Heinz W. Koch, Badische Zeitung (25.03.2003)
Die Oper kocht: Amilcare Ponchiellis Reißer "La Gioconda" mit Nello Santi in Zürich
Nichts mit Musiktheater, schon gar nichts mit dem, was Regietheater genannt oder, je nach Neigung, auch gescholten wird. Das Dechiffrieren tiefgründelnder Deutungsabsichten hat in Zürich Pause. Was sich in der jüngsten Neuinszenierung dort zuträgt, gehört ins Kapitel der Opernschlachten. Wir sehen uns einer Arena der sich hochschaukelnden Emotionen gegenüber, einem Wettstreit der vokalen Affekte. "La Gioconda" von Amilcare Ponchielli (1834 bis 1886) - das ist einer jener Abende, an denen die Oper kocht.
Obwohl wir auch hier ein paar wundersame verbale Erfindungen registrieren, wusste Arrigo Boito, später Verdis "Otello"- und "Falstaff"-Librettist, warum er sein Namens-Anagramm Tobia Gorrio verwendete. "La Gioconda" von 1876 und danach etliche Male umgearbeitet ist eine Schauergeschichte frei nach Victor Hugo - eine von Gut und Finster, von Rosenkranz und Giftphiole, von heimlicher Liebe und Verrat, von Leidenschaft, Erpressung und Verleumdung, von Eifersucht und Entsagung, Intrige und Zufall. Kurz, alle Opernzutaten sind so gut wie lückenlos versammelt.
Einmal losgetreten, läuft die Schauermär von selbst. Man braucht dazu sechs hochkalibrige Kehlen, am besten von der Marke Star, und das Gescheiteste ist, man arrangiert ihr Mit- und Gegeneinander einigermaßen vernünftig. So verfuhr Gilbert Deflo, von dem man Besseres kennt - Motto: Wie komme ich mit dem geringstmöglichen Ideenaufwand durch drei Opernstunden? Das Händeringen als Gipfel der Darstellungskunst. In Zürich residieren der große szenische Gedanke und die entwaffnende Schlichtheit ja in trauter Nachbarschaft. Und William Orlandi macht mit seiner Bühne, seinem Kostümaufwand jederzeit klar, dass wir in Venedig sind - ob im 17. Jahrhundert des Originals und um 1800 wie hier, ist schnurzpiependeckelegal.
Die Sänger fühlen sich sicher wie in Abrahams Schoß
Für dergleichen hat Zürich seit 45 Jahren Nello Santi. Der braucht auch hier keine Partitur und weiß doch haargenau, wie man diese Mixtur aus althergebrachter Ensemblekunst , Grand-Opéra-Pomp und vorweggenommener Verismo-Rabiatheit aussteuert - al fresco, aber mit maximaler Wirkung. Ponchiellis raffiniertes Kontrastkomponieren ist bei ihm in den richtigen Händen: wie da auf ausgelassenen Tanz ohne Einschnitt Orgelklang und frommer Chorgesang folgen, wie Serenadenheiterkeit hereindringt, dieweil der betrogene Gatte seiner Frau den Tod ankündigt. Die Sänger fühlen sich bei Santi sicher wie in Abrahams Schoß. Und Zürich bringt auch hier wieder zusammen, was auch an der Scala oder der "Met" gut und teuer ist.
Vorneweg Sylvie Valayre in der mörderischen Titelpartie, in der einst Maria Callas in Verona ihre Weltkarriere startete. Aufschwung um Aufschwung nimmt sie. Die gewaltigen Bögen spannt sie mit hochdramatischer Inbrunst - imponierend und dabei um Zwischentöne bemüht. Mit ihrer verheirateten Rivalin Laura liefert sie sich ein wild wogendes Duettduell. Mariana Pentchevas Mezzosopran ist die Vulkanstimme, die hier vonnöten ist - fabelhaft. Für Giocondas blinde Mutter ist Francesca Francis Alt reichlich jung - dennoch bietet sie den Ensembles das rechte Fundament.
Drei Promis als Partiendebütanten bei den Herren - auch das ist Zürich. Walter Fraccaro ist als Enzo ein echter Spinto, ein jugendlich-dramatischer Tenor, leicht ansprechend und mit glänzendem Kern. Hätte er noch ein paar Piano-Momente für seine berühmte Romanze "Cielo! e mar!", wäre das Belcantoglück perfekt. Aber auch so: Strahlenderen Tenorgesang gab es lange nicht. Juan Pons' Spion Barnaba ein Vorläufer von Verdis Jago: rau und mächtig im charakterbaritonalen Ausbruch. Roberto Scandiuzzi als gehörnter Chef der Staatsinquisition: beinahe schon zu sehr dröhnende Basswucht.