Reinmar Wagner, Zürichsee-Zeitung (27.11.2003)
Dank Franz Welser-Möst strahlt das Zürcher Opernhaus mit seinen Wagner-Produktionen hell in die Welt hinaus. «Die Meistersinger» wurden wiederum zum Musik- und Sängerfest, während die Inszenierung von Nikolaus Lehnhoff im Grossen unentschieden, im Kleinen präzis gearbeitet war.
«Heil'ge deutsche Kunst!» Einen fatalen Satz hat Richard Wagner da gedichtet. Erst gings mit der deutschen Kunst ab in den zweifelhaften Olymp der Nürnberger Parteitage, und solcherart befleckt, blieb stets ein grosses Misstrauen und Unbehagen diesem Stück gegenüber, das soweit ging, dass man die «Meistersinger» stets verteidigen musste, wenn man sie auf die Bühne brachte, oder - wie kürzlich Peter Konwitschny in Hamburg - das Pathos der Schlussszene durch Zwischenrufe und inszenierte Polemiken zu durchbrechen suchte.
Harmonische Raffinesse
Richard Wagner kann nichts dafür - schlimmer noch: Hatte er nicht Recht? Seit seiner Arbeit am «Tannhäuser» hat er sich mit dem «Meistersinger»-Stoff beschäftigt und schliesslich in den 1860er Jahren die Oper fertiggestellt. Gegen «welschen Tand» schimpft Hans Sachs auf der viel geschmähten Festwiese, und wenn man denn vergleicht, was in Italien oder Frankreich in der gleichen Zeit entstanden ist, - Verdis «Forza» und «Don Carlos», Gounods «Roméo et Juliette» und Thomas' «Hamlet» -, dann war Wagner doch wohl ein anderes Kaliber, dann hat seine Musik, in jeder Beziehung - harmonische Raffinesse, orchestrale Klangfarben, kunstvolle Kontrapunktik - Massstäbe gesetzt, die in Frankreich erst von Debussy und in Italien teilweise im Verismo, teilweise bis nach dem Ersten Weltkrieg gar nicht erreicht wurden.
Und Wagner blieb nicht bei der Behauptung. Das eigentliche Sujet der «Meistersinger» ist nichts anderes als die emotionale und kompositorische Überlegenheit seiner musikalischen («Tristan»)-Sphären über die Kunsthandwerker rundherum. Walthers Preislied setzt sich über alle Regeln hinweg - und gewinnt dennoch, auch weil Hans Sachs, der Doyen der Nürnberger Meistersinger, dessen Grösse erkennt und ihr zum Durchbruch verhilft. Wagner hat sich mit beiden Figuren ein bisschen identifiziert, den Beckmesser hingegen als Juden zu sehen ist ein (gewolltes) Missverständnis, allenfalls stand der Wiener Kritiker Eduard Hanslick Pate oder allgemein das «wahre deutsche Wesen», wie Wagner sich Cosima gegenüber 1873 ausdrückte.
Schinkel-Schinken
Nikolaus Lehnhoff, der Regisseur dieser aufwändigen Zürcher Inszenierung, sieht die Verhältnisse ähnlich. Karl Friedrich Schinkels Monumentalgemälde «Blick in Griechenlands Blüte» ziert das Schlussbild (Bühnenbild: Roland Aeschlimann), während die Meistersinger in einer unentschiedenen Mischung aus Zunftverein und Karnevalsclique aufmarschieren. Rosenmontag statt Nazi-Parteitag, und Lehnhoff bricht das Pathos nicht. Dass er den ersten Akt ins Mittelalter versetzt, trägt nichts zum Verständnis des Zusammenhangs bei, im Gegenteil, erst einmal schockiert das biedere Bühnenbild mit einer monumentalen Kanzel, bis die Inszenierung an Fahrt gewinnt und sich Lehnhoffs Detailtreue durchsetzt und seine solide Regiearbeit lebendiges, kurzweiliges Theater ergibt, selbst dort, wo es gilt, haufenweise verschiedenen Figuren unauffällig zu arrangieren. Die Lebendigkeit und Natürlichkeit seiner Personenführung ist Lehnhoffs erste Qualität, die zweite, dass er der Musik nicht im Weg steht. Für wichtige Auftritte holt er die Sänger stets unauffällig an die Rampe, hält sie aber auch dort in subtiler Bewegung, so dass nie der Eindruck von Statik entsteht.
