Harmlose Liebeswelten ohne Stacheln

Christian Berzins, Aargauer Zeitung (00.00.0000)

Les Indes galantes, 11.05.2003, Zürich

Ballett-Oper «Les Indes galantes» von Jean-Philippe Rameau als Schweizer Erstaufführung in Zürich

Ballettchef Heinz Spoerli inszeniert seine erste (Ballett-)Oper: der Tanz berauscht, die Arbeit mit den Sängern wirkt blass.

Wo ist das Hängebauchschwein? Keine andere Frage bewegt uns jeweils mehr, wenn wir im Mai die Zürcher Oper besuchen. «Hängebauchschwein» ist kein Kosename eines Tenors oder eines sonstigen Opernhausmitarbeiters, sondern es geht um das echte «Circus Knie»-Hängebauchschwein, das zurzeit auf der Sechseläutewiese wohnt. Doch wer am letzten Sonntag im Opernhaus nach dem Hängebauchschwein fragte, wurde schräg angeschaut. Denn am Sonntag, ja schon die ganze Woche zuvor, gab es in Zürich nur ein Thema: Heinz Spoerli. Der Rummel um den Ballettmeister war so gross, dass man hätte meinen können, er habe herausgefunden, wie man mit der Kniekehle ein hohes C erzeugt. Dabei zeichnete sich der Choreograf «nur» als Regisseur der Schweizer Erstaufführung der Ballett-Oper «Les Indes galantes» von Jean-Philippe Rameau aus. Andere Choreografen inszenierten schon Wagner-Opern, da würde doch Spoerli seine erste (Ballett-)Oper bewältigen! Er tat es zur Zufriedenheit des Publikums.

Rameau schrieb «Les Indes galantes», bei dem Musik und Tanz sich die Waage halten, 1735/36. Das Werk besteht aus einem Prolog und vier Teilen: In jedem wird eine Liebesgeschichte erzählt, die der Göttin der Jugend und dem Liebesgott beweisen, dass ihre positive Weltsicht die richtige, jene der Kriegsgöttin die falsche sei. Spoerli verlegt die Handlung nach Paris, an die Weltausstellung von 1889. Die «Götter» machen hier einen Rundgang durch die Hallen der Ausstellung, wo man Einblick in türkische, peruanische, orientalische und amerikanische Welten kriegt.

Der Prolog gestaltet sich unterhaltend: Spektakulär türmen sich die Kulissen, der Eiffelturm und ein Gewächshaus scheinen ineinander zu tauchen, üppige Pflanzen werden aufgefahren (Bühnenbild: Hans Schavernoch). Noch mischt sich auch Tanz und Gesang. Doch kaum beginnt die erste Geschichte, ist es vorbei mit Bewegung, vorbei mit überraschenden Wendungen, vorbei mit wohltuender Distanz - vorbei mit der Spannung: Klischiert sind nun die Kostüme, brav die Bewegung. Zwar beginnen selbst die Kulissen im Sturm zu tanzen, allein die Sänger verfallen stereotypen Gesten. Nicht nur die erste Geschichte, nein alle vier nagen nach dreieinhalb Stunden am letzten Sitzpölsterchen.

Gegen Aktschluss, wenn sich die Tänzer jeweils ins Geschehen mischen, erhellen sich die Bilder. Spoerli verfällt in seiner Tanzchoreografie aufgrund der Handlungen glücklicherweise keinem Pseudo-Exotismus. Kleine Fussnoten dazu genügen vollends, sei es durch einen Wink der Kostümabteilung (Jordi Roig), sei es durch «wilde», aber augenzwinkernd dargebotene Bewegungsabläufe. Dreier-, selten Viererkombinationen, und immer wieder grössere Corps-Teile nehmen Rameaus Musik stimmig auf, doch wird der Tanz nie elegant höfisch. Vielmehr zeigt Spoerli klassischen Tanz, der, raffiniert um Nuancen erweitert, zeitlos erscheint.

Leichte, lyrische Stimmen sind für die Gesangspartien aufgeboten: Malin Hartelius, Isabel Rey, Liliana Nikiteanu, Juliette Galstian, Reinhard Mayr, Gabriel Bermudez, Rodney Gilfry und Christoph Strehl überzeugen durchs Band. Doch das Ereignis des Abends ist das Orchester. Herrlich, was William Christie aus dem Orchestra «La Scintilla» der Oper Zürich, das auf historischen Instrumenten spielt, und «seinem» Chor «Les Arts Florissants» herausholt. Die Lebendigkeit, die Farbigkeit, die innere Ausgewogenheit, der dramatische Gehalt - alles trägt bei zum musikalischen Gelingen dieser Schweizer Erstaufführung.

Tanzend erobert Spoerli die exotischen Welten, die Verbindung von Tanz und Gesang gelingt ihm aber nicht. Er huldigt in den gesungenen Teilen einem faden Realismus, das Szenische wird zum sanften Arrangement, zum harmlosen Schäferspiel. Nur Zufall, dass die Gehegekollegen unseres Hängebauchschweines, Geissen, nicht auch noch auf der Bühne rumhüpfen. Skorpione tauchen im letzten Bild an ihrer Stelle auf. Sie sind so putzig und ungefährlich - sinnbildlich für Spoerlis Kunst des Operninszenierens.