Libretto: Pelléas et Mélisande

von Claude Debussy


Pelléas und Mélisande


ERSTER AKT

ERSTES BILD
Im Wald

Mélisande sitzt am Rand einer Quelle. Golaud tritt auf.

GOLAUD
Ich kann nicht mehr aus diesem Wald heraus! -
Gott weiss, wohin dieses Tier mich geführt hat.
Dabei dachte ich, ich hätte es tödlich verletzt,
und da sind auch Blutspuren.
Aber jetzt habe ich es aus den Augen verloren;
ich glaube, ich habe mich verirrt,
und meine Hunde finden mich nicht mehr.
Ich will den Weg zurückgehen.
Ich höre Weinen...
Oh! Oh! Was ist das am Rand des Wassers?
Ein kleines Mädchen, das am Rand des Wassers weint?
Sie hört mich nicht. Ich kann ihr Gesicht nicht sehen.
Er nähert sich Mélisande und berührt ihre Schulter.
Warum weinst du?
Mélisande erzittert, steht auf und will fortlaufen.
Habt keine Angst, Ihr habt nichts zu befürchten.
Warum weint Ihr hier, so ganz allein?

MÉLISANDE
Rührt mich nicht an! Rührt mich nicht an!

GOLAUD
Habt keine Angst... ich tue Euch nichts...
Oh! Ihr seid schön!

MÉLISANDE
Rührt mich nicht an!
Rührt mich nicht an, oder ich stürze mich ins Wasser!

GOLAUD
Ich rühre Euch nicht an...
Seht, ich bleibe hier neben dem Baum.
Habt keine Angst. Hat Euch jemand etwas zuleid getan?

MÉLISANDE
Oh! Ja! Ja! Ja!

Sie schluchzt laut.

GOLAUD
Wer hat Euch etwas zuleid getan?

MÉLISANDE
Alle! Alle!

GOLAUD
Was für ein Leid hat man Euch angetan?

MÉLISANDE
Ich will es nicht sagen!
Ich kann es nicht sagen!

GOLAUD
Nun, nun, weint doch nicht so.
Woher kommt Ihr?

MÉLISANDE
Ich bin geflohen!
Geflohen! Geflohen!

GOLAUD
Ja, aber von wo seid Ihr geflohen?

MÉLISANDE
Ich habe mich verirrt! Verirrt!
Oh! Oh! Hier verirrt... Ich bin nicht von hier...
Ich bin nicht hier geboren...

GOLAUD
Von wo seid Ihr?
Wo seid Ihr geboren?

MÉLISANDE
Oh! Oh!
Weit von hier.., weit.., weit...

GOLAUD
Was glänzt da so auf dem Grund des Wassers?

MÉLISANDE
Wo? Ach! Das ist die Krone die er mir gab.
Sie ist beim Weinen hinabgefallen.

GOLAUD
Eine Krone? Wer hat Euch eine Krone gegeben?
Ich will versuchen, sie aufzunehmen...

MÉLISANDE
Nein, nein; ich will sie nicht mehr!
Ich will sie nicht mehr!
Lieber will ich sterben.., jetzt gleich sterben...

GOLAUD
Ich könnte sie leicht wieder holen;
das Wasser ist nicht sehr tief.

MÉLISANDE
Ich will sie nicht mehr!
Wenn Ihr sie wieder holt, stürze ich mich statt ihrer hinein!

GOLAUD
Nein, nein ich lasse sie da.
Aber man könnte sie leicht aufnehmen.
Sie scheint sehr schön zu sein.
Ist es schon lange her, dass ihr geflohen seid?

MÉLISANDE
Ja, ja… Wer seid Ihr?

GOLAUD
Ich hin Prinz Golaud - der Enkel Arkels,
des alten Königs von Allemonde..

MÉLISANDE
Oh! Ihr habt schon graue Haare!

GOLAUD
Ja, einige, hier an den Schläfen...

MÉLISANDE
Und auch im Bart.
Warum seht Ihr mich so an?

GOLAUD
ich sehe Eure Augen an.
Schliesst Ihr niemals Eure Augen?

MÉLISANDE
Doch, doch; ich schliesse sie nachts…

GOLAUD
Warum seht Ihr so erstaunt aus?

MÉLISANDE
Ihr seid ein Riese!

GOLAUD
Ich bin ein Mensch wie die anderen…

MÉLISANDE
Warum seid Ihr hierher gekommen?

GOLAUD
Das weiss ich selber nicht.
Ich jagte im Wald. Ich verfolgte ein Wildschwein.
Dann habe ich mich im Weg geirrt.
Ihr seht sehr jung aus. Wie alt seid Ihr?

MÉLISANDE
Mir wird kalt...

GOLAUD
Wollt Ihr mit mir kommen?

MÉLISANDE
Nein, nein; ich bleibe hier...

GOLAUD
Ihr könnt nicht ganz alleine hier bleiben.
Ihr könnt nicht die ganze Nacht lang hier bleiben...
Wie heisst Ihr?

MÉLISANDE
Mélisande.

GOLAUD
Ihr könnt nicht hier bleiben, Mélisande.
Kommt mit mir..

MÉLISANDE
Ich beibe hier...

GOLAUD
Ihr werdet Euch fürchten, so ganz allein.
Man weiss nicht, was hier geschieht...
die ganze Nacht lang... ganz allein...
Das ist unmöglich, Mélisande,
kommt, gebt mir die Hand...

MÉLISANDE
Oh! Rührt mich nicht an!

GOLAUD
Schreit nicht, ich werde euch nicht wieder anrühren.
Aber kommt mit mir.
Die Nacht wird sehr schwarz und sehr kalt sein.
Kommt mit mir...

MÉLISANDE
Wohin geht Ihr?

GOLAUD
Das weiss ich nicht.
Ich habe mich auch verirrt...

Beide gehen ab.

Zwischenspiel


ZWEITES BILD
Ein Zimmer im Schloss

Geneviève und Arkel treten auf

GENEVIÈVE
Dies hat er an seinen Bruder Pelléas geschrieben:
"Ich fand sie eines Abends weinend am Rand einer Quelle,
im Wald, wo ich mich verirrt hatte.
Ich weiss nicht, wie alt sie ist, wer sie ist, oder woher sie kommt,
und ich wage sie nicht zu befragen,
denn sie muss einen grossen Schrecken erlebt haben,
und wenn man sie fragt, was ihr geschehen ist,
weint sie plötzlich wie ein Kind
und schluchzt so heftig, dass es einem Angst macht.
Es sind jetzt sechs Monate her, dass ich sie geheiratet habe,
und ich weiss nicht mehr von ihr
als am Tag unserer ersten Begegnung.
Indessen, mein lieber Pelléas, den ich mehr liebe als einen Bruder,
obwohl wir nicht denselben Vater haben,
indessen bereite alles auf meine Rückkehr vor.
Ich weiss, dass meine Mutter mir gerne verzeihen wird.
Aber ich fürchte Arkel, trotz seiner Güte.
Wenn er dennoch einwilligt,
sie zu empfangen wie seine eigene Tochter,
dann zünde am dritten Abend nach Erhalt dieses Briefes
eine Lampe auf der Spitze des Turmes an,
von dem man das Meer sieht.
Ich werde es von der Brücke unseres Schiffes sehen;
wenn nicht, reise ich in die Ferne
und komme niemals wieder."
Was sagt Ihr dazu?

ARKEL
Ich sage nichts dazu.
All das mag uns seltsam erscheinen,
weil wir immer nur die Kehrseite des Schicksals sehen,
sogar die Kehrseite unseres eigenen...
Er ist bisher immer meinem Rat gefolgt;
ich glaubte ihn glücklich zu machen, als ich ihn aussandte,
damit er um die Hand der Prinzessin Ursula anhielt.
Er kann nicht allein bleiben, und seit dem Tod seiner Frau
hat das Alleinsein ihn traurig gemacht;
und diese Heirat hätte den langen Krieg
und den alten Hass beendet... Er hat es nicht so gewollt.
Es sei, wie er es gewollt hat:
Ich habe mich nie einem Schicksal entgegengestellt;
und er kennt seine Zukunft besser als ich.
Es gibt vielleicht gar keine sinnlosen Ereignisse.

GENEVIÈVE
Er war immer so vorsichtig, so ernst und so entschlossen…
Seit dem Tod seiner Frau lebte er nur noch für seinen Sohn,
den kleinen Yniold.
Er hat alles vergessen... Was sollen wir tun?

Pelléas tritt auf.

ARKEL
Wer kommt da herein?

GENEVIÈVE
Pelléas. Er hat geweint.

ARKEL
Bist du es, Pelléas?
Komm ein wenig näher,
damit ich dich im Licht sehen kann.

PELLÉAS
Grossvater, ich habe gleichzeitig mit dem Brief meines Bruders
einen anderen Brief erhalten, einen Brief meines Freundes Marcellus...
Er liegt im Sterben und ruft mich zu sich...
Er sagt, er kenne den genauen Tag, wenn der Tod kommen muss...
Er sagt mir, ich könne zuvor noch ankommen, wenn ich will,
dass ich aber keine Zeit mehr zu verlieren habe.

ARKEL
Du solltest dennoch abwarten, wir wissen nicht,
was die Rückkehr deines Bruders uns bringt.
Und ausserdem, ist nicht dein Vater hier bei uns
vielleicht schwerer krank als dein Freund?
Kannst du zwischen dem Vater und dem Freund wählen?

Er geht ab.

GENEVIÈVE
Sorge dafür, dass die Lampe heute abend angezündet wird, Pelléas.

Beide gehen nach verschiedenen Seiten ab.

Zwischenspiel


DRITTES BILD
Vor dem Schloss

Geneviève und Mélisande treten auf.

MÉLISANDE
Es ist dunkel in den Gärten.
Und diese Wälder um das Schloss!

