im Schlussbild in einer rückwärtsgewandten Moderne. Wagner habe mit seinem Nürnberg die europäische Kulturtradition seit der griechischen Antike gemeint, sagte Lehnhoff am Premierentag in der NZZ. Ein Programmheftbeitrag begründet diesen Gedanken, doch auf der Bühne wirkt er papieren und didaktisch.
Im ersten Aufzug fühlt man sich zurückversetzt in längst vergangene Theaterzeiten. Die Ausstattung ist das eine, nicht nur der imposante Pogner Matti Salminens wirkt darin (unfreiwillig?) komisch. Das andere sind die peinlich genaue Nachbuchstabierung des Textes und die manierierten Bewegungsmuster, als würde konstant ein Schild hochgehalten: Achtung, wir spielen Theater. Auch wenn die Personen genau geführt sind: «Wie bei den Tell-Spielen», kommentierte ein Besucher in der Schlange vor der Zwischenverpflegung.
Ist man dann im zweiten Aufzug im 19. Jahrhundert gelandet, stellt man immerhin beruhigt fest, dass die biedere Altmodigkeit des vorherigen Akts Absicht war. Ein Zitat des Baumes aus Wieland Wagners Neu-Bayreuther «Meistersinger»-Inszenierung macht deutlich, dass auch die Rezeptionsgeschichte der Oper mitgedacht werden soll. Der Ritter Stolzing, von Peter Seiffert brillant gesungen, hat sich äusserlich den Bürgern angeglichen, wie auch der Stadtschreiber Beckmesser. Die üblichen Klischees findet man an ihm nicht, dafür wird er herumstolpernd zu einer lächerlichen Figur, wie ernsthaft und prägnant ihn Michael Volle vokal auch gestaltet.
In Aufzug drei lässt der riesige Bücherstoss in Sachs’ Werkstatt an die Bücherverbrennungen des 20. Jahrhunderts denken. Die Bücher werden im Übergang zur Festwiese dann aber manierlich hinausgetragen und als Basis dieses Kulturstapels erscheint ein griechisches Kapitell. Wie eine brave Volkshochschulgruppe sitzen Chor und Zusatzchor in einem antiken Theater possierlich darum herum.
Die Meistersinger in Zylindern und langen Gehröcken wirken wie Relikte einer anderen Zeit. So wird Schustermeister Sachs’ berüchtigter Schlussmonolog zum konservativen «Kehret um» des Rückständigen. Wenn ihm der gemalte Prospekt einer griechischen Polis zum fernen Ideal wird, weist die Vergangenheit der Gegenwart den Weg zurück in eine imaginäre und idealisierte Zukunft. Lehnhoff ist mit seinem auch handwerklich nicht immer überzeugenden Konzept hier auch inhaltlich auf halbem Weg stehen geblieben.
Zum Glück die Musik
So problematisch die Deutung sein mag, so bestechend überlegt und subtil singt (und nie: deklamiert) José van Dam nicht nur diese Passage. Er setzt so einem exzellenten Ensemble mit Petra-Maria Schnitzer als Eva und Christoph Strehl als David die Krone auf. Massgeblichen Einfluss darauf, dass viel Text verständlich bleibt, hat wiederum Franz Welser-Möst, der ehemalige Chefdirigent des Hauses. Wie schon in seinen vergangenen Wagner-Dirigaten setzt er auf einen schlanken, filigranen Orchesterklang, und das Orchester folgt ihm darin durch die vertrackt schwierige Partitur fast blind.
Wiederum erstaunt, wie viele leise, kammerspielartige Passagen Welser-Möst in der Partitur findet. Abgesehen von einzelnen wackligen Stellen und vom noch wenig organisch wirkenden Vorspiel eine zurecht bejubelte Leistung von Dirigent und Orchester.