Was gegen die Einsamkeit hilft

Thomas Meyer, Tages-Anzeiger (08.07.2003)

invocation, 06.07.2003, Zürich

Beat Furrer komponierte, Christoph Marthaler inszenierte «Invocation»: eine Uraufführung als Koproduktion von Oper und Schauspiel in der Zürcher Schiffbau-Halle.

Ein Orchester von Kellnern und Kellnerinnen sitzt vor der dreissig Meter breiten, erhöhten Bühne, aber es dauert ein Weilchen, bis der erste Ton erklingt. Zunächst hören wir Sprachmusik, schnell und fast unabgesetzt vorgetragen von einer Frau mit blonder Perücke und eng gegürtetem kurzem Trenchcoat, die zu Beginn mitten im Ensemble Opera Nova sitzt. Sie stimmt auf die Erzählung ein: «Fang an. Fang noch mal an, hab ich gesagt.»

Nochmals anfangen: «Invocation» ist ein Stück über eine Frau, die aus ihren gesellschaftlichen Bindungen ausbricht - oder besser: ihnen entgleitet. So wie es Marguerite Duras in ihrem Roman «Moderato cantabile» erzählt. Während Anne mit ihrem Kind (das hier nicht auftritt) in der Klavierstunde (von der kein Ton erklingt) sitzt, vernimmt sie einen Schuss (der nicht vorkommt) aus einem Café: Ein Mann hat seine Geliebte getötet, offenbar auf ihr Verlangen.

Anne denkt über die Tote nach und entzieht sich damit ihrer Umgebung, an der sie schon zuvor eher unentschlossen teilhatte. Sie trifft sich in jenem Café mit dem arbeitslosen Chauvin und sinniert trinkend mit ihm in Gedankenschleifen über die Tat und sich selber. Höhepunkt des Buchs ist ein Fest bei Anne zu Hause, bei dem feierlich ein Salm verspeist wird und bei dem sich die Betrunkene übergeben muss. Damit löst sie sich endgültig.

Eine Annäherung, keine Begegnung

Es ist hilfreich, den Roman gelesen zu haben, bevor man sich in den Schiffbau begibt, denn in den Monologen von Olivia Grigolli und in den Dialogen, die sie mit Robert Hunger-Bühler führt, sind nur Bruchstücke daraus zu vernehmen. Einleuchtender wird die Situation durch die Inszenierung von Christoph Marthaler und Annette Kuss.

Die beiden Schauspieler bewegen sich in einer Einsamkeits- und Verzweiflungschoreografie. Dreissig Meter weit auseinander auf Bänken sitzend, sprechen sie miteinander; sie nähern sich im Lauf des Abends an, ohne einander wirklich zu begegnen. Bettina Meyer hat in ihrem Bühnenbild kein Interieur nachgestellt, sondern vielmehr das Quai, an dem das Café liegt. In dessen Weite wird Enge spürbar, Angst. Ihr versucht sich Anne zu entwinden, mal in Trunkenheit, mal in spastischen Verrenkungen. Sie benimmt sich immer mehr ausserhalb der Norm.

Die Erzählung ist freilich nur eine Ebene, denn der Komponist Beat Furrer hat «Invocation» mit weiteren Texten angereichert. So wird diese Oper auch zu einem musikalisch-philosophischen Traktat über die Liebe, über die Verlorenheit, die Religion und übers Weggehen. Dafür wiederum ist es nützlich, vorher das sehr kurze Libretto zu überfliegen. Von der einsamen Hoffnung, die erwartet und ruft, ist in einem Gedicht von Cesare Pavese die Rede, von der Unbedingtheit der Liebe und der Furcht, auch jenseits von Himmel und Hölle, in einem anonymen spanischen Gedicht des 16. Jahrhunderts. Und fünf Verse des spanischen Mystikers Juan de la Cruz sprechen zum Schluss davon, wie ein Ich im Geliebten aufgeht und damit den Kontakt zur Herde, mithin zur Gemeinschaft verliert. Das ist gleichsam die Quintessenz des Abends.

Nur einzelne Worte davon bleiben allerdings in der Musikalisierung verständlich. Diese Texte werden nicht mehr gesprochen, sondern gesungen, zum einen von der Sopranistin (Alexandra von der Weth), die zusammen mit der Flötistin (Maria Goldschmidt) zwei andere Facetten der Anne personifiziert; zum anderen vom Chor, dem hervorragend von Peter Siegwart einstudierten Vokalensemble Zürich. Dieser Chor trägt zur erwähnten Festszene einen antiken orphischen Hymnus vor, eben jene Anrufung - Invocation - des trinkfreudigen Gottes Dionysos, die der Oper ihren Titel gab.

