Norbert Graf, Berner Zeitung (08.07.2003)
Hoch emotionales modernes Musiktheater ist Beat Furrers «Invocation». Die Uraufführung des Zürcher Opernhauses überzeugt nicht auf der ganzen Länge, ein spannender Abend ist trotzdem garantiert.
Alles dreht sich um den Schrei. Doch geschrien wird auf der Bühne nicht. Den unterdrückten Schrei doch loslassen, sich Luft machen, Platz schaffen, die Ordnung in die unabdingbare Unordnung wenden: Das wäre die verzweifelte Reaktion, wenn man sich der eigenen Umwelt entfremdet. Das Geordnete um sich herum zerbrechen muss die Hauptprotagonistin in Beat Furrers neuem Musiktheater «Invocation», das vom Zürcher Opernhaus im Rahmen der Zürcher Festspiele am Sonntag uraufgeführt wurde.
Normen überschreiten
Furrer, der sein Werk selber leitet, ist 1954 in Schaffhausen geboren und seit 1975 in Wien ansässig. Nach «Die Blinden», «Narzissus» und «Begehren» ist «Invocation» seine vierte Oper. Das Werk geht aus von Marguerite Duras Text «Moderato cantabile», welcher dem Projekt auch den ursprünglichen Titel gab. Damit zielte Furrer auf die Ordnung, die vor dem Schrei kommt, auf das Gemässigte und Singende. Die Bezeichnung «Moderato cantabile» stammt aus einer Sonatine von Anton Diabelli, einem Stück, das sich Klavier spielende Kinder in bürgerlichen Haushalten zu Gemüte führen müssen - etwas, das für die heile Welt einsteht, in der alles wohlgeordnet und überblickbar ist.
Beat Furrers «Invocation» erzählt keine stringente Geschichte. Die Hauptfigur der Anne zerfällt in drei Charaktere, packend dargestellt durch eine Schauspielerin (Olivia Grigolli), eine Sopranistin (Alexandra von der Weth) und eine Flötistin (Maria Goldschmidt). Jede entspricht einem anderen Wesenszug der Hauptfigur.
Anne, in Duras Text durch einen Mord aus ihrem Lebenstrott geschreckt, erkennt die Gräben in der sie umgebenden Welt. Ihr verschüttetes erotisches Verlangen lässt das Gewohnte einstürzen. Sie betrinkt sich. Sie konfrontiert ihr bürgerliches Leben mit der Nacht, dem Duft von Magnolien, dem Wein. Die erotische Kraft zerstört die heile Welt. Anne überschreitet die Regeln der Gesellschaft, lässt die spiessige Welt hinter sich. Am Schluss steht sie alleine da, hat «die Herde verloren», der sie bisher gefolgt war.
Existenzielle Bedrohung
Furrer benennt sein Werk bedeutungsoffen «Invocation». Offen wirkt auch seine Musik. Die existenzielle Bedrohung, das unter der Oberfläche Lauernde, das Angedeutete prägt nicht nur das Dargestellte, es prägt auch die Musik. Furrer schreibt keine plakativen Gesten, aber er findet trotzdem Klänge, die sinnlich direkt erfahrbar sind.
Der stille Lärm der anonymen Masse und der unterdrückte Schrei schlagen sich nieder in einer hoch zerbrechlich wirkenden Musik, die mit Pausen zerklüftet und dynamisch stark zurückgenommen ist. Isolierte Klänge und Geräusche, manchmal fast in der Nähe des Schweigens, mutet Furrer nicht nur den Instrumenten zu, sondern auch den Singstimmen. Das ist Musik, die in ihrer Sparsamkeit hoch emotional wirkt - und gerade dadurch auch schwierig. Denn ständige Hochspannung raubt sich die Energie. Glücklich ist man deshalb um die raren Stellen, in denen das engagiert musizierende, hauseigene Ensemble «Opera Nova» die ständig latente Aggression auch einmal laut gegen aussen stülpt.
Heile Welt
Die Inszenierung von Christoph Marthaler und Annette Kuss steckt die heile Welt in die 50er-Jahre - eine ziemlich klischierte Idee, wenn man auf der Suche nach gesellschaftlicher Doppelmoral und unterdrückten Emotionen ist. Mit den hochgetürmten Frisuren der Damen des Vokalensembles Zürich, die über ein sich bewegendes Hauselement trippeln, gelingt zwar eine Schmunzelnummer, aber damit wird die eigentliche Brutalität der Vorgänge stark auf Distanz gehalten. Heftigeres ergibt sich durch den Kontrast der extremen Breite der Bühne mit der inneren Enge der Figuren, da finden Marthaler und sein Team zu starken und stillen Bildern.