Libretto: Suor Angelica

von Giacomo Puccini


Schwester Angelica


Personen:
SCHWESTER ANGELICA (Sopran)
DIE FÜRSTIN, ihre Tante (Alt)
Die ÄBTISSIN (Mezzosopran)
DIE NOVIZIN-LEHRMEISTERIN (Mezzosopran)
DIE SCHWESTER EIFRERIN (Sopran)
SCHWESTER GENOVEVA (Sopran)
SCHWESTER OSMINA (Sopran)
SCHWESTER DOLCINA (Mezzosopran)
SCHWESTER PFLEGERIN (Sopran)
DIE ALMOSENSUCHERINNEN (Mezzosopran)

Schwestern, Novizinnen

EINZIGER AKT

Ave Maria

DIE EIFRERIN
Ihr Schwestern in dem Herrn
erfüllet die Quindene nicht,
sowie auch Schwester Angelica;
aber die tat dafür schon volle Busse.
Doch ihr habt, o Schwestern,
gesündigt durch Zerstreuung,
und ihr verloret einen Tag der Quindene!

EINE LAIENSCHWESTER
Ich klage mich der Schuld an
und bitt um schwere Strafe;
und je härter sie ist, um so heisser
dank ich euch,
o Schwester in dem Herrn.

DIE LEHRMEISTERIN DER NOVIZEN
Wer spät zurn Chore kommet,
knie nieder und küss den Boden.

DIE EIFRERIN
Nun saget in Gedanken zwanzigmal
das Gebet
für die Bedrängten und Gefangenen
und die Unselgen,
die eine Todsünde taten.

DIE ZWEI LAIENSCHWESTERN
Mit Freude und mit Inbrunst!
Christus, mein Heiland,
Bräutigam Jesus,
nur dir will ich gefallen.
Du bist mein Herr –
jetzt und in meiner Todesstunde! Amen!

DIE EIFRERIN
Schwester Lucilla, an die Arbeit!
Geht beiseite und beobachtet Schweigen!

DIE LEHRMEISTERIN
Sie hat im Chor heut abend
gelacht und andre mitverführet.

DIE EIFRERIN
Schwester Osmina, Ihr hieltet in der Kirche
versteckt in Eurem Ärmel
zwei dunkelrote Rosen.

SCHWESTER OSMINA
Das ist nicht wahr!

DIE EIFRERIN
Sofort in Eure Zelle!
Ohne Säumen! Die heilge Jungfrau sieht Euch!

DIE SCHWESTERN
Regina Virginum,
ora pro ea?

DIE EIFRERIN
Und nun, ihr lieben Schwestem,
weil der Herr es so wünscht,
und dass hernach ihr
um so freudiger
kehret zur Arbeit um seinetwillen –
geht; erholet euch!

DIE SCHWESTERN
Amen!

SCHWESTER GENOVEVA
O Schwestern, o Schwestern,
nun will ich euch verraten,
dass ein Sonnenstrahl
ins Kloster gedrungen!
O schauet, wo er hinfällt:
dort mitten in das Grüne!
Die Kalmusblätter leuchten! –
Der erste der drei Abende,
wo unser Brunnen zu Gold wird!

DIE SCHWESTERN
Wahrhaftig, und wir werden sogleich
fliessendes Gold sehn!
Der Mai! Der Mai!
Süsses Lächeln
der heiligen Jungfrau
bedeuten diese Strahlen –
O Königin, gnadenreiche –
danke! danke!

EINE NOVIZE
O gebt mir, Schwester Lehrerin,
Erlaubnis zu reden.

DIE LEHRMEISTERIN
Immer um zu loben,
was heilig und was gut ist.

EINE NOVIZE
Welch hohe Gnad der Lieben Frau
erfreuet meine Schwester?

DIE LEHRMEISTERIN
Ein hellglänzendes Zeichen
der Güte des Allmächtigen!
An drei Abenden nur im ganzen Jahre,
wenn aus dem Chore wir treten,
schenkt uns der Herr das Glück, die Sonne zu sehn,
die auf den Brunnen fällt und ihn vergoldet.

EINE NOVIZE
Weshalb an dreien nur?

DIE LEHRMEISTERIN
Weil vor den dreien die Sonne noch zu hoch steht,
und nach den dreien die Sonne schon dahinsank.

