Grosse Stimmen im Nebel

Bruno Rauch, Berner Zeitung (04.12.2007)

Il Trovatore, 02.12.2007, Zürich

«Il Trovatore» ist ein Fest für grosse Stimmen. Die Premiere im Opernhaus Zürich bestätigte das. Die Regie wurde jedoch ausgebuht.

Giuseppe Verdis «Il Trovatore», 1853 in Rom uraufgeführt, ist eine krude Geschichte und entsprechend schwer zu inszenieren. Regisseur Giancarlo del Monaco versucht es denn am Opernhaus Zürich auch gar nicht. Dem vom Libretto vorgegebenen Verzicht auf eine kontinuierliche Handlung entspricht das Aneinanderreihen einzelner mehr oder weniger geglückter Tableaux.

Vieles hängt im Leeren

Der erste Ansatz jedoch schlägt fehl: Die Regie versetzt den Anfang, die Vorgeschichte um Hexenverbrennung und Kindsraub, ins frühe Mittelalter. Die weiteren Szenen spielen in einer nicht näher bestimmten Gegenwart. Dadurch hängen zahlreiche textliche und personale Bezüge aufs frühere Geschehen im Leeren.

Ein meteorologisches Tief

Reglos stehen Chor und Erzähler auf der Bühne, deren Tiefe durch gestaffelte Rahmen betont wird. Schneetreiben und wabernde Nebelschwaden lassen auf ein meteorologisches Tief schliessen, was sich in den anderen Bildern durch Regenfall und ausgiebige Amortisation der Nebelmaschine fortsetzt. Die späteren Schauplätze werden durch Abwasserstollen (Zigeunerlager), Scherengitter (Kloster), Lamellenstoren (Burgsaal), Metallbrücke (Festung) oder Fliesenwand (Kerker) angedeutet. Grau und Schwarz dominieren. Das entspricht der obskuren Handlung und hat ästhetische Qualität.

Auch die Kostüme suggerieren nun Gegenwart. Herrschende tragen Trenchcoat und Schlapphut, Zigeuner Ledermonturen und Schirmmützen. Azucena ist ein Flintenweib mit flammend roten Haaren, Leonora eine Lady im roten Cocktailkleid (Ausstattung: Peter Sykora). Doch die Personenregie beschränkt sich auf traditionelle Operngestik.

Die Ringer kamen zu spät

Leben in die Statik bringt die erste Zigeunerszene: Statt dem üblichen Schmieden und Hämmern wird, angefeuert vom Chor, ein handfester Zweikampf ausgetragen. Dafür habe man zwei professionelle Ringer engagiert. Da diese offenbar zu spät anreisten, sprangen zwei Choristen ein. Und machten es perfekt!

Den Exotismen der Partitur soll wohl die Kendo-Einlage entsprechen, wo die Getreuen des Grafen Luna mit Gummiknütteln und in traditioneller Rüstung aufeinander losgehen.

Cristina Gallardo-Domâs ist eine anmutige Leonora. Stimmlich gerät sie jedoch an Grenzen. Die für die grosse Emphase nötige vokale Substanz fehlt. Luciana D’Intino rückt die seelisch zerrissene Azucena stimmlich wie darstellerisch ins Zentrum. Sie verfügt über gewaltige Ressourcen. Dass sie auch mit dem Mezzavoce umzugehen weiss, bewies sie vor allem im zweiten Teil, wo das Farbspektrum ihres fülligen Mezzos wunderbar zum Tragen kam.

Auch die Herren Leo Nucci (Luna) und Marcelo Álvarez (Manrico) trumpften mit stimmlicher Potenz auf. Dieser überzeugte mit tenoraler Strahlkraft, jener mit seigneuralem Bariton. Adam Fischer am Pult des Opernorchesters lenkte umsichtig durch die glutvolle Partitur. So wurde die musikalische Leistung mit grossem Beifall quittiert, die Regie dagegen mit Buh.