Musealer Opernabend

Tobias Gerosa, St. Galler Tagblatt (04.06.2003)

Don Quichotte, 01.06.2003, Zürich

Jules Massenets «Don Quichotte» am Opernhaus Zürich

Trotz musikalisch hochklassiger Kräfte vermag Piero Faggionis «Don Quichotte»-Inszenierung in Zürich kaum zu berühren. Zu veraltet präsentiert sich die weit gereiste Inszenierung. Der Applaus am Sonntag blieb flau.

Der Dirigent Vladimir Fedoseyev, bei uns bekannt durch seine Auftritte an den Bregenzer Festspielen, wagt sich im Zürcher Opernhaus auf ganz anderes Gebiet. Der bei Massenet immer drohenden Gefahr der süsslichen Sentimentalität entgeht er durch straffe Tempi, deutliche rhythmische Vorgaben und einen Schuss russischer Erdigkeit im Klang. In der Zurücknahme des klangschön und warm spielenden Orchesters gelingt es ihm auch, den Sängern ein fast immer ideales Klangbett zu bereiten. Dass der Funke an diesem Abend nicht überspringt, liegt nicht an ihm.

Wenn im Pop Kreationen der 80er-Jahre heute neu herausgebracht werden, brauchen sie eine Aktualisierung, einen neu unterlegten Beat. In der Originalform sind sie Oldies. Einen solchen bringt das Opernhaus Zürich nun als Premiere auf die Bühne. Nicht nur 21 Jahre hat Piero Faggionis «Don Quichotte»-Inszenierung auf dem Buckel, sondern auch eine Weltreise durch zwölf Städte. Die exemplarische, zeitlose Aufführung, wie sie das Programmheft aufdringlich zu erwecken sucht, ist darin nicht (mehr?) zu sehen. Zu überholt erscheint die Ästhetik, die man nur noch in Operntempeln jenseits der Alpen anzutreffen glaubte.

Üppige Genreszenen

Statistengruppen und Balletteinlagen verbreiten Aktionismus. Von Faggionis Idee, das 16. Jahrhundert Cervantes’ mit dem frühen 20. Massenets zu verbinden, ist wenig zu sehen. Auch die «Theater im Theater»-Situation bleibt ausserhalb des meist engen Lichtkegels und im wahrsten Sinn des Wortes unterbelichtet. Umso greller stechen die Genreszenen des spanischen Festes mit ihrer üppigen Ausstattung (auch von Faggioni) heraus - nicht zu Gunsten eines geschlossenen Gesamteindruckes.

Die Idee, das Stück mit dem Vorspiel zum letzten Akt und in demselben mit Büchern voll gestopften Dachzimmer beginnen zu lassen, in welchem Don Quichotte am Schluss auch sterben wird, ist durchaus schlüssig. Doch wo Faggioni auf (bewusst theatralisch gemachte) Traumbilder setzt, tut er zu viel des Guten: er dramatisiert, wo die Musik Innerlichkeit vorgeben würde.

Die Vermutung liegt nahe, dass es vor allem Ruggero Raimondi war, der diese Inszenierung wünschte. Seit 1982 hat er in ihr immer wieder gesungen - man merkt ihm die Vertrautheit an. Auch wenn er sich mit Fedoseyev noch nicht über alle Tempi ganz einig ist und seine Stimme nicht mehr die frühere Geschmeidigkeit besitzt: Raimondi ist noch immer ein eindrücklicher Protagonist - ein wahrer «fou sublime», wie Dulcinée einmal singt.

Musikalisches Ereignis

Dulcinée wird bei Vesselina Kasarova zu einer Schwester Carmens. Wie Kasarova jeden Ton formt und mit subtilstem Ausdruck aufzuladen versteht, ist ein Ereignis. Ob sie nun Kurtisane oder Edle sei, wird aus der Regie zwar nicht klar. Kasarova macht aber in jedem Moment deutlich, wie widerstrebend echt Dulcinées Gefühle gegenüber ihrem Verehrer Don Quichotte, der langen, anachronistischen Figur, sind. Eine gewisse szenische Reserve blieb beim Rollendebüt allerdings noch spürbar.

Weniger geglückt ist Carlos Chaussons Debüt als Sancho Pansa. Ruhige, getragene Linien sind nicht unbedingt seine Sache. So wie ihm ein künstlicher Bauch vorgeschnallt wurde, klingt auch die Stimme künstlich abgedunkelt und verliert ihre Kernigkeit. Wie immer, wenn die Regie zu wenig klare Vorgaben gibt, neigt er zu übertrieben buffoneskem Spiel.

Nach der Pause blieben einige Sitze leer, zu sonnig war der Abend, zu wenig packend die Oper. Gegen das Sommerwetter dürfte diese Produktion einen schweren Stand haben.