Heinz W. Koch, Badische Zeitung (15.04.2003)
Oper, spannend und gewagt: Sven-Eric Bechtolf inszeniert und Franz Welser-Möst dirigiert "Die tote Stadt" von Erich Wolfgang Korngold in Zürich
Puccini soll aus dem Häuschen gewesen sein, als Erich Wolfgang Korngold ihm seine dritte Oper auf dem Klavier vorführte. 23 war der mehr als ein Jahrzehnt zuvor zum komponierenden Wunderkind ausgerufene junge Mann, als "Die tote Stadt" 1920 an ein und demselben Abend zwei Uraufführungen erlebte, in Hamburg und in Köln. Den Welterfolg leitete die Wiener Premiere kurz darauf ein. Noch heute lässt der Hit der Duettszene "Glück, das mir verblieb" die Melomanen wonniglich erschauern. Diese Sehnsuchtskantilene, dieses sich mehr und mehr in die Höhe schraubende Ohrwurm-Sentiment wäre auch des darob begeisterten Puccini würdig gewesen. Was aus dem Wiener Wunderknaben wurde, ist bekannt: Mit dem Aufkommen der Neuen Sachlichkeit ging's wie bei Schreker, bei Zemlinsky bergab. Das Verdikt der braunen Barbaren besorgte den Rest, und nach dem Krieg konnte das strikte Fortschrittsdenken nichts mit einem anfangen, der schon anno 20 den Hollywood-Komponisten ahnen ließ, der in der Tat für zwei Oscars gut sein sollte.
All diese Assoziationen lässt Franz Welser-Möst an der Spitze des exzellenten Zürcher Opernorchesters aufscheinen. Lange ist es, als sei der Dirigent, den Zürich seit dieser Saison mit dem Cleveland Orchestra teilt, auf eine gebändigte, eine Kammerversion des in Mahler'schen Ausmaßen röhrenden und zuckenden Klangbilds aus, auf ein genüssliches Ausbreiten des exquisiten Partitur-Raffinements. Aber mehr und mehr arbeitet sich diese Interpretation zu einer ungeheuren Dringlichkeit vor. Sie bewahrt sich vorm Keuchen, aber sie atmet schwer, und sie ist sehr intensiv.
Manisches Andenken an eine reliquienhaft vergötterte Frau
Großdimensioniert das alles - und großdimensioniert auch die zentralen Stimmanforderungen, nimmt man die Doppelrolle aus, die Olaf Bär mit seinem beeindruckenden baritonalen Format ausfüllt: Frank, der Freund (und - laut Inszenierung - Arzt) des Helden Paul, und Fritz, der Pierrot, mit dem zweiten Schlager "Mein Sehnen, mein Wähnen" aus der Theatertruppe der Primadonna Marietta. Derem unausgesetztem Hinauf-in-die-Höhe trotzt Emily Magee mit anscheinend unversiegbarem Sopranstrahl auf geradezu atemraubende Weise. Norbert Schmittberg ist auf die abnorm höhengepfefferte Partie des Paul - unter anderem seit Karlsruhe und Straßburg - beinahe schon abonniert: ein gerader deutscher Heldentenor, der zwischen eminentem Gelingen und bedenklicher Angegriffenheit eben die Kurve kriegt.
Um diesen Paul geht es - um sein fast manisches Andenken an seine reliquienhaft vergötterte tote Frau Marie und die erotische Verfallenheit an die ihr aufs Goldhaar gleichende, allerdings vulgäre tanzende Wiedergängerin Marietta. Des Komponisten berühmter Kritikervater Julius Korngold (Pseudonym: Paul Schott) fand den Stoff in der Dramatisierung des Romans "Bruges-la-Morte" (Das tote Brügge) des belgischen Symbolisten Georges Rodenbach. Präzis: Es geht um das Recht des Lebens wider die selbstdiktierte Treue zur über alles geliebten Toten. Oder, wie Frank es in dem außerordentlich blumig geschraubten Text ausdrückt: "Dein Blut murrt gegen diese Trauer."
Brügge und seine Morbidität spielen indes für das Zürcher Inszenierungsteam (Regie: Sven-Eic Bechtolf; Bühne und Kostüme: Rolf und Marianne Glittenberg) kaum eine Rolle. Denn: Mit der Ansicht, dass Korngolds Brügge im Wien des Sigmund Freud liegt, macht diese Deutung ernst. Und das wiederum, weil im Unterschied zur Romanvorlage die Traumsequenz den weitaus größten Teil der zur psychologischen Studie anwachsenden Handlung ausmacht. Pauls Mord an Marietta - er erdrosselt sie mit dem in einer gläsernen Reliquiensäule aufbewahrten Haar seiner Frau! - geschieht im Traum.
Dem Wiener Burgmimen Bechtolf gelang nach "Lulu" und "Otello" in Zürich abermals eine überaus spannende und auch gewagte Opernvergegenwärtigung. Paul ist ein strubbelig-abgerissener Morgenmanteltyp. Wie sich Marietta auf dem - anfangs mit einem Plastikschutz "versiegelten" - Bett breit macht und nachher ihr Double sich in Rotlicht-reifem Tanz übt, das ist durchaus plakativ ausgestellt. Der Toten Baderaum weitet sich in der Traumhandlung mit den "Ariadne"-nahen Szenen von Mariettas Komödiantenkollegen zum Mittelding aus Badeanstalt und Großaquarium. Die Theatertruppe: ein groteskes Gauklerensemble, Transvestiten mit einem Stich ins Irre - ein Mummenschanz mit Liliputaner, Riese, Schwergewichtlerin und einem (Damen-)Pierrot mit Rieseninsektenflügeln.
Die Prozession mit dem angesichts seiner Heiligenfigürchen betenden Paul und der ostentativ rauchenden und in einem Magazin blätternden Marietta: schrill auf den Punkt gebrachter Konfliktstoff. Paul, das Haar seiner Toten, ihren Brautkranz, ihr Unterkleid überstülpend, ihren Schal anlegend: der psychische Zusammenbruch, der definitive Wahn. Ob er, von Frank zum Weggehen aus Brügge animiert, jemals irgendwo ankommt, zerstört wie er ist? Kein Zufall, dass mit dem Wiedereintritt der Realität Bild Nummer eins nicht wiederhergestellt wird, der Rahmen sich nicht wirklich schließt. Enthusiastische Zustimmung.