Murrende Sänger und Instrumente

Susanne Kübler, Tages-Anzeiger (24.09.2002)

I quattro rusteghi, 22.09.2002, Zürich

Nello Santi bringt wieder einmal komödiantische Italianità ins Zürcher Opernhaus - mit der raren Oper «I Quattro rusteghi» von Ermanno Wolf-Ferrari.

Ein richtiger Mann singt Bass. Er verabscheut die weibliche Eitelkeit, prognostiziert Vergnügungssucht bei allem, was nicht Stricken und Schweigen ist und jammert am liebsten mit seinesgleichen vergangenen Zeiten nach, in denen die Gattinnen noch anständig und die Kinder artig waren. Gleich vier solcher «rusteghi», die in deutscher Übersetzung in der Regel zu Grobianen vergröbert werden, liess Carlo Goldoni einst antreten, um eine Tochter und einen Sohn zu verheiraten. Er stellte ihnen Frauen gegenüber, die erstens fanden, das Brautpaar solle sich vor der Hochzeit zumindest einmal sehen, und zweitens genug hatten von mausgrauen Kostümen. Und mit diesen Typen inszenierte er eine Komödie, die den musikalischen Humor des deutsch-italienischen Komponisten Ermanno Wolf-Ferrari hervorkitzelte und ihm 1906 einen seiner grössten Erfolge bescherte.

Geschickte Tonmalerei

In seiner inzwischen nur noch selten gespielten Commedia musicale »I quattro rusteghi« singen die Haustyrannen nicht nur Bass, sie lassen sich gern auch von Kontrabässen und tiefen Bläsern begleiten; manchmal vertiefen sie sich so sehr in ihre Grummeleien, dass der Stimmumfang gegen unten endlos scheint. Auch sonst setzt Wolf-Ferrari oft auf Tonmalerei: Serenadenartige Pizzikati begleiten die Liebeswünsche, hysterische Flöten die eskalierenden Streitereien, und wenn sich Mann, Frau und Neffe stur auf einem einzigen Ton anschreien, dann weiss man, dass dies weder die erste noch die letzte Diskussion dieser Art ist.

Das ist witzig gemacht und geschickt instrumentiert - und wirkt doch manchmal wie aus zweiter Hand. Hier blinzelt Rossini hinter den Noten hervor, dort hat Wagner ein paar Akkorde beigesteuert, Volksliedartiges trifft auf buffoneske Töne aus Mozarts Erbe. Fürs Orchester der Oper ist die Mischung allerdings attraktiv. Im Graben wird nicht weniger lustvoll gemurrt und gekeift als auf der Bühne, zumal mit Nello Santi eín Dírígent und Venezianer am Pult steht, der sich auf italienische Saftwurzeligkeit ebenso versteht wie auf den feineren venezianischen Humor.

Zwar unterstrich er bei der Premiere um Sonntag mit gelegentlich eher langsamen Tempi zusätzlich jenen Geschwindigkeitsverlust, der für jede Vertonung einer auf rasche Reaktionen angelegten Komödie ein Handicap ist. Aber in Sachen Farbig-keit, parodistischer Überzeichnung und einer gewissen Nostalgie im Ton blieb die Aufführung dem Werk nichts schuldig. Nello Santi, der «I quattro rusteghi» erst-mals dirigiert hat, hatte Grund zu feiern - auch abgesehen von seinem 71. Geburts-tag, zu dem das Ensemble einen Plüschwolf mit Spielzeug-Ferrari, Alexander Pe-reira Champagner und das Publikum eine Standing Ovation beisteuerten-.

Canaletto-Idylle

Nicht neu war die Oper dagegen für den Regisseur Grischa Asagaroff. Er hat sie bereits 1994 für das Zürcher Internationale Opernstudio inszeniert, nun brachte er sie auf die grosse Bühne. Luigi Perego hat dafür vier ineinander verschiebbare Elemente mit jener Venedig-Nostalgie dekoriert, die auch die Musik bestimmt: eine Canaletto-ldylle mit Gondeln und GondoIieri, Wasser und prächtigen Fassaden, die von Commedia-dell'Arte-Figuren jeweils mit dem für die Handlung notwendigen Mobiliar ergänzt wird. Diese Möbel sind jedoch im Stil des 19. Jahrhunderts gehalten und genau wie die Kostüme von jener bourgeoisen Muffigkeit, in der »rusteghi» eben auch ihr Reich haben können: Selbst darin greift die gelungene Ausstattung den musikalischen Stilmix auf.

Eher Zitat als originelle Erfindung sind allerdings auch die meisten Regieags. Die Damen treten sich des Öftern auf die Schleppe, die Tyrannei ihrer Männer ertragen sie mit einem oder zwei oder drei Gläschen Weissem. Vor allem im ersten Akt wirkt alles sehr behäbig, die Inszenierung greift weder die Schlagfertigkeit des Textes auf, noch übernimmt sie die Prägnanz der Partitur. Vor allem in den tumultuösen Ensembleszenen haut und brüllt jeder auf jeden ein, und das szenisch Ungefähre färbt auch musikalisch ab: Da wird der Kontakt zum Orchester und zwischen den Sängerinnen und Sängern plötzlich prekär.

Immerhin bietet die konventionelle Personenführung Raum für schauspielerische Efforts, die sich das einmal mehr stark besetzte Ensemble nicht entgehen lässt. Wobei der (in Übertiteln übersetzte) venezianische Dialekt die Lust an der Karikatur erst recht anzuheizen scheint. Roberto Scandiuzzi grantelt und tobt als Vater der zu verheiratenden Tochter mit dem finstersten Bass, Carlos Chausson verbreitet dagegen knebelbärtige Trockenheit - selten kamen so kräftige Töne durch so verkniffene Lippen! Paolo Rumetz kommt ab Bräutigamsvater kaum aus dem missmutigen Knurren heraus, während Giuseppe Scorsin mit jedem Ton und jedem Blick sein Dilemma zwischen Wollen und Können verrät: Denn er ist als Einziger unter der Knute statt umgekehrt.

Zwischen Rebellion und Resignation

Elizabeth Rae Magnuson gibt seine resolute Gattin, die ihn und seine Kumpanen mit sehr vielen und sehr spitzen Tönen schlicht zu Boden singt. Stefania Kaluza tendiert eher zum stimmschönen Hyperventilieren, Katharina Peetz wechselt mit vibrato- und klangreichem Mezzosopran zwischen Rebellion und Resignation.

Weniger parodistisch - und damit auch weniger attraktiv - sind dieRollen der jungen Brautleute: Martina Janková darf immerhin ausgiebig trotzen tund hoffen und tut das mit m ädchenhaftem Charme und schwerelosem Sopran. Luigi Petroni dagegen bleibt in seinen kurzen Auftritten eine blasse Figur, sowohl vom Stück her als auch wegen seiner in der Höhe ziemlich gepressten Stimme. Ein richtiger Liebhaber singt eben Tenor, und das ist im Umfeid von so dominanten Bässen, von so energischen Sopranistinnen kein dankbarer Job.