DIE SCHWESTERN
Wieder ein Jahr vergangen!
Und eine Schwester fehlt!

SCHWESTER GENOVEVA
O, ihr Schwestern frommen Sinnes,
wenn der Wasserstrahl im Sonnenglanze
sich zu Golde färbet,
sollten wir da nicht ein Eimerchen,
des goldnen Wassers voll,
zum Grab der Bianca Rosa tragen?

DIE SCHWESTERN
Ja, die Schwester, die im Grabe ruht
die wird es sicher wünschen!

SCHWESTER ANGELICA
Wünsche, die blühen nur in lebendigen Herzen;
in des Todes Reiche blühn sie nimmer,
weil über ihm der Jungfrau Auge wachet
und sie in ihrer Güte jeder Sehnsucht,
jedem Wunsch zuvorkommt.
Ehe noch ein Wunsch mag voll erblühen,
hat ihm die Jungfrau schon ihr Ohr geliehen.
O Schwester, der Tod ist ein schönres Leben!

DIE EIFRERIN
Wir sollen niemals, auch nicht so lange
wir leben, etwas wünschen.

SCHWESTER GENOVEVA
Ei, warum nicht,
wenn es harmlos ist und rein?
Habt Ihr nicht einen einzgen Wunsch?

DIE EIFRERIN
Ich nicht!

DREI SCHWESTERN
Auch ich hab keinen!
Ich nicht!
Ich nicht!

SCHWESTER GENOVEVA
Doch ich habe einen.
O Herrgott voller Güte,
du weisst, dass in der Welt
eine Hirtin ich gewesen.
Seit fünf Jahren sah
niemals ich ein Lämmlein.
Wirst du mir's, Herr, verargen,
wenn ich den Wunsch bekenne,
wieder einmal eins zu sehen?
Noch einmal zu liebkosen
sein sammetweiches Fell
und es blöken zu hören?
Ist Sünde das, so bet ich
ein Miserere mei.
Vergib mir, Herr der Gnade,
denn du bist Agnus Dei.

SCHWESTER DOLCINA
Ich habe auch nen Wunsch!

DIE SCHWESTERN
O Schwester, Eure Wünsche,
die sind uns kein Geheimnis!
Irgend etwas Gutes zu naschen!
Ein paar saftige Früchte!
Die Gaumenlust ist Sünde!
Sie ist naschhaft!

SCHWESTER GENOVEVA
Schwester Angelica, und Ihr?
Habt Ihr keine Wünsche?

SCHWESTER ANGELICA
Ich? Nein, hab keinen Wunsch.

DIE SCHWESTERN
Möge Gott ihr vergeben:
sie sagte
eine Lüge!

DIE SCHWESTERN
Wir wissen alle,
was sie für einen Wunsch hat.
Sie hätte gerne
Nachricht von ihrer Familie!
Schon seit sieben Jahren,
so lang sie hier im Kloster ist,
fehlt ihr jede Nachricht!
Sie scheint darin ergeben,
doch frisst es ihr am Leben!
Einst war sie eine reiche Dam’,
erzählte die Äbtissin.
War adelig!
War 'ne Fürstin!
Man hiess sie in ein Kloster gehn,
wohl um sie zu bestrafen!
Wofür?
Wer weiss!
Ja! ja!

SCHWESTER PFLEGERIN
Schwester Angelica, helft mir!

SCHWESTER ANGELICA
Schwester Pflegerin, redet,
was hat’s gegeben, saget!

SCHWESTER PFLEGERIN
Schwester Klara war im Garten
dabei, den Rosenzaun zu richten,
da kommen plötzlich lauter Wespen
aus den Rosen
und zerstechen ihr das Antlitz!
Jammemd liegt sie nun in der Zelle;
Gebt, o Schwester, rasch ein Mittel,
um die Schmerzen ihr zu stillen!

DIE SCHWESTERN
Ach, die Ärmste!

SCHWESTER ANGELICA
Ich weiss ein Kräutlein und eine Blume.

DIE PFLEGERIN
Schwester Angelica weiss aus schlichten Blumen
ein Rezept zu bereiten, und gesegnete Kräuter
findet stets sie aus, zu mildern die Leiden!