GENEVIÈVE
Ja, das hat mich auch erstaunt, als ich hier ankam,
und das erstaunt jeden.
Es gibt Stellen, wo man niemals die Sonne sieht.
Aber man gewöhnt sich so schnell...
Es ist schon eine lange Zeit, eine lange Zeit…,
es sind fast vierzig Jahre, dass ich hier lebe.
Seht nach der anderen Seite, dort ist die Helle des Meeres.

MÉLISANDE
Ich höre ein Geräusch von unten...

GENEVIÈVE
Ja, da kommt jemand zu uns heraufgestiegen...
Ah! Es ist Pelléas...
Er scheint noch müde vom langen Warten auf Euch...

MÉLISANDE
Er hat uns nicht gesehen.

GENEVIÈVE
Ich glaube, er hat uns gesehen,
weiss aber nicht, was er tun soll.
Pelléas, Pelléas, bist du das?

PELLÉAS
Ja! Ich komme vom Meeresufer...

GENEVIÈVE
Wir auch, wir suchten nach Helle
Hier ist es etwas heller als anderswo,
und dennoch ist das Meer dunkel.

PELLÉAS
Heute nacht wird es Sturm geben;
es gibt seit einiger Zeit jede Nacht Stürme,
und doch ist das Meer heute abend so ruhig!
Man könnte in See stechen, ohne es zu wissen,
und man würde nie zurückkehren.

MATROSEN
hinter der Szene
Hohe! Hiss Hohe!

MÉLISANDE
Da fährt etwas aus dem Hafen heraus...

PELLÉAS
Das muss ein grosses Schiff sein...
Die Lichter liegen sehr hoch, wir werden es gleich sehen,
wenn es in den hellen Streifen fährt.

GENEVIÈVE
Ich weiss nicht, ob wir es sehen werden...
Es liegt noch ein Nebel über dem Meer.

MATROSEN
Hiss Hohe!

PELLÉAS
Es scheint, als hebe sich der Nebel langsam.

MÉLISANDE
Ja, ich sehe da drüben ein kleines Licht,
das ich nie zuvor gesehen habe...

PELLÉAS
Das ist ein Leuchtturm;
es gibt andere, die wir noch nicht sehen können.

MÉLISANDE
Das Schiff ist im Licht... Es ist schon weit weg.

PELLÉAS
Es entfernt sich mit vollen Segeln..

MÉLISANDE
Das ist das Schiff, das mich hierher gebracht hat.
Es hat grosse Segel...
Ich erkenne es an seinen Segeln...

PELLÉAS
Es wird heute nacht schlechtes Wetter haben..

MÉLISANDE
Warum segelt es heute nacht? Man sieht es kaum noch.
Es wird vielleicht Schiffbruch erleiden!

PELLÉAS
Die Nacht bricht sehr rasch ein...

GENEVIÈVE
Es ist Zeit zurückzugehen.
Pelléas, zeig Mélisande den Weg.
Ich muss kurz zum kleinen Yniold.

Sie geht ab.

PELLÉAS
Man sieht nichts mehr auf dem Meer...

MÉLISANDE
Ich sehe weitere Lichter.

PELLÉAS
Das sind die anderen Leuchttürme
Hört Ihr das Meer? Das ist der Wind, der sich erhebt…
Steigen wir dort hinunter. Wollt Ihr mir die Hand reichen?

MÉLISANDE
Seht doch, ich habe die Hände voller Blumen.

PELLÉAS
Ich will Euch am Arm fassen,
der Weg ist steil, und es ist sehr dunkel.
Ich gehe morgen vielleicht fort.

MÉLISANDE
Oh! Warum geht Ihr fort?

Beide gehen ab.

ZWEITER AKT

ERSTES BILD
Ein Brunnen im Park

PelIéas und Mélisande treten auf

PELLÉAS
Ihr wisst nicht, wohin ich Euch geführt habe?
Hier setze ich mich oft gegen Mittag nieder,
wenn es in den Gärten zu heiss ist.
Man erstickt heute selbst im Schatten der Bäume.

MÉLISANDE
Oh, welch klares Wasser!


PELLÉAS
Es ist kühl wie der Winter. Es ist ein alter, vergessener Brunnen.
Es soll ein Wunderbrunnen gewesen sein,
er öffnete die Augen der Blinden.
Man nennt ihn noch immer den "Brunnen der Blinden".

MÉLISANDE
Öffnet er den Blinden nicht mehr die Augen?

PELLÉAS
Seit der König selbst fast blind ist, kommt niemand mehr hierher...

MÉLISANDE
Wie allein man hier ist... Man hört nichts.

PELLÉAS
Es herrscht immer ein ungewöhnliches Schweigen...
Man meint, das Wasser schlafen zu hören...
Wollt Ihr Euch am Rand des Marmorbeckens hinsetzen?
Da ist eine Linde, durch die niemals die Sonne dringt...

MÉLISANDE
Ich werde mich auf dem Marmor hinlegen.
Ich möchte den Grund des Wassers sehen...

PELLÉAS
Den hat noch nie jemand gesehen...
Es ist vielleicht so tief wie das Meer.


MÉLISANDE
Wenn etwas auf dem Grund glänzte,
würde man es vielleicht sehen...

PELLÉAS
Beugt Euch nicht so hinüber.

MÉLISANDE
Ich möchte das Wasser berühren...

PELLÉAS
Gebt acht, dass Ihr nicht abrutscht...
Ich werde Eure Hand halten...

MÉLISANDE
Nein, nein, ich möchte meine beiden Hände hineintauchen...
Es scheint, dass meine Hände heute krank sind...

PELLÉAS
Oh! Oh! Gebt acht! Gebt acht! Mélisande!
Mélisande! Oh! Euer Haar!

MÉLISANDE
sich aufrichtend
Ich kann nicht, ich kann es nicht erreichen!

PELLÉAS
Eure Haare sind in das Wasser getaucht...

MÉLISANDE
Ja, sie sind länger als meine Arme...
Sie sind länger als ich...


PELLÉAS
War es nicht auch am Rand eines Quells,
wo er Euch fand?

MÉLISANDE
Ja...

PELLÉAS
Was sagte er zu Euch?

MÉLISANDE
Nichts; ich erinnere mich nicht mehr...

PELLÉAS
War er Euch nahe?

MÉLISANDE
Ja, er wollte mich küssen...

PELLÉAS
Und das wolltet Ihr nicht?

MÉLISANDE
Nein.

PELLÉAS
Warum wolltet Ihr das nicht?

MÉLISANDE
Oh! Oh! Ich habe gesehen, wie sich etwas
auf dem Grund des Wassers bewegte...

PELLÉAS
Gebt acht! Gebt acht! Ihr werdet fallen!
Womit spielt Ihr da?


MÉLISANDE
Mit dem Ring, den er mir gab.

PELLÉAS
Spielt nicht so, am Rand eines so tiefen Wassers...

MÉLISANDE
Meine Hände zittern nicht.

PELLÉAS
Wie er in der Sonne glänzt!
Werft ihn nicht so hoch hinauf in den Himmel!

MÉLISANDE
Oh!

PELLÉAS
Er ist hineingefallen!

MÉLISANDE
Er ist in das Wasser gefallen!

PELLÉAS
Wo ist er? Wo ist er?

MÉLISANDE
Ich sehe ihn nicht versinken.

PELLÉAS
Ich glaube, ich sehe ihn glänzen!

MÉLISANDE
Meinen Ring?


PELLÉAS
Ja, da unten!

MÉLISANDE
Oh! Oh! Er ist zu weit weg von uns!
Nein, nein, das ist er nicht. Das ist er nicht mehr.
Er ist verloren... verloren...
Nur noch ein grosser Kreis auf dem Wasser...
Was sollen wir jetzt tun?

PELLÉAS
Wir brauchen uns wegen eines Ringes nicht zu beunruhigen.
Das ist nichts, wir finden ihn vielleicht wieder.
Oder wir werden sicher einen anderen finden...

MÉLISANDE
Nein, nein; wir werden ihn nicht wiederfinden,
wir werden auch keinen anderen finden...
Dabei glaubte ich, ihn in meinen Händen zu haben...
Ich hatte schon die Hände geschlossen,
und er ist dennoch hineingefallen...
Ich habe ihn zu hoch hinaufgeworfen, bis zur Sonne.

PELLÉAS
Kommt, wir kehren an einem anderen Tag zurück.
Kommt, es ist Zeit. Man wird nach uns schicken.
Es schlug Mittag in dem Augenblick, als der Ring hineinfiel.

MÉLISANDE
Was sollen wir Golaud sagen, wenn er fragt, wo er ist?

PELLÉAS
Die Wahrheit, die Wahrheit...


Beide gehen ab.


Zwischenspiel


ZWEITES BILD
Ein Zimmer im Schloss

Golaud liegt auf seinem Bett, Mélisande ist an seiner Seite.

GOLAUD
Ei, ei, es ist schon gut, es ist nicht so schlimm.
Aber ich kann mir nicht erklären, wie das geschehen ist.
Ich jagte unbekümmert im Wald.
Mein Pferd bäumte sich plötzlich auf, ganz ohne Grund.
Ob es etwas Ungewöhnliches gesehen hatte?
Ich hatte gerade die zwölf Schläge der Mittagsglocke gehört.
Beim zwölften Schlag erschrickt es mit einem Mal
und läuft wie ein blinder Narr gegen einen Baum.
Ich weiss nicht, was danach geschah.
Ich fiel, und das Pferd muss auf mich gefallen sein.
Ich glaubte, ich hätte den ganzen Wald auf meiner Brust liegen;
ich glaubte, mein Herz sei zerbrochen.
Aber mein Herz ist fest. Es scheint, es ist nicht so schlimm...

MÉLISANDE
Wollt Ihr ein wenig Wasser trinken?

GOLAUD
Nein, danke, ich habe keinen Durst.

MÉLISANDE
Wollt Ihr ein anderes Kopfkissen?
Auf diesem hier ist ein kleiner Blutflecken.


