Der Waffenschmied
Albert Lortzing

DEUTSCH

Lied

STADINGER

1
Auch ich war ein Jüngling mit lockigem Haar,
an Mut wie an Hoffnungen reich;
beim Amboss von jeher ein Meister, fürwahr,
im Fleisse kam keiner mir gleich.
Ich liebte den Frohsinn, den Tanz, den Gesang,
ich küsste manch Dirnlein mit rosiger Wang' -
ihr Herz hat mir manche geweiht!
Das war eine köstliche Zeit!

2
Vor älteren Zeiten sich vieles begab,
was heut noch uns würde erfreun;
es regnete Manna vom Himmel herab,
und unverfälscht trank man den Wein.
Zu Kanaan füllten im Hochzeitssaal
die Krüge von selber sich allzumal,
für durstige Kehlen bereit.
Das war eine köstliche Zeit!

3
Wenn ehedem irgendein Ritter gewagt,
das Volk gar so hart zu bedrohn,
da wurde nicht lang prozessiert und geklagt,
man sprach aus 'nem anderen Ton.
Denn wurden der Kummer und Jammer zu laut,
so wehrte man sich mit dem Schwert seiner Haut,
es wurde barbarisch gebleut!
Das war eine köstliche Zeit!

4
Wenn jeder erglühte für Wahrheit und Recht,
wenn Hader und Zwietracht nicht wär,
wenn treu alle Frauen, der Wein immer echt,
wenn Herzen und Beutel nie leer,
wenn jeder bereit wär, mit tapferer Hand
zu fechten in Not für das Vaterland,
in Sachen des Glaubens kein Streit -
das wär eine köstliche Zeit!

5
Einst waren die Mädchen so treu wie das Gold,
und zog ihr Geliebter ins Feld,
so schwuren sie ihm, wenn sterben er sollt,
zu sterben gewiss unvermählt.
Sie dachten noch nicht, wenn gestorben der,
wo nehmen wir gleich einen anderen her?
Sie waren noch nicht so gescheit;
das war eine köstliche Zeit!

6
Einst gab es noch Schätze, von Geistern bewacht,
und manchem verwegenen Fant,
der mutig hinausging in finsterer Nacht,
kam Reichtum und Glück in die Hand.
Da hatten die Geister noch Geld im Haus
und liehen es ohne Prozente aus,
der Geist war nicht arm, so wie heut;
das war eine köstliche Zeit!

7
Einst galt das Versprechen mit Handschlag und Mund,
da hatte die Feder noch Ruh'.
Schloss damals ein Pärchen den eh'lichen Bund,
so brauchte man wenig dazu.
Man schrieb im Kontrakt bei der Liebe Schwur
statt Namen und Titel ein Kreuzlein nur,
das Kreuz kam nicht nach, so wie heut;
das war eine köstliche Zeit!

8
Wenn's wieder so würde, wie einstens es war,
wo das Schwert nur für Recht sich erhob,
wo, geschlagen im Kampfe, die sündige Schar
wie Spreu vor dem Winde zerstob;
wenn Rechtlichkeit käme als Waffenschmied
und schüf auf dem Amboss, von Glut umsprüht,
ein Schwert, nur dem Guten geweiht -
das wär eine köstliche Zeit!

Midi

www.impresario.ch

HISTORISCHE INTERPRETATIONEN

Carl Braun, 1913
Georg Hann, 1943
Gottlob Frick, 1953
Kim Borg, 1955



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