SCHWESTER ANGELICA
Nehmt das: das sind Ringelblumen.
Mit dem Saft, der daraus fliesst,
soll die Geschwulst sie sich bestreichen.
Und hiervon soll sie einen Tee sich brauen.
Saget der Schwester Klara,
dass er bitter wird schmecken,
doch wird er ihr sehr wohl tun.
Saget ihr noch dazu: die Stiche
der Wespen seien winzige Leiden,
und dass sie nicht jammre,
denn durch das Jammern
wird der Schmerz nur grösser.

SCHWESTER PFLEGERIN
Will's ihr treulich berichten!
Danke, o Schwester, danke.

SCHWESTER ANGELICA
Ich bin hier, um zu dienen.

ZWEI SCHWESTERN ALMOSENSUCHERINNEN
Gelobt sei Maria!

CHOR DE SCHWESTERN
In Ewigkeit!

DIE SCHWESTERN ALMOSENSUCHERINNEN
Ein ertragreicher Abend
für Küche und Keller.

ERSTE SCHWESTER ALMOSENSUCHERIN
Ein Schlauch voll Öl.

SCHWESTER DOLCINA
Ha! Köstlich!

ZWEITE ALMOSENSUCHERIN
Und Haselnüsse sechs Ketten.

ERSTE ALMOSENSUCHERIN
Und Walnüsse ein Körbchen voll.

SCHWESTER DOLCINA
Fein mit etwas Salz und Brot.

DIE EIFRERIN
Aber Schwester!

ERSTE ALMOSENSUCHERIN
Hier ist Mehl!
Und hier ein Ziegenkäslein,
aus dem die Milch noch sickert,
schmackhaft wie ein Kuchen
- und ein Säckchen voll Linsen?
zuletzt noch Eier und Butter.

DIE SCHWESTERN
Ein ertragreicher Abend
für Eure Vorratskammer.

ZWEITE ALMOSENSUCHERIN
Für Euch,
o Schwester Leckermaul.

SCHWESTER DOLCINA
O die herrlichen Beeren!
Nehmt auch davon, o Schwestern.

CHOR DER SCHWESTERN
Danke, danke!
O, wenn ich eine nehme, wird's ihr weh tun'.

SCHWESTER DOLCINA
Nein, so nehmt doch!

DIE SCHWESTERN
Danke, danke!

ERSTE ALMOSENSUCHERIN
Wer ist heute abend ins Sprechzimmer gekommen?

CHOR DER SCHWESTERN
Niemand!
Niemand!
Warum?

ERSTE ALMOSENSUCHERIN
Draussen am Tore
hält eine vornehme Kutsche.

SCHWESTER ANGELICA
Wie, Schwester, wie habt Ihr gesagt?
Draussen ? da hält ein Wagen?
Reich geschmückt und vornehm?

ERSTE ALMOSENSUCHERIN
Ein Herrschaftswagen.
Jedenfalls harrt er jemandes,
der ins Kloster eintrat,
und alsogleich wird wohl
die Sprechzimmerglocke läuten.

SCHWESTER ANGELICA
Ach, saget mir doch, Schwester:
wie war denn diese Kutsche?
War ein Wappen am Schlage?
Ein Wappen aus Elfenbein?
War innen sie gefüttert
in blauer Seide
mit silbernen Stickereien?

ERSTE, ALMOSENSUCHERIN
Das weiss ich nicht,
das hab ich nicht gesehn:
doch ein prachtvoller Wagen war es wohl, das sah ich!

CHOR DER SCHWESTERN
Wie bleich ist sie geworden! –
Und jetzt feuerrot! –
Die Ärmste!
Es erregt sie!
Sie hofft, dass es jemand sei
von ihren Leuten!
Im Sprechzimmer ist jemand!
Ein Besuch ist gekommen!
Für wen? Für wen?
Für wen mag er sein?
Wär er für mich!
Ach, wäre es meine Base,
die köstlichen Lavendelsamen bringet.
Für mich! Wär's meine Mutter,
die uns schneeweisse Turteltäubchen bringet!

SCHWESTER ANGELICA
O Mutter Gottes,
lies in meinem Herzen,
lächle für mich
deinem heilgen Sohne zu.

SCHWESTER GENOVEVA
O geliebteste Schwester, wir flehn
zu unsrer lieben Frauen,
dass Euch nun gelte der Besuch.