GOLAUD
Nein, das ist nicht nötig.

MÉLISANDE
Bestimmt nicht? Ihr leidet nicht zu sehr?

GOLAUD
Nein, nein, ich habe Schlimmeres erlebt.
Ich bin aus Eisen und Blut gemacht.

MÉLISANDE
Schliesst die Augen und versucht zu schlafen.
Ich bleibe die ganze Nacht lang hier.

GOLAUD
Nein, nein; ich will nicht, dass du dich so ermüdest.
Ich brauche nichts; ich werde wie ein Kind schlafen...
Was ist denn, Mélisande? Warum weinst du plötzlich?

MÉLISANDE
weinend
Ich bin.., ich bin krank hier...

GOLAUD
Du bist krank?
Was hast du denn, was hast du denn, Mélisande?

MÉLISANDE
Ich weiss nicht... Ich bin krank hier.
Ich sage es Euch lieber heute;
Herr, ich bin hier nicht glücklich.

GOLAUD
Was ist denn geschehen?
Hat dir jemand wehgetan? Hat dich jemand beleidigt?


MÉLISANDE
Nein, nein; niemand hat mir im geringsten wehgetan...
Das ist es nicht...

GOLAUD
Du verheimlichst mir doch etwas?
Sag mir die ganze Wahrheit, Mélisande...
Ist es der König? Ist es meine Mutter? Ist es Pelléas?

MÉLISANDE
Nein, nein, es ist nicht Pelléas.
Es ist niemand...
Ihr könnt mich nicht verstehen...
Es ist etwas, das stärker ist als ich...

GOLAUD
Komm, sei vernünftig, Mélisande.
Was soll ich tun? Du bist kein Kind mehr.
Bin ich es, den du verlassen willst?

MÉLISANDE
O nein, das ist es nicht...
Ich möchte mit Euch fortgehen...
Aber hier kann ich nicht länger leben...
Ich fühle, dass ich nicht mehr lange leben werde...

GOLAUD
Aber es muss doch einen Grund geben.
Man wird dich für verrückt halten.
Man wird an Kinderträume glauben.
Komm, ist es vielleicht doch Pelléas?
Ich glaube, er spricht nicht oft mit dir.


MÉLISANDE
Doch, er spricht manchmal mit mir.
Er liebt mich nicht, glaube ich;
ich habe es in seinen Augen gesehen...
Aber er spricht mit mir, wenn er mich trifft...

GOLAUD
Du darfst es ihm nicht übelnehmen.
Er war immer so. Er ist etwas seltsam.
Er wird sich ändern, du wirst sehen; er ist jung...

MÉLISANDE
Aber das ist es nicht...
Das ist es nicht...

GOLAUD
Was ist es denn?
Kannst du dich nicht in das Leben schicken, das wir hier führen?
Ist es zu traurig hier?
Es stimmt, das Schloss ist sehr alt und sehr dunkel...
Es ist sehr kalt und sehr tief.
Und alle, die darin wohnen, sind schon alt.
Und auch das Land scheint traurig mit all diesen Wäldern,
all diesen alten Wäldern ohne Licht.
Aber man kann das alles erhellen, wenn man will.
Und dann Freude, Freude, die hat man eben nicht alle Tage.
Aber sag mir irgend etwas, ganz gleich, was
ich werde alles tun, was du willst...

MÉLISANDE
Ja, das ist wahr... Man sieht hier niemals den Himmel.
Ich habe ihn heute morgen zum ersten Mal gesehen...

GOLAUD
Das ist es also, was dich weinen macht, meine arme Malisande?
Sonst nichts als das?
Du weinst, weil du den Himmel nicht sehen kannst?
Komm, du bist nicht mehr in dem Alter,
wenn man über solche Dinge weint...
Und ist der Sommer jetzt nicht da?
Du wirst jeden Tag den Himmel sehen.
Und dann im nächsten Jahr...
Komm, gib mir deine Hand; gib mir deinen beiden kleinen Hände.
Er nimmt ihre Hände.
Oh! Diese kleinen Hände, die ich wie Blumen zerdrücken könnte...
Halt, wo ist der Ring, den ich dir gab?

MÉLISANDE
Der Ring?

GOLAUD
Ja, unser Hochzeitsring, wo ist er?

MÉLISANDE
Ich glaube... Ich glaube, er ist abgefallen...

GOLAUD
Abgefallen? Wo ist er abgefallen?
Du hast ihn doch nicht verloren?

MÉLISANDE
Nein, er ist abgefallen... Er muss abgefallen sein...
Aber ich weiss, wo er ist...

GOLAUD
Wo ist er?

MÉLISANDE
Ihr kennt... Ihr kennt doch.., die Grotte am Meeresufer?


GOLAUD
Ja.

MÉLISANDE
Nun, da ist er... Da muss er sein...
Ja, ja, ich erinnere mich.
Ich habe heute morgen Muscheln für den kleinen Yniold gesammelt...
Dort gibt es sehr schöne...
Er ist mir vom Finger geglitten...
Dann kam die Flut herein, und ich musste gehen,
bevor ich ihn wiederfinden konnte.

GOLAUD
Bist du sicher, dass er dort ist?

MÉLISANDE
Ja, ja; ganz sicher...
Ich spürte ihn abgleiten...

GOLAUD
Du musst ihn sofort suchen.

MÉLISANDE
Jetzt? Sofort? In der Dunkelheit?

GOLAUD
Jetzt, sofort, in der Dunkelheit...
Ich hätte lieber alles verloren, was ich habe, als diesen Ring...
Du weisst nicht, was er ist. Du weisst nicht, woher er stammt.
Das Meer wird sehr hoch stehen heute nacht.
Das Meer wird ihn vor dir wegnehmen...
Beeile dich...

MÉLISANDE
Ich wage es nicht...
Ich wage es nicht, allein zu gehen...


GOLAUD
Geh, geh mit wem du willst.
Aber du musst sofort gehen, hörst du?
Beeile dich; sag Pelléas, er soll mit dir gehen.

MÉLISANDE
Pelléas? Mit Pelléas?
Aber Pelléas wird nicht wollen...

GOLAUD
Pelléas wird alles tun, was du von ihm verlangst.
Ich kenne Pelléas besser als du.
Geh, geh, mach rasch!
Ich werde nicht schlafen, bevor ich den Ring habe!

MÉLISANDE
Oh! Ich bin nicht glücklich! Ich bin nicht glücklich!

Sie geht weinend ab.


Zwischenspiel


DRITTES BILD
Vor einer Grotte

Pelléas und Mélisande treten auf.

PELLÉAS
in grosser Erregung
Ja; hier ist es, wir sind da.
Es ist so dunkel, dass der Eingang zur Grotte
vom Rest der Nacht nicht zu unterscheiden ist...
Es gibt auf dieser Seite keine Sterne.
Warten wir, bis der Mond durch diese grosse Wolke bricht,
er wird die ganze Grotte erhellen,
und dann können wir gefahrlos eintreten.
Es gibt gefährliche Stellen, und der Weg ist sehr steil,
zwischen zwei Seen, deren Grund man noch nicht gefunden hat.
Ich habe nicht daran gedacht,
eine Fackel oder eine Laterne mitzunehmen.
Aber ich glaube, dass das Licht vom Himmel uns genügt.
Ihr seid noch nie in dieser Grotte gewesen?

MÉLISANDE
Nein...

PELLÉAS
Gehen wir hinein...
Ihr müsst den Ort beschreiben können,
wo Ihr den Ring verloren habt, wenn er Euch befragt.
Die Grotte ist sehr gross und sehr schön,
sie ist voller blauer Schatten.
Wenn man hier ein kleines Licht anzündet, könnte man meinen,
die Decke sei mit Sternen besät, wie der Himmel.
Gebt mir die Hand, zittert nicht, zittert nicht so!
Es besteht keine Gefahr; wir bleiben in dem Augenblick stehen,
wenn wir das Licht des Meeres nicht mehr sehen...
Ist es das Rauschen der Grotte, das Euch erschreckt?
Hört Ihr das Meer hinter uns?
Es scheint heute nacht nicht glücklich zu sein…

Der Mond wirft ein breites Licht auf den Eingang und eine der finsteren Stellen der Grotte; man sieht drei arme Greise mit weissem Haar, aneinander kauernd, schlafend an einen Felsen gelehnt.
Oh! Da ist das Licht!

MÉLISANDE
Ah!


PELLÉAS
Was ist?

MÉLISANDE
Da... da...
Sie deutet auf die drei Greise.

PELLÉAS
Ja... Ich habe sie auch gesehen...

MÉLISANDE
Wir wollen fort! Wir wollen fort!

PELLÉAS
Es sind drei arme Greise, die eingeschlafen sind...
Es herrscht eine Hungersnot im Land...
Warum sind sie zum Schlafen hierher gekommen?

MÉLISANDE
Wir wollen fort, kommt... Wir wollen fort!

PELLÉAS
Gebt acht, sprecht nicht so laut...
Wir wollen sie nicht wecken...
Sie schlafen noch tief...
Kommt!

MÉLISANDE
Lasst mich, ich gehe lieber allein...

PELLÉAS
Wir kommen an einem anderen Tag wieder...

Beide gehen ab
DRITTER AKT

ERSTES BILD
Einer der Türme des Schlosses.
Ein Rundweg führt unter einem Turmfenster vorbei.



MÉLISANDE
am Fenster ihr gelöstes Haar kämmend
Meine langen Haare fallen
nieder bis zum Fuss des Turms;
meine Haare erwarten Euch
den ganzen langen Turm hinab
und den ganzen langen Tag,
und den ganzen langen Tag.
Sankt Daniel und Sankt Michael,
Sankt Michael und Sankt Raphael,
ich bin an einem Sonntag geboren,
an einem Sonntag zur Mittagsstunde...

