Von Liebe, Rausch und Raserei

Martin Etter, Der Bund (15.04.2003)

Die tote Stadt, 13.04.2003, Zürich

Das Opernhaus Zürich setzt sich erfolgreich für Erich Wolfgang Korngolds Oper «Die tote Stadt» ein.

Erich Wolfgang Korngold (1897-1957) war kaum dreiundzwanzig Jahre alt, als seine Oper «Die tote Stadt» mit sensationellem Erfolg uraufgeführt wurde. Die kometenhafte Karriere des genial Begabten wurde aber wenig später durch den Naziterror unterbrochen: Korngold musste nach Amerika emigrieren und starb dort als hochgeachteter Filmmusikkomponist.
Die «Tote Stadt», basierend auf dem Roman «Brugues-la-Morte» von Georges Rodenbach und einem Libretto von Korngolds Vater, dem Starkritiker Julius Korngold, führt in die Dekadenz der vorletzten Jahrhundertwende und beschreibt das Schicksal des krankhaft um seine verstorbene Frau Marie trauernden Paul, der auf die leichtfertige, Marie ähnelnde Marietta trifft, dieser dann verfällt und nun nicht mehr zwischen Traum und Wirklichkeit zu unterscheiden vermag. Dieses sinnverwirrende Psychogramm hat Korngold junior mit Musik ausgestattet, die dank unüberhörbaren Anklängen an Mahler, Strauss, Zemlinsky, Puccini, Giordano und sogar Lehár von Rausch zu Raserei und von Raserei wiederum zu Rauschzuständen führt, auf keine Exaltation verzichtet und mit unaufhörlicher sensualistischer Klangüppigkeit aufwartet. Ähnlich spätromantisch leidenschaftlich haben nur Strauss und Zemlinsky komponiert: Wer dem Jugendstil verfallen ist, wird bei Korngold also voll auf seine Rechnung kommen.

Szenisch äusserst fragwürdig

Die beifallumtoste Zürcher Wiedergabe krankt leider an den extrem hässlichen Bühnenbildern und Kostümen von Rolf und Marianne Glittenberg vor allem die Akte zwei und drei besitzen mit ihrer modischen Nobelpissoir-Kachelung nicht die geringste werkentsprechende Atmosphäre. Und der Regisseur Sven-Eric Bechtolf verzichtet konsequent auf jeden Bezug zum Text:Dass das Werk «Die tote Stadt» heisst, wird in seiner synthetisch-kühlen, auf jede historische Anlehnung verzichtenden und nur auf ablenkende Mätzchen erpichten Inszenierung überhaupt nie deutlich.

Musikalisch hochkarätig

So ist man dem Zürcher Chefdirigenten Franz Welser-Möst und seinem blendend disponierten Orchester dankbar, dass zumindest Korngolds lange Jahrzehnte in Vergessenheit geratener Partitur mit einer leuchtkräftigen, inspirierten und rauschhaft aufklingenden Deutung volle Gerechtigkeit widerfährt. Das Instrumentalensemble und auch der von Ernst Raffelsberger instruierte Chor belegen dabei nachdrücklich das international anerkannte Niveau der Zürcher Oper.

Besetzungsfreud und -leid

Die überaus anspruchsvollen Hauptpartien werden insgesamt auf respektable Weise interpretiert. Starke Eindrücke gehen von Cornelia Kallisch (trotz Indisposition eine expressive Haushälterin Brigitta), von Olaf Bär (vokal und darstellerisch in der Doppelrolle Frank und Fritz sehr souverän) und von Volker Vogel (originell als Graf Albert) aus. Für die ebenfalls als Doppelrolle angelegten Figuren der Marie und der Marietta bringt Emily Magee die glaubhafte Ausstrahlung und stimmliches Durchhaltevermögen mit Forcierungen in den Spitzenregionen des an und für sich schönen Soprans und hohe Textunverständlichkeit belasten aber ihre Leistung.

Einen legitimen Triumph ersingt und erspielt sich dagegen Norbert Schmittberg als Paul mit einem verzehrend intensiven, erschütternd glaubhaften und mit geradezu phänomenaler Selbstaufgabe durchgehaltenen Rollenporträt. Da stellt sich ein Künstler vor, der seine Mittelpunktsfunktion tadellos ausfüllt und sich gesanglich und schauspielerisch unwiderstehlich für ausserordentliche und ausserordentlich schwierige Aufgaben empfiehlt.