SCHWESTER ANGELICA
Liebreiche Schwester, danke, danke!

DIE ÄBTISSIN
Schwester Angelica!

CHOR DER SCHWESTERN
Ah!

Die Äbtissin bedeutet den Schwestern, sich zurückzuziehen

SCHWESTER ANGELICA
Mutter, Mutter, so redet:
Wer ist's? Wer ist's?
Mutter, so redet!
Sieben Jahre schon sind es,
dass ich warte auf ein Wort,
eine Zeile ... Alles opferte ich
der Jungfrau, um zu sühnen ...

DIE ÄBTISSIN
So opfert ihr die Hast noch,
die Euch jetzt ganz beherrschet.

SECHS SCHWESTERN
Requiem aeternam
dona ei, Domine:
et lux perpetua
luceat ei.
Requiescat in pace. Amen!

SCHWESTER ANGELICA
Mutter, jetzt bin ich ruhig und demutsvoll.

DIE ÄBTISSIN
Es kam Euch zu besuchen
Eure Muhme, die Fürstin.

SCHWESTER ANGELICA
Ah!

DIE ÄBTISSIN
Man soll im Sprechzimmer nur das reden,
was der Gehorsam verlanget
oder die Not.
Jedes Wor ,
das Ihr saget –
hört die heilige Jungfrau.

SCHWESTER ANGELICA
Die Jungfrau soll mich hören.
So soll es sein.

Die beiden Schwestern bilden Spalier, und zwischen den beiden weissen Gestalten, die sich in Ehrfurcht leicht verneigen, schreitet eine schwarze Gestalt hervor, die eine ernste, strenge Haltung mit einem natürlichen Gebaren hoher aristokratischer Würde verbindet; es ist die Fürstin, Schwester Angelicas Tante. Sie gehl langsam, indem sie sich auf einen Elfenbeinstock stützt. Sie bleibt stehen, wirft einen kurzen Blick auf die Nichte, kalt und ohne irgendwelche Rührung zu verraten

DIE FÜRSTIN
Der Fürst Gualtiero, Euer Vater,
und die Fürstin Klara, Eure Mutter,
vertrauten, als sie vor zwanzig Jahren
aus dem Leben schieden,
die Kinder und das gesamte Familienerbe mir an.
Ich sollt es verteilen, falls ich dies für gut hielt,
und zwar mit Recht und Billigkeit.
Und solches tat ich.
Hier ist die Urkunde.
Ihr könnt sie nun ansehn,
besprechen, unterschreiben.

SCHWESTER ANGELICA
Nach sieben Jahren steh ich vor Euch.
O lasst auf Euch die geweihte Stätte wirken.
Es ist ein Ort der Milde
und des Mitleids.

DIE FÜRSTIN
Ein Ort der Busse. –
Ich muss Euch nun eröffnen,
aus welchem Grunde ich
diese Teilung des Erbgutes vornahm.
Eure Schwester,
Anna Viola,
ist Braut.

SCHWESTER ANGELICA
Braut?!
Braut, die kleine Anna Viola,
mein liebes,
kleines Schwesterlein?
Ach! Sieben Jahre sind vergangen, sieben lange Jahre!
Blondes Schwesterlein, da du nun Braut bist –
Schwesterlein mein,
so werde glücklich!
Und wem vermählt sie sich?

DIE FÜRSTIN
Dem, der aus Liebe vergab die Schuld,
mit der Ihr beflecktet unser lichtes Wappen!

SCHWESTER ANGELICA
O Schwester meiner Mutter,
Ihr seid unerbittlich!

DIE FÜRSTIN
Was sagt Ihr? Und was denkt Ihr!
Unerbittlich wäre ich? Ich unerbittlich?
Eure Mutter rufet Ihr damit fast gegen mich an?
Gegen mich!
Manchen Abend
gehe ich in unsre Kapelle
um mich zu sammeln.
Dort verweile ich still in mich versunken,
bis mein Geist, fern den irdischen Gefilden,
mit dem Geist
Eurer abgeschiednen Mutter sich geheimnisvoll beredet!
Ach, wie so schmerzlich ist es zu hören,
was die Toten klagen!
Ist dann die mystische Verzückung vorüber,
behalt ich für Euch zurück ein einzig Gebot:
Eure Sühne!
Nun bietet meine Gerechtigkeit
der Jungfrau dar!

