Welche ist die wahre Königin?

Thomas Meyer, Tages-Anzeiger (09.12.2002)

Maria Stuarda, 07.12.2002, Zürich

Eine Frage beschäftigte die Opernfans am Samstag bei der Zürcher Neuinszenierung von Donizettis « Maria Stuarda» vor allem: Wie fimnktioniert das Stück ohne den Star? Es funktioniert durchaus.

Ein Stein schien ihr vom Herzen zu fallen, als sie schliesslich als Letzte allein vors kräftig applaudierende Publikum trat. Die Anspannung muss gross gewesen sein für die junge spanische Sopranistin AngeIes Blancas. Immerhin war sie für eine Edita Gruberova eingesprungen, die das neu inszenierte Werk ursprünglich prägen sollte und die am Samstag in einer Mitteilung ihre Absicht bekräftigte, nie merh in Zürich aufzutreten. Nicht wenige im Publikum werden den »Ersatz« deshalb doppelt kritisch angehört haben. Der Applaus rauschte zwar nicht wirklich auf (das tat er überhaupt nie an diesem Abend), war aber weitaus mehr als wohlwollend und für Angeles Blancas am stärksten. Von dieser Sängerin wird man noch mehr hören wollen - und durchaus nicht nur von Gaetano Donizetti, sondern auch von Verdi

Durch ihre Person gabs gewiss auch eine Umwertung des Stücks - nicht unbedingt zu dessen Ungunsten. Mit der Gruberova nämlich hätte man diese »Maria Stuarda« ohne Zweifel auf die Titelfigur zugeschnitten, was dem Abend den Glanz des Startums verliehen hätte. So jedoch wurde klarer auf ein Drama hin fokussiert, in dem verschiedene Personen Gewicht bekommen. Gaetano Donizettis lyrische Tragödie »Maria Stuarda« (nach Friedrich Schiller) aus dem Jahre 1835 ist keine reine Belcanto-Oper mehr, sondern weist bereits auf Verdi voraus. Sie zeigt heftige innere und äussere Konflikte.

Stärke in der Dramatik

Das eben wird deutlich in der Titelfigur und ihrer Darstellerin. Angeles Blancas ist keine Koloratursopranistin. Sie wartet nicht mit vielen Fiorituren und Spitzentönchen auf und gerät gar nicht in Versuchung, solche Kunststücke auf Brillanz hin zu forcieren. Ihre Stärke liegt im Dramatischen, und mit ihrem noch fast jugendlich schlanken Sopran entwickelt sie ein starkes und ernsthaftes Ausdrucksvermögen. Das überzeugt, gerade etwa wenn sie sich in der direkten Konfrontation mit ihrer Konkurrentin Eisabetta von der sich demütig gebenden zur beschimpfenden Frau wandelt oder wenn sie im Gefängnis voller Stolz gegen ihre Rivalin grollt. Stimmlich wie darstellerisch dominiert sie gegenüber der verhalteneren Elisabetta von Carmen Oprisanu, die hier ihre erste grosse Rolle in einer Zürcher Neuinszenierung singt. Ihre Rolle ist auch weitaus diffiziler. Nach ein paar Anfangsschwierigkeiten fühlt sie sich differenziert in die gebrochene Figur hinein, sie weiss sich aber noch nicht voll zu steigern. Vokal hingegen der Hahn im Korb ist Graf Leicester, der von Elisabetta heimlich geliebt wird, sich aber zu Maria hingezogen fühlt. Fabio Sartori, erstmals in Zürich, ist ein für Donizetti genügend leichter Tenor mit einer Strahlkraft, die seine Unbeholfenheit wettmacht. Daneben sind besonders Carlos Chausson als dunkler Hardliner Cecil sowie László Polgár (blasser als gewohnt) als Maria-Vertrauter Talbot und schliesslich Melinda Parsons (vom Internationalen Opernstudio) in der Nebenrolle der Zofe Anna zu hören.

Eingebettet ist das in einen Orchesterklang, den Dirigent Marcello Viotti profiliert führt und dennoch auf die Sänger zuschneidet, das heisst, er unterstützt mii Agilität und leichtem Brio, forciert aber nicht. Dennoch möchte man einmal den Versuch erleben, dass sich ein Dirigent mit der frühen romantischen italienischen Oper so auseinander setzen möge, wie es`Nikolaus Harnoncourt oder John Eliot Gardiner mit deren Zeitgenossen Weber, Berlioz, Mendelssohn oder Schumann getan haben. Wahrscheinlich schlummern da noch weitere Tiefendimensionen.

Klang hinter Masken

Einzig der Chor wirkte etwas verloren an diesem Abend. Er fiel kaum auf und konnte sich selbst bei seinem grossen Einsatz zu Beginn des letzten Bilds nicht angemessen in Szene setzen. Die klangliche Geschlossenheit litt unter den anonymisierenden Masken, die man den Sängern verpasste, sowie an der statischen räumlichen Aufstellung rings ums Handlungsgeschehen. Der Chor wurde buchstäblich an den Rand gedrängt im Raum des Bühnenbildners Mark Väisänen, der hier jene Konzeption weiterverfolgt, die er bereits in den ersten beiden Teilen der Tudor-Trilogie (Donizettis »Roberto Devereux« und »Anna Bolena«) entwickelt hat.

Die Weite dieses Burginnenhofs erlaubt Bewegungsfreiheit und deutet doch auch die gefängnisartige Verbunkerung an; denn beide Königinnen sind eigentlich Gefangene. Für die Inszenierung ergibt sich hiermit ein Spielfeld, das die Darsteller kaum zu Unverständlichkeiten zwingt.

Konzipiert wurde die Regie von Gian Carlo del Monaco, der sich aber bei Probenbeginn einer schweren Operation unterzieher musste. So übernahm der Künstlerische Betriebsdirektor und Hausregisseur Grischa Asagaroff die Umsetzung. Er kennt das Werk, denn er hat »Maria Stuarda« bereits vor achtzehn Jahren in Zürich imzeniert.

Das Ganze wirkt vergleichsweise konventionell und tut den Melomanen gewiss nicht weh, setzt aber klare Farbakzente (Kostüme: Maria-Luise Walek) undd lässt den Sängern Platz zum Singen - zum Charakterisieren nutzen ihn vor allem die Frauen. Die Personenführung ist weitgehend zuverlässig gemacht, ohne Auffälligkeiten. Allerdings gelingt es Asagaroff nicht, die Personenkonstellation in der Schlussszene zu verdichten. Die letzten Minuten vor Marias Gang zum Schafott wirken noch unfertig uad kaum stringent. Und so konnte sich in diesem entscheidenden Moment auch Angeles Blancas nicht voll durchsetzen. Gut möglich, dass sie sich, nachdem die erste grosse Anstrengung hinter ihr liegt, noch freier entfaltet und ihre Stimme weiter an Flexibilität gewinnt. Dann könnte diese Maria Stuarda ihr gehören.