Pelléas tritt auf dem Rundweg auf.

PELLÉAS
Holla! Holla! Ho!

MÉLISANDE
Wer ist da?

PELLÉAS
Ich, ich, und ich! Was tust du da am Fenster
und singst wie ein Vogel aus einem fremden Land?

MÉLISANDE
Ich binde meine Haare für die Nacht.


PELLÉAS
Ist es das, was ich da auf der Mauer sehe?
Ich dachte, du hättest ein Licht...

MÉLISANDE
Ich habe das Fenster geöffnet; es ist zu heiss im Turm...
Die Nacht ist schön heute...

PELLÉAS
Es sind unzählige Sterne,
ich habe nie so viele gesehen wie heute abend;
aber der Mond steht noch über dem Meer...
Bleib nicht im Schatten, Mélisande,
neige dich ein wenig herunter,
damit ich deine gelösten Haare sehe.

Mélisande neigt sich hinaus.

MÉLISANDE
So sehe ich hässlich aus...

PELLÉAS
Oh! Oh! Mélisande! Oh!
Du bist schön! Du bist schön so!
Neige dich! Neige dich!
Lass mich näher zu dir kommen...

MÉLISANDE
Ich kann nicht noch näherkommen...
Ich neige mich hinaus, so weit ich kann...

PELLÉAS
Ich kann nicht noch höher steigen...
Gib mir heute abend zumindest deine Hand,
bevor ich gehe...
ich reise morgen ab...


MÉLISANDE
Nein, nein, nein...

PELLÉAS
Doch, doch, ich reise ab, ich reise morgen ab...
Gib mir deine Hand, deine Hand,
deine kleine Hand an meine Lippen...

MÉLISANDE
Ich gebe dir meine Hand nicht,
wenn du abreist...

PELLÉAS
Gib, gib, gib...

MÉLISANDE
Du wirst nicht abreisen?

PELLÉAS
Ich werde warten, ich werde warten…

MÉLISANDE
Ich sehe eine Rose im Dunkel...

PELLÉAS
Wo? Ich sehe nur die Zweige der Weide,
die über die Mauer hängt...

MÉLISANDE
Weiter hinten, weiter hinten im Garten;
da drüben im grünen Schatten.

PELLÉAS
Das ist keine Rose...
Ich gehe gleich nachsehen,
aber gib mir erst deine Hand, erst deine Hand...


MÉLISANDE
Da, da...
Ich kann mich nicht weiter hinauslehnen.

PELLÉAS
Meine Lippen können deine Hand nicht erreichen!

MÉLISANDE
Ich kann mich nicht weiter hinauslehnen...
Ich falle gleich...
Oh! Oh! Meine Haare fallen den Turm hinab!


Als sie sich hinausneigt, quillt ihr ganzes Haar plötzlich auseinander und überflutet Pelléas.

PELLÉAS
Oh! Oh! Was ist das?
Deine Haare, deine Haare fallen zu mir herab!
All dein Haar, Mélisande,
all dein Haar ist den Turm herabgefallen!
Ich halte es in den Händen,
ich halte es mit meinen Lippen...
Ich halte es in den Armen,
ich lege es mir um den Nacken...
Ich werde meine Hände heute nacht nicht wieder öffnen!

MÉLISANDE
Lass mich! Lass mich!
Du wirst mich zum Fallen bringen!

PELLÉAS
Nein, nein, nein!
Ich habe noch nie Haare wie deine gesehen, Mélisande!
Sieh, sieh, sieh; sie kommen von so hoch oben herab
und überfluten mich bis ans Herz;
sie überfluten mich noch bis zu den Knien!
Und sie sind süss, sie sind süss,
als seien sie vom Himmel herabgefallen!
Ich kann durch deine Haare den Himmel nicht mehr sehen.
Siehst du, siehst du?
Meine beiden Hände können sie nicht fassen;
etwas davon liegt selbst auf den Zweigen der Weide...
Sie leben wie Vögel in meinen Händen,
sie lieben mich, sie lieben mich mehr als du!

MÉLISANDE
Lass mich, lass mich...
Es könnte jemand kommen...

PELLÉAS
Nein, nein, nein;
ich gebe dich heute nacht nicht frei...
Du bist heute nacht meine Gefangene,
die ganze Nacht, die ganze Nacht...

MÉLISANDE
Pelléas! PelléasI

PELLÉAS
Ich binde sie fest,
binde sie an die Zweige der Weide...
Du wirst nicht wieder entkommen...
Du wirst nicht wieder entkommen...
Schau, schau, ich küsse deine Haare...
Ich leide nicht mehr, inmitten deiner Haare...
Du hörst meine Küsse über deine Haare...
Sie steigen an deinen Haaren hinauf …
Jedes einzelne muss dir einen Kuss bringen.
Siehst du, siehst du, ich kann meine Hände öffnen...
Siehst du, meine Hände sind leer,
und du kannst mich nicht verlassen...


MÉLISANDE
Oh! Oh! Du hast mir wehgetan!
Tauben kommen aus dem Turm geflogen und umschwirren sie in der Dunkelheit.
Was ist das, Pelléas?
Was fliegt da um mich herum?

PELLÉAS
Das sind die Tauben, die aus dem Turm geflogen kommen...
Ich habe sie erschreckt; sie fliegen davon...

MÉLISANDE
Des sind meine Tauben, Pelléas.
Genug jetzt, lass mich; sie kommen nicht wieder zurück...

PELLÉAS
Warum sollten sie nicht wieder zurückkommen?

MÉLISANDE
Sie werden sich in der Dunkelheit verirren...
Lass mich! Lass mich den Kopf wieder heben...
Ich höre Schritte... Lass mich!
Das ist Golaud! Ich glaube, das ist Golaud!
Er hat uns gehört...

PELLÉAS
Warte! Warte!
Deine Haare hängen in den Zweigen...
Sie haben sich in der Dunkelheit verfangen...
Warte! Warte! Es ist finster.

Golaud tritt auf dem Rundweg auf.

GOLAUD
Was macht ihr da?

PELLÉAS
Was ich hier mache?
Ich...

GOLAUD
Ihr seid Kinder...
Mélisande, beug dich nicht so weit aus dem Fenster,
du wirst fallen...
Wisst ihr nicht, dass es schon spät ist?
Es ist beinahe Mitternacht.
Spielt nicht so in der Dunkelheit.
Ihr seid Kinder.
Was für Kinder! Was für Kinder!


Er geht mit Pelléas ab.


Zwischenspiel


DRITTES BILD
Die Gewölbe des Schlosses

Golaud und Pelléas treten auf.

GOLAUD
Gebt acht; hier entlang, hier entlang.
Ihr seid nie in diesen unterirdischen Räumen gewesen?

PELLÉAS
Doch, einmal; früher; aber es ist lange her...

GOLAUD
Nun, hier ist das stehende Wasser,
von dem ich Euch erzählte...
Spürt Ihr den Todesgeruch, der heraufsteigt?
Gehen wir bis an den Rand dieses Felsens,
der vorspringt, und neigt Euch etwas herüber;
der Geruch wird Euch ins Gesicht herüber;
der Geruch wird Euch ins Gesicht schlagen.
Neigt Euch nur; habt keine Angst…
Ich werde Euch festhalten,
gebt mir - nein, nein, nicht die Hand...
Sie könnte abrutschen…, den Arm.
Seht Ihr den Abgrund?
Pelléas? Pelléas?

PELLÉAS
Ja; ich glaube, ich sehe den Boden des Abgrunds!
Ist es das Licht, das so zittert?
Er richtet sich auf, dreht sich um und sieht Golaud an.
Ihr...

GOLAUD
Ja, es ist die Laterne...
Seht, ich habe sie bewegt, um die Wände zu erhellen...

PELLÉAS
Ich ersticke hier,… Gehen wir.

GOLAUD
Ja, gehen wir.

Sie gehen schweigend ab.



DRITTES BILD
Eine Terrasse am Ausgang der Gewölbe

Golaud und Pelléas treten auf.

PELLÉAS
Ah! Endlich kann ich aufatmen!
Ich meinte einen Augenblick lang, ich würde krank werden
in den ungeheuren Grotten, und ich drohte schon zu fallen...
Dort ist die Luft feucht und schwer wie bleierner Tau,
und die Dunkelheit ist dick wie ein vergifteter Teig.
Und nun all die Frische des ganzen Meeres!
Der Wind ist kühl, sehr kühl
wie ein neu eröffnetes Blatt inmitten der kleinen grünen Halme.
Da! Die Blumen am Rand der Terrasse sind frisch gewässert,
und der Duft des Grüns und der feuchten Rosen steigt bis hier herauf.
Es muss bald Mittag sein; sie stehen schon im Schatten des Turms...
Es ist Mittag; ich höre die Glocken läuten,
und die Kinder gehen zum Strand hinunter, um zu baden...
Und da sind unsere Mutter und Mélisande an einem Fenster des Turms...

GOLAUD
Ja, sie haben im Schatten Zuflucht gesucht.
Was Mélisande betrifft, ich habe gehört,
was gestern abend geschah und gesprochen wurde.
Ich weiss es wohl, das sind Kinderspiele;
aber das darf sich nicht wiederholen.
Sie ist sehr zart, und man muss Rücksicht auf sie nehmen,
vor allem, da sie vielleicht bald Mutter wird,
und die kleinste Erregung könnte ein Unglück herbeiführen.
Ich habe nicht zum ersten Mal bemerkt,
dass zwischen euch etwas sein könnte...
Ihr seid älter als sie; es genügt, wenn man es Euch sagt...
Meidet sie so viel wie möglich,
aber ohne die Absicht zu zeigen, ohne Absicht...

Beide gehen ab.



Zwischenspiel



VIERTES BILD
Vor dem Schloss

Golaud und der kleine Yniold treten auf.

