Sibylle Ehrismann, Zürcher Oberländer (15.04.2003)
Im Opernhaus Zürich feierte Korngolds «Die tote Stadt» eine gelungene Premiere
Es ist ein anspruchsvolles und mörderisch langes Werk, Korngolds Psychodrama «Die tote Stadt». Die Tenorpartie des Helden Paul setzt den Ansprüchen einer Wagnerpartie noch eins oben-drauf. Und auch die Sopranpartie der dem Trauernden endlich wieder Leben einhauchenden Marietta braucht enorm viel Kraft und Schmelz.
Dem Zürcher Team mit Franz Welser-Möst am Pult und dem Schauspielregisseur Sven-Eric Bechtolf ist, zusammen mit den grandiosen Protagonisten Norbert Schmittberg und Emily Magee, eine herausragende Umsetzung gelungen.
Erfolgreiches Comeback
Erich Wolfgang Korngold war ein Wiener Wunderkind. Wegen des Nationalsozialismus nach Amerika ausgewandert, sorgte er in Hollywood für gehaltvolle Filmmusik. Diese Tendenz Korngolds zum stimmungshaft Plastischen, aber auch seine Liebe zur Operette, ist in seiner grossen Oper «Die tote Stadt» ohrenfällig. Dies mag auch mit ein Grund dafür sein, dass Korngolds Musik zurzeit eine erfolgreiche Renaissance erlebt. Zemlinsky, Mahler und Wagners Leitmotivtechnik klingen hier an - und doch ist der Stil unverkennbar eigen.
«Die tote Stadt» ist Sinnbild für die Seele des trauernden Paul, der die tote Stadt nicht verlässt, um möglichst nahe bei seiner verstorbenen Frau Maria bleiben zu können. Die Trauer ist übermächtig und isoliert ihn. Da taucht die Tänzerin Marietta auf, fordert ihn erotisch heraus und mokiert sich über seine Vergangenheit. Anhand von Träumen gelingt es Paul schliesslich, sich vom Bild der Toten zu lösen und die Stadt zu verlassen, um ein neues Leben zu beginnen.
Musikalisches Seelendrama
Für dieses Seelendrama à la Sigmund Freud hat der Komponist ein riesig besetztes Orchester gewählt, das mit vierfachem Blech an Mahlers «Sinfonie der Tausend» anknüpft. Dieses wird aber nicht einfach dramatisch ausgepowert, sondern steht im Dienste von Stimmungen, Schilderungen und psychologisch-dramatischer Charakteristik. Das Orchester ist farbig, schillernd auch in den ständig wechselnden Polyrhythmen. Franz Welser-Möst und dem Opernorchester ist es an der Premiere vom Sonntag gelungen, diese Massen in Schach zu halten, die Schwebe des Klangs auszubalancieren und trotzdem die innere Spannkraft zu halten. So wurde daraus nie eine dicke Sauce, und die geforderten Stimmen waren, auch wenn sie eintauchten, mit flexiblen Ausdrucksnuancen präsent.
Innenräume an Stelle der Stadt
Die Seele so konkret als Ort des Geschehens darzustellen, ist natürlich eine Herausforderung an die Phantasie eines Regisseurs. Entsprechend gross ist die Gefahr des Kitsches, des Übertreibens seelischer Sinnbilder. Sven-Eric Bechtolf, der grosse Exzentriker unter den Schauspielern, hat diese Herausforderung brillant gelöst. Sein Schauplatz ist nicht die tote Stadt, sondern sind Innenräume: der ehemalige Schlafraum der toten Maria und das Badezimmer, in welchem die Tote gefunden wurde (Bühnenbild: Rolf Glittenberg). Erstmals taucht diese Vision der Toten anhand eines grossen Videobildes im Schlafzimmer auf. Die Leiche wird in durchsichtiges Plastik eingehüllt und damit verhüllt gezeigt; das eingetrocknete Blut unter den Handgelenken lässt einen Selbstmord erahnen. Voyeuristisch ist das aber nicht.
Musik hat Sprengkraft
Ausgesprochen intensiv und erotisch übersteigert ist die Szene, in welcher die beiden Frauen gleichzeitig präsent sind: hinten im Baderaum die tote Maria, und im Schlafzimmer die von einer Tänzerin mit nacktem Busen dargestellte Marietta. Paul selbst liegt hinten am Boden, klammert sich an die Badewanne und an seine tote Frau. Die Musik dazu ist zum Sprengen geladen; die Gleichzeitigkeit von Tod und Leben ist einer der Höhepunkte des Abends. Auch wenn diese starken und klaren Bilder einen die Musik mehrmals fast vergessen lassen - sie kommt immer wieder kraftvoll zurück.
Leder statt Pierrotkostüme
Zudem führt Bechtolf die wenigen Figuren mit schauspielerischem Raffinement. Das ist alles andere als Rampensingen und Operngestik. Gleichzeitig wird sein Hang zur Exzentrik aber durch das Singen moderiert - das Natürliche der Sänger paart sich mit dem surreal und androgyn Überzeichneten der Gauklertruppe (Kostüme: Marianne Glittenberg). Diese tritt im zweiten Bild mit knalligen Leder-Erotikgewändern auf: Fellini lässt grüssen. Der mit weissen Kacheln ausgekleidete Baderaum ist jetzt, im Traum, übergross; an der Wand spiegelt sich das Wasser als phantastisches Lichtspiel.
Schauspielerische Glanzleistung
Und immer stellt sich die Frage: Kann Bechtolf das den ganzen Abend lang durchhalten? Und wie er das kann. Das Schlussbild mit dem verzweifelt sich an seinem Marienkult festkrallenden Paul und der daneben spöttisch ihre Sinnlichkeit darbietenden Marietta ist umwerfend.
Während er Grablämpchen anzündet und überall Marienbilder aufstellt, um zu beten, lackiert sie sich rote Fussnägel, zündet sich am Lämpchen eine Zigarette an und versucht, ihn zu verführen. Eine schaupielerische Leistung sondergleichen. Auch der Moment, in dem Paul Marietta im Traum erwürgt und sich damit befreit, wird nicht ausgeschlachtet - das findet hinter der schwarzen Bettdecke statt.
Es bleibt das Lob auf die Sängerinnen und Sänger. Norbert Schmittberg ist zurzeit wohl der einzige Tenor, der diese Monsterpartie durchstehen kann. Er hat den Paul denn auch schon an mehreren Häusern gesungen. Für ihn gibt es kaum einen Moment, in dem er nicht präsent wäre. Alles dreht sich um ihn; und er muss in weiten Phrasen und in der hohen Lage von üppigem Orchesterklang umgarnt singen. Schmittberg hat das nicht nur mit betörender Strahlkraft und unerhörter Intonationssicherheit gemeistert, er weiss auch schauspielerisch echt zu leiden.
Daneben Emily Magee als Marietta, mit grossem Atem, kraftvollem Organ und sinnlichem Schmelz in der Stimme. Zu dieser erotisch-seelischen Dramatik setzte Olaf Bär, der grosse Liedgestalter, als Frank einen lyrisch weichen, beruhigenden Akzent. Und die an einer Bronchitis erkrankte Cornelia Kallisch verkörpert die nonnenstrenge Brigitta und damit die Moral mit eindrücklicher Bühnenpräsenz und dunkler, stimmlicher Erotik.