Reinmar Wagner, Zürichsee-Zeitung (03.06.2003)
Massenets «Don Quichotte» am Opernhaus
Die Seventies sind grad gross in Mode. Auch das Zürcher Opernhaus setzt auf das Revival und brachte eine Inszenierung von Jules Massenets letzter Oper «Don Quichotte» auf die Bühne, die 1982 von Piero Faggioni für Venedig entworfen wurde. Und inzwischen Staub angesetzt hat.
Haufenweise Trockeneis und Schneeflöckchen, Kinderscharen und pittoreske Tänzerpärchen, ein Pegasus mit schwingenden Flügeln als Höhepunkt, einige Anklänge an berühmte Bilder von Picasso und anderen und viele, viele Choristen und Statisten, die als graubraune Masse kaum wahrgenommen werden: Bilder, die vielleicht einem einfachen Gemüt poetisch erscheinen mögen oder die mit ihren pittoresken Massenszenen und den vielen Kinderchen auf Sympathiepunkte ausgehen, Bilder aber, die auf den zweiten Blick alle so verzweifelt an Disneyland erinnern: Alles unecht, falsch, nachgemacht ohne eigenes Leben, ein Spanien aus dem Freizeitpark, mit mystischen Kirchen und entrückten Gebirgslandschaften und vor allem abgetrennt vom Auditorium durch einen schwarzen Gaze-Vorhang, der für Atmosphäre und Tiefenwirkung sorgen soll, aber nichts weiter bewirkt als Distanz und Unschärfe.
Antiquiert
Es ist schon seltsam, wie sehr diese Aufführung antiquiert wirkt. Sie mag schon vor 20 Jahren nicht als Meisterstück der Regie-Avantgarde gegolten haben, aber die Begeisterung, die sie damals und auf den vielen Stationen, an denen diese «Opern-Legende» in der Zwischenzeit gezeigt wurde, auslöste, ist kaum nachvollziehbar. Und sogar die Lichtregie, für die ebenfalls Faggioni verantwortlich ist, die damals für ihre Präzision und ihren Stimmungsgehalt überschwänglich gelobt wurde, kommt uns heute platt und verschwommen vor. Auch das Zürcher Publikum, das allgemein traditionellen Inszenierungen nicht abgeneigt ist, konnte offenbar wenig damit anfangen, jedenfalls liess es sich ausser für den buffonesken Carlos Chausson in der sehr klamaukig aufgefassten Dienerrolle des Sancho Pansa kaum zu Begeisterungsstürmen hinreissen. Ein wenig besser fiel das Resultat aus, wenn Faggioni auf die Hauptpersonen fokussierte. Hier immerhin schaffte er es, die Emotionen seiner Figuren glaubhaft zu machen. Nicht von ungefähr wurde der vierte Akt zum Zentrum der Aufführung, wo sich Dulcinée und Don Quichotte wieder begegnen und beiderseits wirklich intensive Gefühle durchleben.
Paraderolle
Der in Zürich (und weltweit) hochgeschätzte Bariton Ruggero Raimondi stand schon bei der ersten Aufführung 1982 in Venedig als Titelheld auf der Bühne. Eine veritable Paraderolle: Der edelmütige Ritter, der heldenhaft gegen Windmühlen kämpft, der kraft allein seiner Worte die Banditen besänftigt, der auch der koketten, unglücklich angebeteten Dulcinée ein paar verstohlene Tränen entlockt und der schliesslich an seinem durch die Liebe verletzten Herzen stirbt. Raimondi hat die Partie aber mit Sicherheit schon bezwingender gesungen, präsenter und sicherer in der Intonation. Immer noch zeichnete er einen anrührenden Titelhelden, überzeugend aber vor allem in seinen müden und resignativen Zügen. Vesselina Kasarova sang die Dulcinée, mit viel Souplesse, Koketterie und glockenreinen Koloraturen. Und sie machte deutlich: Die Carmen, die sie noch nie auf der Bühne gesungen hat, hat sie nicht nur in der Stimme, sondern auch in den Tanzbeinen, in ihrem Lächeln und in ihrem Charme.
Plakativ und platt
Aber auch bei ihr: Wie dieser schwarze Gazevorhang Bühne und Publikum trennte, konnte kein Funken springen: Es ist vor allem die optische Distanz, die stört, nicht so sehr die akustische. Die drei wichtigsten Stimmen kamen ohne Mühe durch den Vorhang, abgesehen von einigen sehr tief gesetzten Stellen. Raum erhielten sie auch genügend vom Orchester. Vladimir Fedoseyev hielt die Dynamik meistens auf sängerfreundlichem Niveau, ganz abgesehen davon, dass auch Massenet sich in seiner Orchesterbegleitung schon sehr erfinderisch gezeigt hatte, was schlanke Klangbilder betrifft, die dafür oft kontrastiert werden durch satte Tutti-Akzente. Solche Kontraste herauszuarbeiten hatte Fedoseyev keine Probleme. Aber dennoch ist Massenet sicher nicht sein Repertoire: Zu wenig Gespür entwickelte er für die vielseitige, delikate Palette der Klangfarben, für die Nuancen und Schattierungen der Instrumentation und für Finessen der Verschmelzung von Gesang und Begleitung. Er muss dieses Defizit gespürt haben und versuchte, mit dem Verstärken der rhythmischen Energie und dem Ausweiten des dynamischen Spektrums zu korrigieren. Mit dem Ergebnis, dass vieles plakativ und manches platt wurde, was nur in einem austarierten Zusammenspiel von typisch französischer Musikästhetik und Musizierweise sinnvoll und sinnlich wird.