GOLAUD
Komm, wir wollen uns hier hinsetzen, Yniold; komm auf meine Knie;
von hier aus sehen wir, was im Wald geschieht.
Seit einiger Zeit sehe ich dich fast gar nicht mehr.
Du vernachlässigst mich aber auch, du bist immer bei deiner Mama...
Ei, und wir sitzen gerade unter Mamas Fenster.
Vielleicht spricht sie eben ihr Abendgebet...
Aber sag mir, Yniold,
sie ist oft mit deinem Onkel Pelléas zusammen, nicht wahr?

YNIOLD
Ja, ja, immer, Papa; wenn Ihr nicht da seid.

GOLAUD
Ah! Sieh, jemand geht mit einer Laterne durch den Garten.
Aber man hat mir gesagt, dass sie sich nicht mögen...
Es scheint, dass sie sich oft streiten, oder?
Ist das wahr?

YNIOLD
Ja, ja, das ist wahr.

GOLAUD
Ja? Aha! Aber weswegen streiten sie sich?

YNIOLD
Wegen der Tür,


GOLAUD
Wie? Wegen der Tür? Was sagst du da?

YNIOLD
Weil sie nicht offen bleiben darf.

GOLAUD
Wer will nicht, dass sie offen bleibt?
Sag schon, warum streiten sie sich?

YNIOLD
Ich weiss nicht, Papa, wegen des Lichts.

GOLAUD
Ich rede jetzt nicht vom Licht, ich rede von der Tür.
Leg deine Hand nicht so über den Mund...
Sprich...

YNIOLD
Papa! Papa! Ich will es nicht wieder tun.

Er weint.

GOLAUD
Ei, warum weinst du jetzt? Was ist geschehen?

YNIOLD
Oh! Oh! Papa, Ihr habt mir wehgetan!

GOLAUD
Ich habe dir wehgetan? Wo habe ich dir wehgetan?
Es war keine Absicht...


YNIOLD
Hier, hier, an meinem Ärmchen...

GOLAUD
Es war keine Absicht;
komm, weine nicht mehr, ich schenke dir morgen etwas.

YNIOLD
Was denn, Papa?

GOLAUD
Einen Bogen mit Pfeilen.
Aber sag mir, was du von der Tür weisst.

YNIOLD
Mit grossen Pfeilen?

GOLAUD
Ja, mit sehr grossen Pfeilen.
Aber warum wollen sie nicht, dass die Tür offen ist?
Nun komm, antworte mir endlich!
Nein, nein, nein, öffne nicht den Mund zum Weinen,
ich bin nicht böse.
Worüber sprechen sie, wenn sie zusammen sind?

YNIOLD
Pelléas und Mama?

GOLAUD
Ja; worüber sprechen sie?

YNIOLD
Über mich, immer über mich.


GOLAUD
Und was sagen sie über dich?

YNIOLD
Sie sagen, dass ich sehr gross sein werde.

GOLAUD
Ach, dieses Elend! Ich bin wie ein Blinder,
der auf dem Grund des Ozeans seinen Schatz sucht!
Ich bin wie ein neugeborenes Kind, im Wald ausgesetzt, und ihr...
Aber komm, Yniold, ich war zerstreut,
wir wollen ernst miteinander reden.
Sprechen Pelléas und Mama niemals über mich,
wenn ich nicht da bin?

YNIOLD
Doch, doch, Papa.

GOLAUD
Ah! Und was sagen sie über mich?

YNIOLD
Sie sagen, dass ich so gross sein werde wie Ihr.

GOLAUD
Bist du immer bei ihnen?

YNIOLD
Ja, ja; immer, Papa.

GOLAUD
Sagen sie dir nie, du sollst anderswo spielen?


YNIOLD
Nein, Papa; sie haben Angst, wenn ich nicht da bin.

GOLAUD
Sie haben Angst? Woran siehst du, dass sie Angst haben?

YNIOLD
Sie weinen immer in der Dunkelheit.

GOLAUD
Aha!

YNIOLD
Das bringt mich auch zum Weinen...

GOLAUD
Ja, ja!

YNIOLD
Sie ist blass, Papa!

GOLAUD
Ach! Ach! Geduld, mein Gott, Geduld...

YNIOLD
Was, Papa?

GOLAUD
Nichts, nichts, mein Kind.
Ich sah einen Wolf im Wald vorbeilaufen.
Küssen sie sich manchmal? Wie?


YNIOLD
Ob sie sich küssen, Papa? Nein, nein. Ach!
Doch, Papa, doch, einmal, einmal, als es regnete...

GOLAUD
Sie haben sich geküsst?
Aber wie, wie haben sie sich geküsst?

YNIOLD
So, Papa, so!
Er küsst ihn auf den Mund und lacht.
Haha! Euer Bart, Papa! Er sticht, er sticht!
Er wird ganz grau, Papa, und Eure Haare auch;
ganz grau, ganz grau...
In diesem Augenblick erhellt sich das Fenster, unter dem sie sitzen, und sein Licht fällt auf beide.
Ah! Ah! Mama hat ihre Lampe angezündet.
Es ist hell, Papa, es ist hell...

GOLAUD
Ja, es wird hell...

YNIOLD
Gehen wir auch hin, Papa, gehen wir auch hin.

GOLAUD
Wohin willst du?

YNIOLD
Wo es hell ist, Papa.


GOLAUD
Nein, nein, mein Kind; bleiben wir noch ein wenig im Schatten...
Es ist nicht heraus, es ist noch nicht heraus...
Ich glaube, Pelléas ist verrückt...

YNIOLD
Nein, Papa, er ist nicht verrückt, er ist sehr lieb.

GOLAUD
Willst du Mama sehen?

YNIOLD
Ja, ja, ich will sie sehen!

GOLAUD
Mach kein Geräusch; ich werde dich bis zum Fenster hochheben.
Es liegt zu hoch für mich, obwohl ich so gross bin...
Er hebt das Kind in die Höhe.
Mach nicht das leiseste Geräusch;
Mama würde schreckliche Angst haben...
Siehst du sie? Ist sie im Zimmer?

YNIOLD
Ja... Oh! Es ist hell!

GOLAUD
Ist sie allein?

YNIOLD
Ja... nein, nein!
Mein Onkel Pelléas ist auch da.


GOLAUD
Er...

YNIOLD
Ach! Ach! Papa, Ihr tut mir weh!

GOLAUD
Es ist schon gut; sei still; ich tue es nicht wieder;
sieh hin, sieh hin, Yniold! Ich bin fehlgetreten.
Sprich Ieiser.Was tun sie?

YNIOLD
Sie tun nichts, Papa.

GOLAUD
Sind sie nahe beieinander? Reden sie miteinander?

YNIOLD
Nein, Papa; sie reden nicht.

GOLAUD
Aber was tun sie denn?

YNIOLD
Sie betrachten das Licht.

GOLAUD
Alle beide?

YNIOLD
Ja, Papa.

GOLAUD
Sie sagen nichts?


YNIOLD
Nein, Papa; sie schliessen die Augen nicht.

GOLAUD
Rücken sie nicht näher zueinander?

YNIOLD
Nein, Papa, sie schliessen niemals die Augen...
Ich habe schreckliche Angst!

GOLAUD
Wovor hast du Angst? Sieh hin! Sieh hin!

YNIOLD
Papa, lasst mich hinunter!

GOLAUD
Sieh hin!

YNIOLD
Oh! Ich werde schreien, Papa!
Lasst mich hinunter! Lasst mich hinunter!

GOLAUD
Komm!

Beide gehen ab.

VIERTER AKT


ERSTES BILD
Ein Zimmer im Schloss

Pelléas und Mélisande treffen aufeinander.


PELLÉAS
Wohin gehst du? Ich muss dich heute abend sprechen.
Werde ich dich sehen?

MÉLISANDE
Ja.

PELLÉAS
Ich komme eben aus dem Zimmer meines Vaters.
Es geht ihm besser.
Der Arzt hat uns gesagt, er sei gerettet.
Er hat mich erkannt.
Er nahm meine Hand und sagte mit der seltsamen Art,
die er hat, seit er krank ist, zu mir: "Bist du es, Pelléas?
Sieh an, ich habe es vorher nie bemerkt, dass du den
ernsten und freundlichen Gesichtsausdruck der Menschen hast,
die nicht mehr lange leben werden...
Du musst verreisen, du musst verreisen ..."
… Es ist seltsam; ich werde ihm gehorchen…
Meine Mutter hörte ihn und weinte vor Freude.
Hast du es noch nicht bemerkt?
Das ganze Haus scheint wieder aufzuleben.
Man hört alle atmen, man hört sie laufen...
Still, ich höre hinter dieser Tür jemanden sprechen.
Schnell, schnell, antworte schnell, wo werde ich dich sehen?

MÉLISANDE
Wo soll es sein?

PELLÉAS
Im Park, beim Brunnen der Blinden. Willst du? Kommst du?

MÉLISANDE
Ja.


PELLÉAS
Es wird der letzte Abend sein;
ich werde verreisen, wie es mein Vater gesagt hat.
Du wirst mich nicht wiedersehen.

MÉLISANDE
Sag das nicht, Pelléas...
Ich werde dich immer sehen; ich werde dich immer ansehen...

PELLÉAS
Da ist nichts anzusehen... Ich werde so weit weg sein,
dass du mich nicht mehr sehen kannst...

MÉLISANDE
Was ist geschehen, Pelléas?
Ich verstehe nicht mehr, was du sagst...

PELLÉAS
Geh, wir wollen uns trennen.
Ich höre hinter dieser Tür jemanden sprechen...


Er geht ab.


ZWEITES BILD

Arkel tritt auf.

