Alexander Dick, Badische Zeitung (24.06.2003)
Mozarts "Entführung aus dem Serail" als Festspielproduktion an der Zürcher Oper
Bewegend? Nun, für Bewegung sorgen die wenigen Umbauten, bei denen die Wände und Türen wandern und so die Spielfläche verändern. Das ist, gemessen an dem, was es sonst auf der Bühne von Ausstatterin Isabella Bywater zu sehen gibt, nicht wenig. Die wenigen Ornamente im Gesims der hohen Mauern und über den mächtigen Kassettentüren verraten überdies kaum, dass hier der Orient sein soll und sich hinter der Trutzburg in marodem Weiß und lichtem Blau ein Serail verbirgt, das Schauplatz einer der berühmtesten Entführungen der Operngeschichte sein wird.
Regisseur Jonathan Miller verzichtet an der Zürcher Oper in seiner Version von Mozarts "Türkenoper" im Gewande eines deutschem Singspiels bei den Bauten auf kulturelle Determinanten, als will er uns sagen: Dieser Bassa Selim ist zwar Musel- und doch Weltmann, Kosmopolit, eine Figur der Aufklärung. Doch Miller sagt es uns nicht, über seine Personenführung gebietet der Anstand zu schweigen. Man erfährt es trotzdem ganz plastisch, denn Klaus Maria Bran dauer wäre nicht er selbst, gestaltete er dieses sein Rollendebüt als Mozarts Pascha (noch dazu an seinem Geburtstag!) nicht als Solo für Brandauer, mit witzig und klug modifizierten Texten. Klaus Maria der Weise. Weise, großzügig, über allem erhaben, handelt dieser an den ihm ausgelieferten Flüchtigen, und dennoch ist er ganz Mensch. Einer, der liebt und begehrt. So sehr sogar, dass er Konstanze bei ihrer "Martern"-Arie ganz nahe kommt und ihr am Ende dieser sogar - halb zog er sie, halb sank sie hin - einen Kuss abringt. Oder aufzwingt? In solcher Ambivalenz hat man das noch nicht gesehen, zweifelsohne einer der packendsten Momente dieses sonst eher belanglosen Spiels (Auftritt, Gesang, Abtritt) in Kostümen von höchst historisierender Couleur.
Filigranes Melos - "säbelrasselndes" alla turca
Für den erkrankten Prinzipal Franz Welser-Möst steht umsichtig dessen Assistent, der junge Dresdner Kapellmeister Christoph König, am Pult, in Zürich bereits durch Repertoiredirigate und eine Ballettproduktion bekannt. Und es wird sauber musiziert, filigran, was das Mozartsche Melos anlangt, "säbelrasselnd" beim alla turca - kurzum handwerklich überaus solide. (Chor und Orchester zusammenzuhalten hatte erst vor wenigen Wochen ein Marc Minkowksi beim gleichen Stück in Baden-Baden mehr Müh'. . .) Über ein paar interpretatorische Details muss man grübeln: Königs Hang zu manierierten Rubati etwa, der dem Vorspiel zur "Martern"-Arie gar nicht gut bekommt. Auch die Verzierungen scheinen nicht immer durchdacht und vor allem vereinheitlicht. Dennoch lauscht man gerade Konstanzes Koloraturen gerne: Malin Hartelius gestaltet die Partie äußerst vielschichtig, lässt das grüblerisch-innige Moment überwiegen, ohne dass es ihr in der Höhe an Strahlkraft fehlte. Piotr Beczalas Belmonte scheint auf dem besten Wege zu einer echten Glanzpartie; wenngleich im Moment in der Höhe noch etwas bedeckt, vermag er mit seinem silbernen Timbre und wunderbaren Legato-Bögen in der Mittellage zu überzeugen. Ein quirliger Wirbelwind mit leichtem Hang zum Überzeichnen, dafür dennoch stimmlich brillant, ist Patricia Petibons Konstanze. Da steht Boguslaw Bidzinski mit seinem Pedrillo notgedrungen leicht im Abseits. Wohingegen Alfred Muffs Osmin von ein paar Distonationen abgesehen, von denen im übrigen an diesem heißen Sommertag keiner der Sänger ganz verschont bleibt, stimmlich ganz geschmeidig und elegant auftritt, ohne das Markante in der Tiefe vermissen zu lassen.
Am Ende dieses Zürcher Festspielabends, weitgehend im Festspielformat, gibt's heftigen Beifall für Sänger und Dirigent sowie lautstarke, keinesfalls vereinzelte Buhrufe für den Regisseur, die dieser seinerseits mit einer vulgären Kampfesgeste quittiert. An diesem Abend war das wohl sein spontanster Einfall …