Triumphaler Erfolg der leisen Töne

Sibylle Ehrismann, Zürcher Oberländer (27.01.2003)

Il Trionfo del Tempo e del Disinganno, 25.01.2003, Zürich

Premiere von Händels «Il trionfo del tempo e del disinganno» im Opernhaus Zürich.

Ein Ausfall ist immer auch eine Chance. Nikolaus Harnoncourt musste aus gesundheitlichen Gründen auf die Premiere von Haydns «Armida» verzichten, möchte die Produktion aber später unbedingt selber dirigieren. So entschied sich Alexander Pereira kurzerhand, die «Armida» zu verschieben und stattdessen Händels frühes Oratorium «Il trionfo del tempo e del disinganno» mit Marc Minkowski am Pult zu wagen. Die so auch von Regisseur Jürgen Flimm von kurzer Hand vorbereitete Premiere am Samstag wurde zu einem triumphalen Erfolg der leisen Töne.

Händel war gerade mal zweiundzwanzig Jahre alt, als er nach Rom ging, um sich als Opernkomponist zu etablieren. Die Oper war damals in päpstliche Ungnade gefallen, so dass sich klerikale Opernenthusiasten darum bemühten, Opernhaftes in Form des Oratoriums zu bewahren.

Ein Opern-Oratorium

Auch Händels Auftraggeber und Librettist, der römische Kardinal Bendetto Pamphilj, gehörte zu diesen. Er erkannte Händels Begabung sofort und schrieb ihm einen allegorischen Text über die Vergänglichkeit des irdisch Schönen. Dazu komponierte Händel sein erstes Oratorium für nur vier Solostimmen und kleines Begleitensemble, aber ohne Chor. So schlicht und in den Dacapo-Arien auch noch etwas schematisch dieses Frühwerk ist, es zeugt bereits vom Phantasiereichtum, vom Tiefgang und vom dramatischen Temperament des späteren Grossmeisters.

Marc Minkowski, einer der interessantesten Dirigenten der Nachpionierzeit der historischen Aufführungspraxis, hat dieses Oratorium bereits in den 1980er Jahren auf CD eingespielt. Seine Interpretationen barocker Werke mit den von ihm gegründeten Musiciens du Louvre haben ihn an die internationale Spitze geführt, vor allem mit Sängerinnen wie Anne Sofie von Otter oder der auch in dieser Produktion singenden Altistin Marijana Mijanovic. Dass er sich jeweils lieber für Frauenstimmen als für den männlichen Altus entscheidet, ist eines der Markenzeichen des weniger puristisch als einfach hochmusikalisch denkenden Dirigenten.
So staunte man auch am Samstag nicht schlecht, als man das von Harnoncourt gegründete Orchester La Scintilla der Oper Zürich, das sich auf historische Spielpraxis spezialisiert hat, auftreten sah. Das ganz nach oben gefahrene Orchester umfasste nicht weniger als zehn (!) erste Geigen, und für den Continuo kamen die Theorbe, Cello, Cembalo oder Orgel zum Einsatz. Besonders auffällig ist, dass Händel zu den effektvollen Streichern der Italiener die deutsche Holzbläsertradition dazunahm und zwei konzertierende Oboen und Blockflöten einfügte, die im Dialog mit den Sängerinnen und Sängern eine eindringliche Innigkeit verbreiten.

Schönheit geht ins Kloster

Inhaltlich geht es in diesem Oratorium um «Bellezza», die Schönheit, die sich mit der allegorischen «Piacere» vergnügt. Zu Beginn betrachtet sie sich in einem Spiegel und ist voller Zweifel, wie lange sie sich ihrer Reize wohl noch erfreuen könne. Die Einflüsterungen von Piacere zerstreuen zunächst ihre Sorgen, doch «Tempo», die Zeit, und «Disinganno», die Enttäuschung, vermögen sie mit ihren Argumenten zunehmend nachdenklich zu stimmen, bis sie schliesslich den irdischen Vergnügungen entsagt und sich für die Wahrheit und damit für ein enthaltsames Leben als Nonne entscheidet.

Regisseur Jürgen Flimm siedelt diesen allegorischen Widerstreit über das Schöne und seine Vergänglichkeit in einer edlen Pariser Bar der späten 1940er Jahre an (Bühnenbild Erich Wonder). Zahlreiche Statisten an der grosszügig nach hinten geschwungenen Bar und an den Tischen beleben das Bild. Es sind Kellner, normale und surreale Gäste und Kinder. Sie werden - dem oratorisch-epischen Geschehen entsprechend - geschickt choreographiert. Die Choreographin Catharina Lühr führt die Figuren aus der Situation und vor allem aus der Musik heraus manchmal tänzerisch, manchmal statisch, und manchmal ganz natürlich mit Auf- und Abtritten. So hält sich der oratorisch-allegorische Inhalt in eindrücklich magischer Balance mit der realen Amüsiergesellschaft der Szenerie.
Die vier Protagonisten singen fast ausschliesslich im Vordergrund. Das bewirkt ein Stehrampensingen, das der subtilen Choreographie im Hintergrund etwas die Kraft nimmt. Schade, dass die Sängerinnen nicht öfter singend den Raum bespielen, sondern nur, wenn sie stumm sind.
Einzig die Altistin Marijana Mijanovic singt, während sie als «Disignanno» die schlafende Zeit herumschleppt, auch mal mitten aus dem Raum heraus; das wirkt ungemein. Sie verfügt aber auch über eine ausgesprochen eigen timbrierte, weit tragende und sehr flexible Stimme, der sie auch rauhere, fast männliche Farben abgewinnen kann. Und sie entspricht so gar nicht dem eher unscheinbaren und untersetzten Altistinnen-Stereotyp. Sie ist vielmehr gross und schlank und bewegt sich auf der Bühne mit einer ausgesprochen lockeren Natürlichkeit und virtuosen Präsenz.

Farbenreichtum der Stimmen

Wunderbar auch, wie sich ihre Stimme im Duett dem lyrisch weichen Tenor von Christoph Strehl anschmiegte, und wie sie eindringlich spitzer wurde, als sie der Bellezza ins Gewissen redete. Im Hinblick auf den Farbenreichtum der vier Stimmen ergänzten sich auch die beiden eigentlichen Sopranpartien ideal: Isabel Rey als lichte Bellezza und Cecilia Bartoli als erdigere Piacere. Grandios, wie die Bartoli ihren Zorn über die abtrünnige Bellezza in mörderischen Koloraturen regelrecht austobte, gleichzeitig aber in fast gehauchtem Piano und innigster Zurücknahme die «Töne der Wahrheit» sang. Dazu das betörende Legato von Isabel Rey, die ihren Zweifeln überzeugend Ausdruck verlieh und die Wandlung zur Nonne mit höchster musikalischer Hingabe glaubhaft zu machen verstand.
Möglich machte dies Marc Minkowski mit seinem jeden Ton mitfühlenden und mitatmenden Orchester. Die grosse Streicherbesetzung sorgte für einen geschickten Tutti-Kontrast zur kammermusikalischen Intimität, doch wirkte der Streicherklang nie laut, sondern vielfarbig, elastisch und von lichter Transparenz. Umso prägnanter kamen die solistischen Leistungen zur Geltung, sei das von den Oboisten, sei das vom engagiert mitmusizierenden Cellisten Claudius Herrmann oder vom Theorbisten Luca Pianca. Die überaus melancholische, sehr leise und doch wunderschöne Schlussarie der zur Nonne bekehrten Bellezza setzte diesem unvergesslichen Abend ein letztes Krönchen auf.