ARKEL
Jetzt, da Pelléas' Vater gerettet ist und die Krankheit,
die alte Dienerin des Todes, das Schloss verlassen hat,
wird endlich etwas Freude
und ein wenig Sonne in das Haus zurückkehren...
Es war an der Zeit! Denn seit deiner Ankunft
sind wir hier nur flüsternd um ein verschlossenes Zimmer geschlichen... Und wirklich, ich hatte Mitleid mit dir, Mélisande.
Ich habe dich beobachtet, du lebtest hier, vielleicht sorglos,
aber mit der fremden und verstörten Miene eines Menschen,
der ständig ein grosses Unglück erwartet,
selbst im Sonnenlicht, in einem schönen Garten...
Ich kann es nicht erklären...
Aber ich war traurig, wenn ich dich so sah;
denn du bist zu jung und zu schön,
um schon Tag und Nacht im Hauch des Todes zu leben...
Aber jetzt wird sich das alles ändern. In meinem hohen Alter,
und das ist vielleicht die sicherste Frucht meines Lebens,
in meinem hohen Alter habe ich mir einen merkwürdigen Glauben
an die Treue der Ereignisse erworben,
und ich habe immer wieder gesehen,
dass junge und schöne Lebewesen
sich junge, schöne und glückliche Ereignisse schufen...
Und nun bist du es, die das Tor zu dem neuen Zeitalter öffnen wird,
das ich voraussehe...
Komm her; warum bleibst du dort stehen,
ohne zu antworten und ohne die Augen zu heben?
Ich habe dich bis jetzt nur ein einziges Mal geküsst,
am Tag deiner Ankunft;
und doch müssen Greise etwas mit ihren Lippen berühren,
die Stirn einer Frau oder die Wange eines Kindes,
um noch an die Frische des Lebens glauben
und die Drohungen des Todes abwehren zu können.
Hast du Angst vor meinen alten Lippen?
Welches Mitleid ich in diesen Monaten mit dir hatte...

MÉLISANDE
Grossvater, ich war nicht unglücklich.


ARKEL
Lass mich dich ansehen,
von ganz nahe, nur
einen Augenblick... Man
hat die Schönheit so
nötig, am Rand des
Todes...

Golaud tritt auf.

GOLAUD
Pelléas reist heute abend ab.

ARKEL
Du hast Blut an der Stirn. Was hast du getan?

GOLAUD
Nichts, nichts …, Ich bin durch einen Dornbusch gelaufen...

MÉLISANDE
Neigt ein wenig den Kopf, Herr... Ich werde Eure Stirn abwischen.

GOLAUD
stösst sie zurück
Ich will nicht, dass du mich berührst, hörst du?
Geh! ich spreche nicht zu dir.
Wo ist mein Schwert? Ich kam, um mein Schwert zu holen...

MÉLISANDE
Dort, auf dem Betstuhl.

GOLAUD
Bring es her.
zu Arkel
Man hat wieder einen verhungerten Bauern gefunden, am Meer.
Man könnte meinen, sie wollten alle unter unsern Augen sterben.
zu Mélisande
Nun, mein Schwert? Warum zittert Ihr so?
Ich werde Euch nicht töten. Ich wollte einfach die Klinge prüfen.
Ich verwende das Schwert nicht zu solch einem Zweck.
Warum betrachtet Ihr mich wie einen Bettler?
Ich bin nicht gekommen, um von Euch ein Almosen zu erbitten.
Hofft Ihr, etwas in meinen Augen zu finden,
ohne dass ich etwas in Euren finde?
Glaubt Ihr, dass ich etwas weiss?
zu Arkel
Seht Ihr diese grossen Augen?
Man könnte meinen, sie seien stolz auf ihre Schönheit...

ARKEL
Ich sehe darin nichts als eine grosse Unschuld...

Golaud
Eine grosse Unschuld! Sie sind grösser als die Unschuld!
Sie sind reiner als die Augen eines Lamms...
Sie könnten Gott eine Lektion in Unschuld erteilen!
Eine grosse Unschuld!
Hört; ich bin so nahe an diesen Augen,
dass ich die Bewegung ihrer Lider spüre,
und dennoch bin ich weniger entfernt
von den grossen Geheimnissen des Jenseits
als vom kleinsten Geheimnis dieser Augen!
Eine grosse Unschuld! Mehr als Unschuld!
Man könnte meinen, alle Engel des Himmels
feierten darin eine endlose Taufe!
Ich kenne diese Augen! Ich habe sie am Werk gesehen!
Schliesst sie! Schliesst sie!
Oder ich schliesse sie für lange Zeit!
Legt nicht so die Rechte an den Hals;
ich sage etwas sehr Einfaches...
Ich habe keinen Hintergedanken...
Wenn ich einen Hintergedanken hätte,
warum sollte ich ihn nicht aussprechen?
Ah! Ah! Versucht nicht zu fliehen!
Hierher! Reicht mir die Hand!
Ah! Eure Hände sind zu heiss...
Hinaus mit Euch! Euer Fleisch ekelt mich an!
Hinaus mit Euch!
Jetzt geht es nicht mehr darum, zu fliehen!
Er packt sie bei den Haaren
Ihr sollt mir auf den Knien folgen!
Auf die Knie vor mir! Ah! Ah!
Endlich dienen Eure langen Haare zu etwas...
Nach rechts, und dann nach links!
Nach links, und dann nach rechts!
Albsalon! Absalon!
Vorwärts! Zurück! Bis zum Boden! Bis zum Boden...
Seht Ihr, seht Ihr, ich lache schon wie ein Greis... Hahaha!

ARKEL
stürzt zu ihm
Golaud!

GOLAUD
sich plötzlich ruhig stellend
Ihr werdet tun, was Euch gefällt, wartet nur.
Ich lege dem keine Wichtigkeit bei.
Ich bin zu alt; und ausserdem bin ich kein Spion.
Ich warte auf den Zufall; und dann... Oh! Dann!
Nur, weil das so üblich ist; nur, weil das so üblich ist...
Er geht ab.

ARKEL
Was hat er nur? Ist er betrunken?

MÉLISANDE
in Tränen
Nein, nein; aber er liebt mich nicht mehr...
Ich bin nicht glücklich...


ARKEL
Wenn ich Gott wäre, hätte ich Mitleid mit den Herzen der Menschen.


Zwischenspiel


DRITTES BILD
Ein Brunnen im Park

Der kleine Yniold versucht, ein Felsstück aufzuheben.

YNIOLD
Oh! Dieser Stein ist schwer... Er ist schwerer als ich...
Er ist schwerer als die ganze Welt. Er ist schwerer als alles...
Ich sehe meinen goldenen Ball
zwischen dem Felsen und diesem dummen Stein,
und ich kann ihn nicht erreichen...
Mein kleiner Arm ist nicht lang genug,
und dieser Stein lässt sich nicht aufheben...
Man könnte meinen, er habe Wurzeln in der Erde...
Man hört in der Ferne das Blöken einer Schafherde.
Oh! Oh! Ich höre Schafe weinen...
Ei! Keine Sonne mehr!...
Sie kommen, die kleinen Schafe; sie kommen...
Da sind sie! Da sind sie! Sie haben Angst vor dem Dunkel...
Sie drängen sich zusammen! Sie drängen sich zusammen!
Sie weinen, und sie laufen schnell!
Einige wollen nach rechts laufen...
Sie wollen alle nach rechts laufen...
Sie können nicht! Der Schäfer wirft mit Erde nach ihnen! Ah!
Ah! Sie kommen hier vorbei...
Ich werde sie ganz aus der Nähe sehen. Wie viele es sind!
Jetzt schweigen sie alle...
Schäfer! Warum rufen sie nicht mehr?


SCHÄFER
unsichtbar
Weil das nicht der Weg zum Stall ist..

YNIOLD
Wohin gehen sie? Schäfer? Schäfer? Wohin gehen sie?
Er hört mich nicht mehr. Sie sind schon zu weit weg...
Sie machen keinen Lärm mehr... Das ist nicht der Weg zum Stall...
Wo werden sie heute nacht schlafen?
Oh! Oh! Es ist zu dunkel... Ich werde jemandem etwas sagen...


Er geht ab.


VIERTES BILD

Pelléas tritt auf.

PELLÉAS
Das ist der letzte Abend.., der letzte Abend...
Es muss alles aufhören... Ich habe wie ein Kind gespielt,
neben einem Ding, von dem ich nichts ahnte...
Ich spielte wie im Traum neben den Schlingen des Schicksals...
Wer hat mich plötzlich aufgeweckt?
Ich werde fliehen, schreiend vor Freude und Schmerz,
wie ein Blinder, der aus seinem brennenden Haus flieht.
Ich will ihr sagen, dass ich fliehen werde…
Es ist spät; sie kommt nicht …
Ich täte besser, fortzugehen, ohne sie wiederzusehen...
Ich muss sie mir gut ansehen dieses Mal...
Es gibt Dinge, an die ich mich schon nicht mehr erinnere...
Es scheint manchmal, als hätte ich sie
seit mehr als hundert Jahren nicht gesehen...
Und ich habe noch nicht ihren Blick direkt erwidert.
Mir bleibt nichts, wenn ich so fortgehe.
Und alle diese Erinnerungen...
Als wenn ich ein wenig Wasser in einem Netz mitnehmen wollte.
Ich muss sie ein letztes Mal sehen,
bis auf den Grund ihres Herzens...
Ich muss ihr alles sagen, was ich nicht gesagt habe.


Mélisande tritt auf.

MÉLISANDE
Pelléas!

PELLÉAS
Mélisande! Bist du es, Mélisande?

MÉLISANDE
Ja.

PELLÉAS
Komm hierher; bleib nicht am Rand des Mondlichts.
Komm hierher, wir haben uns so viel zu sagen...
Komm hierher in den Schatten der Linde.

MÉLISANDE
Lass mich in der Helligkeit...

PELLÉAS
Man könnte uns von den Fenstern des Turms aus sehen.
Komm hierher; hier haben wir nichts zu befürchten.
Gib acht, man könnte uns sehen!

MÉLISANDE
Ich will, dass man mich sieht...


PELLÉAS
Was hast du denn?
Konntest du herauskommen,ohne dass man dich bemerkte?