SCHWESTER ANGELICA
Alles bracht ich der Jungfrau dar,
alles! Doch gibt's ein Opfer; das kann ich nicht bringen:
der huldreichen Mutter aller Mütter
kann ich nicht opfern den Gedanken an mein Kind!
Mein Kind! Mein heissgeliebtes Söhnchen!
O mein Kind! Das kleine Wesen,
das man meinem Arm entrissen!
Süsses Kind, einmal nur konnte sehen ich's und küssen!
Du mein Geschöpf! Geliebtes, fernes Söhnchen!
Von dir zu hören fleh ich nun schon seit sieben Jahren!
So sprecht mir doch von ihm!
Wie ist, wie ist mein Kind?
Sagt, wie ist sein Gesichtchen?
Und was hat es für Augen?
O redet mir von ihm! Meinem Kinde!
So redet doch von ihm …

SCHWESTER ANGELICA
Warum dennn schweigt Ihr?
Warum? Warum?
Wenn Ihr noch einen Augenblick länger schweigt,
seid Ihr verdammt in alle Ewigkeit!
Die heilige Jungfrau höret uns, sie wird Euch richten!

DIE FÜRSTIN
Vor zwei Jahren
wurd es befallen
von schwerer Krankheit.
Alles geschah, um das Kind zu retten.

SCHWESTER ANGELICA
So starb es?

Schwester Angelica fällt mit einem Aufschrei zu Boden. Die Fürstin dreht sich um und spricht leise zur Schwester Schliesserin. Diese geht ab und kehrt zurück mit der Äbtissin, während sie ein Tablett mit einem Tintenfass und einer Feder bringt. Schwester Angelica hört die beiden Schwestern auftreten, wendet sich um, begreift, um was es sich handelt, schleppt sich schweigend zum Tisch und unterschreibt mit bebender Hand das Pergamentblatt. Die Fürstin nimmt das Pergamentblatt und nähert sich ihrer Nichte, aber diese macht mit dem ganzen Körper eine Bewegung des Widerwillens. Darauf geht die Muhme hinaus. Schwester Schliesserin schliesst die Tür wieder. Die Nacht sinkt hernieder; Angelica bricht in verzweifeltes Weinen aus

SCHWESTER ANGELICA
Ohne Mutter bist du, Kind, gestorben!
Ohne meine Küsse
wurden deine Lippert kalt und farblos.
Und da schlossest du
die lieben Augen! Deine Händchen,
die mich nicht liebkosen konnten,
faltetest du sterbend!
Und bist gestorben, ohne zu ahnen,
wie deine Mutter dich geliebt hat!
Nun, da du bist
ein Englein im Himmel,
nun kannst du sie ja sehen,
deine Mutter,
kannst steigen herab vom Firmamente;
und ich fühle dich um mich schweben,
ich fühl, wie du mich küssest
und mich liebkosest.
O, sage mir,
wann im Himmel ich dich sehn kann?
Wann kann ich dich umarmen?
Ja, dann wär all mein herbes
Weh zu Ende?
so gen Himmel auch ich
mich dürfte schwingen!
Wann darf denn ich wohl sterben?
Sag, ob der Mutter Worte
dich erreichten,
zeig es ihr an
durch eines Sternleins Leuchten!
Sprich zu mir, sprich zu mir,
mein Kind, mein Alles, mein Lieb!

Die Schwestern kommen aus dem Friedhof, nähernsich Schwester Angelica und umgeben sie

CHOR DER SCHWESTERN
Nun werdet Ihr froh sein, o Schwester,
die Jungfrau hat Euch erhöret.
Nun werdet Ihr froh sein, o Schwester,
die Jungfrau erwies Euch die Gnade.

SCHWESTER ANEGLICA
Die Gnade stieg nieder vorn Himmel,
ihr heiliges Feuer verzehrt mich,
ihr Glanz verklärt mich!
Das Ziel wird sichtbar allmählich:
drum bin ich, o Schwestern, so fröhlich!
O singt mit den Engeln da oben,
die heilige Jungfrau zu loben!

CHOR DER SCHWESTERN
Sancta Maria!
Wir singen, die Jungfrau zu loben!
Sancta Maria!

SCHWESTER ANGELICA
Die Gnade stieg nieder vorn Himmel!