Musikalischer Höhenflug
Damit ist schon die erste Bedingung für den musikalischen Höhenflug erfüllt, die zweite sind die Sänger und die dritte, vielleicht entscheidenste ist der Dirigent: Franz Welser-Möst polarisiert mit seinen Wagner-Dirigaten. Es gibt Zuhörer, welche die stundenlangen Klangorgien vermissen. Aber um wie viel mehr gibt er uns mit seinem subtilen, detailreichen Musizieren! Keine Linie im polyphon geführten Orchester geht verloren, alle Klangfarbe dürfen heraustreten, die Traumsequenzen des zweiten Akts sind von wirklich traumhafter Durchsichtigkeit. Und jeder Aufschwung ist aufgebaut: Welser-Möst hat etwas kapiert, was selbst manche der allergrössten Pultstars nie verstehen werden: Ein Fortissimo ist nicht umso kräftiger, je lauter es dröhnt, sondern je grösser der Unterschied zum Vorher ist. Aus dem Piano kommen Wucht und Wirkung.
Und das ist noch nicht alles. Bis auf Peter Seiffert und Matti Salminen sangen in Zürich nicht die Gigantenstimmen, die von Wagner-Produktion zu Wagner-Produktion weitergereicht werden, sondern zahlreiche Ensemblemitglieder, die man nicht von vorneherein in dieses Repertoire steckt. Keiner unter ihnen ging unter in den Klangwogen, allen rollte Franz Welser-Möst den roten Teppich eines kammermusikalisch aufgelockerten Klangbilds aus, mit dem überaus angenehmen Effekt, dass man praktisch jedes Wort verstehen konnte und dass die alternde Stimme eines José van Dam in der kräftezehrenden Partie des Sachs sich nicht mühsam von Einsatz zu Einsatz hangeln musste, sondern selbst in Würde und Grösse ihre klangfarblichen Qualitäten ausspielen konnte. Nicht einmal Peter Seiffert schien der Sache so recht zu trauen: Viel zu schnell war er nach seinen schönen Piano-Einsätzen wieder im sicheren Forte-Hafen seiner berauschenden Stimme angelangt .
Einen Walther wie ihn gibt es momentan keinen zweiten, aber auch die anderen überzeugten: Matti Salminen, luxuriös besetzt in der Rolle des Pogner, Rolf Haunstein als Kothner oder der junge Christoph Strehl als David. Petra-Maria Schnitzer fehlten hin und wieder ein wenig die Reserven, aber so makellos klar und intonationssicher singt nicht manche Eva, und das Quintett leitete sie wundervoll zart ein, um dieses zentrale Ensemble - wieder unter Welser-Mösts subtiler Anleitung - zu einem Gänsehaut-Moment des Abends werden zu lassen. Das Orchester brillierte mit sehr schönen Einzelleistungen, bewies einen kompakten Klang und eine disziplinierte Umsetzung von Welser-Mösts Vorgaben, spielte an der Premiere allerdings noch nicht immer völlig homogen innerhalb der Register. Der Chor war wiederum hervorragend eingestellt und sang auch in der grossen Masse nie massig.
Die Entdeckung des Abends
Noch mehr als alle anderen aber war für mich Michael Volle die Entdeckung des Abends. In seinen bisherigen Zürcher Einsätzen hat er nicht immer richtig überzeugt, den Beckmesser aber füllte er nun mit grandiosem Format aus, gerade weil er ihn nicht zur Karikatur werden lässt, sondern stets nachvollziehbar bleibt, stets die passenden Zwischentöne trifft, die einen sicher nicht einfachen, aber im Grunde rechtschaffenen und in der sich abzeichnenden Niederlage zunehmend verzweifelten Charakter zeigen. Und dies nicht nur stimmlich begeisternd, sondern vom ersten bis zum letzten Moment auch schauspielerisch herausragend.