MÉLISANDE
Ja; Euer Bruder schlief...

PELLÉAS
Es ist spät; in einer Stunde wird man die Tore schliessen.
Wir müssen achtgeben. Warum bist du so spät gekommen?

MÉLISANDE
Euer Bruder hatte einen bösen Traum.
Und dann fing sich mein Kleid an den Nägeln des Tors.
Seht, es Ist zerrissen, Ich verlor soviel Zeit, und ich lief...

PELLÉAS
Meine arme Mélisande! Ich habe fast Angst, dich zu berühren...
Du bist noch ausser Atem, wie ein gehetzter Vogel...
Meinetwegen hast du das alles getan?
Ich höre dein Herz schlagen, als wäre es meines...
Komm hierher…, näher zu mir.

MÉLISANDE
Warum lacht Ihr?

PELLÉAS
Ich lache nicht, oder besser, ich lache vor Freude,
ohne es zu wissen... Es gibt wohl mehr Anlass zum Weinen...


MÉLISANDE
Wir sind vor langer Zeit hierher gekommen...
Ich erinnere mich...

PELLÉAS
Ja... vor langen Monaten. Damals wusste ich nicht...
Weisst du, warum ich dich bat, heute abend zu kommen?

MÉLISANDE
Nein.

PELLÉAS
Es ist vielleicht das letzte Mal, dass ich dich sehe...
Ich muss für immer fort!

MÉLISANDE
Warum sagst du Immer, dass du fort gehst?

PELLÉAS
Muss ich dir sagen, was du schon weisst?
Weisst du nicht, was ich dir sagen werde?

MÉLISANDE
Aber nein, aber nein; ich weiss von nichts...

PELLÉAS
Du weisst nicht, warum ich abreisen muss...
Du weisst nicht, dass es geschieht, weil...
Er küsst sie plötzlich.
...ich dich liebe.

MÉLISANDE
mit leiser Stimme
Ich liebe dich auch.


PELLÉAS
Oh! Was hast du gesagt, Mélisande! Ich habe es kaum gehört!
Wir haben das Eis mit rotglühenden Eisen aufgebrochen!
Du sagst das mit einer Stimme, die vom Ende der Welt herüberkommt!
Ich habe dich kaum gehört... Du liebst mich?
Du liebst mich auch? Seit wann liebst du mich?

MÉLISANDE
Schon immer.. Seit ich dich sah...

PELLÉAS
Deine Stimme scheint im Frühling über das Meer zu dringen!
Ich habe sie bis heute nie gehört.
Es ist, als sei sie auf mein Herz geregnet!
Du sagst das so offen! Wie ein Engel, den man befragt...
Ich kann es nicht glauben, Mélisande...
Warumsolltest du mich lieben? Warum nur liebst du mich?
Stimmt es, was du sagst? Du täuschst mich nicht?
Du lügst auch nicht ein wenig, um mich zum Lächeln zu bringen?...

MÉLISANDE
Nein, ich lüge niemals; ich lüge nur deinen Bruder an...

PELLÉAS
Oh! Wie du das sagst! Deine Stimme!
Deine Stimme... Sie ist kühler und klarer als Wasser!
Wie reines Wasser auf meinen Lippen!
Wie reines Wasser auf meinen Händen...
Gib mir, gib mir deine Hände.
Oh! Deine Hände sind klein!
Ich wusste nicht, dass du so schön bist!
Ich habe vor dir noch nie etwas so Schönes gesehen...
Ich war unruhig, ich suchte überall im Haus...
Ich suchte überall auf dem Land,
und ich fand die Schönheit nicht…
Und nun habe ich sie gefunden... Ich habe dich gefunden...
Ich glaube nicht, dass es auf der Welt eine schönere Frau gibt!
Wo bist du? Ich höre dich nicht mehr atmen...

MÉLISANDE
Weil ich dich ansehe...

PELLÉAS
Warum siehst du mich so ernst an?
Wir sind schon im Schatten.
Es ist zu dunkel unter diesem Baum. Komm ins Licht.
Wir können nicht sehen, wie glücklich wir sind.
Komm, komm; uns bleibt so wenig Zeit...

MÉLISANDE
Nein, nein; bleiben wir hier...
Ich bin dir im Dunkel näher...

PELLÉAS
Wo sind deine Augen? Du wirst nicht von mir fortlaufen?
Du denkst in diesem Augenblick nicht an mich.

MÉLISANDE
Ja doch, ich denke nur an dich...

PELLÉAS
Du sahst anderswo hin...

MÉLISANDE
Ich sah dich anderswo...

PELLÉAS
Du bist zerstreut. Was hast du nur?
Du scheinst mir nicht glücklich...

MÉLISANDE
Doch, doch; ich bin glücklich, aber ich bin traurig...

PELLÉAS
Was ist das für ein Geräusch?
Man hat die Tore geschlossen!

MÉLISANDE
Ja, man hat die Tore geschlossen...

PELLÉAS
Wir können nicht wieder hinein! Hörst du die Riegel?
Horch! Horch! Die grossen Ketten!
Es ist zu spät, es ist zu spät!

MÉLISANDE
Umso besser! Umso besser!

PELLÉAS
Du? Siehst du, siehst du...
Wir sind es nicht mehr, die es wollen!
Alles ist verloren, alles ist gerettet!
Alles ist heute nacht gerettet!
Komm! Komm...
Mein Herz schlägt wie wahnsinnig, bis hinauf in meinen Hals…
Er umarmt sie.
Horch! Horch! Mein Herz wird mich ersticken...
Komm! Ah! Wie schön ist es in der Dunkelheit...


MÉLISANDE
Hinter uns ist jemand!

PELLÉAS
Ich sehe niemand...

MÉLISANDE
Ich habe ein Geräusch gehört...

PELLÉAS
Ich höre nichts als dein Herz im Dunkel...

MÉLISANDE
Ich hörte die toten Blätter rascheln...

PELLÉAS
Das ist der Wind, der plötzlich schweigt...
Er hat sich gelegt, als wir uns umarmten.

MÉLISANDE
Wie gross unsere Schatten sind heute nacht!

PELLÉAS
Sie umfangen sich bis zum Ende des Gartens!
Oh! Sie küssen sich fern von uns! Sieh! Sieh!

MÉLISANDE
mit erstickter Stimme
Ah! Er ist hinter einem Baum!

PELLÉAS
Wer?

MÉLISANDE
Golaud!


PELLÉAS
Golaud? Wo? Ich sehe nichts!

MÉLISANDE
Dort.., am Ende unserer Schatten...

PELLÉAS
Ja, ja; ich habe ihn gesehen...
Wir dürfen uns nicht plötzlich umdrehen.

MÉLISANDE
Er hat sein Schwert...

PELLÉAS
Ich habe meines nicht bei mir...

MÉLISANDE
Er hat gesehen, wie wir uns küssten...

PELLÉAS
Er weiss nicht, dass wir ihn gesehen haben...
Bewege dich nicht; wende nicht den Kopf um.
Er könnte losstürzen … Er beobachtet uns...
Er steht noch unbeweglich...
Lauf fort, lauf fort, schnell, dort entlang...
Ich erwarte ihn... Ich halte ihn auf...

MÉLISANDE
Nein, nein!

PELLÉAS
Lauf fort! Er hat alles gesehen! Er wird uns töten!


MÉLISANDE
Umso besser! Umso besser!

PELLÉAS
Er kommt! Deinen Mund! Deinen Mund!

MÉLISANDE
Ja! Ja! Ja!

Sie küssen sich leidenschaftlich.

PELLÉAS
Oh! Alle Sterne stürzen nieder!

MÉLISANDE
Auf mich auch! Auf mich auch!

PELLÉAS
Noch einmal! Noch einmal! Gib! Gib!

MÉLISANDE
Alles! Alles! Alles!

Golaud, das Schwert in der Hand, stürzt sich auf sie und streckt Pelléas nieder, der am Rand des Brunnens zu Boden fällt. Mélisande flieht entsetzt.

MÉLISANDE
fliehend, atemlos
Oh! Oh! Ich habe keinen Mut!
Ich habe keinen Mut! Ah!

Golaud folgt ihr schweigend durch das Gehölz.

FÜNFTER AKT
Ein Zimmer im Schloss

Arkel, Golaud und der Arzt in einer Ecke des Zimmers;
Mélisande liegt ausgestreckt auf dem Bett.


ARZT
An dieser kleinen Wunde kann sie nicht sterben;
nicht einmal ein Vogel stürbe daran...
Ihr seid es also nicht, der sie getötet hat, gnädiger Herr;
betrübt Euch nicht so...
Und dann ist ja nicht gesagt,
dass wir sie nicht doch noch retten können...

ARKEL
Nein, nein; mir scheint, dass wir trotz allem
in ihrem Zimmer zu sehr schweigen,
das ist kein gutes Zeichen...
Seht doch, wie sie schläft... ganz still, ganz still …,
als sei ihre Seele für immer erkaltet...

GOLAUD
Ich habe ohne Grund getötet! Könnte das nicht Steine erweichen!
Sie haben sich geküsst wie kleine Kinder...
Sie waren wie Bruder und Schwester...
Und ich, ganz auf einmal!
Ich tat es gegen meinen Willen, versteht ihr...
Ich tat es gegen meinen Willen...

ARZT
Still; ich glaube, sie erwacht...


MÉLISANDE
Öffnet das Fenster... Öffnet das Fenster...

ARKEL
Willst du, dass ich dieses hier öffne, Mélisande?

MÉLISANDE
Nein, nein; das grosse Fenster... um zu sehen...

ARKEL
Ist die Meeresluft nicht zu kalt heute abend?

ARZT
Tut es, tut es...

MÉLISANDE
Danke... Ist das die untergehende Sonne?

ARKEL
Ja; die Sonne geht im Meer unter; es ist spät.
Wie fühlst du dich, Mélisande?

