Der Anführer der Rocker endet am Fleischerhaken

Stefan Degen, Neue Luzerner Zeitung (04.12.2007)

Il Trovatore, 02.12.2007, Zürich

«Il Trovatore» im Opernhaus Zürich

In heutigem Ambiente zeigt Verdis Oper in Zürich düstere Bilder von Krieg, Mächtigen und Unterdrückten. Und bleibt doch eine Sängeroper.

Die beiden Liebenden können sich im Angesicht des Todes nicht einmal mehr berühren: Leonora liegt sterbend am Boden, Manricos Hand ist noch immer an die Wand gefesselt. Azucena ist im Delirium, auch ihre Hände sind angebunden an einen riesigen Fleischerhaken. Der Troubador wird von Kendoka-Kämpfern zu Tode geprügelt, seine Geliebte stirbt den Gifttod, Luna sieht sich betrogen. Und Azucena hat endlich ihre Mutter gerächt.

Regisseur Giancarlo del Monaco nennt den «Trovatore» ein «brutales, gemeines und böses Stück». Brutalität ist es denn auch, die seine Inszenierung bestimmt. Del Monaco betont die Zeitlosigkeit und Allgegenwart des Krieges, den er in einer düsteren Gegenwart ansiedelt. Manrico ist der draufgängerische Anführer einer ledergewandeten Rocker-Gang, seine Mutter Azucena, mit roter Löwenmähne, die charismatische Rädelsführerin der Ausgestossenen.

Konventionelle Gestik

Der Bühnenbildner Peter Sykora schuf eine abweisende Welt aus Stahl und Metall mit viel Nebelschwaden und künstlichem Schnee. Die Rocker hausen in der Kanalisation, die Welt zeigt sich in einem Schwarz-Weiss-Kontrast. Die Regie reiht die Tableaux quasi filmisch aneinander, setzt ganz auf die Farbigkeit und Varietät des Geschehens. Del Monaco betont die Extremsituationen, in der sich die Figuren befinden, lässt Gefühle knallhart aufeinanderprallen. In Gestik und Mimik bleibt seine Regie allerdings sehr konventionell. Die Zutaten des Grauens und der Brutalität goutierten nicht alle Zuschauer des Premierenpublikums.

Vokale Glanzpunkte

Doch bei allen szenischen Eskapaden bleibt der «Trovatore» (1853 in Rom uraufgeführt) vor allem ein Vehikel für virtuose Sänger. Drei der vier Protagonisten bieten Verdi-Gesang auf höchstem Niveau. Der argentinische Tenor Marcelo Alvarez besticht als Manrico mit vokalem Glanz zwischen zarten Lyrismen und kraftvollen Ausbrüchen. Auch in der gefürchteten Stretta gerät er nicht an seine Grenzen.

Als Conte di Luna verfügt Leo Nucci noch immer über ein höchst flexibles Organ und besticht mit sicherer Höhe seines Baritons. Luciana D'Intino ist eine überragende Azucena, deren vokale Mittel, dynamisch fein differenziert, ohne Anstrengung vom tiefen Alt bis zum hohen C (!) reichen.

Nicht überzeugen konnte dagegen Cristina Gallardo-Domâs als Leonora. Die Sopranistin singt Verdi wie Puccini, intoniert immer wieder unsauber oder zu tief. Die schönsten Momente erzielte die Rollendebütantin aus Chile in ihrer Arie im vierten Akt («D'amor sull'ali rosee) Dirigent Adam Fischer brachte die Sänger mit seinen ungewöhnlich schnellen Tempi mitunter in Nöte. Das Orchester der Oper Zürich spielte sehr inspiriert mit viel Brio, aber oft zu laut.