Sigfried Schibli, Basler Zeitung (24.06.2003)
Von Baden-Baden bis Salzburg, von Düsseldorf bis Zürich, von Hallwyl bis Solothurn - heuer hat ein Repertoirestück des Musiktheaters ganz besonders Konjunktur: Mozarts «Entführung aus dem Serail», seine zweite singspielhafte deutsche Oper neben der «Zauberflöte». In Zürich legte man zum Auftakt der Festspiele die Regiearbeit dieses ebenso zauberhaften wie vertrackten Werks in die routinierten Hände von Jonathan Miller, der nicht nur eine ungewöhnlich fantasielose Inszenierung abgeliefert hat, sondern zuletzt noch den mit gutem Grund buhenden Teil des Publikums mit einer ordinären Geste beleidigte. Auch ein Sir muss kein Gentleman sein.
Antiintellektueller Furor
Es beginnt wie auf der Laienbühne: Eine Tür öffnet sich, Belmonte tritt ein, singt, dann öffnet sich eine andere Tür, Osmin betritt die den Innenhof eines orientalischen Palasts zeigende Bühne und singt ebenfalls. Später singen sie nebeneinander stehend ein Duett. Leider ist das nicht der Anfang einer Parodie, sondern einer ernst gemeinten Inszenierung, die so tut, als hätte noch niemand auf der Welt einen Gedanken zu Mozarts «Entführung» gehabt. Miller hat sich in seinem antiintellektuellen Furor nicht einmal die Mühe genommen, die gesprochenen Dialoge ordentlich zu inszenieren, was den Eindruck des Langfädigen erhöht.
Er stellt keine Menschen auf die Bühne, sondern Abziehfiguren - Osmin als polternder Alter, Blonde als quirlige Tanzmaus - und vermag auch mit dem Bassa Selim, dem letzten Endes gnädigen Haremsherrn, nichts anderes anzufangen, als ihn als schwächlichen, ältlichen Toleranzonkel zu zeigen. Wenn Osmin ihm im dritten Akt mitteilt, «heute, an Ihrem Geburtstag», hätten die vier Europäer türmen wollen, ist der Tiefpunkt einer populär sein wollenden Aufführung erreicht, die Mozart mit Nestroy verwechselt und den Sängern Freiheiten lässt, anstatt sie in ein Deutungskonzept zu integrieren. Der Witz ist der: Klaus Maria Brandauer, der den Bassa Selim in der Manier eines gealterten Burgschauspielers spricht, hatte just am Premierentag seinen Sechzigsten.
Es lohnt nicht, den Gedanken dieser vergeblichen Anstrengung um Mozart zu suchen, denn es gibt keinen. Es gibt nur fünf Sänger, die sich redlich abmühen, einen etwas schmalbrüstigen Chor in läppischen Muselmanenrüstungen - fast schon ein Fall für das Antirassismusgesetz! - und ein Orchester, das seine Professionalität nicht verleugnet, aber keine sonderliche Inspiration zeigt. Unter dem jungen Dirigenten Christoph König, der den gesundheitlich angeschlagenen Franz Welser-Möst ersetzt, wird routiniert gestrichen und geblasen; aber der berühmte Funke will nicht auf die Bühne überspringen. Der Vergleich zu der auch orchestral ungemein farbigen, die Liebe zum klanglichen Detail pflegenden Version unter Marc Minkowski, die kürzlich im Festspielhaus Baden-Baden zu sehen war (vgl. BaZ vom 11. Juni), fällt für Zürich niederschmetternd aus. Hier liess sich der Eindruck nicht vermeiden, die Sänger würden vom Dirigenten nicht motiviert, sondern bestenfalls koordiniert.
Deplacierte Olympia
Malin Hartelius war in der Premiere eine lupenrein, aber auch ausdrucksarm singende Konstanze, die ihre grossen Arien im zweiten Akt mit Anstand, aber ohne rechtes Feuer hinter sich brachte. Patricia Petitbon gab der Blonden alle Komödiantik dieser Opernwelt und sang bezaubernd, verfehlte aber den Ernst der Figur; im Grunde spielte sie die Automatenpuppe Olympia weiter, die sie mit so viel Erfolg dargestellt hat. Zwei polnische Tenöre gaben Belmonte und Pedrillo: Piotr Beczala mit schönem Material, aber etwas anfälliger Kondition, und Boguslaw Bidzinski mit schlanker höhenfähiger Stimme. Alfred Muff war ein stimmlich stabiler, aber kaum eigene Gestaltungsansätze zeigender Osmin-Bass. - Vielleicht muss man diesen Sommer also doch nach Hallwyl oder Salzburg.