MÉLISANDE
Gut, gut; warum fragt hr mich das? Ich habe mich nie besser gefühlt...
Aber es scheint mir, dass ich etwas weiss...

ARKEL
Was sagst du? Ich verstehe dich nicht...

MÉLISANDE
Ich verstehe auch nicht mehr alles, was ich sage, wisst Ihr...
Ich weiss nicht, was ich sage... Ich weiss nicht, was ich weiss...
Ich sage nicht mehr, was ich will...

ARKEL
O doch, o doch... Ich freue mich, dich so sprechen zu hören;
du hast ein wenig phantasiert in den letzten Tagen,
und man konnte dich nicht mehr verstehen...
Doch jetzt liegt das weit zurück!

MÉLISANDE
Ich weiss nicht... Seid Ihr allein im Zimmer, Grossvater?

ARKEL
Nein, der Arzt ist noch da, der dich geheilt hat...

MÉLISANDE
Ah!

ARKEL
Und dann ist da noch jemand...

MÉLISANDE
Wer ist es?

ARKEL
Es ist... Du brauchst nicht zu erschrecken.
Er will dir kein Leid antun, sei versichert...
Wenn du Angst hast, wird er gehen... Er ist sehr unglücklich...

MÉLISANDE
Wer ist es?


ARKEL
Es ist... Es ist dein Gatte... Es ist Golaud...

MÉLISANDE
Golaud ist hier? Warum kommt er nicht zu mir?

GOLAUD
schleppt sich zum Bett
Mélisande... Mélisande...

MÉLISANDE
Seid Ihr es, Golaud? Ich habe Euch fast nicht wiedererkannt...
Weil mir die Abendsonne in die Augen scheint...
Warum schaut Ihr die Wände an? Ihr seid abgemagert und gealtert.
Ist es lange her, seit wir uns zuletzt gesehen haben?

GOLAUD
zu Arkel und dem Arzt
Entfernt Euch einen Augenblick, meine armen Freunde...
Ich lasse die Tür ganz offen... Nur einen Augenblick...
Ich möchte ihr etwas sagen; ohne das kann ich nicht sterben...
Wollt Ihr? Ihr könnt sogleich zurückkommen...
Versagt es mir nicht... Ich bin unglücklich...
Arkel und der Arzt gehen ab.
Mélisande, hast du Mitleid mit mir wie ich mit dir?
Mélisande? Verzeihst du mir, Mélisande?

MÉLISANDE
Ja, ja, ich verzeihe dir... Was gibt es zu verzeihen?


GOLAUD
Ich habe dir soviel Leid angetan, Mélisande...
Ich kann dir nicht sagen, welches Leid ich dir angetan habe...
Aber ich sehe es, ich sehe es heute ganz klar...
Seit dem ersten Tag...
Und es ist alles meine Schuld,
alles, was geschehen ist, alles, was geschehen wird.
Wenn ich es sagen könnte, würdest du es so sehen wie ich!
Ich sehe alles, ich sehe alles!
Aber ich habe dich so geliebt! Ich habe dich so geliebt!
Aber jetzt wird einer sterben … - Ich werde sterben...
Und ich möchte wissen... Ich möchte dich fragen...
Du nimmst es mir nicht übel?
Einem Sterbenden muss man die Wahrheit sagen...
Er muss die Wahrheit wissen, ohne das könnte er nicht schlafen...
Schwörst du mir, die Wahrheit zu sagen?

MÉLISANDE
Ja.

GOLAUD
Hast du PeIléas geliebt?

MÉLISANDE
Aber ja; ich habe ihn geliebt. Wo ist er?

GOLAUD
Verstehst du mich nicht? Willst du mich nicht verstehen?
Mir scheint... Mir scheint... Gut, hör zu:
Ich frage dich, ob du ihn mit einer verbotenen Liebe geliebt hast?
Bist du - seid ihr schuldig geworden?
Sag, sag, ja, ja, ja?


MÉLISANDE
Nein, nein; wir sind nicht schuldig geworden.
Warum fragt Ihr das?

GOLAUD
Mélisande! Sag mir die Wahrheit, um der Liebe Gottes willen!

MÉLISANDE
Habe ich denn nicht die Wahrheit gesagt?

GOLAUD
Lüg nicht so im Augenblick des Todes!

MÉLISANDE
Wer wird sterben? Ich?

GOLAUD
Du, du! Und ich, ich auch, nach dir!
Und wir brauchen die Wahrheit...
Wir brauchen endlich die Wahrheit, hörst du?
Sag mir alles! Sag mir alles! Ich verzeihe dir alles!

MÉLISANDE
Warum werde ich sterben? Das wusste ich nicht.

GOLAUD
Du weisst es jetzt! Es ist Zeit!
Rasch! Rasch! Die Wahrheit! Die Wahrheit!

MÉLISANDE
Die Wahrheit... Die Wahrheit...


GOLAUD
Wo bist du? Mélisande!
Wo bist du? Das ist nicht natürlich!
Mélisande! Wo bist du?
Er sieht Arkel und den Arzt an der Tür.
Ja, ja; ihr könnt wieder eintreten...
Ich weiss nichts, es ist nutzlos...
Sie ist schon zu weit weg von uns... Ich werde es niemals wissen!
Ich werde hier sterben wie ein Blinder!

ARKEL
Was habt Ihr getan? Ihr werdet sie töten...

GOLAUD
Ich habe sie schon getötet...

ARKEL
Mélisande!

MÉLISANDE
Seid Ihr es, Grossvater?

ARKEL
Ja, meine Tochter... Was soll ich tun?

MÉLISANDE
Ist es wahr, dass der Winter beginnt?

ARKEL
Warum fragst du das?

MÉLISANDE
Weil es kalt ist und keine Blätter mehr da sind...


ARKEL
Dir ist kalt? Willst du, dass die Fenster geschlossen werden?

MÉLISANDE
Nein., erst wenn die Sonne im Meer untergegangen ist.
Sie sinkt langsam; also hat der Winter begonnen?

ARKEL
Magst du den Winter nicht?

MÉLISANDE
O nein! Ich habe Angst von der Kälte.
Ah! Ich habe Angst vor grosser Kälte.

ARKEL
Fühlst du dich besser?

MÉLISANDE
Ja, ja; ich fühle nicht länger diese Unruhe.

ARKEL
Willst du dein Kind sehen?

MÉLISANDE
Welches Kind?

ARKEL
Dein Kind. Deine kleine Tochter...

MÉLISANDE
Wo ist sie?


ARKEL
Hier...

MÉLISANDE
Das ist seltsam …
Ich kann die Arme nicht heben, um sie aufzunehmen...

ARKEL
Weil du noch sehr schwach bist. Ich halte sie selbst; sieh...

MÉLISANDE
Sie lacht nicht... Sie ist klein...
Sie wird auch weinen... Sie tut mir leid...

Das Zimmer füllt sich nach und nach mit den Dienerinnen des Schlosses, die sich schweigend an den Wänden aufstellen und warten.

GOLAUD
aufstehend
Was gibt es? Was wollen alle diese Frauen hier?

ARZT
Es sind die Dienerinnen...

ARKEL
Wer hat sie gerufen?

ARZT
Ich nicht...


GOLAUD
Warum kommt ihr hierher? Niemand hat euch gerufen...
Was wollt ihr hier? Was soll das nur? Antwortet!

Die Dienerinnen geben keine Antwort.

ARKEL
Sprecht nicht so laut...
Sie schläft ein; sie hat die Augen geschlossen...

GOLAUD
Ist das -

ARZT
Nein, nein; seht, sie atmet...

ARKEL
Ihre Augen sind voller Tränen. Jetzt ist es ihre Seele, die weint...
Warum streckt sie so die Arme aus? Was will sie?

ARZT
Sie greift sicher nach dem Kind.
Es ist der Kampf der Mutter gegen...

GOLAUD
In diesem Augenblick? In diesem Augenblick?
Ihr musst es sagen, sprecht! Sprecht!

ARZT
Vielleicht...


GOLAUD
Jetzt gleich? Oh! Oh! Ich muss ihr sagen... Mélisande! Mélisande!
Lasst mich allein! Lasst mich allein mit ihr!

ARKEL
Nein, nein; geht nicht näher... Stört sie nicht... Sprecht nicht zu ihr...
Ihr wisst nicht, was das ist, die Seele...

GOLAUD
Es ist nicht meine Schuld... Es ist nicht meine Schuld!

ARKEL
Still... Still... Wir müssen jetzt leise sprechen.
Wir dürfen sie nicht mehr beunruhigen...
Die menschliche Seele ist sehr schweigsam...
Die menschliche Seele geht lieber alleine...
Sie leidet so zaghaft. Aber das Elend, Golaud...
aber das Elend alles dessen, was man sieht... Oh! Oh!
In diesem Augenblick fallen alle Dienerinnen im Hintergrund des Zimmers plötzlich auf die Knie. Arkel dreht sich um.
Was gibt es?

ARZT
geht auf das Bett zu und berührt den Körper
Sie haben Recht...

ARKEL
Ich habe nichts gesehen. Seid Ihr sicher?

ARZT
Ja, ja.


ARKEL
Ich habe nichts gehört... So rasch, so rasch...
Sie geht, ohne etwas zu sagen...
Golaud schluchzt
Bleibt nicht hier, Golaud... Nun braucht sie Schweigen...
Kommt, kommt... Es ist schrecklich, aber es ist nicht Eure Schuld...
Sie war ein so stilles kleines Geschöpf, so zaghaft und so schweigsam...
Sie war ein armes, geheimnisvolles kleines Geschöpf, wie alle Welt...
Sie liegt dort wie die grosse Schwester ihres Kindes...
Kommt.., das Kind darf nicht in diesem Zimmer bleiben...
Es muss jetzt leben an ihrer Statt.
Jetzt ist die arme Kleine an der Reihe.