Bei diesen poetischen und musikalischen Kommentaren Furrers nun stellt sich Ratlosigkeit ein, denn sie beruhen auf einem Gedankengebäude, das nur schwer durchschaubar ist. Was müsste man an Vorwissen mitbringen, etwa zu Georges Batailles «Theorie der Religionen», die den Komponisten beschäftigte? Das Festmahl wird in diesem Zusammenhang etwa zum Opferritus, dem sich Anne entzieht. Was das für Konsequenzen für das Werk hat, bleibt letztlich unklar. Ist all das nicht zu viel neben der intensiven Darstellung der Schauspieler und der Subtilität der Musik?

Herumlungern, Herumzappeln

Gewiss verdichtet und übersteigert sich in diesen Texten die Handlung, die als solche wohl kaum musikalisierbar wäre, aber in einzelnen Momenten löst sich diese dabei auch fast ganz auf. Dann wirken die beiden Hauptdarsteller etwas verloren: Hunger-Bühler lungert herum, Grigolli zappelt und schreit quasi stumm wie am Spiess. Und ist es deshalb nicht bezeichnend, dass der Schauspieler am Schluss jenes Festes, dessen Klang - für einmal an diesem Abend - zu überborden droht, eine Geige zerschmettert? Er holt das Stück damit wieder auf den Boden zurück.

«Invocation» erzählt auch von der persönlichen Mythologie des Komponisten. An zentraler Stelle fügt Furrer eine Episode aus den «Metamorphosen» des Ovid ein: Fama, die Göttin des Gerüchts (oder noch schöner: des Hörensagens), hat an der Grenze der dreigeteilten Welt ihr Haus errichtet und hört dort alles, was auf der Welt gesprochen wird. Das verweist auf das Hören, denn «Invocation» ist eine Oper über Musik.

In der Musik steckt eine Möglichkeit zur Befreiung. Zu Beginn hört man aus dem Ensemble, das unter der Leitung des Komponisten spielt, nur dünne, blasse, geräuschhafte, in sich kreisende, verschliffene Klänge, die zwar einen ungemeinen Reichtum an Nuancen enthalten, aber dennoch wie erstickt wirken. Auf solche Subtilitäten soll sich das Ohr einstellen. Marthaler und Kuss finden dafür ein schönes Bild: die Stimmgabeln, die sich die Vokalisten ans Ohr halten, um rein intonieren zu können. Das ist auch ein Rest Witz, den die Regie dem Stoff noch angedeihen lässt.

Immer stärker entwickelt sich aus dieser Intimität ein Hören im Raum, denn die Töne der Sänger und Instrumente werden über Lautsprecher in die Halle zurückgegeben. Diese Klangprojektion, für die einmal mehr das fabelhafte Experimentalstudio der Heinrich-Strobel-Stiftung des Südwestrundfunks Freiburg im Br. verantwortlich ist, verräumlicht und entäussert den Klang: Niemand ist an dem Ort, an dem er erklingt. Die verwirrende Verfremdung birgt auch eine Möglichkeit zur Entfaltung der Musik.

Der Klang gewinnt an Kraft

Allmählich blühen an diesem neunzig Minuten dauernden Abend Klang und Gesang auf. Aus der zunächst fein ziselierten Unruhe entstehen Klanggestalten. Am Schluss singt die Anne nicht mehr in kurzatmigen Gesten, sondern in kantablen Tönen. Da hat sich etwas befreit. Der fragile Klang hat an Kraft gewonnen, er bricht aus der Statik des Anfangs auf, wer weiss, wohin. Die Musik bietet sich nicht als Lösung an, aufs Ende hin bewegt sie sich gleichsam als Trauerkondukt, aber sie hebt das Stück auf eine andere Ebene, trägt über den marthalerschen Gestus hinaus. Sie nimmt dieser Verzweiflungs- und Einsamkeits-Choreografie ein Stück ihrer Leere, sie spendet, wie sie es immer tut, Trost, öffnet den Raum, gibt Hoffnung und verleiht der Verlorenheit zum Schluss einen Anflug von Schönheit.