Eine Zelle öffnet sich; Schwester Angelica tritt heraus ? sie hält in den Händen eine Schale ? bleibt stehen, beim Kreuze zwischen den Zypressen und stellt die Schale hin ? nimmt Steine und macht daraus einen kleinen Herd ? sammelt Zweige und schichtet sie zwischen den Steinen auf? geht zum Brunnen und füllt die Schale mit Wasser ? zündet mit dem Feuerstahl das kleine Herdfeuer an und stellt die Schale zum Kochen darüber

SCHWESTER ANGELICA
O Blumen, die ihr Gift im Kelch verschliesset
's ist Zeit, dass euren Balsam ihr ergiesset!
Komm, Oleander! Kirschenlorbeer,
wo bist du? Tollkraut, schönes, komm doch!
Und nun zu dir, du schlangengiftger
Schierling! Du sagst mir: "Vergiss mein nicht!"
Und ich gedenke dein.
Komme mir nun zu Hilfe!
Euch Blumen alle
segne ich von Herzen,
weil ihr mich nun erlöst
von allen Schmerzen!

Wirft eine Handvoll dieser Kräuter in die dampfende Schale und schaut aufmerksam zu, wie das Gift sich bildet

Lebt wohl ? gütige Schwestern,
lebt wohl! Ich lass euch für immer!
Denn mein Kind ruft mich zu sich!
In dem Strahl eines Sternes
konnt ich sein Lächeln sehen;
es sagte: Mutter, komm
zu mir in'n Himmel!?
Lebt wohl! Lebt wohl!?
Leb wohl, du Kirchlein!
Wie oft sahst du mich beten!
Mild nahmst du auf
Gebet wie Klage.
Endlich wird mir zuteil
die hohe Gnade!
Sterben für ihn?
im Himmel ihn wiedersehn!

Umfasst in rellgiösem Überschwang das Kreuz, küsst es,beugt sich nieder, ergreift die Schale und trinkt das Gift.
Die nunmehr vollbrachte Tat des Selbstmordes ernüchtert sie sichtlich und führt sie aus dem Überschwang, zur Wirklichkeit zurück; ihr Antlitzbekommt plötzlich einen angstvollen Ausdruck


Ich bin verdammt!
Ich gab mir mit eigner
Hand den Tod!
In schwerster Sünde
muss ich nun sterben!
O Madonna,
rette mich!
Meinem Kinde zuliebe
rette mich!
Ich verlor ja den Verstand!
O, lass mich nicht sterben in Verdammnis!
Gib mir ein Zeichen der Gnade,
gib mir ein Zeichen,
Madonna!
Madonna! Rette mich, rette mich!

Diesen Ausruf erwidern die Stimmen der Engel

CHOR DER ENGEL
O gloriosa virginum,
Sublimis inter sidera,
Qui te creavit parvulum,
Lactente nutris ubere.
Quod Heva tristis abstulit,
Tu reddis almo germine:
Intrent ut astra flebiles,
Caeli recludis cardines.

SCHWESTER ANGELICA
Höre einer Mutter Bitten,
höre einer Mutter Flehen!

Und das Wunder beginnt. Das Kirchlein scheint von Licht durchflutet. Die Kirchentür öffnet sich langsam und inmitten eines mystischen Glanzes sieht man alsbald das Kircheninnere von Engeln angefüllt

SCHWESTER ANGELICA
O Madonna, rette mich!

Auf der Schwelle wird die Königin des Trostes, feierlich und voll Sanftmut, sichtbar.
Vor der Jungfrau ein lichtes, blondes Knäblein. Sie sendet das Kind mit einer unendlich sanften Bewegung, ohne es zu berühren, der Sterbenden zu.


SCHWESTER ANGELICA
durch die Vision in Verzückung geraten, streckt ihre Arme dem Kinde entgegen:
Ah! ...

CHOR DER ENGEL
Virgo fidelis!
Salve Maria!
Gloriosa virginum!
Salve Maria!
Das Knäblein tut den ersten Schritt
Mater purissima!
Salve Maria!
Das KnäbIein tut den zweiten Schritt
Turris davidica!
Salve Maria!
Das Knäblein tut den dritten Schritt

Schwester Angelica sinkt sanft nach rückwärts nieder und stirbt