Heinz W. Koch, Badische Zeitung (03.06.2003)
Die Zürcher Oper spielt Jules Massenets "Don Quichotte"
Zürich, Dezember 1977. Der Abend eines großen Sängers. Ruggero Raimondi erstmals als Jules Massenets Don Quichotte, in der Partie, die immerhin ein Schaljapin 1910 in Monte Carlo kreiert hatte. Mehr als der Gala-Auftritt einer Koryphäe des Opern-Jet-Set, beinahe auf Anhieb die Idealverkörperung des glücklich-unglückseligen Edelmanns, der nur das Beste im Sinn hat - mit weit aufgerissenen, nachgerade kindlich staunenden Augen und einem überwältigend eloquenten, immer wieder zärtlich akzentuierenden basso cantante.
Jetzt, ein Vierteljahrhundert später, wieder "Don Quichotte" in Zürich, wieder Raimondi, nun in der Inszenierung Piero Faggionis, die seit ihrer Premiere 1982 in Venedig zwischen Paris und Tokio, Washington und Barcelona drei Kontinente gesehen hat - ein "Don Quichotte"-Verwertungsunternehmen, hinter dem sich die ehedem Ponnelle'sche Regie-Vervielfältigungsmaschinerie fast verstecken kann, und allüberall mit Raimondi. Der beeindruckt auch als Anfangs-Sechziger noch, die Stimme nur wenig reduziert, nur wenig unbeweglicher, unflexibler. Freilich, er verfährt nun routinierter. Die Gewohnheit heischt ihren Tribut. Man findet ihn gut, ist aber nicht mehr hin und weg.
Vesselina Kasarova, die ihren Weltruhm in Zürich begründete, ist "La belle Dulcinée", zu der das unansehnliche Bauernmädchen des Cervantes bei Massenets Stofflieferant Jacques Le Lorrain wurde: Aus der von Quichotte lediglich erträumten Schönheit wurde eine in der Tat überaus ansehnliche Kurtisane, die sich ob seines Heiratsantrags - angetrübten Gewissens - kringelt. Die Kasarova gurrt diese Schwester Carmens wie die Berganza in ihren besten Tagen. Als Sancho Pansa watschelt Carlos Chausson im allzu erprobten Buffo-Gang durch die Inszenierung: ein knarziger Spielbass, bis er aufgerufen ist, seinen "Maître" mit gewaltigem Pathos hochzustilisieren. Zu jenem heiligen Narren, der den Bedürftigen hilft, das Träumen lehrt und das Gute sät. Chausson wächst da beträchtlich.
Am Zürcher Opernpult steht wieder einmal Vladimir Fedoseyev. Er lässt diesmal etwas pauschal auftragen, wo's dem allgegenwärtigen spanischen Tanz- und Liedkolorit gilt, und feinfühliger, wo Stimmungswerte und Massenets wehes, warmes Melos gefragt sind. Den gewinnenden - und nicht selten mit Strauss' nur wenig jüngerem "Rosenkavalier" verglichenen - Konversationston realisiert der russische Dirigent gewandt, das poetische Sentiment nicht minder.
Inszenierung, Ausstattung und - überaus minutiöse - Lichtregie: eben Faggioni. Dass diese Version von Massenets "Comédie-héroique" seit mehr als 20 Jahren weltweit geordert wird, verwundert angesichts ihres kaum mehr als soliden und in der ewigen Reanimation auch etwas abgeschliffenen Handwerks denn doch etwas. Und das Theater auf dem Theater, das permanente Spiel vor einem Publikum auf der Bühne: Es untergräbt die Erkenntnis, dass wir's im "Don Quichotte" im Grunde mit einem abendfüllenden Dialog des generösen Helden mit seinem zu menschlicher Größe wachsenden Diener zu tun haben. Unterm Dach beginnt's, und dort endet das idealistische Streben des "Chevalier de la Longue Figure" (dies Le Lorrains Schauspieltitel) auch - das Leben ein Traum, aus dem Schmökern in den uralten Folianten der Mansarde abgeleitet. Den genial instrumentierten, fast in Berlioz-Nähe siedelnden Kampf mit den Windmühlenflügeln verschenkt Faggioni so sehr, dass das Publikum buchstäblich nicht weiß, wann zu klatschen ist.
Ein weiterer Akt spielt sich im außerordentlich merkwürdigen Programmheft ab. Viele Gedanken Faggionis darin, gute Gedanken, der panischen Ressentiments wider Gott und die (Theater-)Welt zum Trotz - bloß, kennte man sie nicht, nähme man ihre szenische Vergegenwärtigung nicht wahr. Und: Selten ist man einem so unangenehm, ja peinlich auf einen - nicht eben epochalen - Regisseur fixierten Heft begegnet. Mag der auch noch so sehr auf die venezianische Erstinszenierung im Juli 1982 abheben und die Platzierung des wehmütig vor sich hin trauernden Vorspiels zu Akt fünf mit seiner melancholischen Cello-Kantilene als Auftakt des Abends zur Errungenschaft erklären - die Basler Aufführung im Mai desselben Jahres war mit dieser durchaus sinnvollen Idee vorausgegangen. Wozu Archive doch gut sind.