«Rigoletto» als sicherer Wert

Hans Uli von Erlach, Zürich Express (15.07.2002)

Rigoletto, 12.07.2002, Zürich

Gilbert Deflo inszeniert am Opernhaus Verdis «Rigoletto» - ein Wurf, bei dem fast nichts schief gehen kann

Verdis «Rigoletto» ist ein grossartiger Wurf, voll szenischer Effekte und populärer vokaler und instrumentaler Höhepunkte. «Da kann fast nichts schief gehen», hat sich Regisseur Gilbert Deflo gesagt und liefert eine schöne, in der Personengestaltung ziemlich spannungslose Produktion. Seine beste Idee: Das erste Bild mit Ball im herzoglichen Palast spielt in der fiktiven Originalzeit, im 16. Jahrhundert. Danach prägt die Entstehungszeit der Oper, das 19. Jahrhundert an der Schwelle zwischen Romantik und Industriezeitalter, die meist düstere Bühne. Das schafft durchaus die beklemmende Atmosphäre für die tragische Geschichte. Darin aber ereignen sich szenisch eher konventionelle Allgemeinplätze, manchmal etwas provinzielle Peinlichkeiten.

An der Premiere jedenfalls hielten sich tief empfundene Innigkeit und rollengestalterische Intensität in Grenzen. Selbst Bariton Leo Nucci, seit Sängergenerationen ein singulärer Rigoletto, begeisterte eher durch seine noch immer kraftvolle, präsente Stimme als durch berührende Differenziertheit. Isabel Rey war die vom Publikum gefeierte Gilda, Paraderolle aller Koloratursopranistinnen. Reys Höhensicherheit ist denn auch enorm, vor allem wenn sie sie mit unvergleichlich geführten Piani schmückt. Ihre Fortehöhen geraten dagegen oft etwas scharf. In Piotr Beczala hat das Opernhaus einen jugendlich strahlenden Herzog von Mantua. Er führt seinen klaren Tenor mit verführerisch schönem Timbre und scheinbarer Leichtigkeit in jede Höhe und spart nicht mit schmelzreichen Belcantoschluchzern. László Polgár, mit sonor artikuliertem Bass, und Carmen Oprisanu mit ebensolchem Mezzo, ergänzen das Ensemble verlässlich. Mit Maestro Nello Santi steht ein Verdi-Altmeister und -Routinier am Dirigentenpult. Am Premierenabend führte er das Opernorchester zu rhythmischer Perfektion in farblich plakativer Intonation. Diese letzte Opernpremiere der Spielzeit war vielleicht nicht das Ereignis, das im Werk schlummert. Aber eben: Verdis «Rigoletto» bleibt ein grossartiger Wurf, bei dem fast nichts schief gehen kann.